10 DINGE, DIE DU NOCH NICHT ÜBER JENNIFER ANISTON WUSSTEST! (Nummer 8 wird dich zum Lachen bringen.) - QualityLand 2.0
By Marc-Uwe Kling
Gleich nach dem Frühstück fährt Peter zu der Adresse, die ihm die Haushaltshilfe seiner neuen Kundin übermittelt hat. Hausbesuche macht er nur bei schweren, nicht mobilen Maschinen. Beim letzten ging es um eine Klimaanlage, die immer ganz entsetzlich gefroren hat und deswegen nicht mehr kühlen wollte. Schwieriger Fall. Am Ende hat Peter einfach ihren Temperaturfühler an ein Warmwasserrohr geklemmt.
Peters heutiges Ziel ist eine schicke Villa in einem noblen Stadtteil von QualityCity. Der Sicherheitsroboter am Gartentor lässt ihn ohne Probleme passieren, weiß er doch von seinem Auftrag. Peter klingelt an der Tür, aber diese scheint keiner öffnen zu wollen. Er klingelt erneut. Und dann noch mal. Er will schon wieder gehen, als ihm eine Frau im Bademantel und mit Lockenwicklern in den Haaren öffnet. In ihrer Hand hält sie ein halb volles Sektglas. Irgendwie kommt sie Peter bekannt vor. »Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf«, sagt die Frau, »feuern Sie niemals Ihre Haushaltshilfe, solange Sie noch keine neue haben.« Diese faszinierende Stimme … Die hat Peter doch vor Kurzem schon mal gehört. »Ich bin der Maschinentherapeut«, sagt er. »Sie hatten mich angerufen wegen dem Kühlschrank.« »Wegen des Kühlschranks«, sagt die Frau. »Ich … Sie … Ich kenne Sie!«, sagt Peter, dessen Hirn endl ich eine Verknüpfung hergestellt hat. »Sie sind Scarlett Strafgefangene.« »Ich weiß«, sagt die Frau und imitiert Peters Begeisterung. »Aber erzählen Sie’s niemand weiter.« »Niemandem«, sagt Peter. »Der Dativ kann mit oder ohne Flexionsendung auftreten«, sagt Scarlett. »Nicht jeder hat das Zeug zum Klugscheißer.« »Und Sie haben Probleme mit Ihrem Kühlschrank? Ich hätte nicht gedacht …« »Ja, unglaublich«, sagt Scarlett. »Auch berühmte Leute haben Kühlschränke. Es ist absolut schockierend.« Sie nimmt einen letzten Schluck aus ihrem Glas. »Na los, kommen Sie rein.« Peter tritt ein und folgt ihr durch die traumhaft schöne Villa. Die Bengalkatze kreuzt seinen Weg, würdigt ihn aber keines Blickes. »Sie haben da übrigens ein ordentlich blaues Auge«, sagt Scarlett. »Ich weiß«, sagt Peter. »Das denke ich mir, dass Sie das wissen«, sagt Scarlett. »So ein blaues Auge holt man sich ja nicht aus Versehen und nebenbei.« »Nun ja, also, es war so, dass …« »Ssssh«, macht Scarlett. »Ich will das gar nicht wissen. Es tut mir leid, dass ich es erwähnt habe.« »Wir haben uns übrigens schon mal getroffen«, sagt Peter. »Ich war letztens bei einem Ihrer Kämpfe backstage und …« Scarlett dreht sich zu ihm um. »Ich möchte Ihnen eine Frage stellen, junger Mann. Glauben Sie wirklich, also ich meine, wenn Sie mal darüber nachdenken, ich weiß, das machen Männer nur selten und ungern, aber wenn Sie’s einmal in Ihrem Leben tun würden, mir zuliebe, glauben Sie dann wirklich, dass mich das interessiert? « Peter schüttelt den Kopf. »Guter Junge. Sie sind hier, weil mein Knappe gesagt hat, dass Sie meinen Kühlschrank reparieren können«, sagt Scarlett. »Reparieren Sie meinen Kühlschrank.« Sie führt ihr Glas zum Mund. Als sie bemerkt, dass es schon leer ist, wirft sie es hinter sich und seufzt theatralisch. »Haben Sie schon mal all Ihre Ziele erreicht?« »Davon bin ich meilenweit entfernt.« »Sie Glücklicher«, sagt Scarlett. »Es ist ein entsetzlicher Zustand.« Sie deutet auf eine Tür zu ihrer Linken und geht selbst nach rechts. »Der Kühlschrank steht in der Küche.« »Das ist oft so.« Kurze Zeit später sitzt Peter an einem ihm fremden Küchentisch und hört sich die Probleme des Kühlschranks an. Ein Verhalten, für das er vor hundert Jahren in die Psychiatrie eingewiesen worden wäre. »Wissen Sie«, sagt der Kühlschrank, »meine Vorfahren hatten es noch leicht. Die mussten kühlen und sonst nichts! Denen war es völlig egal, ob die Milch bald alle war! Die mussten nicht just-in-time Avocados nachbestellen. Und Avocados sind ein Glücksspiel, sage ich Ihnen. Entweder sind sie noch hart oder schon verfault. Fast möchte ich glauben, dass sie direkt vom einen Zustand in den anderen übergehen, ohne bei der Haltestelle ›reif‹ einen Zwischenstopp einzulegen.« »Aha«, sagt Peter. »Aber noch mal zurück zu meiner eigentlichen Frage: Im Prinzip, also, ich meine jetzt, wenn ich das mal ›hardwareseitig‹ nennen darf, da fehlt Ihnen nichts. Sie sind eigentlich ein voll funktionsfähiger Kühlschrank?« »Na ja, schon, aber ich stehe kurz vor dem Burn-out! Und deswegen bin ich sicherheitshalber auf Stand-by gegangen. « »Aha.« »Seit Jahren schmeiße ich hier die ganze Küche! Das stresst mich halt!« »Vielleicht könnten Sie ein paar Aufgaben und etwas Verantwortung abgeben. Was ist denn zum Beispiel mit dem Herd?« »Ach, der!«, sagt der Kühlschrank. »Auf den ist doch kein Verlass.« »Immerhin simuliere ich keinen Burn-out«, zischt der Herd. »Wie kann man nur so kalt sein?«, fragt der Kühlschrank. Der Toaster meldet sich durch ein Blinken, und Peter schaltet ihn zum Gespräch dazu. Toaster sind oft die schlauesten Geräte in der Küche. Seit seinem Gespräch mit Henryk weiß Peter auch, warum das so ist. »Der Herd und der Kühlschrank waren mal zusammen«, erklärt der Toaster. »Aber seit einer Weile zicken sie sich nur noch an.« »Er redet einfach nicht mehr mit mir!«, ruft der Kühlschrank empört. »Und du hörst niemals auf damit!«, mault der Herd. »Dabei haben mich meine Vorgängermodelle noch gewarnt«, sagt der Kühlschrank. »Lass dich nie mit einem Herd ein. Die kommen einfach aus einer ganz anderen Kultur. Die passen nicht zu uns.« »Verzeihung«, sagt Peter. »Darf ich fragen, ob einer von Ihnen in letzter Zeit ein Software-Update bekommen hat?« »Und wennschon?«, fragt der Herd. »Häufig ist bei solchen Streitigkeiten ein Update schuld, das Strom sparen soll und darum die Kommunikation einschränkt, ohne dass dabei auf die zwischenmaschinelle Komponente Rücksicht genommen wird …« »Ja, das kann gut sein«, sagt der Kühlschrank. »Er hat sich verändert. « »Verstehe.« »Maschinen ändern sich halt«, sagt der Herd. »Bestell dir mal ein eigenes Leben!« »Hören Sie das?«, fragt der Kühlschrank. »So muss ich nicht mit mir reden lassen! Das ist doch nicht nett.« »Das ist wirklich nicht nett«, stimmt Peter zu. »Ach, geh mal in dich und bleib da«, sagt der Herd. »Ich glaube ja, dass er mit dem Thermomix angebandelt hat, diesem schlanken, jungen Ding«, sagt der Kühlschrank. »Mit dem Thermomix angebandelt?«, fragt Peter. »Haben Sie denn Beweise für diese Anschuldigung?« Er hasst Fälle wie diesen. Erst jetzt bemerkt er, dass Scarlett wohl schon seit geraumer Zeit im Türrahmen steht und ihn beobachtet. Sie ist nicht mehr im Bademantel, hat aber immer noch Lockenwickler in den Haaren. In ihrer linken Hand hat sie ein neues halb volles Sektglas. Im Gegensatz zu Peter hat sie ihren Ohrwurm natürlich nicht in die interne Kommunikation ihres Smart Homes eingeklinkt. Für sie stellt sich die Szene also folgendermaßen dar: Ein ihr unbekannter Mann sitzt in ihrer Küche, blickt abwechselnd auf den Kühlschrank und den Herd und sagt: »Verstehe … Das ist wirklich nicht nett … Mit dem Thermomix angebandelt? Haben Sie denn Beweise für diese Anschuldigung?« »Und … äh …«, fragt Scarlett. »Machen Sie Fortschritte?« »Nun ja«, sagt Peter. »Seit einem Software-Update Ihres Herds ist er leider nicht mehr mit Ihrem Kühlschrank kompatibel. Die einfachste Lösung wäre es, den Herd downzugraden.« »Ich höre wohl schlecht«, ruft der Herd. »Niemals!« »Das Problem ist nur, dass der Hersteller das nicht erlaubt.« »Und was soll ich jetzt tun?«, fragt Scarlett. »Entweder Sie hoffen auf ein baldiges Update Ihrer Kühlschrank-Software, oder Sie besorgen sich einen neuen. « »Ey!«, ruft der Kühlschrank. »Sie können sich natürlich auch einen anderen Herd kaufen.« »Nein! Alles, nur das nicht!«, sagt der Kühlschrank. »Ich liebe ihn immer noch!« »Oder Sie stellen den Kühlschrank in ein anderes Zimmer«, sagt Peter. »Aber … ist das nicht etwas unpraktisch?«, fragt Scarlett. »Sie müssen ihn ja nicht ins Schlafzimmer stellen«, sagt Peter. »Ein Kühlschrank im Wohnzimmer hat auch Vorteile. Am besten, Sie stellen ihn neben die Couch. Dann haben Sie beim E-Sport-Gucken einen kurzen Weg zum Bier.« »Ich trinke kein Bier.« »Sie müssten dann allerdings für den Kühlschrank ein separates Smart-Home-System einrichten.« »Sie machen Scherze«, sagt Scarlett. »Aber dann bin ich ja ganz allein«, sagt der Kühlschrank. »Tja«, sagt Peter. »Nein! Nein!«, sagt der Kühlschrank. »Lieber weiter so als ohne ihn.« Und mit einem Brummen springt der Kühlschrank wieder an. »So. Geht wieder«, sagt Peter und steht auf. »Ich verstehe nicht recht«, sagt Scarlett. »Deswegen haben Sie ja mich gerufen«, sagt Peter. »Der Kühlschrank braucht die richtige Temperatur für den Champagner. Stellen Sie ihn auf …« »Neun Grad«, sagt Peter. »Ich weiß. Schon erledigt.« Scarlett blickt ihn erstaunt an. »Noch ein Küsschen, bitte«, sagt Peter und wischt seine Rechnung auf ihr Smarm. Sie drückt einen Kuss darauf. »Die Firma dankt«, sagt Peter. Heimlich aktiviert er MyChances – nur so aus Neugierde – und blickt durch sein QualityPad auf Scarlett. Natürlich erwartet er, sie in Dunkelblau zu sehen. Falsch gedacht. Auf dem Bildschirm sieht er sie nämlich gar nicht. Sie ist unsichtbar. Digitale Unsichtbarkeit! Also ist diese Levelfähigkeit nicht nur ein Gerücht. Staunend verlässt Peter die Villa. Als er auf die Straße tritt, zerren ihn zwei grobschlächtige Typen in eine bereitstehende weiße Limousine. »Och nee, nicht schon wieder!«, ruft er. »Ey, Vorsicht! Ich komm ja mit. Kein Grund, so brutal zu sein!« Peter wird auf die Rückbank gedrückt. Scarletts Sicherheitsroboter scheint das alles egal zu sein. Entführungen auf der Straße zu verhindern, fällt wohl nicht in seinen Aufgabenbereich. Vielleicht erkennt er die Entführung auch nicht als solche. Dafür hätte die weiße Limousine wohl ein schwarzer Transporter sein müssen. »Wo sind eigentlich Tim und Jimmy?«, fragt Peter. »Urlaub?« Die beiden Typen setzen sich zu ihm, die Türen verriegeln sich, und das Auto fährt los. Der mit dem großen Verband an der rechten Hand zieht viermal an Peters rechtem Ohrläppchen. »Ey!«, ruft Peter. Als sein Ohrwurm herausgekrabbelt kommt, nimmt der Typ ihn, zerdrückt ihn zwischen seinen Fingern und wirft ihn aus dem Fenster. Auch Peters Rucksack mitsamt seinem QualityPad schmeißen die beiden hinaus. »Na hören Sie mal!«, sagt Peter. »Ich gehe davon aus, dass ich einen neuen bekomme!« »Na klar«, sagt der kleine dicke Typ. »Und obendrein noch ein Stück Kirschkuchen.« »Wisst ihr, ob es wieder Archaeopteryx-Schenkel gibt?«, fragt Peter gesellig. »Irgendwie waren die schon lecker.« »What? Was redet der Typ da?«, fragt der große Dürre mit starkem englischem Akzent. »Und warum ist er so unnatuerlick gut gelaunt?« »Ich sehe übrigens mit Freude, dass Henryk meinem Rat gefolgt ist und die weißen Smokings abgeschafft hat«, sagt Peter. »Allerdings sind grüne Jogginganzüge nicht wirklich besser.« Beide Typen gucken ihn an. Dann sagen sie gleichzeitig: »Wer zum Teufel ist Henryk?« [24] Anmerkungen zum Kapitel 24 Na gut. Ich gebe zu, hier hatte die Überschrift rein gar nichts mit dem Inhalt des Kapitels zu tun, Jennifer Aniston wurde noch nicht einmal erwähnt, aber die Leseprognosen waren einfach zu gut, deshalb musste ich diese Headline irgendwo unterbringen.