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DER COUNTDOWN IST FAST BEI NULL. LIES DIESES KAPITEL! SCHNELL! JETZT! SOFORT! SONST VERPASST DU ES! - QualityLand 2.0

By Marc-Uwe Kling

T – 0:00:01:29 »Noch mal«, sagt Kiki. Auf dem Bildschirm vor ihr wird das Werbevideo erneut abgespielt. Sie sieht einen recht hübschen, sehr sympathisch wirkenden Mann in seinen Vierzigern. Früher hätte man gesagt, ein Mann mittleren Alters. Aber für die Elite QualityLands stimmt das natürlich nicht mehr. Dank Individualmedizin werden »die da oben« (und der Mann auf dem Bildschirm gehört definitiv zu »denen da oben«) inzwischen problemlos einhundertzwanzig und älter. Man müsste also eher sagen, ein Mann in seinen drittleren Jahren, aber das klingt komisch. Unter dem Mann erscheint eine Einblendung: »Alan Gründer, Vorstandsvorsitzender von myRobot«. Kiki ist gebannt von seinen Augen. Sie sind leuchtend grün. So grüne Augen sind selten. Kiki fällt auf die Schnelle eigentlich nur eine weitere Person ein, bei der sie schon mal so leuchtend grüne Augen gesehen hat. Es ist die Frau, die sie jeden Morgen im Spiegel sieht. Alan lächelt freundlich und sagt: »MyRobot ist eine unglaubliche Erfolgsstory, wie sie nur hier in QualityLand passieren konnte. Mein Vater, Theodor Immobilienunternehmer, war fast mittellos, als er myRobot gründete. Mein Großvater gewährte ihm gerade mal eine Anschubfinanzierung von zwanzig Millionen Qualities. Der frühe, tragische Tod seiner geliebten Frau Maryanne, meiner Mutter, hätte Theodor beinahe aus der Bahn geworfen, aber wie so oft nahm er die Krise an und sah darin eine Chance. Unerwartet war er alleinerziehender Vater geworden. Er erkannte, wie unglaublich anstrengend und zeitaufwendig Kinderbetreuung sein kann, und beschloss, das Problem technisch in den Griff zu bekommen. Heute kann man sich ein Leben ohne elektronische Nanny kaum noch vorstellen, aber damals war selbst die Idee ein unerhörtes Novum. Jahrelang und gegen zahlreiche Widerstände arbeitete mein Vater Tag und Nacht an seinem Traum, bis seine M.A.M.A. – die Multipurpose Artificial Mother Alternative – serienreif war und in Produktion gehen konnte. Die Kunden waren erst mehr als skeptisch. Aber bald erkannten viele Eltern M.A.M.A.s unzählige Vorteile. M.A.M.A. machte Kindererziehung leichter, gesünder, sicherer und vor allem viel weniger zeitaufwendig. Von da an ging es Schlag auf Schlag. Es folgten D.A.D., der Durable Android for Dogwalking, S.I.S.T.A., der Single Infant Sidekick & Trustee Android, und unzählige andere Erfolgsprodukte. Aber die Basis all unserer Erfolge ist und bleibt unsere M.A.M.A. Deswegen feiern wir das fünfundzwanzigjährige Jubiläum ihrer Markteinführung mit einer limitierten Sonderedition von M.A.M.A. im Originaldesign, aber natürlich mit der neuesten Technik! Zu Ehren meiner Mutter nennen wir das Modell ›Maryanne‹. Greifen Sie schnell zu, denn auf M.A.M.A. ist immer Verlass! Oder wie unser Slogan damals schon versprach: M.A.M.A. ist die Beste!« »Pause«, sagt Kiki. Sie starrt das Standbild ihres Vaters an. »Willst du mich umbringen lassen? Warum?« Kiki spreizt ihre Finger und schließt dann die Hand vor dem Monitor, der sich durch diese Geste abschaltet. Lange blickt sie ihr Spiegelbild auf dem dunklen Bildschirm an. »M.A.M.A.«, ruft sie schließlich . Die Nanny kommt quietschend aus der Küche. Ein alter Butler erscheint auf ihrem Bauchmonitor und sagt: »Was kann ich für Sie tun, Mister Wayne?« »M.A.M.A.«, sagt Kiki. »Erzähl mir von früher.« Auf M.A.M.A.s Bauchmonitor verschwindet das Bild, und es erscheint eine schmucklose Textzeile: »T – 0:00:00:03« Kiki schließt ihre Augen. Wenn sie wieder falschliegt, wird sie mehr als acht Jahre warten müssen. Sie öffnet ihre Augen. Auf dem Bauchmonitor steht: »Passwort eingeben für Zugriff auf Speicher« Kiki holt tief Luft und sagt: »Maryanne.« M.A.M.A. steht still und stumm. Kiki versucht sich zu erinnern, ob es immer so lange gedauert hat, bis eine Reaktion kam. Aber der letzte Versuch ist mehr als vier Jahre her. Endlich verändern sich die Buchstaben auf dem Display. »Passwort erkannt. Zugriff erlaubt.«
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