DIE FASZINIERENDSTEN URBAN LEGENDS ÜBER TOASTER TOWN! - QualityLand 2.0
By Marc-Uwe Kling
T – 13:11:07:31
Peter stützt Kiki, die sich im Kampf mit dem Zyklopen eine Gehirnerschütterung geholt hat. Er wollte sie in ein Krankenhaus fahren, aber Kiki hat sich geweigert. Peter bestand darauf, sie dann wenigstens nach Hause zu bringen. Über mehrere geklaute Identitäten und verschiedene Autos hat sie ihn in diesen heruntergekommenen Teil des Maschinenquartiers geführt. Trotz ihres desolaten Zustands will Kiki unbedingt die letzten Kilometer laufen. Sie hat Angst, dass jemand ihre Fahrten nachverfolgt. Um sie von ihren Schmerzen abzulenken, hat Peter von seinen Abenteuern erzählt.
»Damit ich das richtig verstehe«, sagt Kiki. »Der Typ bringt ausgestorbene Tiere ins Leben zurück – und zwar, um sie zu töten und zu essen?«
»Ja.«
»Und?«
»Und was?«
»Wie hat Archaeopteryx geschmeckt?«
»Ein bisschen wie Hähnchen«, sagt Peter. »Zähes Hähnchen.«
Irgendwo in dieser Gegend haust auch der Alte. Aber sie gehen nicht zum Alten, so viel hat Peter schon rausgefunden. Sonst ist Kiki so auskunftsfreudig wie immer, also wie ein Polizist vor einer Straßensperre.
Es ist wieder einer dieser schwülen Tage mit mehr als vierzig Grad. Was Menschen selten bedenken, ist, dass ihre Körper eine Betriebstemperatur von circa 37 Grad haben. Ist es wärmer als 37 Grad, kann der Körper die Hitze nicht mehr nach außen abgeben. Herrscht dazu noch eine hohe Luftfeuchtigkeit, funktioniert der wichtigste Kühlmechanismus des Menschen, das Schwitzen, nicht mehr richtig, was zur Folge hat, dass der Körper überhitzt. Mit anderen Worten, Peter findet es unangenehm warm. Sie bleiben, wenn möglich, im Schatten der Industriegebäude, denn nach nur ein paar Minuten in der Sonne fühlt sich die eigene Haut an wie die eines Brathähnchens.
»Wo willst du überhaupt hin?«, fragt Peter und wischt sich den Schweiß von der Stirn.
»Zur glücklosen Fabrik«, sagt Kiki.
»Wohin?«
»Das heruntergekommene graue Industriegebäude da vorne.«
Peter rollt die Augen. Es mangelt im Maschinenquartier nämlich an vielem, aber nicht an heruntergekommenen grauen Industriegebäuden.
»Warum ist die Fabrik glücklos?«
»Sie wurde erbaut, um in großem Maß Kofferraum-CD -Wechsler für Autoradios zu produzieren«, sagt Kiki.
»Was für Dinger?«
»Du sagst es! In dem Jahr, als die Fabrik fertiggestellt wurde, kam der iPod raus. Sie lag einige Zeit brach, dann beschloss jemand, dort ebenfalls MP 3-Player zu produzieren. Das war das Jahr, in dem das Smartphone rauskam.«
»Lass mich raten, später wollte jemand dort Smartphones produzieren, aber dann kam der Ohrwurm raus.«
»So ungefähr.«
»Wo hast du eigentlich gesteckt in den letzten Wochen?«, fragt Peter. »Ich habe mir Sorgen gemacht.«
»Ach wirklich?«, sagt Kiki. »Du hast dir Sorgen um mich gemacht, und deswegen hast du dich mit deiner Ex-Freundin getroffen?«
»Woher weißt du … Haben meine Maschinen gepetzt?«
»Nein. Also ja. Aber ich wusste es schon vorher. Ich habe mir euer Date in WorldView angesehen.«
»Du hast was?«, fragt Peter.
»Es gibt da eine Opt-out-Möglichkeit, weißt du?«
Peter ist ziemlich sprachlos.
»Keine Sorge«, sagt Kiki. »Ich habe dich inzwischen abgemeldet.«
»Also, ich, also, ich meine …«
»Ich habe übrigens auch Sandra in WorldView dabei beobachtet, wie sie dich in WorldView beobachtet hat. Irgendwie abgefahren. Ich glaube, sie liebt dich immer noch. Steht jedenfalls in ihrem Myary.«
»Ich finde das ganz schön übergriffig«, sagt Peter.
»Warte mal«, sagt Kiki, »du hast dich einfach so mit deiner Ex getroffen, aber aus irgendeinem Grund bin ich die Böse?«
»Du hast Schluss gemacht!«
»Ja«, sagt Kiki, »aber das heißt noch lange nicht, dass es mich kaltlässt, wenn du dich mit deiner Ex-Freundin triffst.«
»Du hast mit mir Schluss gemacht!«
»Aber das hatte doch nichts mit uns zu tun!«
»Du machst mich irre.«
»Ich weiß«, sagt Kiki und lächelt.
»So meine ich das nicht! Also, so meine ich das auch, aber nicht nur!«
»Du hast einfach zu viel Aufmerksamkeit auf dich gezogen. Und Rampenlicht steht mir nicht. Aber wenn deine fünfzehn Minuten Ruhm wieder vorbei sind, dann …«
»Und wenn nicht?«
»Jetzt lass uns mal realistisch bleiben. «
Peter schnaubt. »Warum willst du mir nicht sagen, was der Marionettenmann von dir will?«
»Der Puppenspieler«, korrigiert Kiki. »Ich weiß es nicht. Und selbst wenn, dann würde ich es dir nicht sagen.«
»Zu meinem eigenen Schutz«, sagt Peter. »Schon klar.«
»Genau.«
»Na immerhin weiß ich jetzt, wie ich deine Aufmerksamkeit bekomme«, sagt Peter. »Ich muss mich nur mit meiner Ex treffen.«
»Untersteh dich, Freundchen.«
Peter überlegt kurz. »Als du damals gesagt hast, dass du meine Geräte so einstellst, dass mich nicht mehr jeder Anfänger überwachen kann … Hast du sie da so eingestellt, dass mich nicht mehr jeder Anfänger überwachen kann, oder so, dass du mich überwachen kannst?«
»Beides.«
Sie schlüpfen durch ein Loch im Zaun vor der glücklosen Fabrik, und Kiki führt Peter zu einer vor lauter Schmutz kaum noch als Eingang erkennbaren Schiebetür.
»Sesam, öffne dich«, sagt sie.
Nichts passiert. Peter guckt fragend.
»Hier ist alles kaputt«, sagt Kiki. »Du musst die Tür aufschieben.«
Peter schiebt, und tatsächlich lässt sich die Tür bewegen.
Eine Staubschicht hat alles im Inneren der Fabrik unter sich begraben.
»Ich war schon lange nicht mehr hier«, murmelt Kiki.
Sie lässt ihren Blick durch die Halle schweifen. Montagetische sind umgeworfen, Fließbänder zertrennt, Maschinen zertrümmert und zu einer Art Skulptur gestapelt. Überall liegt Müll. Leere Flaschen. Spritzen. Überreste eines Gelages. In einer Ecke verrottet ein undefinierbarer Kadaver. Es stinkt .
»Maschinenstürmer?«, fragt Peter.
»Glaube ich nicht«, sagt Kiki. »Nicht in QualityCity. Wahrscheinlich Lo-Levs.«
Peter schaudert es.
»Nicht alles, was man sich über Lo-Levs erzählt, ist wahr«, sagt Kiki.
»Selbst wenn nur die Hälfte stimmt, möchte ich ihnen nicht begegnen …«
»Komm. Hier lang.«
Kiki führt ihn eine Metalltreppe hinauf zu einem Bürotrakt. Auf ihr Geheiß räumt Peter einen Haufen Gerümpel zur Seite, bis er die Tür dahinter öffnen kann. Es bietet sich ihm ein Bild wie aus einer dreißig Jahre alten Zeitschrift für Schöner Wohnen . In der Mitte des Raums steht ein gedeckter Tisch auf einem sauberen Teppichboden, der auf einem blanken Parkett liegt. Keine Staubschicht. Ein elektrischer Kronleuchter hängt an der Decke. Alle Kerzen brennen. An den Wänden kleben Kinderzeichnungen. Dieser Raum passt überhaupt nicht in die Fabrikhalle. Es ist, als ob sie ein Filmset betreten hätten. Erst auf den zweiten Blick erkennt Peter, dass die Gemütlichkeit improvisiert ist. Der Tisch hat vier unterschiedliche Beine. Im Kronleuchter stecken verschiedene Lampen. Die Tischdecke besteht aus zusammengenähten Flicken.
»Was ist das hier?«, fragt Peter.
»Ein sicherer Ort.«
Peter hilft Kiki durch die Tür und setzt sie auf einen Stuhl. Aus einem Nebenzimmer dringen Geräusche, die ungefähr so klingen: kikikiki.
Peter dreht sich überrascht um. Eine sehr alte elektronische Nanny kommt langsam ins Zimmer gehumpelt. Als sie Kiki sieht, leuchtet ihr Bauchmonitor auf und spielt eine Filmszene ab. Eine Oma sitzt in einem Schaukelstuhl, eine Flasche Cola in der Hand. Peter erkennt die Stelle sofort. Es ist die berühmte letzte Szene aus dem ersten Coca-Cola-Movie. Ein kleines Mädchen rennt auf die alte Frau zu, und diese sagt: »Es tut so gut, dich wiederzusehen, Kleine. So gut wie ein Schluck eiskalte Coca-Cola.«
Kiki lächelt die Androidin an und sagt: »Ich freue mich auch, dich wiederzusehen, Mama.«