DREI HARTE FAKTEN ÜBER MEGA-MONSTERBOTS, DIE DU LIEBER NICHT GEWUSST HÄTTEST! - QualityLand 2.0
By Marc-Uwe Kling
T – 5:05:59:17
Peter wurde von Kiki eingeladen. Über einen Bekannten hat sie zwei Backstage-Tickets für das Finale der Monsterbot-Saison ergattert. Peter vermutet, dass das ihre Art ist, sich für die völlig zerstörte Praxis zu entschuldigen, und liegt damit nur halb richtig.
Als die beiden im Stadion ankommen, hat der erste Kampf schon begonnen. Im großen Ring links der Stadionmitte prügelt ein brauner, mit Stacheln und Spitzen gesprenkelter Monsterbot unter dem Gejohle des Publikums auf einen grünen Monsterbot ein, dem eine rote Kreissäge wie ein Irokesenschnitt aus dem Kopf ragt. Beide Bots haben die Proportionen eines großen Bodybuilders.
Rechts davon hampeln zwei deutlich schmächtigere Männer auf zwei durch Leuchtstreifen markierten Bereichen herum, die genauso groß sind wie das Kampffeld. Es sieht aus, als würden sie Schattenboxen. Beide Männer tragen eine Art Neoprenanzug. Der eine ist grün, der andere braun. Obwohl Peters Profil behauptet, er habe großes Interesse an sportlichen Großereignissen, war er noch nie bei einem Monsterbotkampf. Er muss ziemlich ratlos aussehen, denn Kiki beginnt ihm die Grundlagen zu erklären.
»Siehst du die beiden Kasper, die aussehen wie Trockentaucher?«, fragt sie.
Peter nickt .
»Das sind die Jockeys. Sie tragen Mo-Caps. [21] All ihre Bewegungen werden direkt auf die Monsterbots übertragen, und in ihren Helmen sehen sie, was die Bots wahrnehmen.«
Dem grünen Monsterbot ist es gelungen, die Arme seines braunen Kontrahenten zu packen, und er wirft ihn mit Schwung über seine Schulter. Auch der Jockey im braunen Anzug fällt zu Boden.
»Wie geht das?«, fragt Peter erstaunt.
»Er hat sich einfach fallen lassen«, sagt Kiki. »Den meisten Jockeys fällt die Steuerung leichter, wenn sie sich in derselben Lage befinden wie ihr Monsterbot.«
Der braune Jockey springt auf und rennt los. Es sieht ein wenig albern aus. Auf dem Kampffeld rennt der braune Monsterbot auf den grünen zu. Das sieht furchterregend aus. Aber der grüne hat ihn schon erwartet. Wie ein Torero, der dem Stier ausweicht, macht er im richtigen Augenblick einen geschmeidigen Schritt nach rechts. Sein Gegner rennt ins Leere. Dabei ergreift der grüne Monsterbot den Arm des braunen. Mit einem heftigen Ruck reißt er ihn einfach aus dem Körper.
»Wow!«, ruft Peter. Sofort schaut er zu den Jockeys, aber natürlich hat der braune noch beide Arme. Kiki, die seine Blicke verfolgt hat, lächelt.
»Der Kampf ist gelaufen«, sagt sie.
»Ja«, sagt ein Mann neben ihr, »der Rest ist nur noch Formsache.«
Kiki blickt ihn skeptisch an. Wie man eben fremde Leute anguckt, die ohne Einladung in das eigene Gespräch einsteigen.
»Ich bin Harry«, sagt der Mann.
»Ja, und?«, fragt Kiki .
»Und du bist …?«
»Mit Sicherheit die dunkelste Art von Dunkelblau für dich.«
Der Mann lächelt. »Ja, aber ich mag die Herausforderung.«
»Hat diese Anmache jemals funktioniert?«, fragt Kiki.
»Was will der Typ von dir?«, fragt Peter.
»Ist das dein Freund?«, fragt der Mann. »Da hast du dich aber unter Wert verkauft.«
»Ich hab mich gar nicht verkauft«, sagt Kiki. »Und jetzt verzieh dich.«
Der Mann scheint unschlüssig. Entweder starrt er ins Nichts, oder er liest Informationen, die ihm seine Kontaktlinsen einblenden.
»Husch, husch«, sagt Kiki.
»Zicke«, sagt Harry und trollt sich.
»Was war denn das für ein Arschloch?«, fragt Peter.
»Hast du schon mal von MyChances gehört?«, fragt Kiki.
»Äh … My-was?«, fragt Peter.
»Die Levelfähigkeit, für die du dich letztens entschieden hast«, sagt Kiki.
»Ich … äh … woher weißt du …?«
»Irgendein Trottel hat sich die sogenannte ›Dark-Blue-Challenge‹ ausgedacht. Ziel ist es, Frauen oder Männer, die einem als dunkelblau angezeigt werden, trotzdem rumzukriegen. Wobei ich mir habe sagen lassen, dass es für viele Frauen die größte Challenge ist, überhaupt Männer zu finden, die ihnen als dunkelblau angezeigt werden.«
Der braune Monsterbot liegt inzwischen auf dem Boden der Arena und hat keine Arme mehr. Der grüne rammt ihm seinen Kreissägen-Iro in den Brustkorb, bis der Schiedsrichter endlich Erbarmen hat und den grünen zum Gewinner kürt.
»Was für ein Kampf!« , ruft der Stadionsprecher. »Und das war nur die Vorspeise! «
Eine hübsche, halb nackte Frau und ein durchtrainierter, ebenfalls halb nackter Mann – beide wirken so, als hätten sie noch weniger Grips als Klamotten am Körper – erscheinen und überreichen dem grünen Jockey einen Pokal.
»Der halb nackte Mann ist relativ neu«, sagt Kiki. »Er war das Einzige, was den Chefs der Liga als Antwort auf die ständigen Sexismus-Vorwürfe eingefallen ist.«
Die Markierungen der Kampffelder erlöschen. Acht Serviceroboter schwärmen aus und beseitigen die Überreste des Kampfs.
»Meine lieben Schlampen und Wichser!« , ruft der Stadionsprecher. »Liebe Kinder! Was jetzt auf uns zukommt, ist der Kampf des Jahrhunderts. Ach, was sage ich! Der Kampf des Jahrtausends.«
In der Stadionmitte leuchten neue, größere Kampffelder auf.
»Hier sind sie, die verflucht noch mal erfolgreichsten Monsterbot-Jockeys aller Zeiten! Hier sind Scarlett Strafgefangene und ihr Zwillingsbruder Robert Aufseher!«
Die beiden Jockeys betreten unter tosendem Applaus das Stadion. In einigem Abstand folgen ihre Knappen mit den Helmen.
Robert ist wie immer ganz in Schwarz gekleidet und trägt natürlich auch den Umhang, der sein Markenzeichen geworden ist.
»Albern«, murmelt Kiki.
Scarletts roter Anzug liegt sehr eng an, ist äußerst knapp bemessen und zeigt mehr Haut, als er verdeckt.
»Das Material für die Mo-Caps scheint teuer zu sein«, sagt Peter.
Kiki rollt nur mit den Augen.
Die Zwillinge begeben sich auf ihre Kampffelder. Robert legt seinen Mantel ab. Die Knappen setzen den Jockeys die Helme auf.
»Heute Abend treten die beiden zum ersten Mal gegeneinander an!« , ruft der Ansager. »Und zwar mit turmhohen Mega-Monsterbots. «
Die Menge reagiert derart euphorisch, dass man meinen möchte, nicht wenige hätten bei dieser Ankündigung spontan einen Orgasmus bekommen.
Holoprojektoren lassen im Stadion zwei riesige Monsterbots erscheinen. Einer ist rot, der andere ist schwarz. Sie stehen sich auf einer unbewohnten Urwaldinsel gegenüber. Oder jedenfalls hofft Peter, dass die Insel unbewohnt ist. Die beiden massiv gepanzerten, waffenstarrenden Ungetüme wenden sich den Bewegungen der Zwillinge folgend zu den Drohnen, die über ihnen schweben, und winken freundlich in die Kameras. Eine irgendwie seltsam unpassende Geste für einen turmhohen Monsterbot.
»Und jetzt wollen wir das Öl spritzen und die Schrauben fliegen sehen!« , ruft der Ansager. »Drei … zwei … eins …«
»Attacke!«, grölt das ganze Publikum.
Robert rennt sofort los, sein Monsterbot prescht auf den seiner Schwester zu. Überall, wo dessen schwerer Fuß hinfällt, krachen die Bäume wie Streichhölzer.
»Komm«, sagt Kiki. »Wir gehen backstage und treffen einen Bekannten von mir.«
»Was?«, fragt Peter. »Wir sehen uns nicht den Kampf an?«
»Wir sind hier, weil ich etwas über den Puppenspieler herausfinden will.«
»Und ich Dummkopf dachte, du hast mich als eine Art Wiedergutmachung eingeladen«, sagt Peter. »Weil du meine Praxis verwüstet hast.«
»Ja, auch. Aber nicht wirklich. Komm jetzt.«
Peter seufzt und folgt Kiki.
»Einen Avatar zu kontrollieren ist nicht so einfach, wie du vielleicht denkst«, sagt sie. »Und der Puppenspieler macht das ziemlich gut.«
»Du meinst, er ist ein Monsterbot-Jockey? «
»Nein. Jedenfalls nicht mehr.«
»Aber vielleicht war er mal einer?«
Kiki nickt. »Außerdem ist der Zyklop keine Stangenware, verstehst du? Das ist eine Spezialanfertigung. Irgendjemand muss ihn gebaut haben. Es muss einfach Gerüchte geben. Und wo, wenn nicht hier?«
Kiki führt Peter zielsicher zum Backstagebereich.
»Du kennst dich hier aber gut aus …«
»War früher öfter hier.«
Am Eingang des Backstagebereichs wartet schon ein ekelhaft gut aussehender Typ auf sie.
»Kiki, mon amour «, sagt er und gibt ihr einen Kuss auf die Lippen. Die Wange hätte es auch getan, denkt Peter. Oder einfach ein Fußgruß. Er kann den Typ nicht leiden. Hass auf den ersten Blick.
»Salut, Pierre«, sagt Kiki.
»Ist das dein neuer Lover, chérie ?«, fragt Pierre.
»Er ist einer meiner Lover.«
»Einer deiner Lover?«, fragt Peter.
»Ich dachte, du freust dich darüber.«
»Er kennt dich noch nicht besonders gut, was, mon cœur ?«
»Niemand kennt mich besonders gut«, sagt Kiki.
»Touché! Na, worauf wartet ihr, kommt herein.«
Pierre geht voran, und Peter flüstert Kiki zu: »Warst du mal mit dem zusammen?«
»Nun ja«, sagt Kiki, »so on and off. «
»Du hast gesagt, er sei nur ein Bekannter.«
»Ja, eben«, sagt Kiki. »On and off.«
Peter beobachtet seinen Widersacher und ihm dämmert, warum er ihn nicht ausstehen kann. Sie sind sich ziemlich ähnlich. Nur ist Pierre in allem ein klein wenig besser. Er ist ein bisschen größer als Peter. Ein bisschen muskulöser. Sein Haar ist ein wenig voller. Seine Augen sind etwas strahlender. Seine Kleidung schicker. Sein Auftreten deutlich selbstbewusster. Man könnte sagen, Pierre ist Peter Plus. Peter 2.0. Der heiße neue Scheiß, der das Vorgängermodell vom Markt drängt. Kein Wunder, dass Peter ihn hasst.
Pierre führt sie zu einem großen Raum, in dessen Mitte ein zwanzig Kubikmeter großer Glaswürfel steht. Einige Dutzend Menschen, vom Aussehen her alle Level-40-Plus, stehen mit Cocktails in der Hand um den Kasten herum und gaffen hinein. Als er näher kommt, kann Peter in dem Glaswürfel Wasser erkennen und in der Mitte das Modell einer Insel. Auf der Insel prügeln sich gerade die zwei Mega-Monsterbots, die Peter draußen im Stadion als Hologramm gesehen hat. Nur sind sie nicht turmhoch, sondern gerade vierundsechzig Zentimeter groß.
»Was …?«, fragt Peter. »Ist das ein Modell?«
»Non, non, mon ami« , sagt Pierre.
»It’s the real shit«, sagt Kiki.
Jetzt erst bemerkt Peter die Minidrohnen, die im Kasten umherfliegen und die Bilder des Kampfs einfangen.
»Wir haben die kleinen Bots immer für Trainingskämpfe benutzt«, erklärt Pierre mit seiner Stimme, die ein klein wenig wohlklingender ist als Peters. »Irgendwann kam ein findiger Manager auf die Idee, dass wir viel Geld, sehr viel Geld, sparen könnten, wenn wir auch die echten Kämpfe einfach mit den Miniaturen ausführen.«
»Habt ihr keine Angst, dass das rauskommt?«, fragt Peter.
»Ach, das steht doch schon längst im Netz«, sagt Kiki. »Wer es wissen will, kann es wissen. Aber die meisten wollen es halt nicht wissen.«
Pierre nickt. »Und es spart wirklich sehr viel Geld.«
Scarletts kleiner Mega-Monsterbot reißt gerade einen erstaunlich detailgetreuen Baum aus, um damit auf den Bot ihres Bruders einzuschlagen.
»Außerdem erspart es uns viel Stress mit Umweltschützern«, sagt Pierre.
Während Peter gegen seinen Willen fasziniert dem Kampf zusieht, nimmt Kiki Pierre zur Seite und flüstert ihm etwas ins Ohr.
»Der Puppenspieler?«, fragt Pierre erschrocken.
»Psst«, macht Kiki.
»Was willst du von ihm?«
»Nur reden, sonst nichts«, sagt Kiki.
»Und du glaubst, er ist ein alter Jockey?« Pierre kratzt sich an seinem Bart, der ein wenig gepflegter aussieht als Peters. »Ich verstehe, lass mich eine Sekunde darüber nachdenken.«
In diesem Augenblick kreischt die Menge vor dem Glaskasten laut auf. Auch die Leute im Stadion beginnen zu jubeln und zu toben, was sich im Backstagebereich wie ein kleines Erdbeben anfühlt. Der rote Mega-Monsterbot hat seinem schwarzen Kollegen den Kopf abgerissen und präsentiert diesen triumphierend den Kameras.
»Kennst du Guybrush Spieldesigner?«, fragt Pierre. »Scarletts Knappen?«
Kiki schüttelt den Kopf.
»Er ist ein netter Kerl und ein wandelndes Lexikon für Monsterbots und Jockeys. Wenn dir einer helfen kann, dann Guybrush. «
Anmerkungen zum Kapitel
21 Mo-Cap ist die gängige Abkürzung für einen Motion-Capture-Suit, also ein Kleidungsstück, das Bewegungen aufzeichnet.