36,7 PROZENT ALLER JOBS SIND KOMPLETT SINNLOS. GEHÖRT DEINER DAZU? - QualityLand 2.0
By Marc-Uwe Kling
»Wir sind leider in leichte Turbulenzen geraten«, vermeldet der Pilot der Präsidentenmaschine über die Lautsprecher.
»Ach was …«, sagt Tony. Sein Kaffee hat auf seinem Hemd ein neues Zuhause gefunden. Zwei Mitglieder der Präsidentengarde springen auf, um Tony zu Hilfe zu eilen. Dabei stoßen sie aufgrund des wackelnden Flugzeugs mit ihren Köpfen zusammen. Es ist unfreiwillig komisch. Vielleicht die beste Art von Komik. Aisha lächelt. »Bleiben Sie sitzen, verdammt noch mal!«, flucht der Präsident. Die beiden Gardisten setzen sich wieder zu ihren Kollegen. Einer der neuen Leibwächter starrt Aisha an. Sie hört auf zu lächeln und starrt zurück. Sofort senkt er seinen Blick. Dieses Spiel hat sie schon als kleines Mädchen beherrscht. »Jetzt bin ich doch froh«, sagt Tony, »dass der Kaffee, den man hier an Bord kriegt, immer nur lauwarm ist.« Aisha nimmt einen Schluck von ihrem Kaffee. Er schwappt in einer Tasse mit der Aufschrift »Maschinen machen keine Fehler«. »Was für ein Scheißtag«, sagt Tony. »Ich fasse es nicht, dass wir zu einer dieser Klimakonferenzen fliegen.« »Wären Sie lieber mit einem Boot hingefahren?«, fragt Aisha. »Nein. Ich meine, warum muss ich da überhaupt hin?« »Es ist wichtig. « »Es ist langweilig.« »Es ist das Richtige!« »Es ist immer dasselbe: Man einigt sich auf ein unverbindliches Minimalziel, das dann sowieso keiner einhält. Und ich sage dann in der Pressekonferenz, es sei ein historischer Schritt in die richtige Richtung.« »Es läge in Ihrer Macht, es besser zu machen.« »Und überhaupt«, sagt Tony. »Was hat der Klimawandel schon wirklich angerichtet, hm? »Nun ja«, sagt Aisha, »viele Küstenregionen sind dauerhaft überschwemmt, weil die polaren Eiskappen geschmolzen sind.« »Ja, gut. Aber das ist doch Schnee von gestern.« »Weltweit breiten sich Wüsten aus.« »Kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken!« »Wo es früher heiß war, ist es heute tödlich.« »Aber nicht bei uns!« »Zahllose Tier- und Pflanzenarten sind ausgestorben.« »Von den meisten hatte eh noch nie jemand gehört. Und dafür gibt es jetzt wieder Mammuts!« »Außergewöhnliche Wetterereignisse sind so häufig geworden, dass man sie nicht mehr wirklich außergewöhnlich nennen kann.« »Ja, ja, aber abgesehen von den Überschwemmungen, der Wüstenbildung, dem Artensterben und den Extremwetterereignissen«, sagt Tony, »was hat der Klimawandel da schon wirklich angerichtet?« »Millionen Menschen haben ihr Zuhause verloren und sind auf der Flucht.« »Ach, Sie sind einfach eine Meckerliese.« »Und Sie sind ein …«, beginnt Aisha. Tony hebt seinen Zeigefinger. »Vorsicht jetzt«, sagt er, »Vorsicht. « »… ein verfickter Opportunist und Kleindenker«, sagt Aisha, »dem ein überarbeiteter Metzger mit bloßen, tierkotbeschmutzten Händen die Fähigkeit, Visionen zu entwickeln, aus dem Gehirn amputiert hat.« Tony lacht. »Das mag ich an Ihnen«, sagt er. »Sie lassen sich von niemandem den Mund verbieten.« »Ach, Tony …«, sagt Aisha seufzend. »Sie sind vielleicht nicht das Problem. Aber Sie sind auch nicht die Lösung.« »Sie müssen doch zugeben, dass diese Konferenzen sinnlos sind«, sagt der Präsident. »Fürs Klima wäre es das Beste, man würde sie absagen und die Flüge dorthin einsparen.« »Es ist ja nicht nur die Konferenz, Tony. Das ist Ihr erster Staatsbesuch in Quan 1. Das konnten wir nicht absagen.« »Ja, ja. Ich weiß, ich weiß.« »Ich bin gespannt auf Xi-Jinping-City. Nach allem, was man hört, sind wir schon längst nicht mehr das innovativste Land der Welt.« »Behalten Sie das mal schön für sich.« »In Quan 1 gibt es wohl eine Autobahn, deren Oberfläche aus extrem stabilen Solarpaneelen besteht. Und damit nicht genug, die Autos, die darüberrasen, werden beim Fahren aufgeladen.« »Was soll ich sagen«, erwidert Tony. »Mir würde es auch deutlich leichter fallen zu regieren, wenn ich Conrad Koch einfach wegsperren könnte. Ich habe auch große Ideen, die ich gerne umsetzen würde. Wenn es nur kein Parlament und keine Opposition gäbe.« »So?«, fragt Aisha. »Welche denn?« »Nun … äh«, sagt Tony, »also … äh … tja … also … ich meine, das ist doch Ihr Job, sich die auszudenken.« »Ich hätte wirklich einen Vorschlag«, sagt Aisha. »Ich habe mir nämlich einen Teil der Daten angesehen, die John uns hinterlassen hat.« »Einen Teil?«, fragt Tony. »Warum nur einen Teil?« »Ich habe mir die Daten angesehen, die John freundlicherweise so aufbereitet hat, dass ein Mensch sie verstehen kann«, sagt Aisha. »Relativ betrachtet, sind das verschwindend wenige. Trotzdem würde man Jahre brauchen, um alle durchzugehen.« »Sie haben sich also nur einen Teil des Teils der Daten angesehen«, sagt Tony. »Ich habe mir alles angesehen, was John für mich markiert hat. Und vor allem eine Zahl lässt mich seitdem nicht mehr los. John hat errechnet, dass 36,7 Prozent aller Jobs komplett sinnlos sind. Sie tragen selbst nach den lockersten Kriterien nichts oder nur unerheblich zum Allgemeinwohl bei. Viele davon sind sogar schädlich.« »Sie reden doch nicht schon wieder von der Finanzindustrie? Die Kunst des Gewinnens ist es, sich den richtigen Gegner zu suchen, Aisha.« »Ich rede nicht von der Finanzindustrie«, sagt Aisha. »Nicht nur«, fügt sie nach einer Pause hinzu. Tony nimmt sich einen Low-Fat-Less-Sugar-FeSaZu vom Tisch und beißt hinein. »Bäh«, sagt er. »Die sind einfach viel zu salzig.« »18,7 Prozent aller Jobs sind übrigens im zweiten Grad sinnlos«, sagt Aisha. »Das heißt, sie sind nicht per se sinnlos, aber da sie nur dazu dienen, sinnlose Arbeit zu unterstützen, sind auch sie ziemlich sinnlos. Denken Sie zum Beispiel an all die Putzkräfte, Hausmeister oder Sicherheitsleute eines, sagen wir mal, Finanzinstituts.« »Ein völlig willkürlich gewähltes Beispiel«, sagt Tony. »Selbst bei sinnvollen Jobs ist laut Johns Berechnung 27,1 Prozent der Arbeit sinnlos. Irgendeine administrative Scheiße. « »Sie wollen mir sagen, dass über die Hälfte aller geleisteten Arbeit sinnlos ist?« »Ja.« »Ich hätte gedacht, es ist mehr.« »John war bei der Definition von ›sinnvoll‹ sehr großzügig.« »Diese Zahlen werden wir schön geheim halten«, sagt der Präsident. »Als ob die Leute mit den sinnlosen Jobs nicht selbst wüssten, dass ihre Arbeit sinnlos ist.« »Wissen Sie, was ich glaube?«, fragt Tony. »Diese ganze Statistik ist Quatsch. Ein Job kann nicht sinnlos sein. Ein Arbeitsplatz ist ein Wert an sich.« »Genau diese Einstellung ist das verfickte Problem! Ein sinnloser Job macht unglücklich, krank und suchtanfällig! Das ist kein Wert an sich! Und die Sinnlosigkeit breitet sich aus.« »Das Gefühl hatte ich auch schon. Aber was wollen Sie dagegen tun?« »Was John schon im Wahlkampf vorgeschlagen hat. Wir müssen die Menschen vom ökonomischen Druck befreien, der sie zwingt, sinnlose Jobs auszuüben.« »Jetzt fangen Sie nicht auch noch mit dem Grundeinkommen an«, sagt Tony. »Dann würde doch gar keiner mehr arbeiten. Der Mensch ist ein Homo oeconomicus , Aisha! Er will für sich den maximalen Nutzen bei minimalem Aufwand. Wenn man den Menschen einfach Geld schenkt, wenn man ihnen quasi die Erlaubnis gibt, Parasiten zu sein, dann werden sie zu Parasiten.« »Das glaube ich nicht! Diese beknackte These vom Menschen als rationalem Nutzenmaximierer ist doch längst widerlegt. Würden Sie denn aufhören zu arbeiten, wenn Sie nicht mehr müssten?« »Nein, natürlich nicht. « »Und das sagt fast jeder von sich. Es sind immer nur die anderen, von denen man glaubt, dass sie sofort aufhören würden zu arbeiten. Ich bin mir sicher, selbst die Leute mit den sinnlosen Jobs würden nicht aufhören zu arbeiten. Sie würden sich allerdings sinnvolle Beschäftigungen suchen können. John kam zu dem Ergebnis, dass wir alles, was wir gerade leisten, ohne Probleme mit einer Arbeitszeit von drei Stunden pro Tag hinbekommen könnten. Lustigerweise genau der Wert, den Keynes vor über hundert Jahren als Arbeitszeit der Zukunft prognostiziert hat. Keynes ist Ihnen ein Begriff?« »Ja, ja«, sagt Tony. »Er ist so etwas wie der Antichrist der Neoliberalisten.« Aisha lächelt. »Und ich bin ja nicht strenggläubig«, fährt Tony fort, »aber ich kann Ihnen trotzdem schon sagen, was die Ihnen erwidern werden. In einer freien Marktwirtschaft gibt es keine sinnlosen Jobs, denn der Markt zwingt alle Marktteilnehmer …« »… schlank und schlagkräftig zu sein!«, sagt Aisha. »Ja, ja. Ich kenne die Predigt.« »Wer Geld für sinnlose Jobs verschwendet, wird von seinen Wettbewerbern vernichtet. Und wenn irgendwo sinnlose Jobs entstehen, dann nur, weil wir, also der Staat, ungeschickt in den Markt eingreifen.« »Ach, Blödsinn«, sagt Aisha. »Die soziale Schere hat sich so weit geöffnet, dass wir schon längst nicht mehr in einer ›freien‹ Marktwirtschaft leben, sondern eher in einer Art Geld-Feudalismus. Wissen Sie, dass es unter reichen Leuten gerade schick ist, sich einen Chauffeur für die selbstfahrende Limousine einzustellen? Das sind Menschen, deren Job es ist, den ganzen Tag auf dem ›Fahrersitz‹ eines Autos zu hocken, um im rechten Moment eine Tür zu öffnen, die sich auch von selbst öffnen würde. Und nachdem ihnen ihr Chef gesagt hat: ›Zum Privatflughafen‹, sagen sie dem Auto: ›Zum Privatflughafen.‹ Wollen Sie wirklich behaupten, dass dieser Job sinnvoll ist?« »Nun, vielleicht nicht auf den ersten Blick …« »Aber wehe, der Chauffeur liest mal ein Buch, während er wartet. Dann kriegt er sofort eine Abmahnung. Schließlich hat man ja für seine Arbeitszeit bezahlt. Da soll er wenigstens so tun, als würde er arbeiten!« »Tun wir das nicht alle?« »Verstehen Sie, was ich sagen will, Tony? Diese Leute sind so unverschämt reich, dass es den Markt deformiert. Schlank und schlagkräftig ist völlig irrelevant in dieser Welt, in der die Geldvorräte quasi unerschöpflich sind.« »Also …« »Aber natürlich können es sich nicht alle leisten, einen menschlichen Chauffeur einzustellen. Darum ist es unter Möchtegernreichen gerade angesagt, sich Chauffeur-Androiden zu kaufen. Da muss man sich doch an den Kopf fassen! Chauffeur-Androiden! Das sind Androiden, die sich vorne ins selbstfahrende Auto setzen und so tun, als wären sie ein menschlicher Chauffeur. Und wenn Sie mich fragen, ist auch die Arbeit all der Menschen, die an Produktion und Verkauf dieser Androiden beteiligt sind, völlig sinnlos.« »Beruhigen Sie sich doch, bitte.« »Es frustriert mich einfach, Tony. Alles, was John alleine durchsetzen konnte, hat er in der Sekunde seiner Ernennung erledigt. Aber von allem, dem das Parlament hätte zustimmen müssen, wurde so gut wie nichts umgesetzt.« »Na, sehen Sie? Sag ich doch!«, ruft Tony lachend. »Die Opposition einsperren, das Parlament auflösen …« »Den Präsidenten austauschen?«, fragt Aisha. Tony sagt nichts dazu. »Übrigens gibt es keine einzige ›weibliche‹ Chauffeur-Androidin«, sagt Aisha. »Weil nämlich Frauen nicht so gut Auto fahren wie Männer. Wie beschissen schwer ist es denn, bitte schön, Vorurteile verschwinden zu lassen? Ich könnte kotzen.« »Ich habe auch noch nie einen männlichen Nanny-Bot gesehen«, sagt Tony. »Wahrscheinlich sind die immer nur kurz Zigaretten holen«, sagt Aisha. »Das bringt mich zu einer Frage, die ich Ihnen schon länger mal stellen wollte. Warum eigentlich John of Us? Warum nicht Jane of Us? Haben Umfragen ergeben, dass die Menschen mehrheitlich bereit wären, eine Maschine zu wählen, aber nicht, wenn sie aussieht wie eine Frau?« »Nun ja«, sagt Tony achselzuckend. »Ja.« »Haben Sie manchmal auch den geheimen Wunsch, die Welt mit Absicht zugrunde zu richten«, fragt Aisha kopfschüttelnd, »einfach, weil alle Leute so furchtbar dumm sind?« Der Gardist starrt sie wieder an. Aisha mustert ihn. Diesmal senkt er den Blick erst zwei Sekunden später. Der Pilot meldet sich: »Wir haben die Turbulenzen wohlbehalten überstanden.« »Auf diese Ansagen könnte ich verzichten«, murrt Tony. »Aber dann«, sagt Aisha, »hätte unser Chauffeur ja gar nichts mehr zu tun.«