ENTFÜHRUNGEN AM HELLLICHTEN TAG! QUO VADIS, QUALITYCITY? - QualityLand 2.0
By Marc-Uwe Kling
Peter ist irritiert. Statt ausgestorbene Tiere zum Abendessen vorgesetzt zu bekommen, sitzt er auf dem Boden einer Lagerhalle, mit beiden Händen an das Stahlbein eines schweren Montagetisches gekettet, und ein roter, fast gesichtsloser Androide schreit ihn an. Das meiste, was er sagt, versteht Peter nicht wirklich, aber es klingt sehr bedrohlich. Ganz offensichtlich hat dieser Entführer nicht die Absicht, sein Freund zu werden. Er ist nicht mal wirklich an Peter interessiert. Sein Ziel ist Kiki. Peter ist nur so etwas wie der Wurm am Haken. Der Köder. Natürlich ist Peter inzwischen klar, mit wem er es zu tun hat. Es ist die Arschnase, die seine Praxis zerstört hat.
Der Zyklop beugt sich zu ihm hinunter. »Du hast da ein ganz hübsches Veilchen. Möchtest du, dass ich dein anderes Auge daran anpasse?« Ernst und Bertram lachen. Peter schüttelt den Kopf. »Dann sag mir, wo sie sich versteckt hat.« »Wer jetzt noch mal?«, fragt Peter. »Deine Mutter? Ich schwöre dir, das war echt nur eine einmalige Sache. Wir haben uns in diesem Robo-Sex-Puff kennengelernt und …« Die Faust des Zyklopen schaltet Peter auf Stand-by. Als er wieder zu sich kommt, hat sich die Situation deutlich verändert. Der Zyklop macht sehr rätselhafte Bewegungen mit seinen Armen und singt dabei. Es ist, als wolle das Universum Peter beweisen, dass alles immer noch merkwürdiger werden kann. »I’m not the man they think I am at home!«, dröhnt es aus dem Avatar. »Oh no, no, no, I’m a rocket man.« »Was macht er denn da?«, fragt Peter. Sein Hintern schmerzt vom langen Sitzen auf dem harten Steinboden. Ernst, der gerade den Verband an seiner rechten Hand wechselt, blickt kurz auf und sagt: »Wahrscheinlich macht er sich ein Sandwich. Und singt dabei Elton John.« »Wie bitte?« »Manckmal vergisst der Puppenspieler, sich auszuloggen«, sagt Bertram. »Dann spiegelt das Avatar immer noch alles, was er mackt, ohne dass der Puppenspieler das weiß.« »Warum gebt ihr ihm nicht Bescheid?«, fragt Peter. »Warum sollten wir?«, fragt Ernst. »Machen wir nie.« »Es ist viel zu witzig«, fügt Bertram hinzu. »Du solltest den Avatar mal sehen, wenn der Puppenspieler auf Toilette geht. Du wirfst dich weg.« Ernst beugt seine Knie und tut so, als würde er auf einer Toilette sitzen und drücken. Bertram lacht. »Außerdem«, sagt Ernst, »ist es viel besser als der Automatikmodus. Dann ist der Zyklop nämlich nur noch eine eiskalte Killermaschine. Das macht wirklich keinen Spaß.« »Nope«, stimmt Bertram kopfschüttelnd zu. »Sein Auge leucktet dann in diese gruselige Rot. Very scary. « »Was soll das eigentlich mit den grünen Jogginganzügen?«, fragt Peter. »Ist die Komplementärfarbe zu Rot, verstehst du?«, erklärt Ernst. »Der Boss findet unser Gruen bringt das Rot von der Zyklop erst ricktig zur Geltung«, sagt Bertram . Der Puppenspieler scheint die Zubereitung seines Sandwichs abgeschlossen zu haben, denn der Zyklop läuft festen Schrittes durch den Raum und führt dabei immer wieder seine Hand zu seinem nicht vorhandenen Mund. »Oh! Ich glaube, er kommt zurück!«, sagt Ernst. »Sollten wir nickt was erledigen?«, fragt Bertram. »Oh ja, natuerlick!« Bertram nimmt ein klobiges Ding vom Tisch und richtet es auf Peter. »Nein, bitte«, sagt Peter und macht sich instinktiv klein. »Ich will noch nicht sterben!« »Das ist nur eine alte Sofortbildkamera, you idiot «, sagt Bertram. »Keine digitalen Spuren. Verstehst du?«, erklärt Ernst. Er stellt sich neben Peter, grinst und streckt den Daumen hoch. Bertram drückt ab. Peter wird von einem grellen Licht geblendet. Kurz darauf kommt ein Stück Papier aus der Kamera. Bertram nimmt und schüttelt es. Der Zyklop macht eine Bewegung, als würde er etwas zur Seite schieben. Bertram betrachtet das Foto. »Vielleickt ist es nickt gut, wenn du mit auf das Foto bist«, sagt er schließlich. »Ick meine nur, weil wir sollen keine Spuren hinterlassen.« »Hm«, sagt Ernst, »da könntest du recht haben.« Ernst geht ein Stück zur Seite. Bertram richtet das Blitzdings ein weiteres Mal auf Peter. Klick, Blitz, Papier, Schütteln. »Und jetzt?«, fragt Ernst. »Jetzt geht ihr los und überbringt unsere Botschaft an die Maschinen in seiner Praxis«, dröhnt die Stimme des Zyklopen. »Mein Angebot ist simpel: ihr Leben gegen seins.« »Natuerlick, Boss! On our way! «, sagt Bertram. Die beiden Gangster verschwinden aus der Lagerhalle . Der Zyklop hebt das Foto mit dem grinsenden Ernst auf und schüttelt seinen Kopf. »Es ist so schwer, gutes Personal zu bekommen.« Peter könnte das bestätigen, hat er doch schon vor einer Weile eine Schwachstelle seiner Fixierung bemerkt. Seine Hände stecken zwar hinter seinem Rücken in Handschellen, die ihn an das Stahlbein eines schweren Montagetisches fesseln. Der Tisch aber ist nicht am Boden verankert. Wenn Peter sich mit dem Rücken gegen die Platte stemmen würde, müsste er den Tisch so weit anheben können, dass er die Kette der Handschellen unter dem Stahlbein durchziehen könnte. »Na dann«, sagt der Puppenspieler. »Erzähl doch mal was über dich.« »Ich, … äh …«, sagt Peter. »Ich, äh … weiß nicht … also … was soll ich denn …?« »Du bist Maschinentherapeut, nicht wahr? Was machst du da so?« »Ich, äh … ich therapiere Maschinen.« »Wurde dir schon mal gesagt, dass du nicht gerade der spannendste Gesprächspartner der Welt bist?« »Mehrfach«, sagt Peter. »Was soll ich mit deiner kleinen Freundin machen, wenn ich sie in die Finger kriege, hm?« »Sie ist nicht meine Freundin.« »Es ist schon lustig, dass niemand mehr etwas mit ihr zu tun haben will, sobald ich ins Spiel komme.« »So meinte ich das nicht. Es ist nur so, dass sie mit mir Schluss gemacht hat. Das kam für mich total plötzlich. Ich habe … » Abrupt dreht der Zyklop seinen Kopf. »Oh, ja, ich, äh, mache nur einen Systemtest …«, sagt er. »Ich bin gleich … « Dann hört der Zyklop auf zu sprechen. Er bewegt sich auch nicht mehr. Seine Facettenkamera leuchtet rot. »Sind Sie noch da?«, fragt Peter. Keine Antwort. Peter rüttelt an seinen Handschellen. Der Zyklop wendet sich ihm zu. Das rote Auge funkelt ihn an. Peter hört sofort auf, sich zu bewegen. Während die Anwesenheit des Puppenspielers sehr unangenehm für Peter war, ist seine Abwesenheit direkt unheimlich. Er verharrt einige Minuten fast reglos. Dann erlischt das rote Licht im Auge des Zyklopen wieder. »Verzeih die kleine Unterbrechung«, sagt der Puppenspieler. »Ich werde dich jetzt mit dem Zyklopen alleine lassen. Dringende Geschäfte. Du verstehst.« »Was?« »Ich schalte ihn auf Automatik mit der Anweisung, dir das Maul mit deinen Genitalien zu stopfen, falls du anfängst zu schreien, und deine Beine zu halbieren, falls du versuchen solltest zu fliehen.« »Äh … okay«, sagt Peter. »Hast du das verstanden?« »Ja. Das war sehr bildhaft.« »Gut«, sagt der Puppenspieler. Die Facettenkamera des Zyklopen ist direkt auf Peter gerichtet. Sie leuchtet wieder rot. »Hey!«, ruft Peter. »Sind Sie noch da?« Der Zyklop bleibt stumm. »Was ist, wenn ich auf Toilette muss?«, fragt Peter. Keine Antwort. »Ich muss auf Toilette!« Schweigen. »Na toll.« Peter rutscht ein Stück vom Zyklopen weg. Soweit das angekettet eben möglich ist. Der Kopf des Zyklopen bewegt sich leicht, und das Facettenauge folgt seiner Bewegung. »Kannst du sprechen?«, fragt Peter. »Im Automatikmodus?« Keine Antwort. Peter mustert den Zyklopen. »Jetzt bist du kein Avatar mehr, was? Jetzt bist du einfach ein Androide …« Schweigen. »Du kannst mir von deinen Problemen erzählen, weißt du? Ich bin zertifizierter Maschinentherapeut. Es ist bestimmt nicht schön, von so einem Widerling geritten zu werden.« Keine Reaktion. Peter grübelt. Nach einer Weile sagt er, als ob es das Selbstverständlichste der Welt wäre, so etwas zu sagen: »Der Mann zwei Pandas plitsch platsch dreizehn Sand Augen zu bumm.« Erst zeigt der Zyklop keine Reaktion. Dann fängt er an zu giggeln, zu gackern, zu kichern. Schließlich geht er vor Lachen in die Knie. »Plitsch platsch!«, ruft er johlend. »Bumm!« Er liegt am Boden vor Lachen und schlägt mit der Faust auf die Steine, die – zu Peters Entsetzen – davon Risse bekommen. Peter stemmt sich mit aller Kraft gegen die Tischplatte. Er zieht die Kette der Handschellen unter dem Stahlbein durch und rennt los, ohne sich ein einziges Mal umzusehen. Seine Hände sind immer noch hinter dem Rücken gefesselt. Er sprintet zur Tür, drückt die Klinke mit seinem Gesicht herunter, findet sich in einem Treppenhaus wieder und hastet die Stufen hinab. Wenn ich jetzt stolpere, denkt er, würde ich richtig hart auf die Nase fallen. Und es ist eine zwar spannende, aber unbeantwortbare Frage, ob er auch gestolpert wäre, wenn er das nicht gedacht hätte.