DREIUNDVIERZIG - QualityLand 2.0
By Marc-Uwe Kling
Die Drohnen haben irgendwann von ihrer Belagerung abgelassen. Trotzdem hat Martyn seitdem ein mulmiges Gefühl. Seit mehreren Tagen hat er sich nur noch mit Maschinen unterhalten. Das schlägt aufs Gemüt. Er braucht Menschen. Darum hat er beschlossen, seine Frau – seine Ex-Frau – und seine Kinder – seine Ex-Kinder? – zu besuchen. Zum Glück spuckte Martyns Gedächtnis nach einem kurzen Kampf aus, wo Denise’ Schwester Amalia wohnt: ein Hochhaus in einer großen Gated Community im Osten von QualityCity.
Als Martyn durch die Lücke im Stacheldraht an den schwer bewaffneten Sicherheitsleuten vorbeiläuft, muss er an etwas denken, das er jemanden von der Oppositionspartei hat sagen hören: »Die Ungleichheit in unserem Land ist so groß geworden, dass sich die Reichen selber einsperren.« Martyn lacht bitter. Er geht durch den Eingang, über dem »Level 40+« prangt und der ihm die umständliche Anmeldeprozedur erspart. Er sucht und findet Amalias Hochhaus. In der Lobby steigen gerade zwei Frauen aus einem Aufzug. Martyn beeilt sich, um den Lift zu erwischen, wird aber regelrecht von der Tür eingeklemmt. »Was soll denn das?«, ruft er. Um sein Bein zu befreien, muss er mit beiden Händen gegen die Türen drücken, bis der störrische Aufzug einsieht, dass ein Hindernis im Weg ist und die Türen wieder öffnet. Martyn flucht. Er richtet seinen Anzug und grummelt: »In den einundsiebzigsten.« Kurz bevor sich die Türen schließen, schlüpft ein Geschäftsmann in den Lift, wird nicht eingeklemmt und sagt: »Tiefgarage U 10.« Ein Angeber mit eigenem Auto. Wahrscheinlich sogar kein selbstfahrendes, sondern eins zum Selberfahren. »Ich hatte auch mal ein eigenes Auto«, schnaubt Martyn. »Eins zum Selberfahren!« Der Mann im Aufzug ignoriert Martyn, so gut er kann. Er deutet mit seinem Zeigefinger auf sich selbst und tippt sich dabei zweimal an die Brust. »Ich weiß, was Sie da tun!«, sagt Martyn. Der Mann hat eine Levelfähigkeit namens MeFirst aktiviert. Man kann sie bei Sicherheitskontrollen, in Restaurants, in Behörden oder eben in Aufzügen benutzen, um schneller an die Reihe zu kommen. Diese Fähigkeit wird von den Einwohnern QualityCitys so häufig verwendet, dass die Hauptstadt im Rest des Landes gerne spöttisch als Me-First-City bezeichnet wird. »Das kann ich auch!«, sagt Martyn patzig, deutet mit seinem Zeigefinger auf sich selbst und tippt sich dabei zweimal an die Brust. Nachdem sich die Türen wieder geschlossen haben, fährt der Aufzug trotzdem zuerst nach unten. Offensichtlich hat der Business-Kasper ein höheres Level als Martyn. Der Geschäftsmann lächelt. »So ein schmieriges Grinsen gilt vor Gericht bestimmt als mildernde Umstände«, brummt Martyn, und der Mann hört auf zu lachen. »Diese Vermutung ist nicht korrekt, mein König«, sagt Martyns Stimme. »Halt die Klappe, Scheißteil!« Jetzt wirkt der Mann sehr verunsichert. »Ich habe immer noch ein eigenes Auto«, sagt Martyn, »nur fährt es nicht mehr, seit ich damit vor ein paar Tagen in etwas angetrunkenem Zustand, ja, was eigentlich? Es ist gar nichts passiert. Ich habe keinen Unfall gebaut. Nichts. Und trotzdem ist das Auto danach beleidigt gewesen. Hat mir ein einmonatiges Fahrverbot ausgesprochen. Das müssen Sie sich mal vorstellen! Das eigene Auto verbietet einem, es zu fahren. Irgendwie hat es rausgekriegt, dass ich betrunken war. Anhand des Fahrverhaltens wahrscheinlich. Vielleicht bin ich Schlangenlinien gefahren oder hatte die Musik zu laut aufgedreht und habe dazu auf dem Lenkrad getrommelt. Vielleicht hatte ich einfach zu gute Laune!« Der Mann schüttelt seinen Kopf. »Es sind Leute wie Sie, die uns Selbstfahrer immer wieder in Verruf bringen«, sagt er. Martyn starrt ihn böse an. DI -DÖ -DI -DÜH . »Was denn?!«, ruft Martyn. »Jetzt darf ich noch nicht mal mehr jemanden anstarren, oder was?« »Willkommen in der Tiefgarage U 10«, sagt der Aufzug und öffnet sich. Der Geschäftsmann lächelt, als er aussteigt. Martyn macht einen schnellen Schritt auf ihn zu. Der Mann fährt zusammen. Jetzt lächelt Martyn. Er tippt sich grüßend an die Stirn. »Schönen Tag noch!« Den Zusatz »Du Lusche« spart er sich. Er hat keine Lust, noch ein Level zu verlieren. Die Türen schließen sich, und der Aufzug setzt sich in Bewegung. Kurze Zeit später hält er wieder und sagt: »Willkommen im siebzehnten Stockwerk.« Martyn reagiert nicht darauf. Er vermutet, dass jemand zusteigen will. »Sie befinden sich jetzt im siebzehnten Stockwerk«, sagt der Aufzug. »Ich weiß, Abschiede können schmerzhaft sein, aber Sie müssen mich nun verlassen. « »Ich?«, fragt Martyn. »Nein, der unsichtbare rosafarbene Elefant neben Ihnen, mein König«, sagt Scheißteil. »Humor aus«, sagt Martyn. Wer auch immer Maschinen Humor beigebracht hat … Martyn wünscht ihm einen langen, schmerzhaften Tod. »Ohne Humor ist mein Leben nur schwer zu ertragen«, sagt Scheißteil. »Sarkasmus aus«, sagt Martyn und wendet sich an den Aufzug. »Ich wollte nicht in den siebzehnten Stock. Ich wollte in den einundsiebzigsten!« »Verzeihen Sie, ich will Sie nicht kritisieren, aber das müssen Sie mir dann schon sagen.« »Das habe ich doch! Ich meine, also ich glaube … Vielleicht habe ich mich auch versprochen. Aber jedenfalls will ich in den einundsiebzigsten.« Die Türen des Aufzugs schließen sich. Martyn spürt die Beschleunigung. Kurz darauf macht es BLING . »Willkommen im einundsechzigsten Stockwerk.« »Ich will ins einundsiebzigste!« »Vielleicht sollten Sie dann ein wenig deutlicher sprechen«, sagt der Aufzug. »Ich spreche nicht undeutlich!«, ruft Martyn. »Ich will in den einundsiebzigsten Stock. Einundsiebzig! Einundsiebzig! Siebzig plus eins!« »Ist ja gut«, sagt der Aufzug. »Ich bin nicht schwerhörig.« Die Türen schließen sich. Beschleunigung. BLING . »Willkommen im siebzehnten Stockwerk.« »Ich dreh gleich durch!«, ruft Martyn. »Ich will in den einundsiebzigsten Stock!« »Dann sagen Sie das doch!«, erwidert der Aufzug. »Also langsam verliere ich die Geduld. Ich habe wirklich auch noch anderes zu tun.« »Du bist ein Aufzug! Was zum Teufel hast du anderes zu tun?« Die Türen schließen sich. Beschleunigung. »Nun, ich wollte mich mit meinen Kollegen im zweiunddreißigsten Stockwerk treffen und ein wenig über die neuesten TODO -Serien quatschen. Es gibt da eine wirklich tolle neue Comedyserie mit der aufgetauten Jennifer Aniston. Das Ganze spielt in einem Hotel des letzten Jahrhunderts und heißt Elevator Girl. « »Das interessiert mich einen Scheiß!« »Warum haben Sie dann gefragt?« »Vergiss es.« Es macht BLING . »Willkommen im einundsechzigsten Stockwerk.« »Das darf doch nicht wahr sein! Ich will in den einundsiebzigsten, den verfickten einundsiebzigsten … Warte mal … Aufzug, ich möchte gerne in den siebzehnten Stock.« »Wie Sie wünschen.« Türen. Beschleunigung. BLING . »Willkommen im siebzehnten Stockwerk.« Martyn überlegt. »Sie müssen jetzt aussteigen«, sagt der Aufzug. »Ich will nicht in den siebzehnten.« »Sie haben aber gesagt …« »Ich weiß, was ich gesagt habe. Fahr mich in den fünfzigsten Stock.« Der Aufzug grummelt etwas Unverständliches. BLING . »Willkommen im fünfzigsten Stockwerk«, sagt der Aufzug. »Fahr mich in den einundsiebzigsten Stock«, sagt Martyn sofort . »Grrr«, macht der Aufzug. BLING . »Willkommen im siebzehnten Stockwerk.« Martyn überlegt. »Dreiundsiebzigster Stock«, sagt er. BLING . »Willkommen im dreiundsiebzigsten Stockwerk.« Martyn lacht. »Ausgetrickst!«, sagt er und steigt aus. »Das ist nah genug, du Scheißteil!« »Nah genug an was, mein König?« »Nicht du!« »Ich wünsche Ihnen auch einen schönen Tag«, sagt der Aufzug. Martyn folgt den Fluchtweg-Schildern, bis er zu einer schweren Tür gelangt. Er drückt die Klinke herunter, und die Tür lässt sich tatsächlich öffnen. Dahinter befindet sich ein Treppenhaus. »Na also.« »Dies ist ein Fluchtweg«, sagt die Tür. »Sind Sie sicher …?« »Halt die Klappe«, sagt Martyn und beginnt, die Stufen hinabzusteigen. Es fällt ihm auf, dass er sich noch nie in einem Treppenhaus befunden hat. Sein ganzes bisheriges Leben hat er es nicht nötig gehabt, Treppen zu steigen. Als er im einundsiebzigsten Stock ankommt, will er die Tür öffnen und stößt auf ein unerwartetes Problem. »Scheißteil«, sagt Martyn. »Warum hat die Tür keine Klinke?« »Das sind Fluchttüren, mein König«, sagt die Stimme in Martyns Ohr. »Sie lassen sich nur von der anderen Seite öffnen. Wenn Sie die Fluchttür im dreiundsiebzigsten Stockwerk hätten ausreden lassen …« »Kannst du die Tür öffnen? « »Ich könnte eine entsprechende Anweisung erteilen.« »Dann tu das!«, befiehlt Martyn. »Dafür fehlt mir die Berechtigung, Ihre Durchlaucht.« Martyn braucht einen Moment, um zu verstehen, was das für ihn bedeutet. »Ich bin im einundsiebzigsten Stock«, sagt er. »Das ist korrekt, mein König.« »Du willst mir nicht ernsthaft sagen, dass sich die erste Tür, die ich öffnen kann, im Erdgeschoss befindet?« »Doch, genau das möchte ich Ihnen sagen.« Dieser amüsierte Tonfall … war das Schadenfreude? »Vielleicht muntert es Sie auf, dass Treppensteigen gesund ist, mein König. Ich werde diese Trainingsleistung natürlich an Ihre Krankenkasse übermitteln und …« »Verfluchte Scheiße«, sagt Martyn. »Einundsiebzig Stockwerke … Das sind doch garantiert über tausend Stufen.« »Das ist eine erstaunlich präzise Schätzung.« Martyn hämmert gegen die Tür. »Hey!«, ruft er. »Hey! Aufmachen! Ist da jemand? Aufmachen!« »Das wird nichts nützen, mein König. Die Tür ist zu dick.« »Ruf meine Frau an …« »Sie haben keine …« »Ruf meine Ex-Frau an.« »Ihre Ex-Frau hat Sie gesperrt. Sie dürfen sie nur in einem Notfall anrufen.« »Das ist ein Notfall!«, schreit Martyn. »Das ist kein Notfall.« Martyn lässt sich auf den Boden vor der Tür sinken. »Ich bleibe hier einfach sitzen, bis jemand von der anderen Seite die Tür aufmacht«, sagt er trotzig. »Wie Sie wünschen, mein König. « Martyn wartet. Und wartet. Und wartet. Und wartet. Und wartet. [20] Irgendwann kommt ein Treppenputzroboter an ihm vorbei. Bei jeder Stufe macht er ein Geräusch, als würde er seufzen. Verständlich. Ein Scheißjob. Martyn blickt ihm hinterher, bis er nicht mehr zu sehen ist. Sein Smarm leuchtet auf. »Eine neue Nachricht von Treppenputzer StairCare 13: ›Vielleicht interessiert es Sie, dass Sie seit sechzehn Tagen der erste Mensch in diesem Treppenhaus sind.‹« Martyn seufzt. »Scheißteil, wie oft wurde die Tür, vor der ich sitze, schon geöffnet?« »Seit Baufertigstellung kein einziges Mal.« »Na, da kann ich ja lange warten.« »Das ist nicht ganz korrekt, mein König. Wirklich lange können Sie nicht warten. Vorher würden Sie an Dehydration sterben.« »Das wäre dann ein Notfall, oder nicht?« »Das wäre ein Notfall.« »Dann dürfte ich meine Frau … meine Ex-Frau anrufen?« »Das ist korrekt, mein König. In voraussichtlich vier Tagen, sechzehn Stunden, acht Minuten und zweiunddreißig Sekunden dürften Sie so weit dehydriert sein, dass Ihre Körpersensoren Notfall-Alarm auslösen. Dann könnte ich Ihnen eine Verbindung zu Ihrer Ex-Frau aufbauen.« »Danke für das Angebot, Scheißteil«, sagt Martyn und steht auf. Er steigt eine Stufe hinunter. »Eins.« Noch eine Stufe. »Zwei.« Weiter. »Drei.« »Hör auf mitzuzählen, Scheißteil.« »Ja, mein König. Ich wollte Sie nur motivieren.« Anmerkungen zum Kapitel 20 Die Monotonie des Wartens treffend zu beschreiben, stellt für Schriftstellende seit jeher eine nicht zu unterschätzende Herausforderung dar. Hier ist es mir, wenn ich das in aller Bescheidenheit sagen darf, herausragend geglückt.