4 TECHNOLOGIEN, DIE WIRKLICH DIE WELT VERÄNDERT HABEN (Der Mikrowellenherd ist nicht dabei) - QualityLand 2.0
By Marc-Uwe Kling
Tim und Jimmy führen Peter in Henryks Büro und verschwinden dann wieder. Henryk sitzt an einem großen Schreibtisch. Er hat sich verändert. Kurze graue Stoppelhaare wachsen auf seinem Kopf und verdecken schon fast komplett seine große Narbe. Auch trägt er einen sauber gestutzten grauen Vollbart. Das steht ihm beides nicht schlecht. Der James-Bond-Bösewicht ist kaum noch auszumachen.
»Wissen Sie«, sagt Peter, »wenn Sie mit mir reden wollen, können Sie mich auch einfach anrufen!« »Nein. Ich telefoniere nicht gerne«, sagt Henryk. »Ein Telefonat verhält sich zu einem Gespräch unter vier Augen wie Digicoins zu einem Goldbarren, wenn du verstehst, was ich meine.« Peter blinzelt nur. »Hast du schon mal einen Goldbarren in der Hand gehalten?«, fragt Henryk. »Was glauben Sie?« Henryk deutet auf einen großen Goldbarren, der auf seinem Schreibtisch liegt. »Mein Briefbeschwerer. Nimm ihn ruhig in die Hand.« »Das klang irgendwie pervers«, sagt Peter. Er weiß, dass Henryk mit ihm spielt. Aber gleichzeitig ist er neugierig. Also nimmt er den Barren in die Hand. Er ist erstaunlich schwer. »Schenk ich dir«, sagt Henryk . Peter lächelt, schüttelt den Kopf und legt den Barren zurück. Jetzt lächelt auch Henryk. »Hast du auch nur den Hauch einer Ahnung, wie viel Geld du da gerade abgelehnt hast?«, fragt er. Peter schüttelt den Kopf. »Knapp eine halbe Million Qualities«, sagt Henryk. Peter ist plötzlich ganz flau im Magen. »Aber es freut mich, dass du ihn nicht genommen hast«, sagt Henryk. Peter setzt sich. »Warum haben Sie mich holen lassen?« »Meine Leute haben mir gesagt, du hast einen Staubsaugroboter aus der Drohne geworfen.« »Ich will nicht darüber reden.« »Es ist absolut unverantwortlich, etwas aus einer Drohne …« »Sie wollten doch sicher nicht darüber mit mir sprechen. Kommen Sie zum Punkt.« »Ich denke, ich sollte Präsident werden, Peter.« »Das haben Sie schon mal gesagt. Das Problem ist nur, dass das nicht allein Ihre Entscheidung ist.« »Ja, das ist ein Problem. Aber wie löst man Probleme?« »Da fragen Sie den Falschen«, sagt Peter. »Ich habe wirklich keine Ahnung.« »Indem man die Daten analysiert.« »Das ist Ihre Antwort auf alles, was?« »Nun, Big Data ist ein Spiegel der Wirklichkeit.« »Kann schon sein, aber was ein Spiegel zeigt, hängt auch stark davon ab, wer hineinblickt.« »Nicht schlecht, Peter. Nicht schlecht. Kurz, prägnant und den Finger auf den wunden Punkt.« Henryks Blick fällt auf sein leeres Wasserglas neben der halb vollen Karaffe. Sofort eilt ein Bediensteter, den Peter noch nicht mal bemerkt hatte, herbei, nimmt die Karaffe vom Tablett und gießt Henryks Glas voll. Die Uniform des Bediensteten ist reichlich merkwürdig. Peter erkennt den Sinn dahinter erst, als der Mann wieder an der Wand steht. Das Muster der Uniform ist dasselbe wie das der Tapete. »Mir ist auch schon der Gedanke gekommen«, sagt Henryk und trinkt einen Schluck, »dass ich aufgrund meiner, nun ja, leicht privilegierten Lage einen anderen Fokus habe als, sagen wir mal, ein Nutzloser. Aber genau dafür habe ich ja dich. « Peter starrt immer noch den Chamäleon-Diener an. »Oh, Verzeihung«, sagt Henryk. »Wolltest du auch einen Schluck? Frisches Gletscherwasser.« »Wahrscheinlich vom Mount Everest«, sagt Peter. »Aber nein«, sagt Henryk. »Wie eklig wäre das denn? Hast du nicht davon gehört? Seit auf dem Everest die Gletscher schmelzen, tauchen immer mehr Leichen verunglückter Bergsteiger aus dem Eis auf.« Der Diener hat sich wieder auf den Weg gemacht, um auch Peter einzuschenken. Peter nimmt die Karaffe. »Geht schon«, sagt er und schenkt sich selbst ein. »Mach den armen Mann nicht arbeitslos«, sagt Henryk. Tatsächlich wirkt der Diener nicht gerade entzückt von Peters Bodenständigkeit. »Also«, sagt Henryk. »Ich will keine Informationen von dir. Ich will deinen Blick auf meine Informationen.« »Welche Informationen?« »Ich weiß so gut wie alles über jeden unserer Kunden. Und jeder Kunde ist ein Wähler.« »Bei mir lagen Sie falsch!«, sagt Peter. »Ein statistisch nicht signifikanter Fehler. Vollkommen irrelevant.« »Nicht, wenn man aus Versehen der Fehler ist«, sagt Peter . Henryk lächelt. »Hier kommt meine erste Frage«, sagt er. »Warum sind die Leute so unglücklich? Warum seid ihr immer nur am Meckern?« »Wenn Sie mich fragen, ist die Generation meiner Eltern unglücklich, weil sie verarscht worden ist. In der Kindheit wurde ihnen ständig gesagt, dass sie einzigartig, begabt und herausragend seien. Das Problem war natürlich, dass es nicht stimmte. Wie sich nach der Schule herausgestellt hat, sind sie stattdessen hauptsächlich überflüssig. Nutzlos. Das macht einfach unglücklich. Meine Eltern haben mich immerhin darauf vorbereitet, dass ich nutzlos bin.« »Das ist wahrscheinlich das Traurigste, was ich je gehört habe«, sagt Henryk. Er überlegt. Trinkt einen Schluck. »Ja, die Jobkrise ist verflucht hartnäckig. Du musst verstehen, wir sind alle – fälschlicherweise und viel zu lange – davon ausgegangen, dass sich das Ganze von selbst regulieren wird.« »Wann hat sich denn, bitte schön, jemals etwas von selbst reguliert?« »Ganz offensichtlich bist du kein gläubiger Neoliberalist«, sagt Henryk und lacht. »Jedenfalls waren die Experten lange der Meinung, dauerhafte Massenarbeitslosigkeit durch K.I. sei nur Panikmache, da ja auch andere Innovationen nicht dazu geführt haben. Erst war es der Webstuhl, der angeblich alle arbeitslos machen sollte, dann das Auto, dann die Schreibmaschine und was weiß ich … Aber immer wurde dabei unterschätzt, dass nicht nur Arbeitsplätze verschwinden, sondern auch neue entstehen. Für jeden Hufschmied, der arbeitslos geworden ist, hat Henry Ford zig Arbeiter am Fließband angestellt. Und auch heute entstehen neue Jobs, von denen man früher nicht mal geträumt hätte.« »Maschinentherapeut zum Beispiel«, sagt Peter. »Stellst du dir jetzt dieselbe Frage, die ich mir gestellt habe? « »Nur, falls Sie sich auch fragen, warum ich anscheinend ein Magnet für alte weiße Männer bin, die mir die Welt erklären wollen.« »Nein. Ich habe mich gefragt, was ist heute anders? Die Antwort lautet natürlich: Erfindung ist nicht gleich Erfindung, Peter.« »Sie meinen, den Erfinder der Currywurst in allen Ehren, aber man sollte künstliche Intelligenz nicht auf eine Stufe mit der Currywurst setzen?« »K.I. ist ein Game Changer. Etwas, das nur ganz wenige Erfindungen von sich behaupten können. Welche fallen dir da ein?« »Das Rad?«, fragt Peter. »Ach ja, das Rad«, sagt Henryk und lacht. »Meine Güte. Immerhin hast du nicht ›Der Mikrowellenherd‹ gesagt.« »Ich habe geschwankt.« Henryk hat einen neuen Gedanken, der ihn offenbar belustigt. »Als am Ende der Jungsteinzeit jemand das Rad erfunden hat«, sagt er, »da haben seine Stammesgenossen bestimmt auch gemeckert: ›Na toll. Jetzt werden wir alle arbeitslos.‹« »Im Gegenteil«, sagt Peter. »Die Steinzeitmenschen waren sicher nicht so geil auf Lohnarbeit wie wir. Damals haben die Leute bestimmt noch gefeiert, wenn ihnen irgendetwas die Arbeit abgenommen hat.« »Da magst du recht haben. Jedenfalls gibt es neben der künstlichen Intelligenz meiner Meinung nach nur noch drei weitere Erfindungen, die so fundamental waren, dass sie alles verändert haben: die Dampfmaschine, die Elektrizität und die digitale Datenverarbeitung, also das Internet und so weiter. Und das war’s.« Henryk trinkt aus. Der Diener kommt, gießt nach. »Für Game-Changer-Innovationen vor der künstlichen Intelligenz haben wir also nur drei Datenpunkte. Drei Datenpunkte sind nicht genug. « »Ich verstehe schon«, sagt Peter. »Es ist keineswegs ein Naturgesetz, dass neue Erfindungen immer auch im nötigen Ausmaß zu neuen Jobs führen.« »Korrekt. Dampfmaschine und Elektrizität waren die Triebfedern der Industrialisierung. Diese sorgte für eine Vereinfachung der körperlichen Arbeit, aber vor allem – und das wird gerne übersehen – öffnete sie den Arbeitsmarkt, indem sie Voraussetzungen abschaffte. Das Stichwort lautet: Herabqualifizierung.« »Das klingt nicht gut.« »Aber es war gut! Fähigkeiten und Kenntnisse, die der Hufschmied zwingend erlernen musste, waren für den Fließbandarbeiter völlig irrelevant. Mit anderen Worten, die Jobs, die in der Kabelzeit durch die Industrialisierung entstanden, waren mannigfaltig und einfach. Die Digitalisierung hingegen zielte und zielt auf geistige Arbeit. Und die Jobs, die durch die Digitalisierung entstanden, sind tendenziell schwierig und bedürfen vieler Vorkenntnisse.« »Was ist mit Influencern?«, fragt Peter. »Ich sagte tendenziell … Natürlich gibt es auch neue Jobs, die keine hohe Einstiegshürde aufweisen. Aber nicht genug.« »Sie meinen, man konnte nicht jeden Kohlekumpel zum Escape-Room-Spielleiter umschulen?« »Ja. Jedenfalls ist es ein entscheidender Unterschied, ob die Innovation die Einstiegshürde für neue Jobs hebt oder senkt. Verstehst du?« »Besser als Sie.« »Die K.I.-Revolution nun betrifft sowohl geistige als auch körperliche Arbeit. Und wie schon bei der Digitalisierung sind die Jobs, die entstehen, also Programmierer, Roboter-Wartungstechniker etc., nichts für jeden Doofi wie du und du.« Peter reagiert nur mit einem müden Lächeln auf die kleine Provokation . »Außerdem ist der Zeitrahmen natürlich ein anderer«, fährt Henryk fort. »Innerhalb von nur einer Generation hat künstliche Intelligenz die Welt erobert. Die Umwälzungen der Industrialisierung vollzogen sich hingegen über mehrere Generationen. Und trotzdem war der Transformationsprozess nicht gerade schön. Hast du schon mal etwas von Charles Dickens gelesen?« »Realistische Erwartungen habe ich als Hörbuch gehört«, sagt Peter. »Oh, bitte!«, sagt Henryk. »Nicht diese personalisierte Scheiße. Ich wollte damit nur sagen, ein Arbeiterkind im England des 18. Jahrhunderts zu sein – das war kein einfaches Schicksal.« Peter überlegt, ob er noch einen Schluck Gletscherwasser nehmen soll, aber die Leichen am Everest gehen ihm nicht aus dem Sinn. »Apropos England«, sagt Henryk. »Nicht nur die Zeit, sondern auch der Raum sind natürlich relevant. Die Industrialisierung fand zuerst in England statt und hat sich von dort nach und nach ausgebreitet. Die K.I.-Revolution hingegen findet weltweit und zeitgleich statt. Die Verwerfungen sehen wir jetzt schon überall.« Peter überlegt kurz, dann blickt er Henryk in die Augen. »Wissen Sie, was ich glaube?«, fragt er. »Die Roboter sind nicht das Problem. Das Problem ist, dass sie Ihnen gehören und nicht allen.«