CUI BONO? DIE WAHREN GRÜNDE FÜR DEN DRITTEN WELTKRIEG! DIE REGIERUNG WILL NICHT, DASS DU SIE ERFÄHRST! - QualityLand 2.0
By Marc-Uwe Kling
»Es ist so«, sagt General Dragqueen. »Ein stinknormales selbstfahrendes Auto hat über hundert Millionen Code-Zeilen. Laut einer Studie macht die Software-Industrie auf tausend Code-Zeilen ungefähr dreißig Fehler. Unsere Waffensysteme haben zusammen Milliarden an Code-Zeilen.«
»Was wollen Sie damit sagen?«, fragt Aisha. »Der eine oder andere Fehler ist leider unvermeidlich. Wir versuchen sie natürlich in der Testphase zu eliminieren. Aber manche entdeckt man halt erst im Einsatz.« »Haben Sie nichts Konkreteres? Heute Abend beginnt der Parteitag, und Sie können mir immer noch nicht sagen, was zum Teufel den Dritten Weltkrieg ausgelöst hat?« »So leid es mir tut«, sagt der General. »Unsere Untersuchungen laufen noch.« Genervt und ohne sich zu verabschieden, verlässt Aisha das Büro des Generals. Im Flur sieht sie Lucia, die sich nach ihr umdreht und dann auf die Damentoilette verschwindet. »Ernsthaft?«, murmelt Aisha. Sie überlegt ganz kurz, dann drückt sie ihre Handtasche einem Mitglied der Präsidentengarde in die Hand. »Beschützen Sie diese Tasche mit Ihrem Leben«, sagt sie und betritt die Damentoilette. Eine der beiden Kabinen ist verschlossen. Aus ihr tönt eine Stimme: »Hey, Missy. « »Hey, Mädchen«, sagt Aisha. Die Spülung beginnt zu rauschen. »Bist du wirklich da drin, weil du auf Toilette musst?«, fragt Aisha. »Oder machen wir hier ein konspiratives Treffen, um Informationen auszutauschen?« Lucia kommt aus der Kabine, spuckt ihren Kaugummi in eine Mülltonne und sagt: »Für einen Austausch müssten Sie auch Informationen für mich haben.« »Klugscheißerin.« Aisha fällt auf, dass die Toilettenspülung nicht aufhört zu rauschen. »Also hast du im Militärnetz etwas herausgefunden?«, fragt sie. »Ja«, sagt Lucia. »Aber es wird Ihnen nicht gefallen.« »Ich möchte es trotzdem hören«, sagt Aisha. Lucia stellt sich vor den Spiegel und richtet ihre Haare. Nicht nur die Spülungen, auch alle Wasserhähne rauschen inzwischen. Lucia zieht viermal an ihrem Ohrläppchen und blickt Aisha fragend an. Aisha schüttelt den Kopf. »Ich mache mir den Ohrwurm vor konspirativen Treffen auf der Toilette immer raus.« Lucia nickt. »Eine Kuh«, sagt sie. »Was?« »Eine Kuh«, sagt Lucia. »Eine Kuh?«, fragt Aisha. »Dieses gefleckte Tier mit dem irgendwie perversen rosafarbenen Euter, aus dem Milch rauskommt? So eine Kuh?« »Jep. Eine Kuh mit einem Faible für illegale Grenzübertritte.« »Ehrlich?« »Sekunden bevor der Dritte Weltkrieg ausgebrochen ist, hat sich eine Kuh in die entmilitarisierte Zone zwischen Quan 6 und Quan 7 verlaufen.« »Ja, aber das ist doch noch lange kein Grund, den Krieg zu erklären.« »Schon, aber es hat ja auch niemand den Krieg erklärt. Wie ich vermutet habe, fühlte sich nur ein Trigger getriggert, obwohl ihn niemand getriggert hatte. Hat dann Drohnen aufsteigen lassen. Das hat Trigger auf der Gegenseite getriggert. Und so weiter. Die Dominosteine waren schon lange als Kette aufgereiht. Es fehlte nur noch eine dumme Kuh, die den ersten umstößt, verstehen Sie?« »Ich verstehe nicht«, sagt Aisha. »Oder vielmehr, ich will nicht verstehen.« »Zu Beginn des Atomzeitalters gingen offizielle Schätzungen von einem GAU alle Million Reaktorjahre aus«, sagt Lucia. »Wussten Sie das? Diese Zahl war natürlich irreführend. Um eine brauchbare Zeitangabe zu bekommen, muss man sie erst mal durch die Anzahl aller Reaktoren teilen. Tut man das, kommt man auf einen größten anzunehmenden Unfall ungefähr alle zweitausenddreihundert Jahre. Das klingt natürlich nicht mehr ganz so geil, aber, hey, vor zweitausenddreihundert Jahren war es in Rom und Griechenland noch schick, in Betttüchern herumzulaufen. Das ist schon eine Weile her.« »Ich hoffe, diese Abschweifung erweist sich irgendwann noch als nötig«, sagt Aisha. »Nein. Nötig ist sie nicht. Aber ich dachte, wir plaudern hier einfach. Ich wusste nicht, dass Sie unter Zeitdruck stehen.« Aisha rollt mit den Augen. Dann seufzt sie und lächelt. »Sprich weiter.« »Also, angeblich alle zweitausenddreihundert Menschenjahre ein GAU «, sagt Lucia. »Nur gab es leider schon innerhalb der ersten sechzig Jahre vier Kernschmelzen. « »Da hat sich wohl jemand verschätzt …« »Ja.« »Und was zum Teufel hat das mit dem Dritten Weltkrieg zu tun?« »Wissen Sie, was den Störfall im Three-Mile-Island-Atomkraftwerk ausgelöst hat? Eine leckende Dichtung. Ein winziges Problemchen. Nicht der Rede wert, wäre die austretende Feuchtigkeit nicht in ein benachbartes System gelangt, welches deswegen fälschlicherweise glaubte, die Wasserpumpen abschalten zu müssen. Die waren aber elementar, um den Reaktor zu kühlen. Deswegen wurden die Notfallpumpen aktiviert. Leider war aus unbekannten Gründen ein wichtiges Ventil verschlossen. Und die Leute im Reaktorraum wussten nichts davon, weil die Kontrolllampe des Ventils von einem Reparaturschild eines anderen Systems verdeckt war, das wiederum gar nichts damit zu tun hatte. Und so weiter, und so fort.« »Du willst mir also auf sehr umständliche Art und Weise zu verstehen geben, dass in komplexen, eng vernetzten Systemen Fehler sehr schnell von einem Untersystem auf das nächste überspringen und dass selbst kleinste Probleme einen kompletten Crash verursachen können?« »Ja. Und wissen Sie, welche Systeme ebenfalls komplex und eng vernetzt sind?« »Autonome Waffen.« »Korrekt. Selbst in Bereichen, in denen höchster Wert auf Sicherheit gelegt wird, wie in der Raumfahrt oder eben bei Atomkraftwerken, kommt es immer wieder zu Unfällen. Die Systeme werden natürlich ausgiebig getestet, aber …« »… manche Fehler entdeckt man halt erst im Einsatz«, sagt Aisha. »Jeder einzelne Fehler ist sehr unwahrscheinlich, aber es sind eben so viele Fehler möglich, dass es doch wahrscheinlich ist, dass einer passiert [25] . Es ist sehr schwer vorherzusagen, welche Probleme in atypischen Situationen auftauchen könnten.« »Und Krieg ist eine extrem atypische Situation.« »Ja.« »Eine Kuh also«, sagt Aisha. »Jep.« Aisha fasst sich an den Kopf. »Kein Wunder, dass die Militärs mir nichts davon erzählen wollten.« »Soweit ich weiß, lebt die Kuh übrigens noch«, sagt Lucia. »Na, Gott sei Dank.« »Und was werden Sie jetzt tun?«, fragt Lucia. »Werden Sie das in Ihrer Rede benutzen?« »Bist du irre?«, fragt Aisha. Sie seufzt. »Ich werde den Leuten erklären, dass dieser Krieg notwendig war.« »Sie schreiben also irgendetwas Vages über die Grausamkeit unserer Gegner und die Notwendigkeit, die Demokratie, die Freiheit und die Menschenrechte zu verteidigen.« »Exakt.« »Ich kann Ihnen auch einen Bericht erstellen«, sagt Lucia, »aber ich dachte, Sie wollen vielleicht lieber keinen Papierkram.« »Ja, lieber nicht.« Lucia schnippt mit ihren Fingern, und alle Wasserhähne und Spülungen hören sofort auf zu laufen. Das Rauschen weicht einer unangenehmen Stille. »Netter Trick«, sagt Aisha. »Ich habe noch viel mehr davon. Sie sollten mal zu meiner großen Show kommen.« Anmerkungen zum Kapitel 25 Anders gesagt: Wenn man einen Staubsaugroboter aus einer Drohne wirft, ist es sehr unwahrscheinlich, eine bestimmte Person zu treffen, aber gar nicht mal so unwahrscheinlich, irgendjemanden zu treffen.