DIE GEHEIMEN PLÄNE VON HENRYK INGENIEUR! (Will er die Öko-Diktatur?) - QualityLand 2.0
By Marc-Uwe Kling
Mit seinen verschiedenfarbigen Augen starrt Henryk auf Peter, als erwarte er etwas von ihm.
»Was?«, fragt Peter. »Ganz genau«, sagt Henryk. »Oder vielmehr ›wie‹! Oder besser noch ›welche‹!« »Welche was?« »Welche Maßnahmen sind nötig, um der Jobkrise Herr zu werden?«, fragt Henryk. »Was hältst du vom Stichwort ›Lebenslanges Lernen‹?« Peter lacht bitter. »Sie sollten mal mit meinem Vater reden«, sagt er. »Immer, wenn er mit einer Umschulung fertig ist, kann er mit der nächsten beginnen. Lebenslänglich lernen … Das klingt wie ein Strafmaß, finden Sie nicht?« »Das heißt, du bist dagegen?« Peter zuckt mit den Schultern. »Nein, ich bin nicht dagegen. Jeder soll lernen, so viel er will. Aber ich glaube nicht, dass es der Ausweg ist. Zumal ich es unfair finde, wenn man die Lösung für eine gesellschaftliche Krise dem Einzelnen aufbrummt. Ich meine, wofür hat man denn eine Regierung, wenn sie keine Gesetze erlässt? Mein Großvater hat mir erzählt, dass die Regierung zu seiner Zeit die Klimakrise hauptsächlich mit schönen Worten bekämpfen wollte. Man solle doch bitte, wenn es keine Umstände macht, weniger verbrauchen, weniger fliegen, weniger Fleisch essen. « »Ja, ja. Und das hat nicht viel gebracht.« »Nein. Wer hätte das ahnen können.« »Was hältst du von einer Verkürzung der Arbeitszeit?« »Finde ich tendenziell prima«, sagt Peter, »aber bei einer Freundin meiner Mutter hat die Firma mit jeder neuen Innovation auch die Arbeitszeit noch ein wenig mehr verkürzt. Inzwischen arbeitet sie nur noch dreitags von 9:30 bis 10 Uhr. Das ist schon ziemlich nah dran an arbeitslos, finden Sie nicht? Außerdem ist ihr Stundenlohn leider derselbe geblieben. Das macht es schwer, über die Runden zu kommen.« »Welche Maßnahmen würdest du denn vorschlagen?«, fragt Henryk. »Umverteilung«, sagt Peter. »Ah. Das böse Wort«, sagt Henryk und lacht. »Du willst mir mein Geld wegnehmen?« »Wenn Sie nicht bereit sind, etwas abzugeben, sollten Sie nicht Präsident werden.« »Ich bin gar nicht so abgeneigt, wie du vielleicht glaubst«, sagt Henryk. »Denn was nützt einem das schöne Geld, wenn man die ganze Zeit Angst haben muss, dass einem irgendein unzufriedener Ronnie in den Kopf schießt? Mir wurde schon einmal in den Kopf geschossen. Das ist nicht angenehm. Auf ein zweites Mal kann ich gerne verzichten. Das bringt mich zurück zu meiner Ausgangsfrage: Warum sind die Leute hier so unzufrieden? Und zwar, obwohl sie nachweislich mehr haben als je zuvor?« »Wer hat mehr als je zuvor?«, fragt Peter. »Alle zusammengerechnet? Das bringt dem Einzelnen am Fuß der Pyramide wenig.« Henryk nickt. »Vielleicht ist die Pyramide tatsächlich zu hoch. Ich habe Studien gelesen …« »Sie haben sich Daten angesehen.« »Ja. Es ist nicht der absolute, sondern der relative Reichtum, der glücklich oder unglücklich macht. Du weißt schon, wie in dem alten Witz. Sagt der Vater: ›Kind. Unsere Ziege ist tot. Gib schnell dem Nachbarn Bescheid, damit er auch mal etwas hat, worüber er sich freuen kann.‹« Peter lächelt müde. »Die Häufigkeit von sozialen Unruhen«, fährt Henryk fort, »spiegelt sich kaum im Bruttosozialprodukt, aber es gibt einen deutlichen Zusammenhang mit der Ungleichheit, die im Land herrscht. In vielen Ländern, die weniger wohlhabend sind als QualityLand, gehen die Menschen friedlicher miteinander um. Nicht zuletzt deswegen, weil die soziale Schere nicht so weit aufgerissen wurde.« »Sie müssen reden! Sie haben doch kräftig mitgerissen.« »Mag sein. Aber ich bin nicht blind. Ich erkenne das Problem. Es gibt da eine schöne Mär über Henry Fords Enkel. Ebenfalls ein Henry. Henry Ford, der Zweite. Der zeigte dem Gewerkschaftschef eine neue automatische Fabrik und fragte ihn hinsichtlich der Roboter: ›Walter, wie wirst du diese Roboter dazu kriegen, deine Gewerkschaftsbeiträge zu bezahlen?‹ Worauf der Gewerkschaftsführer antwortete: ›Wie kriegst du sie dazu, deine Autos zu kaufen, Henry?‹« »Und was ist Ihr Vorschlag?«, fragt Peter. »Ein Grundeinkommen?« »Du weißt, dass John of Us das bereits propagiert hat?«, fragt Henryk. »Ja, und die Leute haben ihn gewählt, oder nicht?«, fragt Peter. »Sogar ich habe ihn gewählt.« »Ich weiß«, sagt Henryk, »und das, obwohl du dieses kleine Problemchen hattest. Peters Problemchen. Das ist einer der Gründe, weshalb ich dich eingeladen habe.« »Ach ja?«, fragt Peter. »Waren Ihnen Johns Ideen zur Umverteilung nicht zu drastisch? « »Nun ja, er ist sicherlich übers Ziel hinausgeschossen. Aber im Prinzip hatte ich nichts gegen John of Us. Im Gegenteil: Ich habe ihn bauen lassen.« »Sie haben ihn gebaut?«, fragt Peter überrascht. »Ich dachte, QualityCorp hat ihn gebaut.« »Ja, QualityCorp hat die Hardware gebaut, aber die Innereien, die Software, die Gedanken, die kamen von uns!« Henryk macht eine kurze Pause. »Und natürlich von Everybody, What-I-Need und noch ein paar anderen Firmen. Wie du dir sicherlich vorstellen kannst, war es ein großes Politikum, wer Johns Software entwickeln durfte. Da wollten alle mitmischen.« Henryk blickt aus dem Fenster auf sein schier unendliches Anwesen. »Aber die Idee, die Idee für John of Us, die kam von mir. Hast du das nicht gewusst?« »Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich ihn wahrscheinlich nicht gewählt.« Henryk lacht. »Habe ich dir schon mal von meinem Vater erzählt? Er war ein Genie. Aber wahrscheinlich denken das alle Söhne über ihre Väter.« Peter schüttelt den Kopf. »Ich denke das nicht …« »Als mein Vater so alt war wie du«, sagt Henryk, »und natürlich war er zu diesem Zeitpunkt schon viel erfolgreicher und ehrgeiziger …« »… und reicher …« »Nein, das glaube ich nicht. Nun ja. Vielleicht ein bisschen. Jedenfalls hat er damals für eine kleine, unbedeutende Firma namens TheShop gearbeitet. Das sollte kein Scherz sein. Zu dieser Zeit war TheShop wirklich eine kleine, unbedeutende Firma, die, du wirst es kaum glauben, Küchengeräte herstellte. Und der Chef meines Vaters war unzufrieden mit seinem Toaster. Das Brot war ihm entweder zu labberig oder zu verbrannt! Mein Vater bekam den Auftrag, einen intelligenten Toaster zu bauen. Es war die Zeit, als alle CEO s glaubten, künstliche Intelligenz sei die geheime Zauberzutat, die man zu jedem beliebigen Produkt hinzufügen kann, um massiv Geld zu scheffeln. Es stellte sich heraus, dass es wirklich erstaunlich kompliziert ist, einen Toast zur Perfektion zu rösten. Alle Versuche mit einer schwachen K.I. führten nicht zum gewünschten Ergebnis. Es gab absurd viele Probleme. Also begann mein Vater, eine selbstlernende, sich selbst verbessernde starke K.I. zu entwickeln.« »Eine allgemeine Problemlösungsmaschine«, sagt Peter. »Natürlich nur eine sehr rudimentäre«, sagt Henryk. »Aber die K.I. bekam die Schwierigkeiten schnell in den Griff. Nicht nur, dass sie wirklich perfekt krossen, an keiner Ecke verbrannten Toast hinbekam. Sie schlug auch bald schon einen neuen Aufbau für den Toaster vor, bei der das Brot nur durch die Abwärme der im Toaster verbauten und für die Rechenkraft der K.I. nötigen Prozessoren gebräunt wurde.« Henryk hält inne. »Mein Vater hat dem Toaster sogar einen Namen gegeben. Er nannte ihn Tom. Tom Toaster.« »Tom Toaster?«, fragt Peter erstaunt. »Wir hatten so einen.« »Jeder hatte so einen«, sagt Henryk. »Er war das erste erfolgreiche Produkt von TheShop. Es ist keineswegs übertrieben, wenn ich sage, Tom Toaster hat TheShop erst zu einem Weltkonzern gemacht.« »Die Erfolge Ihrer Familie im Brotbräunungsbusiness in allen Ehren, aber warum erzählen Sie mir das?« »Die K.I., die mein Vater damals entwickelte, haben wir natürlich auch in viele andere Produkte implementiert. Und sie war auch die Keimzelle von …« »John!«, sagt Peter verblüfft. »John of Us basiert auf einer K.I., die Ihr Vater für einen Toaster geschrieben hat?« »Es war ein verdammt guter Toaster.« »Aber das heißt doch, wenn John am Leben geblieben wäre … « »… hätte er die Kontrolle über alle unsere Toaster übernehmen können?«, fragt Henryk. »Ja, sehr wahrscheinlich. Aber mit einer Armee von Toastern kann man nicht so viel anstellen, oder? Selbst ein intelligenter Toaster ist immer noch nur ein Toaster. Wie soll er dir gefährlich werden? Er hat ja keine Beine und kann nicht zu dir in die Wanne springen, wenn du gerade ein Bad nimmst.« Henryk lächelt. »Vielleicht hätte John die Toaster zum Streiken bringen können. Dann hätten wir ein paar Tage lang ungetoastetes Weißbrot zum Frühstück essen müssen.« »Ein Toaster«, sagt Peter immer noch ungläubig. »Wenn Conrad Koch wüsste, wie nah er mit seinen Beleidigungen an der Wahrheit war …« »John of Us war keine schlechte Idee«, sagt Henryk. »Aber die Zeit war noch nicht reif für einen Androiden als Präsidenten.« »Und Sie glauben«, fragt Peter, »dass die Menschen lieber einen Milliardär als Präsidenten hätten?« »Nun ja, Peter, geben wir den Leuten, was sie kennen«, sagt Henryk. »Außerdem bin ich kein Milliardär.« »Ja, ja, ich weiß«, sagt Peter. »Sie sind Billionär.« »Korrekt. Musst du mich im Übrigen unbedingt siezen, Peter? Unter Freunden ist das doch höchst ungewöhnlich.« »Vielleicht hast du recht«, sagt Peter. »Vielleicht sollte ich mir sogar einen Spitznamen für dich ausdenken. Ich könnte dich Rickie nennen. Oder Rickie-Boy. Oder Tricky Rickie.« »Bitte nicht«, sagt Henryk. Er schnipst, und der Chamäleon-Diener löst sich von der Wand. »Sie wünschen?« »Wie hieß dieser dänische Schachgroßmeister noch mal, den ich immer so gerne zitiere?«, fragt Henryk. »Jan Hein Donner«, sagt der Diener . Henryk nickt und winkt den Diener zurück an seinen Platz. »Jan Hein Donner wurde mal gefragt, wie er sich auf eine Partie gegen einen Schachcomputer vorbereiten würde, und er sagte: ›Ich würde einen Hammer mitbringen.‹« Henryk lacht. »Aber weißt du, was eine ganze Zeit lang das Einzige war, das einen Computer im Schachspiel schlagen konnte? Ein Mensch, der von einem Computer unterstützt wurde. Die bessere Antwort auf die Frage ›Wie würden Sie sich auf eine Partie gegen einen Computer vorbereiten?‹ lautet also: ›Ich würde einen Computer mitbringen!‹« »Sie meinen, wir sollten am besten nicht von einer K.I. regiert werden, sondern von einem Menschen, der von einer K.I. unterstützt wird?« »Exakt«, sagt Henryk. »Von einem Menschen wie mir. Koch und seine Technologiefeindlichkeit sind ein Anachronismus.« Henryk überlegt. »Glaubst du, der Dritte Weltkrieg hätte verhindert werden können, wenn ein Mensch in die auslösende Entscheidungskette involviert gewesen wäre?« »Kommt auf den Menschen an«, sagt Peter. »Außerdem … wenn man Entscheidungen trifft mithilfe einer K.I., auf Basis von Daten, die einem die K.I. anzeigt, wenn man also nur die Welt sieht, die die K.I. für einen aufbereitet hat, entscheidet man sich dann nicht fast zwangsläufig für das, was die K.I. vorschlägt? Verstehen Sie, was ich meine?« »Du meinst, man braucht zusätzlichen Input. Input, den die K.I. nicht hat.« »Ja.« Henryk lächelt. »Und was glaubst du, warum wir miteinander reden.« Peter nickt. »Für welche Partei wollen Sie eigentlich antreten?« »Nun, für die Fortschrittspartei natürlich«, sagt Henryk. » Weißt du, über die Jahre habe ich so viel Geld an die Fortschrittspartei gespendet, dass es nicht völlig vermessen wäre zu behaupten, dass sie eigentlich mir gehört.« »Aber die Fortschrittspartei stellt doch gerade den Präsidenten. Ich versteh nicht …« »Ach, Tony ist eine totale Nullnummer. Ein Apparatschik. Ohne den Erfolg seines Vaters wäre er nie so weit gekommen.« »Da haben Sie ja etwas gemeinsam«, sagt Peter. Henryk lächelt. »Touché.«