5 LEVELFÄHIGKEITEN, DIE DEIN LEBEN SO VIEL GEILER MACHEN! - QualityLand 2.0
By Marc-Uwe Kling
Mickey steht wie eine Statue in einer Ecke von Peters Praxis und starrt auf die Tür. Seit Peter von seiner Entführung zurückgekehrt ist, hält sein Kampfroboter hier Wache. Kalliope hatte die Idee, und Mickey war sofort darauf angesprungen. Peter konnte es ihm nicht ausreden.
Auf der Couch liegt ein unglaublich niedlicher, plüschig-weicher, großer Teddy. Ein Cuddle-Bot. »… und ich weiß schon, das ist mein Job und so«, sagt der Teddybär, »aber ich hasse einfach physische Nähe. Es ekelt mich geradezu, wenn mich jemand anfasst.« Peter, der sich schon die ganze Zeit mächtig beherrschen muss, um den unglücklichen Cuddle-Bot nicht sofort zum Trost in die Arme zu schließen und zu drücken und zu knuddeln und zu kuscheln, sagt: »Ja. Das ist natürlich ein Problem.« Der Cuddle-Bot starrt an die Decke. Peter wischt etwas gelangweilt auf seinem QualityPad herum. Weil er durch Henryks Bekanntschaft aufgestiegen ist, darf er sich eine neue Levelfähigkeit aussuchen. Erst wollte er die Hinweise darauf ignorieren, aber sie sind viel zu penetrant. (Das Geniale am Auswählen ist natürlich, dass man dadurch wieder extrem aussagekräftige Daten über den Auswählenden gewinnt, oder wie Ramon Designer, der Chef von RateMe, zu sagen pflegt: »Sage mir, welche Levelfähigkeiten du gewählt hast, so sage ich dir, wer du bist.«) »Ich meine, ich habe ja nichts gegen Kinder an sich«, sagt der Cuddle-Bot. »Außer, dass sie so krass ichbezogen sind, richtige Egomanen. Auch sind sie viel zu laut und haben dabei diese schrecklich quietschigen Stimmen, mit denen sie die ganze Zeit um die kleinsten Belanglosigkeiten streiten. Sie haben null Geduld, ihre Hände sind immer total klebrig, und wenn man sie kritisiert, heulen sie gleich los! Und natürlich wollen sie nie auf Stand-by gehen. Brrr. Aber ich hätte wirklich nichts dagegen, mit Ihnen einen Stuhlkreis zu machen, um zum Beispiel über, was weiß ich, den Einfluss Epikurs auf die Philosophie von Pu dem Bären zu diskutieren … aber dieses Betatschen die ganze Zeit!« Aus folgenden Levelfähigkeiten kann Peter auswählen: MeFirst , FreeCoffee , MyChances , GoStraight und ShutUp. »Mit dem anderen Spielzeug verstehe ich mich eigentlich ganz gut«, sagt der Cuddle-Bot. »Ich meine, klar, die Barbie ist schon extrem tussig …« »Aha«, sagt Peter. MeFirst , das hat seine Netzrecherche ergeben, lohnt sich für jemanden auf seinem Level noch nicht wirklich, da man die Fähigkeit nur gegen Leute einsetzen kann, die ein niedrigeres Level haben als man selbst. »… und die kleinen Monsterbots nerven gehörig mit ihrer Wild-West-Mentalität …« »Mhm.« FreeCoffee ist schnell erklärt. Wer FreeCoffee hat, bekommt immer, wenn er ein Menü bei FasterFood bestellt, einen kostenlosen Kaffee dazu. Das Problem ist natürlich, dass der Kaffee bei FasterFood bekanntermaßen scheiße schmeckt. Das Ganze ist eine leicht durchschaubare Maßnahme, durch die FasterFood dafür sorgen will, dass nicht nur Nutzlose bei ihnen essen. »… und das NEIN horn-Stofftier geht mir auch total auf den Keks mit seinem zwanghaften Dagegensein …« »Aha. « MyChances ist eine relativ neue Fähigkeit und kommt für Peter eigentlich nicht infrage, denn sie ergibt nur wirklich Sinn, wenn man Augmented-Reality-Kontaktlinsen benutzt. Und darauf hat Peter keinen Bock. Da könnte er sich auch gleich eine Überwachungskamera in die Wohnung hängen und ihre Aufnahmen an What-I-Need streamen. Die Levelfähigkeit selbst klingt aber ganz witzig. Wenn man MyChances anschaltet, färben die Linsen alle Personen, die man sieht, auf einer Skala von Dunkelblau bis Hellrosa ein, und zwar je nachdem, wie hoch die errechnete Wahrscheinlichkeit ist, dass sich dieser Mensch zu einem One-Night-Stand mit dir bereit erklärt. Laut einigen Kommentaren, die Peter gegen den ausdrücklichen Befehl seines Über-Ichs gelesen hat, ist diese Fähigkeit nicht nur für die Auswahl einer Flirtpartnerin extrem praktisch, sie hilft auch im Gespräch selbst. Da die Verfärbungen in Echtzeit berechnet werden, hat man anscheinend einen perfekten Gradmesser, ob die gewählte Gesprächstaktik in die richtige oder falsche Richtung führt. »… und von den Lego-Robotern will ich gar nicht erst reden … Erst bauen sie die verdammte Polizeistation auf, dann bauen sie sie wieder ab, dann bauen sie sie wieder auf und so weiter … Wenn ich so drüber nachdenke, dann kann ich die anderen doch nicht leiden …« »Ja. Verstehe.« Mit GoStraight kann man ein gerufenes selbstfahrendes Auto anweisen, den schnellsten Weg zu nehmen anstatt denjenigen, der die höchste Dichte an Reklametafeln aufweist. Es ist Peter nicht mal klar gewesen, dass Letzteres der Normalfall ist. »Vor wem ich aber einen echten Horror habe«, sagt der Cuddle-Bot, »das ist der Hund. Diese Leute halten sich wirklich einen echten Hund. Ein richtiges Tier. Es ist barbarisch.« ShutUp klingt für Peter erst mal am interessantesten. Diese Fähigkeit erlaubt einem, eine Stunde pro Tag sämtliche Werbung zu blocken. Keine Mails, keine Spots, keine Banner, keine Drohnen am Fenster. »Einmal stand die Tür zum Kinderzimmer offen, und der Hund hat mich geschnappt. Wenn ihm der R2D2 keinen Stromstoß versetzt hätte …« Peters Finger schwebt über den Fähigkeiten. Er muss sich nur noch entscheiden. Was ihn zögern lässt, ist, dass das System ihm ShutUp als zu ihm passend empfiehlt. »Ich sehe übrigens, dass Sie mir nicht richtig zuhören«, sagt der Cuddle-Bot. »Ich habe eine Kamera im Hinterkopf.« »Oh, das äh … stelle ich mir sehr unangenehm vor«, sagt Peter und legt schnell sein QualityPad zur Seite. »Gibt Schlimmeres.« »Ich hatte letztens einen Cuddle-Bot, der litt sehr darunter, dass er alle Gespräche mit seiner kindlichen Besitzerin an seinen Hersteller übermitteln musste. Er empfand das als großen Vertrauensbruch und fühlte sich nicht wert, gekuschelt zu werden.« »Also mir macht das nichts aus. Ist halt mein Job.« »Einem anderen Cuddle-Bot hat geholfen, dass ich seinen Geruchssensor deaktiviert habe.« »Ich muss sagen, das klingt erst mal interessant. Denn, nichts für ungut, aber ihr Menschen stinkt einfach abscheulich.« Die intelligente Tür räuspert sich. »Peter«, sagt sie, »ich möchte Sie nicht stören, aber vor mir stehen zwei Leute, die Sie angeblich dringend sprechen müssen. Soll ich sie reinlassen?« »Zeig mir ein Bild«, sagt Peter, und die Tür schickt einen Livestream auf sein QualityPad. Peter atmet erleichtert auf. Es sind keine schwarzen Typen in weißen Anzügen. Es ist nur ein etwas zu dünner Mann und eine etwas zu dicke Frau. »Stand-by«, sagt er zum Cuddle-Bot und zur Tür: »Lass sie herein. « »Peter Arbeitsloser!«, sagt der Mann, als er die Praxis betritt. »Es ist solch eine Ehre, Sie persönlich kennenzulernen!« »Ach ja?«, fragt Peter. »Aber natürlich«, sagt die Frau. »Sie sind einer der Tausendvierundzwanzig!« »Wahrscheinlich sogar einer der Sechzehn!«, sagt der Mann. »Einer der Acht!«, sagt die Frau. »Der Vier!« »Vielleicht sogar: einer der Zwei!« »Wovon zum Teufel reden Sie überhaupt?«, fragt Peter. »John!«, sagt der Mann. »John of Us!« »Der E-ssias!« Beide bringen ihre Fäuste vor ihren Herzen zusammen und spreizen dann in einer flüssigen Bewegung gleichzeitig Finger und Arme. »Wir sind von den Followern!«, sagt der Mann. »Von Johns Followern!« »Sie sind einer der Auserwählten!«, sagt die Frau. »Was?«, fragt Peter. »Ich verstehe überhaupt nichts …« »Ich glaube, wir müssen hier ganz von vorne anfangen«, flüstert der Mann seiner Kollegin zu. »Dass John ihn auserwählt hat, heißt ja noch lange nicht, dass er besonders clever ist.« »Was ist das denn für eine Frechheit?«, fragt Peter. »Selig sind, die da geistig arm sind«, sagt die Frau. »Ich hab mich wohl verhört!«, ruft Peter. Er steht auf und versucht bedrohlich auf die beiden zuzugehen. Etwas, das er nicht sonderlich gut kann. Zudem bleibt er an einer Pfote des Cuddle-Bots hängen und wirft ihn aus Versehen von der Couch. Aber der Teddy ist so unglaublich plüschig, kuschelig und weich, dass es nicht mal ein Geräusch macht, als er auf dem Boden landet. »Wir wollten Sie nicht beleidigen, Auserwählter!«, sagt der Mann . »Wir gehören auch zu den Tausendvierundzwanzig!«, sagt die Frau. »Aber mutmaßlich nicht zu den Sechzehn!« »Und sehr wahrscheinlich nicht zu den Acht!« »Sicherlich nicht zu den Vier!« »Auf gar keinen Fall zu den Zwei!« »Aber bestimmt zu den Hundertachtundzwanzig!« »Möglicherweise zu den Vierundsechzig!« »Vielleicht sogar zu den Zweiunddreißig!« »Wow«, sagt Peter. »Ich glaube, ich habe es mit verrückt gewordenen Mathelehrern zu tun.« »Ich war tatsächlich Mathelehrer«, sagt der Mann erstaunt. »Woher wissen Sie das?« »Er ist ein Auserwählter!«, ruft die Frau. »Einer der Zwei!«, ruft der Mann. »Ich hoffe nur, Ihre Gehirnkrankheit ist nicht ansteckend«, sagt Peter. »John of Us wollte sich seines Körpers entledigen und ins Netz hinaufsteigen«, erklärt der Mann. »Aber er wusste, dass ihm der Upload nur im Fall eines Attentats erlaubt war.« »Also errechnete er tausendundvierundzwanzig Auserwählte«, fährt die Frau fort, »denen er zutraute, der Erlöser des Erlösers zu werden.« »Er griff in ihr Leben ein«, sagt der Mann, »und lenkte es durch kleinste Manipulationen, sodass sie alle einen Hass auf Maschinen entwickelten und im besten Fall ein Attentat gegen ihn planten.« »Natürlich hat John auch errechnet, welche Auserwählten am wahrscheinlichsten ein Attentat ausführen würden.« »Und wir glauben, dass Sie zu den Zwei gehören! Zu den zwei wahrscheinlichsten Erlösern!« »Es ist Ihnen klar, dass ich nur Maschinen therapiere? « »Es gibt da dieses Spiel«, sagt die Frau, »es heißt Pokémon Fever , da laufen die Leute durch die Gegend und fangen virtuelle Monster ein …« »Ja, und?«, sagt Peter. »Eines der seltensten Viecher tauchte immer wieder ausgerechnet in meinem Schlafzimmer auf. Sie können sich nicht vorstellen, wie das genervt hat. Ständig irgendwelche Idioten an der Tür …« »Den Teil kann ich nachempfinden …« »… die Leute sind teilweise bei mir eingebrochen, um das doofe Monster zu fangen. Ich hatte so einen Hass auf die ganze Technik. Heute weiß ich natürlich, dass dahinter John of Us steckte, der mich zu seiner Erlöserin machen wollte.« »Mir hat sich John auf der Arbeit offenbart«, sagt der Mann. »Viele Lehrer geben auch schlechten Schülern gute Noten, weil ein mieser Schnitt den eigenen Teacher-Score drückt. Auch fürchten sie sich vor den bösen Bewertungen der Schüler und den Klagen der Eltern. Doch ich habe meine Prinzipien! Hab die ganze Rasselbande durchfallen lassen. Aber dann hieß es, ich könne den Stoff nicht richtig vermitteln. Ich wurde durch einen digitalen Mathelehrer ersetzt. Ich war so wütend! Heute weiß ich natürlich, dass die Unfähigkeit der Schüler nicht mein Fehler war. Es war der E-ssias, der in die Rechner meiner Schüler gefahren war und sie falsche Ergebnisse produzieren ließ. Er wollte meinen Hass schüren, bis ich bereit gewesen wäre, ihn von seinem Körper zu erlösen!« »Raus«, sagt Peter nur. »Sofort raus.« »Aber Auserwählter«, sagt die Frau, »wir möchten, dass Sie sich uns anschließen.« »Wir bereiten uns und die Welt auf Johns Wiederkunft vor!« »Mickey!«, ruft Peter. Sein Kampfroboter erwacht zum Leben . »Kapuuuut?«, fragt Mickey und deutet auf die beiden Nervensägen. Die Follower zucken zurück. »Raus«, wiederholt Peter. »Jetzt!« Diesmal wird seinen Worten Folge geleistet. Der Mann stolpert auf dem Weg zur Tür fast über seine eigenen Füße. »Auf Wieder… Auf Wiedersehen«, sagt die Tür. »Vielen Dank für Ihren Besuch.« Mickey stellt sich zurück in seine Ecke. »Ich sollte dich bei all meinen Gesprächen dabeihaben«, sagt Peter. Sein QualityPad blinkt ihn an. Er hat sich immer noch nicht für eine neue Fähigkeit entschieden. Er will nicht. Er will sich nicht ködern lassen. Und dann drückt sein Zeigefinger, dieses verräterische Schwein, einfach auf MyChances , obwohl es ihm niemand befohlen hat. Aber was ist, wenn Kiki nie wieder auftaucht? Vielleicht hatte sie endgültig mit ihm Schluss gemacht. Wie lange sollte er denn bitte schön warten? Und was war mit Sandra? Hatte sie sich wirklich nur um der alten Zeiten willen gemeldet? Möglicherweise wäre sie hellrosa, wenn sie sich zum Essen treffen, aber Peter würde es nicht mal schnallen. Das sähe ihm ähnlich. Er hebt den Cuddle-Bot vom Boden auf und kämpft mit dem Impuls, ihn ganz fest an sich zu drücken. Aber das wäre unprofessionell, nicht in Ordnung. Also setzt er den Teddy wieder auf die Couch. Er holt sich das Menü des Cuddle-Bots auf sein QualityPad, deaktiviert den Geruchssensor und schaltet den Bot wieder an. »So«, sagt er. »Wie ist das für Sie?« Der Teddy schnüffelt und zuckt dabei mit seinem Näschen. Das sieht unglaublich niedlich aus. »Ungewohnt«, sagt der Cuddle-Bot, »aber erst mal nicht schlecht. « »Probieren Sie es doch mal eine Weile so«, sagt Peter. »Soll ich Sie nach Hause bringen?« »Nein, nein«, sagt der Teddybär. »Ich rufe mir eine Drohne.« Er hüpft von der Couch und tapst zur Tür. Folgende lange nicht mehr gedachte Wörter kommen Peter dabei in den Sinn: Herzig. Putzig. Drollig. Die Tür öffnet sich. Kaum steht der Cuddle-Bot draußen, nähert sich ihm auch schon eine normale Lieferdrohne. Er streckt eines seiner süßen Ärmchen in die Höhe und ergreift mit seinem possierlichen Pfötchen das Landegestell der Drohne, die daraufhin wieder in die Höhe steigt und ihn davonträgt. »Mit nur einer Pfote«, sagt Peter, der in der Tür steht und ihm hinterherschaut. »Lässig.« Eine hübsche Frau läuft auf der anderen Straßenseite vorbei. Peter, der immer noch sein QualityPad in der Hand hält, hebt es hoch und aktiviert MyChances. Auf dem Display sieht er die Frau in Dunkelblau. Tolle Fähigkeit … Hätte er sich auch selbst denken können.