DIESES VIDEO BEWEIST: DER PRÄSIDENT HASST DICH! - QualityLand 2.0
By Marc-Uwe Kling
Obwohl es schon sehr spät ist, sitzt Aisha noch am Schreibtisch in ihrer Wohnung. Sie müht sich damit ab, Tonys Rede für den Parteitag zu verfassen. Es ist ziemlich schwer, Floskeln zu vermeiden, wenn man über ein Thema so wenig Konkretes weiß wie Aisha über den Dritten Weltkrieg. Sie arbeitet auf Papier, damit ihre grottigen Entwürfe nicht aufgezeichnet und gespeichert werden.
Ihr Kanarienvogel, Piepsi Zwei, macht durch Gezwitscher auf sich aufmerksam. Sie steht auf und gibt ihm Futter. Die Stimme ihres Smart Homes meldet sich. »Aisha, der Präsident steht vor Ihrer Tür.« »Der Präsident?« »Soll ich ihn hereinlassen?« »Gute Frage.« Aisha seufzt. »Ja, mach auf.« Die Tür öffnet sich, und Tony tritt ein. »Bleiben Sie draußen«, befiehlt er den beiden Gardisten, die ihn begleiten. Die Tür schließt sich wieder. »Tony«, sagt Aisha. »Das ist ein sehr ungewöhnlicher Besuch.« »Ich habe auch ein ungewöhnliches Anliegen.« »Ich hoffe, es ist Ihnen klar, dass ich nicht Ihre Praktikantin bin.« »Ach, Blödsinn!« Der Kanarienvogel tschilpt. »Sie haben einen Vogel«, sagt Tony und blickt Aisha an . »Ich weiß immer nicht, wie ich reagieren soll, wenn Leute einfach das Offensichtliche aussprechen«, sagt Aisha. »Ja. Ich habe einen Vogel. John hat ihn mir geschenkt. Es war wohl seine Art Humor.« »Ist der echt?«, fragt Tony. »Natürlich ist der echt.« »Sie sagen das, als ob es selbstverständlich wäre. Dabei ist es gar nicht mehr so einfach zu sagen, was echt ist und was nicht.« »Was wollen Sie, Tony? Sie sind doch sicher nicht spätabends in meine Privatwohnung gekommen, um über Haustiere zu reden.« »Ich will Ihnen etwas zeigen«, sagt er und wischt von seinem Smarm ein Video auf Aishas Fenster. Das Fenster verdunkelt sich und wird undurchsichtig. Es hat sich in einen großen Bildschirm verwandelt. Darauf steht: »Tony Parteichef möchte ein Video mit Ihnen teilen. OK ?« Durch ein gezieltes Zwinkern gibt Aisha ihr Okay. Das Video zeigt Tony im Gespräch mit einem ihr unbekannten alten weißen Mann im Anzug. »Die Weiber, die Nutzlosen und der ganze Migranten-Abschaum« , sagt Tony, »die glauben wirklich, dass ich etwas für sie tun werde. Aber seien Sie ganz unbesorgt. Natürlich will ich nur deren Stimmen. Sehen Sie mich als eine Art Rattenfänger.« Aisha blinzelt. »Das ist nicht echt, oder?« »Natürlich ist es nicht echt!«, ruft Tony. »Aber es ist eine verdammt gute Fälschung«, sagt Aisha. »Besser als die üblichen Deep Fakes.« »Ich hätte es selbst fast geglaubt!« »Das größte Problem ist, dass es zwar nicht wahr ist, sich aber für viele Leute wahr anfühlt.« »Was meinen Sie damit? « »Wenn ich die Beleidigungen aus dem Statement rausnehmen würde, käme es der Wahrheit nicht erschreckend nahe?«, fragt Aisha. »Ich bin nicht zu Ihnen gekommen, um mir einen moralinsauren Vortrag halten zu lassen.« »Schade. Das ist meine Stärke.« »Es gibt noch Dutzende solcher Videos!«, ruft Tony. »Das Netz wird geradezu überflutet damit. In einem gebe ich zum Beispiel zu, dass ich es war, der John in die Luft sprengen ließ, damit ich Präsident werden kann. In einem anderen habe ich Sex mit einem Staubsaugroboter.« »Und Sie glauben, dass Koch dahintersteckt?« »Der wird natürlich behaupten, er habe damit nichts zu tun.« »Das Schlimmste ist ja, dass das vielleicht sogar stimmt.« »Ich will, dass Sie solche Deep Fakes von Koch machen lassen!«, sagt Tony. »Das ist Ihr unmoralisches Anliegen?«, fragt Aisha lachend. »Darum kommen Sie nachts zu mir nach Hause? Sie wollen, dass ich Deep Fakes herstellen lasse, in denen Koch rassistische Sachen sagt? Dafür brauchen wir keine Deep Fakes. Diese Videos gibt es doch schon. Seine Wähler mögen ihn ja gerade, weil er ein Rassist ist.« Tony schnaubt. »Sehen Sie’s positiv«, sagt Aisha. »Vielleicht können Sie Koch durch diese Videos sogar ein paar Wähler abknöpfen.« »Dann lassen Sie Koch das Gegenteil sagen!«, ruft Tony. »Er soll sagen, dass er in Wahrheit die ganzen Klimaflüchtlinge liebt und sie alle nach QualityLand holen will.« »Das glaubt uns doch kein Mensch.« Tony tritt an den Käfig heran und beobachtet den Vogel. »Haben Sie Henryk Ingenieur bei Julia Nonne gesehen?«, fragt er schließlich . »Natürlich«, sagt Aisha. »Das war doch schon fast die Ankündigung einer Kandidatur!« »Er hat das nicht schlecht gemacht. Koch sah ziemlich alt gegen ihn aus.« Tony schnaubt. »Das ist Ihre Meinung. Die Koch-Fans sehen das ganz anders.« »Koch-Fans sehen alles ganz anders.« »Es ist ein ziemlich schlechtes Zeichen, wenn sich schon zu Beginn einer Präsidentschaft in der eigenen Partei ein Gegenkandidat in Stellung bringt.« »Ach, das müssen Sie nicht so schwernehmen. Henryk Ingenieur macht einfach, was ihm in den Sinn kommt. Dahinter steckt noch nicht zwangsläufig ein Trend.« »Und was ist Ihre ehrliche Meinung?« »Es ist ein ziemlich schlechtes Zeichen.« »Ich darf nicht so rüberkommen, als wäre ich nicht Herr der Lage. Ich brauche eine tatkräftige Rede. Tatkräftig. Verstehen wir uns? Ein großer Wurf! Eine mutige Vision! Eine Phase der Erneuerung. Und wir nennen das Ganze: QualityLand 2.0!« »QualityLand 2.0?«, fragt Aisha. »Ich muss irgendetwas Radikales vorschlagen«, sagt Tony. »Gerade hat der Dritte Weltkrieg stattgefunden. Ich kann nicht so tun, als sei nichts passiert.« »Ja«, sagt Aisha. »Da bin ich ganz Ihrer Meinung.« »Wir müssen Konsequenzen ziehen und diese auch auf dem Parteitag ankündigen.« »Natürlich.« »Wir müssen etwas verändern!« »Absolut richtig.« »Wissen Sie, was wir tun sollten?« »Ja, aber Sie haben sicher einen anderen Vorschlag. « »Wir sollten Schnürsenkel verbieten!« »Wie bitte?« »Unser toter Held, der für QualityLand das ultimative Opfer gebracht hat …« »Wir werden seinen Namen niemals vergessen«, sagt Aisha. »Ja. Wie hieß er noch mal?« »Jonas Matrose.« »Ja. Er ist doch über seine offenen Schnürsenkel gestolpert. Schnürsenkel sind eine Gefahr. Lassen Sie sofort eine Statistik erstellen, die zeigt, wie viele Unfälle in den letzten tausend Jahren durch offene Schnürsenkel verursacht wurden.« »Aber Tony …« »Es gibt doch Klettverschlüsse!« »Klettverschlüsse?« »Ich weiß, was Sie sagen wollen, das wird den Herstellern der Schuhbindemaschinen gar nicht gefallen.« »Das kann nicht Ihr Ernst sein!« »Manchmal darf man nicht klein beigeben. Manchmal lohnt es sich zu kämpfen, Aisha. Ich selber bin jeden Morgen genervt von meiner Schuhbindemaschine!« »Sie haben eine Schuhbindemaschine?« »Manchmal ist die Schleife zu fest! Manchmal ist sie zu locker. Beides nicht angenehm.« »Aber …« »Kein Aber! Wir müssen handeln! Wir müssen etwas tun. Wir verbieten Schnürsenkel! Das ist mein letztes Wort. Haben Sie mich verstanden? Extreme Situationen erfordern extreme Maßnahmen! Nehmen Sie das in die Rede auf.« »Bei aller Liebe, Tony, aber das ist eine sensationell dumme Idee, und ich werde sie auf gar keinen Fall in die Rede aufnehmen. Auf einer Skala von Trump bis Einstein könnte man diese Idee noch nicht mal verzeichnen. « Tony läuft vor dem Fenster auf und ab. »Vielleicht haben Sie recht«, sagt er schließlich. »Aber das mit QualityLand 2.0 ist gut. Das nehmen Sie mit rein.«