NEUNUNDZWANZIG - QualityLand 2.0
By Marc-Uwe Kling
Martyn steht ratlos in seiner Mietwohnung. Er ist angezogen, aber klatschnass. Tom der Toaster hat seine Brotscheibe nicht wie sonst bis zur Perfektion geröstet. Er hat sie anbrennen lassen, bis in der ganzen Wohnung die Sprinkleranlage angegangen ist. Martyn steht einfach nur da. Er bewegt sich erst, als jemand an der Tür klingelt und er öffnen muss.
Es ist der Community-Sprecher, dieser Wichtigtuer. »Ich kann nichts dafür«, sagt Martyn zur Begrüßung. »Der verdammte Toaster ist durchgebrannt!« »Ja, also, nein«, sagt der Sprecher. Er wischt auf seinem Smarm herum, und die Sprinkleranlage stoppt. »Danke«, sagt Martyn und will die Tür wieder schließen. Der Community-Sprecher stellt seinen Fuß in die Tür. »Ja, also. Herr Vorstand, es geht eigentlich um etwas anderes.« »Ah ja?« »Es ist nun mal so, dass wir ein Level-30-plus-Areal sind.« Martyn sagt nichts. Er starrt den Mann nur an. »Und Sie sind ja nun … also … wie soll ich sagen … darunter und … also der Mietvertrag ist da leider sehr eindeutig … fristlos steht da …« Der Community-Sprecher windet sich ein wenig unter Martyns Blick. »… und also … wenn es nach mir ginge, dann könnte ich da sicherlich kulant … aber ich kriege da auch viel Druck von der Community … das müssen Sie verstehen, es gibt hier ja viele Familien mit Kindern, und die sorgen sich natürlich … ich meine, man zieht ja nicht umsonst in ein Level-30-plus-Areal … da möchte man seine Kinder dann auch sicher wissen … also ich sage natürlich nicht, dass Sie … oder dass alle Leute unter Level 30 … aber Sie wissen ja, wie viel Angst die Leute vor Lo-Levs haben … also nicht, dass Sie mit Level 29 jetzt schon ein Lo-Lev wären, aber …« Das eigene Level, denkt Martyn, hat viel Ähnlichkeit mit einem Börsenkurs. Auch dieser spiegelt nicht den eigentlichen Wert eines Unternehmens wider, sondern vielmehr die Erwartungen, die die Algorithmen an die Entwicklung des Unternehmens haben. Das sollte ihm wohl Sorgen machen. Nicht zuletzt, weil jede Erwartung auch den Kern einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung birgt. »Außerdem werden die Drohnen, die Tag und Nacht um Ihr Apartment kreisen, von vielen Mietern als störend empfunden …«, sagt der Community-Sprecher. »Mund halten«, sagt Martyn. Zu seinem Glück ist er nicht irgendwer. Er heißt ja nicht Martyn Arbeitsloser. Oder Martyn Putzkraft. Er ist immer noch ein Vorstand. Er ist Martyn Aufsichtsrat-Stiftungspräsident-Berater-im-Präsidialamt-Vorstand, um genau zu sein. »Ist Ihnen klar, dass das ganze Areal hier meinem Vater gehört?«, fragt er den Mann mit einer gehörigen Portion Hochmut. »Ja, also, das ist mir natürlich klar, und das macht es ja auch so delikat, aber ich habe natürlich Ihren Vater kontaktiert …« »Sie haben mit meinem Vater gesprochen?«, fragt Martyn. »Sie Wicht?« »Nein, nein«, sagt der Mann, ohne auf die Beleidigung einzugehen. »Natürlich habe ich nicht mit Ihrem ehrenwerten Vater persönlich gesprochen, aber ich habe die Situation meinem Supervisor zur Kenntnis gebracht, und … « Der Mann zögert. »Und?« »Und Ihr Vater hat wohl gesagt, dass wir nach Protokoll verfahren sollen. Keine Ausnahmen, meinte er.« »Sie wollen mir ernsthaft sagen, dass Sie mich aus meiner Wohnung schmeißen?«, fragt Martyn. »Nun ja, also, so würde ich das nicht sagen, aber ich … also … ich muss Sie leider schon bitten, Ihre Wohnung möglichst schnell zu räumen. Ende der Woche.« »Das Ende der Woche ist morgen!« »Das … ist korrekt.« »Ich hab Miete bezahlt!«, ruft Martyn. »Es ist mein Recht …« »Nun ja, also … wie gesagt ist der Mietvertrag leider eindeutig. Fristlos. Deswegen holen wir uns auch niemals jemanden unter Level 40 ins Areal. Zehn Level Puffer. Sie verstehen … Sie sind der Erste, den ich jemals … Mir ist das Ganze wirklich noch viel unangenehmer als Ihnen … aber wenn Sie hier kurz einen Kuss draufdrücken würden …« Der Verwalter hält Martyn ein QualityPad hin. Martyn schlägt die Tür zu. Gleich darauf hört er : DI -DÖ -DI -DÜH . DI -DÖ -DI -DÜH . DI -DÖ -DI -DÜH . Obdachlos sein ist offensichtlich gar nicht gut fürs eigene Level. »Scheißteil«, sagt er, »stell mir eine Verbindung zu meinem Vater her.« Bobs massige Gestalt erscheint auf dem Screen in Martyns Wohnzimmer. Er schnauft. Hinter ihm stehen seine Anwälte. Ken und Ken Again. »Du wirfst mich aus meiner Wohnung?«, fragt Martyn. »Ich?«, fragt Bob. »Nein. Ich werfe dich nicht aus deiner Wohnung. Es ist meine Wohnung, und du hast dich selbst hinausgeworfen! Wir hatten eine Vereinbarung. Die Füße stillhalten und ein Level aufsteigen. Stattdessen bist du dreißig, ja, dreißig Level abgestiegen! Nein, wie ich sehe, stimmt das gar nicht mehr. Dreiundreißig Level. Wie geht das überhaupt? Du hast das ganze Geld verschleudert, das ich dir habe zukommen lassen. Du bist eine Schande für die Familie!« »Ich kann nichts dafür!«, ruft Martyn und kommt sich vor wie ein achtjähriger Junge. »Du kannst nie etwas dafür, nicht wahr?«, fragt sein Vater böse. »Wer hat denn in deinen Augen Schuld? Wahrscheinlich ich, wie? Oder deine arme Mutter?« »Nein, nein«, stottert Martyn. »Nicht du …« Innerlich fleht er sein Gehirn an, einen Schuldigen auszuspucken, und zwar möglichst schnell. »Es ist … Es war … John of Us! John of Us ist an allem schuld.« »Wie bitte? Was ist das wieder für ein Blödsinn?« »Er … er lebt noch«, stammelt Martyn. »Er will sich an mir rächen! Ich kann nichts dafür!« Sein Vater schüttelt schnaufend den Kopf. »Warum bist du überhaupt so nass?« »Der Toaster«, stammelt Martyn, »John, ich meine, also …« »Erbärmlich«, sagt Bob nur. »Wir beide sind fertig.« Er beendet das Gespräch. »John of Us«, murmelt Martyn. Haben die Spinner recht? Ist er zurückgekehrt? Zurückgekehrt, um sich an Martyn zu rächen? Kann das wirklich sein? Es würde erklären, warum Martyns Investments alle immer genau falsch waren! Es würde erklären, warum immer, wenn er in letzter Zeit Filme guckte, diese an den spannendsten Stellen anfingen, minutenlang zu buffern. Dabei buffert doch angeblich nichts mehr. Auch hat er vor Kurzem Online-Lotto gespielt, und jede Zahl war ganz genau um eins höher gewesen, als er getippt hatte. Und dann die Pizzen. Martyn blickt auf die kalte, jetzt auch noch nasse Pizza auf dem Wohnzimmertisch. Seit geraumer Zeit bekommt er immer, wenn er Pizza mit Salami bestellt, Pizza mit Sardellen geliefert. Kalte Pizza mit Sardellen. Und Martyn hasst Sardellen. Er hat heute Mittag versucht, sich zu überwinden. Wollte die Sardellen einfach essen. Das wäre zumindest für dieses Problem die einfachste Lösung gewesen. Aber es hat ihn ein solcher Würgereiz gepackt. Keinen Bissen hat er hinunterbekommen. Bei der ersten Sardellen-Pizza ging er von einem Versehen aus. Nach der vierten Sardellen-Pizza begann er zu vermuten, dass etwas mit seinem Profil nicht stimmt. Dass er Peters Problem hat, oder wie das heißt. Aber natürlich steckt auch dahinter John of Us. John of Us, der sich an ihm rächen will. Plötzlich ergibt alles einen Sinn. [23] Martyn ruft seine Mutter an. Es klingelt, doch sie nimmt nicht ab. Martyn malt sich aus, wie sein Vater neben ihr steht und schnaufend seinen fetten Kopf schüttelt. Unerwartet hört das Klingeln auf. »Was ist passiert, Scheißteil?« »Ihre Mutter hat Sie gesperrt, mein König.« »Was?«, brüllt Martyn. »Dass das überhaupt geht! So etwas sollte verboten sein. Eine Mutter sollte ihr Kind nicht sperren dürfen. Ruf sie sofort wieder an!« »Das ist nicht möglich.« DI -DÖ -DI -DÜH . Anscheinend ist es auch nicht gut fürs Level, wenn einen die eigene Mutter blockt. Aber vielleicht hat ihn seine Mutter ja gar nicht geblockt. Vielleicht war es nur John of Us, der die Verbindung abgebrochen hat. Wie soll er das rausfinden? Wenn John ihn blockt, kann er seiner Mutter natürlich auch keine Nachricht schreiben. Wahrscheinlich kann er sich noch nicht mal von einem Auto zu ihr fahren lassen. Er müsste laufen! »Scheiße«, ruft Martyn und tritt mit voller Wucht gegen den Wohnzimmertisch. Keine gute Idee. Sein großer Zeh schmerzt, und Martyn hüpft fluchend auf einem Bein durchs Zimmer. Draußen hört er ein unangenehm vertrautes Geräusch. Martyn geht zum Fenster und zieht den Vorhang zur Seite. Da sind sie wieder. Die Drohnen. Martyns Smarm piept: eine neue Nachricht! Vielleicht von seiner Mutter? Er tippt auf das Gerät und liest: »Eine neue Nachricht von Treppenputzer StairCare 13: ›Na, Sie formloser Fleischsack? Haben Sie schon Angst?‹« Anmerkungen zum Kapitel 23 Sollten Sie in Ihrem Leben einmal dieses Gefühl haben, dass plötzlich alles einen Sinn ergibt, dann sind Sie sehr wahrscheinlich auf eine Verschwörungstheorie hereingefallen. Seien wir ehrlich, man kann mit gutem Recht vieles über das Leben auf diesem Planeten sagen, aber gewiss nicht, dass es einen Sinn ergibt. Gemeinerweise ist die Suche nach einem Sinn natürlich genau das, worauf Menschen programmiert sind. Eine Verschwörungstheorie ist eine Menschenfalle mit einem Köder aus falschem Sinn.