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Readers Treasury

DIE TOP FIVE DER ORIGINELLSTEN TODE! NUMMER 2 IST MEGA-TRAGISCH! - QualityLand 2.0

By Marc-Uwe Kling

T – 7:13:31:19 »Hilf mir!«, ruft Kiki. Um dem Zyklopen so gut es geht den Weg zu versperren, kippt sie ein Regal nach dem anderen um. Es hagelt Bücher auf den Flur. »Das bricht mir das Herz«, sagt der Alte, macht aber mit. Als sie beim Treppenhaus angelangt sind, reißt Kiki die Tür auf. »Weswegen ist der Puppenmann eigentlich so angepisst von dir?«, fragt der Alte. »Keine Ahnung. Kannst ja stehen bleiben und ihn fragen.« Sie rennen die Treppe hinab. »Vielleicht gefällt es jemandem nicht, dass du das Vergessene wieder ans Licht zerren möchtest«, sagt der Alte. »Möglich. Aber müssen wir das wirklich jetzt besprechen?« Von unten hören sie Schritte. Der Alte stoppt. »Er arbeitet nicht alleine?«, fragt er. »Letztes Mal hatte er zwei bewaffnete Idioten dabei.« »Nach oben«, sagt der Alte, dreht um und nimmt zwei Stufen auf einmal. »Nach oben«, murmelt Kiki. »Brillant …« Sie rennen die Treppe hinauf. Bald vernehmen sie unter sich die Schritte des Zyklopen. Ganz oben wird ihre Flucht aufs Dach von einer schweren Luke gebremst. Der Alte entriegelt sie durch sechs Pfeiftöne, die nur noch Greise wie ihn an FBI -Agenten denken lassen, die unheimliche Fälle lösen . Er steigt eilig aufs Dach. Kiki hinterher. Gemeinsam drücken sie die Luke zurück ins Schloss. Gleich darauf wummert sie, als hätte jemand mit einem Rammbock dagegengeschlagen. Kiki blickt sich auf dem Dach um. »Und was machen wir jetzt?« »Die Luke ist stabil«, sagt der Alte. »Die sollte ihn eine Weile aufhalten.« Tatsächlich hört das Wummern auf. Kiki schaltet ihr Smarm an und tippt darauf herum. »In vier Minuten holt uns eine Passagierdrohne hier ab.« Gedämpft dringen Stimmen zu ihnen vor. »Die Luke ist zu, Boss.« »Ach was.« »What do we do, Boss?« »Geht in Deckung.« Das ist bestimmt nicht gut, denkt Kiki und zerrt den Alten von der Luke weg. Es passiert aber nichts. Sie hören nur sich schnell entfernende Schritte. Dann explodiert das Flachdach rechts neben der Luke. Kiki und der Alte werden von der Druckwelle zu Boden gestoßen. Noch bevor sie wieder aufstehen können, zieht sich der Zyklop aus dem Loch aufs Dach. »Nach oben zu rennen ist immer eine gute Idee«, lässt ihn der Puppenspieler sagen. Kiki rappelt sich auf. »Diesmal wirst du mir nicht entkommen!«, sagt der Puppenspieler. »Eigentlich wollte ich dich nur aus der Welt schaffen. Kurz und schmerzlos. Aber jetzt, wo du einen meiner Avatare geschrottet hast, werde ich nicht so gnädig sein.« Kiki hilft dem Alten auf die Beine. Sie weichen vor dem Zyklopen zurück, bis sie die Kante des Flachdachs erreichen. »Was für ein Glück, dass ich dich zusammen mit deinem Großvater antreffe … « »Ey, ich bin nicht ihr Großvater«, sagt der Alte. »Vater dann?«, fragt der Puppenspieler lachend. »Noch besser.« »Ich bin auch nicht ihr Vater.« »Wir sind nicht verwandt«, bestätigt Kiki. »Ich bin nur ein flüchtiger Bekannter«, sagt der Alte. »Sehr flüchtig bekannt. Ich sehe diese Frau hier eigentlich zum ersten Mal.« »Schweig, du Wurm!«, ruft der Puppenspieler. Er wendet sich wieder an Kiki. »Deinen flüchtigen Bekannten werde ich zuerst in Stücke reißen. Einfach nur für meinen Kill-Count. Und dann werde ich seine Gliedmaßen nehmen, um dich damit totzuschlagen.« Kiki blickt über die Dachkante nach unten. »Wir könnten springen«, schlägt sie vor. »Fünf Stockwerke?«, fragt der Alte. »Weißt du, der Avatar, den du kaputt gemacht hast, war mein Lieblingsavatar«, sagt der Puppenspieler. »Er war mein erster. Aber der hier ist auch nicht schlecht.« Der Zyklop macht ein paar erstaunlich wendige Bewegungen. »Er ist sogar besser. Agiler. Schneller.« »Freut mich, dass ich helfen konnte«, sagt Kiki. »Und jetzt«, sagt der Puppenspieler«, »fällt für euch beide der Vorhang.« Der Alte kann sich nicht beherrschen und muss lachen. »Ernsthaft?«, fragt er. »Ist das dein cooler One-Liner?« »Jetzt ärger ihn doch nicht«, sagt Kiki. »Da hat er bestimmt lange gebraucht, bis er auf den gekommen ist.« Der Zyklop macht einen unerwarteten Schritt nach rechts. Gleich darauf fällt ihm etwas sehr Schnelles auf den Kopf, und er bricht zusammen. »Was war das denn?«, entfährt es Kiki . Der Alte beugt sich über den erschlagenen Zyklopen und begutachtet, was ihn getroffen hat. »Ein Staubsaugroboter«, sagt er verwundert. »Ein Staubsaugroboter?«, fragt Kiki. »Ich kann es mir auch nicht erklären«, sagt der Alte kopfschüttelnd. »Aber es ist ohne Zweifel ein Staubsaugroboter …« [19] Eine Passagierdrohne nähert sich dem Dach. Kaum ist sie gelandet, springt Kiki hinein. Sie hat keine große Lust, den Handlangern des Zyklopen in die Arme zu laufen. »Komm schon!«, ruft sie dem Alten zu. Der inspiziert immer noch den offenen Schädel des Avatars. »Hm«, sagt er. »Hm. Hm. Das erinnert mich an einen Witz der Witzmaschine.« »Den kannst du mir in der Drohne erzählen!«, ruft Kiki. Der Alte nimmt sich den Datenwürfel aus dem Schädel. »Hast du etwas dagegen, wenn ich das hier behalte?« Anmerkungen zum Kapitel 19 Ich weiß, was Sie jetzt denken, liebe Leserinnen und Leser: Verdammt noch eins, wie unwahrscheinlich ist das denn? Aber wie sagte schon Anton Tschechow: »Wenn im ersten Akt jemand einen Staubsaugroboter aus einer Drohne wirft, dann wird er im nächsten Akt einem anderen auf den Kopf fallen.« Außerdem möchte ich Folgendes zu bedenken geben: Gute Geschichten tendieren zum Unwahrscheinlichen. Wenn sich zum Beispiel ein Mann und eine Frau, zwei einander Unbekannte, auf der Straße begegnen, dann ist das Wahrscheinlichste, dass sie aneinander vorbeilaufen. Das ist aber natürlich keine gute Geschichte. Wenn man all die Geschichten durchrechnet, die die Menschheit so produziert hat, könnte man zu dem Schluss kommen, dass das Unwahrscheinliche wahrscheinlich ist. Dem ist natürlich nicht so. Doch nur das Unwahrscheinliche ist es wert, erzählt zu werden. Die Chancen, jemanden zu treffen, wenn man über einer dicht bevölkerten Stadt wie QualityCity etwas aus einer Drohne wirft, sind übrigens tatsächlich relativ hoch. Die Chancen, dass es ausgerechnet jemand ist, den man kennt, sind natürlich recht niedrig. Aber solch scheinbar unglaubliche Vorfälle passieren immer wieder. So wurde zum Beispiel der griechische Dichter Aischylos angeblich von einer herabfallenden Schildkröte erschlagen. Wie unwahrscheinlich ist das denn bitte schön? Ein Adler hatte die Schildkröte im Schnabel, wollte ihren Panzer knacken und ließ sie darum von oben auf einen Stein fallen. Nur war der Stein gar kein Stein, sondern Aischylos’ Glatze. Die zwanzig sicherlich sehr lustigen, in höchsten Tönen gerühmten Satyrspiele des Aischylos sind leider alle verloren gegangen, aber immerhin wurde uns die Schlusspointe seines Lebens überliefert. Was für eine unglaublich originelle Art und Weise, aus der Welt zu scheiden. Hier meine ganz persönlichen TOP 5 der originellsten Tode: 1. Der Stadthauptmann von Braunau, Hans Staininger, brach sich das Genick, als er über seinen eigenen anderthalb Meter langen Bart stolperte. Es muss für alle Umstehenden unglaublich schwierig gewesen sein, nicht laut loszulachen. 2. Molière spielte die Hauptrolle in seiner Komödie Der eingebildete Kranke , als er auf der Bühne einen Blutsturz erlitt und zusammenbrach. Alle Zuschauer glaubten, das gehöre zum Stück. 3. US -Präsident William Henry Harrisons Antrittsrede war über zwei Stunden lang. Dabei holte er sich aufgrund des schlechten Wetters eine Lungenentzündung, an der er kurze Zeit später starb. Das bescherte ihm den fragwürdigen Rekord, der US -Präsident mit der kürzesten Amtszeit gewesen zu sein. 4. Harry Daghlian ließ während seiner Arbeit am Manhattan-Projekt aus Versehen einen Wolframcarbid-Quader auf einen Plutoniumkern fallen. Man muss kein Physiker sein, um zu vermuten, dass das eher ungesund ist. Das sicherte ihm auf alle Fälle den ebenso fragwürdigen Rekord, erstes Todesopfer eines Nuklearunfalls zu sein. 5. Kamon Anand, oberster Wissenschaftler von Quan 4, hatte eine Technologie zum Beamen entwickelt, bei der der Körper gescannt, auf molekularer Ebene zerlegt, durch eine Röhre geschossen und am Zielort wieder zusammengesetzt wurde. Anand war so von seiner Erfindung überzeugt, dass er sie in einem Selbstversuch testete. Das Zerlegen klappte hervorragend. Erwähnen möchte ich schließlich noch den Tod des Sophokles, der, als er ohne Atempausen einen langen Monolog aus seinem Stück Antigone vorlas, erstickt sein soll. Das ist aber wahrscheinlich nur eine Legende und hat deswegen keinen Platz in meinen TOP 5 gefunden. Im Übrigen ist mir klar, dass die Länge dieser Fußnote im Verhältnis zur Länge des Kapitels geradezu exzessiv ist. Na und?
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