DAS SIND DIE HÄUFIGSTEN MASCHEN DER TRICKBETRÜGER! UND WIE DU DICH SCHÜTZEN KANNST! - QualityLand 2.0
By Marc-Uwe Kling
T – 1:05:07:37
Kiki verfolgt einen Mann namens Torben Stadtrat. Er arbeitet in der Verwaltung von BS -Logistics. Kiki notiert sich, was die Werbedisplays in seiner Nähe anzeigen. Die Displays passen sich nämlich an ihre Betrachter an. Das heißt, dass jedem, der an ihnen vorbeikommt, etwas anderes präsentiert wird. Etwas, das ihn ganz persönlich ansprechen soll. Das kann schon mal peinlich werden, wenn man bei What-I-Need nach den falschen Dingen gesucht hat. »Mittel gegen Inkontinenz« zum Beispiel. Man kann viel über einen Menschen lernen, indem man beobachtet, was die Displays in seiner Nähe anpreisen.
Da die Displays erst durch Blickkontakt aktiviert werden, gehen viele Menschen, die Angst vor allzu privaten Werbebotschaften haben, einfach immer mit gesenktem Kopf durch die Welt.
Irgendwo in einem versteckten Untermenü erlaubt einem What-I-Need zwar, die Personalisierung der Außenwerbung abzuschalten, aber das schafft nur bedingt Abhilfe, denn auch die zufällig angezeigte Werbung kann ziemlich peinlich sein. Vor allem, weil ja alle anderen nicht wissen, dass sie zufällig ist. Darum kam man bei WIN auf die clevere Idee, alle, die sich der Personalisierung entziehen, dadurch zu strafen, dass ihnen auf all ihren Wegen eine Creme gegen Genital-Herpes empfohlen wird. Interessanterweise wandelte sich diese Werbung nach einiger Zeit in eine Art Erkennungszeichen. Wenn man heute jemanden anspricht, dem auf einer Werbetafel die Herpescreme empfohlen wird, hat man es sehr wahrscheinlich mindestens mit einem Privatsphären-Fan, wenn nicht gar mit einem echten Hacker zu tun. (Es gibt leider keine verlässlichen Daten darüber, wie viele Menschen tatsächlich Genital-Herpes hatten und durch solche Ansprachen zufällig in Hackerkreise gelangten. Aber es werden schon ein paar gewesen sein … Wer will schon zugeben, Genital-Herpes zu haben. Da krempelt man lieber sein Leben um.)
Torben ist nicht der erste Mitarbeiter von BS -Logistics, den Kiki verfolgt, aber er ist der Erste, dem nicht immer und überall die Herpescreme angepriesen wird. Nerds kann Kiki nicht brauchen. Sie sucht jemanden mit einem einfachen, offenen Gemüt. Jemand Vertrauensseligen. Jemand wie Torben. Während Torbens kurzem Spaziergang zur Mittagspause boten ihm die Displays unter anderem Folgendes feil: Lack-Overknee-Stiefel, einen Online-Kurs für Fußmassagen, Nagellack, diverse Highheels, den Roman Lick my Boots … Mit anderen Worten, Torben leidet mit ziemlicher Sicherheit an einer Abweichung von der Norm, die in der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme unter der Schlüsselnummer F65.0 gelistet wird. Er ist ein Schuhfetischist.
Torben geht zurück zur Arbeit. Passiert freundlich lächelnd die Sicherheitsschleuse mit den grimmig aussehenden Wachleuten. Kiki bleibt auf der anderen Straßenseite stehen. Torben arbeitet in einer großen Serverfarm in den Außenbezirken der Stadt Progress.
Von hier, das hat Kikis Bot zurückverfolgen können, kam der Befehl zum Löschen ihrer Suchanfrage. Kiki steht in echt vor dem Gebäude, nicht virtuell. Nicht in WorldView. Interessanterweise gibt es das Gebäude in WorldView gar nicht. Man sieht dort nur einen großen Parkplatz. »Die Server des Vergessenen« prangt natürlich nicht über dem Toreingang. Dort steht »BS -Logistics«. Na klar.
Server, denkt Kiki auf dem Rückweg zum Hotel, sind dem Wortsinn nach Diener. Dann ist das also die Zitadelle der Diener des Vergessenen. Das klingt geradezu mythisch. Kiki stellt sich kleine hagere Männchen in schwarzen Kutten vor, die mit kleinen schwarzen Kerzen in der Hand durch dunkle Kellergewölbe huschen und dafür sorgen, dass in finsteren Verliesen eingeschlossene Erinnerungen nicht zurück ans Tageslicht drängen. Dem ist natürlich nicht so. Es handelt sich wie so oft nur um eine lange Reihe gestapelter Rechner in klimatisierten, mit LED -Lampen beleuchteten Räumen.
Kiki ist nicht scharf darauf gewesen, nach Progress zu fahren. (Kein Mensch ist scharf darauf, nach Progress zu fahren. Eine furchtbare Stadt. Jedenfalls ist das die vorherrschende Meinung unter den Bewohnern von QualityCity.) Natürlich hat Kiki versucht, sich digital Zugang zu verschaffen. Hat nicht geklappt. Der Kampf zwischen Hackern und IT -Sicherheitsexperten ist ein ewiges Spiel. Ein nie endender Wettlauf, bei dem die Hacker normalerweise deutlich im Vorteil sind. Der Angreifer muss nämlich nur eine einzige Schwachstelle entdecken. Der Verteidiger aber soll jede einzelne Schwachstelle finden und verschließen. Kiki sieht in gut geschützter Software eine Art Burg. Gegen einen Großangriff kann man eine Burg gut verteidigen. Aber meistens fährt Kiki keinen Großangriff. Sie ist eher wie ein Dieb, der sich in scheinbaren Friedenszeiten im Gewand eines Mönchs über die heruntergelassene Zugbrücke schleicht. Das Eindringen dieses Diebes zu verhindern, erfordert äußerst wachsame, gut ausgebildete Torhüter an der Zugbrücke. Und denen zum Trotz kann sich der Dieb noch über die Kanalisation einschleichen. Oder nachts die Mauer hochklettern. Oder vielleicht arbeitet er sogar in der Burg. Man kann sich eigentlich immer irgendwie Zugang verschaffen. Selbst wenn die Software so gut geschützt ist wie eine Burg. Und das ist selten der Fall. Die meiste Software gleicht eher einer Großstadt auf offenem Feld, zusammengestückelt aus verschiedenen Stadtvierteln und über Jahrzehnte gewachsen. Ein Wirrwarr mit Tausenden von Zugängen, über das selbst der fleißigste Stadtplaner nur eine grobe Übersicht hat. In solche Systeme einzudringen, ist für Kiki ein Spaziergang.
Die verfluchten Server des Vergessenen entpuppten sich aber quasi als eine Burg hoch oben im Himalaja-Gebirge, mit einem tiefen Burggraben, in dem Säure statt Wasser fließt. In der Säure schwimmen hungrige weiße Haie herum. Säureresistente weiße Haie. In den Wehrgängen der Burg stehen Killerroboter dicht an dicht, die auf jeden Angriff mit einem tödlichen Hackback reagieren, und über dem Berg fliegt ein Drache, der jeden verbrennt, der unerlaubterweise zur Burg hochklettert.
Aber, wie gesagt, man kann sich eigentlich immer irgendwie Zugang verschaffen. Und selbst wenn die Burg tatsächlich keine einzige Schwachstelle haben sollte – dann gibt es immer noch den Torhüter. Einen Menschen. Eine Schwachstelle. Einen Torben.
In ihrem Hotelzimmer wird Kiki von einem digitalen Bilderrahmen begrüßt, auf dem »Herzlich willkommen, Sandra Admin!« steht. Warum nur benutzt sie immer wieder Peters Ex, wenn sie sich unter Verwendung einer falschen Identität irgendwo eincheckt? Eigentlich dumm. Aber es macht ihr eine diebische Freude.
Sie klappt ihr QualityPad auf, sucht nach Freunden von Torben, die wahrscheinlich seinen Fetisch teilen, findet einen und verfasst in dessen Namen eine unwiderstehliche Phishing- Nachricht mit dem Betreff »Ziemlich geil«, dazu ein paar heiße Bilder und natürlich einen Link zu einer vorgeblichen Special-Interest-Dating-Site. Das Ganze schickt sie an Torbens Büroadresse.
Sie muss nicht lange warten, bis Torben den Link aktiviert und sich die Malware einfängt.
Auf die Neugier der Menschen ist eben Verlass.
Kaum ist die Malware aktiv, ist es auch schon zu spät. Kikis Software hat die Burg infiltriert und beginnt einen Tunnel zu graben. Tief hinab durch den ganzen Berg bis zu seinem Fuß. Kikis ganz privater Eingang. Weitab von weißen Haien, Killerrobotern und Drachen. Torben merkt davon nichts. Die Malware hat ihn gleich zu einer echten Seite für Schuhfetischisten umgeleitet. Während Torben also die Tür zu seinem Büro abschließt und ein paar Taschentücher bereitlegt, sieht sich Kiki in den Verliesen der Burg um. Sie sucht nach einem kleinen schwarzen Mädchen mit grünen Augen, das heute in ihrem Alter sein müsste und das spurlos verschwunden ist. Sie sucht nach allem, was sie weiß. Und diesmal wird sie fündig. Sie stößt auf ein kleines Mädchen namens Jayne Rehab. Spurlos verschwunden etwa ein Jahr nach ihrer Geburt. Jayne. Ist das ihr wirklicher Name? Er fühlt sich falsch an. Aber die Umstände stimmen. Die Zeit stimmt. Den Eltern konnte kein Fehlverhalten nachgewiesen werden. Falls es eine Entführung war, hat sich der Entführer nie gemeldet. Es war mysteriös. Kiki kaut an ihren Fingernägeln. Etwas, das sie sich eigentlich vor Ewigkeiten abgewöhnt hat. Sie sucht nach den Namen ihrer Eltern im Netz. Ihre Mutter Orlena, gerade mal achtzehn Jahre älter als Kiki, ist schon lange tot. Ein Kreislaufkollaps durch eine Überdosis Amphetamin. Kiki flucht. Sie ist frustriert, enttäuscht, wütend und traurig. Alles auf einmal. Sie sucht nach ihrem Vater Alan und kann es kaum glauben. Ihr Vater, lächerliche siebzehn Jahre älter als Kiki, ist heute der Chef von myRobot. Ein Mitglied des 90er-Clubs. Einer der reichsten Menschen der Welt. Glücklich verheiratet. Zwei Kinder. Wohltätig. Ein Vorbild für eine ganze Generation von Unternehmern. So, so. Das wird interessant.