DIESE FRAU MÖCHTE DEN PRIVATBESITZ VON KAMPFROBOTERN VERBIETEN. TÖTET SIE, BEVOR ES ZU SPÄT IST! - QualityLand 2.0
By Marc-Uwe Kling
Aisha hat schlechte Laune. Sie muss sich mit einem Trottel treffen, der ihr ein Video zeigen will, und zwar nur, weil Henryk Ingenieur sich das aus einer Laune heraus wünscht. Als ob sie nichts Besseres zu tun hätte.
Mit zwei weiblichen Mitgliedern der Präsidentengarde im Schlepptau betritt sie den Konferenzraum. Dort sitzt nur ein junger Typ mit einem rosafarbenen QualityPad in den Händen. Irgendwie kommt er ihr bekannt vor. »Kennen wir uns?«, fragt sie und setzt sich. »Nicht dass ich wüsste«, sagt Peter. »Ich bin Peter Arbeitsloser, und ich …« »Doch, doch!«, sagt Aisha. »Ich kenne Sie. Sie sind der Typ, dem John die erste Audienz gewährt hat. Sie hatten Probleme mit einem Sexspielzeug.« »Nun, das ist zwar nicht falsch«, sagt Peter, »greift aber doch ein wenig zu kurz …« »Ich hatte John von Anfang an gesagt, dass diese Audienzen eine dumme Idee sind und dass nur Unsinn dabei herauskommen kann, wenn man die Leute darüber abstimmen lässt, wer mit dem Präsidenten sprechen darf.« »Mein Problem war nicht, dass es ein Sexspielzeug war …« »Wissen Sie, wer nach Ihnen die meisten Stimmen bekommen hat? Ein Trottel, der John fragen wollte, wie viele Gummibänder man um eine Wassermelone spannen kann, bevor sie platzt. « »Mein Problem war …« »Es interessiert mich offen gestanden nicht, was Ihr Problem war. Sagen Sie mir bitte, was Ihr Problem ist. Ich habe wirklich noch Wichtigeres zu tun.« »Gibt es Sie auch in freundlich?«, fragt Pink. »Nicht dass ich wüsste«, sagt Aisha. »Höflichkeit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr, was?« »Das ist mir zu doof«, sagt Aisha und steht auf. »Ich streite mich doch nicht mit einem QualityPad.« »Pink, zeig ihr bitte das Video«, sagt Peter. »Aber gerne doch, Hase.« Das QualityPad beugt sich nach hinten, damit Aisha gut sehen kann, und spielt das Video ab. Aisha setzt sich wieder. Das Video hat einen ganz ähnlichen Effekt auf sie wie auf Henryk. »Woher haben Sie diese Aufnahmen?« »Ich, äh … bin über Umwege in den Besitz des Kampfroboters gekommen, der das gefilmt hat«, sagt Peter. »Und sehen Sie, die Kampfroboter, das waren unsere Streitkräfte, aber die Drohnen, die waren nicht von uns.« Aisha wendet sich an eine der Gardistinnen. »Holen Sie mir General Dragqueen aus seinem Büro.« Die Gardistin nickt und verlässt den Raum. »Ich bin mir sicher, die Militärs haben das schon gesehen«, sagt Aisha. »Ja, aber was, wenn nicht?«, fragt Peter. »Und Sie sind im Besitz solch eines Kampfroboters?« Peter nickt. »Und der steht immer vor Ihrer Tür? Oder in Ihrem Keller? Patrouilliert er in Ihrem Hobbyraum? Wie darf ich mir das vorstellen?« »Meistens steht er im Keller«, sagt Peter . »Wenn ich ehrlich bin«, sagt Aisha, »finde ich den Privatbesitz von Kampfrobotern äußerst problematisch. Darf ich fragen, wie Sie zu dem Ding gekommen sind?« »Das ist mein Kampfroboter!« »Das wage ich zu bezweifeln.« »Die Verfassung garantiert jedem Bürger das Recht, eigene Kampfroboter zu haben!«, sagt Peter. »Wollen Sie etwa, dass ich die N.R.A. anrufe?« Aisha seufzt. »Die Nationale-Roboter-Assoziation? Alles, bloß das nicht …« »Das Einzige, was einen bösen Typen mit einem Killerroboter aufhalten kann, ist ein guter Typ mit einem Killerroboter«, sagt Peter. »Gute Typen haben keine Killerroboter«, sagt Aisha. General Dragqueen kommt zur Tür herein, ebenfalls nicht sonderlich gut gelaunt ob der Unterbrechung. Ohne viel freundliches Geplänkel bekommt er das Video vorgespielt. Auf ihn hat es allerdings überhaupt keine Wirkung. »Ja, und?«, fragt er danach. »Kennen Sie das Video schon?«, fragt Aisha. »Nein. Aber ich verstehe die Fragestellung nicht.« »Die Kampfroboter in dem Video, das sind unsere, oder nicht?« »Ja, natürlich.« »Und die Drohnen?«, fragt Peter. »Das sind auch unsere«, sagt der General, als wäre es die logischste Sache der Welt, dass QualityLands Kampfroboter von QualityLands Drohnen angegriffen werden. »Könnten Sie es mit Ihren Grundsätzen als militärischer Bullshit-Talker vereinbaren, hier noch ein paar erklärende Worte beizusteuern?«, fragt Aisha. »Das war ein Test unter realen Kampfbedingungen. Man weiß nie, ob und wie diese neuen Systeme funktionieren, bis man sie mal eingesetzt hat. Hier haben wir die neue Generation unserer Waffensysteme auf die alten losgelassen. Ein voller Erfolg, wie Sie sehen konnten.« »Wegen dieser Art Drohnen hat der Dritte Weltkrieg nur acht Stunden gedauert?«, fragt Aisha. »Ja«, sagt der General. »Und inzwischen haben wir natürlich noch geilere!« »Ist das wirklich das richtige Adjektiv?« »Jetzt verstehen Sie, was ich Ihnen letztens erklären wollte«, sagt der General. »Wie sollen Menschen bei solchen Systemen noch im Loop sein? Aber natürlich können wir im Vorhinein bestimmte Parameter festlegen. Hier haben die Drohnen zum Beispiel einfach alles eliminiert, was auf sie geschossen hat.« »Sie haben Ihre eigenen Kampfroboter einfach niedergemetzelt?«, fragt Peter. »Sie vermenschlichen diese Kampfroboter doch nicht etwa? Das wäre nämlich idiotisch«, sagt General Dragqueen. »Haben Sie zu viele schlechte Science-Fiction-Bücher gelesen? Tatsächlich scheint das aber eine generelle menschliche Schwäche zu sein. Wir forschen gerade an dem Thema. Unsere alten Kampfroboter sahen alle aus wie die Mickeys. Groß, böse und Furcht einflößend. Aber vielleicht war das der falsche Weg. Darum experimentieren einige unserer Waffenlieferanten mit Kampfrobotern, die möglichst niedlich aussehen. Sie wissen schon: keine Ecken, ein bisschen tapsig, große Glupschaugen. Fast schon wie Cuddle-Bots. Erste Testergebnisse sind sehr vielversprechend. Menschen haben offenbar Hemmungen, auf niedliche Roboter zu schießen. Ein tödlicher Fehler.« »Diese Kampfroboter heißen Mickeys?«, fragt Aisha. »Wie die Maus?« »Das ist natürlich eine Abkürzung«, sagt der General. »Und wofür? « Der General seufzt. »Mickey steht für Machine Infantry for Capturing and Killing Enemy Yodlers.« »Yodlers?«, fragt Aisha verwundert. »Männer, die auf Bergen stehen und komische Brunftgesänge absondern? Solche Jodler?« »Na ja«, sagt der General, »Sie wissen doch auch, wie diese Akronyme zustande kommen. Meist hat man ein lustiges Wort und denkt sich erst im Nachhinein aus, wofür es die Abkürzung sein soll.« »Ja, aber warum um alles in der Welt ›yodler‹ ?« »Nun, es gibt nicht so viele Wörter, die mit Ypsilon beginnen, und außerdem … außerdem hatte der Vorsitzende der Kommission, die sich eine Bedeutung für die Abkürzung Mickey ausdenken sollte, einen sehr speziellen Humor.« »Wirklich sehr speziell …« »Es gab eine Kommission, die sich eine Bedeutung für die Abkürzung ›Mickey‹ ausdenken sollte?«, fragt Peter. »Sie sind noch nicht lange in der Politik, was?«, fragt der General. »Enemy yodlers …«, sagt Aisha kopfschüttelnd. »Der Kommissionsvorsitzende hatte damals als junger Soldat am Schweizkrieg teilgenommen«, sagt der General. »Und ›yodler‹ war, wie Sie wahrscheinlich wissen, die politisch nicht ganz korrekte Bezeichnung, die unsere Streitkräfte den Gegnern gegeben haben.« »Schweizkrieg?«, fragt Peter. »Das war vor unserer Zeit«, sagt Aisha. »Es ging um die Herausgabe von Daten über Steuersünder, wenn ich mich recht erinnere.« Der General nickt. »Unter anderem.« »Nun«, sagt Aisha und steht auf. »Damit wäre die Sache wohl erledigt, Herr Arbeitsloser. Toll, dass wir uns hier so nett getroffen haben. Das hat wirklich was gebracht. Sagen Sie Henryk Ingenieur bitte, dass wir seinem Willen hörig waren und uns auch weiterhin darüber freuen, wenn er uns mit seinem Geld zuscheißt.« »Sie sind mit Henryk Ingenieur befreundet?«, fragt der General. »Könnten Sie für mich einen Kontakt herstellen? TheShop hat mir nämlich letztens so ein Produkt zugeschickt, und ich habe keine Ahnung, was ich damit anfangen soll. Aber aus irgendwelchen Gründen kann ich es nicht zurückgeben.« »Er ist nicht mein Freund«, sagt Peter und steht ebenfalls auf. Noch während er von den Sicherheitsleuten nach draußen begleitet wird, sagt er zu Pink: »Kein Wort davon zu Mickey, hörst du? Ich will selbst mit ihm reden.« »Ist gut, Hase.«