SCHAU DIR MAL BILLY & SHILOH BLUE AN! SIE LEBEN ECHT NOCH WIE KABELZEITMENSCHEN! - QualityLand 2.0
By Marc-Uwe Kling
Irgendwann im Leben eines jeden Kindes kommt der Punkt, an dem die Bewunderung für die eigenen Eltern einem neuen Gefühl Platz macht, das sich mit einem Wort beschreiben lässt: peinlich. Jahre später weicht dieses Gefühl dann einem milden Lächeln, gefolgt von einem Seufzer. So weit ist Peter aber noch nicht.
Trotzdem hat er beschlossen, mal wieder seine Eltern zu besuchen. Und zwar nicht, weil es neuerdings dafür RateMe-Bonuspunkte gibt. Das hat nichts damit zu tun. Gar nichts. Absolut gar nichts. Es ist Peter nämlich egal, dass ihn gefühlt nur noch ein paar Punkte von Level 19 trennen. Völlig egal. Absolut völlig egal. Aber Level 19. Das ist natürlich schon was. Auf Level 19 ist nicht jeder. Das mit den Bonuspunkten für den Besuch bei den Eltern haben sich die Verantwortlichen übrigens von Quan 1 abgeschaut. Und wie so oft ist nicht ganz klar, wer diese Verantwortlichen eigentlich sind. In vielen Kommentaren musste sich RateMe die Frage gefallen lassen, ob es den Besuch bei den eigenen Eltern nicht spürbar entwerte, wenn man ihn nicht aus Liebe ausführt, sondern um Bonuspunkte zu gewinnen, aber RateMe hat, wie so oft, die Statistik auf seiner Seite. Den meisten Eltern ist es offenbar egal, warum genau ihre Kinder mal wieder vorbeischauen, sie wollen einfach nur, dass sie mal wieder vorbeischauen. Peters Eltern wohnen in einem relativ billigen Außenbezirk von QualityCity. Als er bei ihrem stapelbaren, aber ungestapelten Kompakthaus ankommt, trifft quasi zeitgleich eine Drohne von FooDrones ein. Sicher hat seine Mutter die Bestellung an Peters Ankunftszeit gekoppelt. »Ich habe eine Lieferung für Shiloh Blue Upcyclerin und Billy Möbelpacker«, sagt die absurd gut gelaunte Drohne. »Du kannst sie mir geben. Ich bin ihr Sohn.« »Ich weiß!« »Natürlich.« Peter nimmt die Boxen an sich. »Enjoy!«, sagt die Drohne und schwirrt davon. Sie will keine Punkte von Peter und auch keine Sterne. Nicht wenige Experten vermuten, dass sich FooDrones vor allem deshalb gegen seine zahlreichen Konkurrenten durchgesetzt hat, weil sie als Erste die Zwangsbewertungen abgeschafft haben. (Die Algos von FooDrones errechnen die Bewertung automatisch aus Mimik, Gesten und Tonfall ihrer Kunden.) »Hallo, Peter! Schön, dass du mal wieder vorbeischaust! Du bist ja ein seltener Gast«, sagt die Tür und öffnet sich für ihn. »Hallo, Tür«, sagt Peter. Im Wohnzimmer sitzt sein Vater in einem Gaming-Sessel und zockt auf seiner Playbox. Nach eigener Aussage ist Billy nicht mehr Mitte fünfzig, aber auch noch nicht Ende fünfzig. Er ist Mitte / Ende fünfzig. Und ein Mitte-Ende-fünfzigjähriger Mann mit VR -Brille, Muschelkopfhörern und zwei Control-Guns in den Händen ist zwar gewiss keine Seltenheit, sieht aber ziemlich albern aus. Peter war das früher immer sehr peinlich vor seinen Freunden. Es wäre ihm immer noch peinlich, wenn er noch Freunde hätte. Er nimmt seinem Vater die Brille ab. »Papa«, sagt er. »Wir hatten doch ausgemacht, nicht mehr als eine Stunde am Tag.« »Ja, ja. Ich will nur noch kurz die Map schaffen. « »Wie lange hängst du schon wieder an dem Ding?« »Ich kann jetzt nicht«, sagt sein Vater. »Mein Team braucht mich.« »Papa, du verschwendest deine wertvolle Zeit mit diesem Scheiß.« »Was ist an meiner Zeit wertvoll?«, fragt sein Vater. Darauf weiß Peter leider keine Antwort. »Das Mittagessen ist da«, sagt er nur und präsentiert die Boxen. »Ich komme gleich«, sagt Billy und setzt sich seine VR -Brille wieder auf. Peters Mutter, Shiloh Blue, ist im Schlafzimmer und macht Cyberobics. Cyberobics war vor dreißig Jahren der letzte Schrei. Man hat dabei einen virtuellen Fitnesstrainer, meistens einen B- oder C-Promi, der durch diverse Kameras deine Bewegungsabläufe überwacht und gegebenenfalls korrigierend eingreift. Shiloh macht ein Programm für ältere Frauen, angeleitet von der wieder aufgetauten Jennifer Aniston. Peinlich. [18] »Hallo, Mama«, sagt Peter. »Oh, hallo, Hase«, sagt seine Mutter völlig außer Puste. »Konzentrier dich, Shiloh!«, sagt Jenny. »Immer bei der Sache bleiben.« »Gibt’s Mittagessen? Ich komme.« »Erst beendest du das Work-out«, sagt Jenny. »Du willst die gute Jenny doch nicht enttäuschen, Shiloh?« »Sorry, Hase«, sagt Peters Mutter. »Dauert nicht mehr lange. « Es ist faszinierend. Ständig nerven Peters Eltern ihn mit Nachfragen, wann er mal wieder vorbeikommt, aber wenn er dann da ist, haben sie immer anderes zu tun. Aber Peter ist vorbereitet. Er hat neuerdings eine Waffe gegen Langeweile. Eine, die ihn nicht leer und unglücklich macht. Er setzt sich an den Küchentisch und schlägt eines der Bücher auf, die er vom Alten bekommen hat. Zweieinhalb Kapitel später setzen sich seine Eltern endlich zu ihm, und sein Vater tischt auf. Es gibt Quinoa-Salat mit Brokkoli, Goji-Beeren und Ziegenfrischkäse. Dazu inzwischen kalte Süßkartoffelpommes mit Mangochutney. »Ihr esst auch immer das Gleiche«, sagt Peter kopfschüttelnd. »Habt ihr nicht Lust, mal was Neues zu probieren?« »Wir bestellen einfach immer, was uns FooDrones als zu unserem Geschmack passend vorschlägt«, sagt Shiloh. »Geht am schnellsten«, sagt Billy. Shiloh Blue stellt drei Gläser mit einer milchig weißen Flüssigkeit auf den Tisch. Eins schiebt sie vor Peter. »Was ist das?« »Das sind gute Bakterien«, sagt Shiloh. »Bifidobakterien. Die fehlen dir.« »Woher willst du das denn wissen?« »Nun, du warst doch gerade auf der Toilette, und wir haben uns vor Kurzem ein automatisches Stuhl-Analyse-System installieren lassen, das …« Peter hebt die Hand. »Stopp«, sagt er. »Mehr will ich gar nicht hören.« »Wahrscheinlich hast du im Krankenhaus zu viele Antibiotika bekommen«, sagt Billy. »Was ist eigentlich aus dem Mädchen geworden, von dem du letztens erzählt hast?«, fragt Shiloh. »Kiki ist kein Mädchen, Mama! Sie ist eine junge Frau! « »Ja, ja. Schon gut, Hase. Was ist aus der jungen Frau geworden?« »Oh, ganz vergessen zu erzählen«, sagt Peter. »Sie ist im neunten Monat schwanger. Nächste Woche ist es so weit.« »Habt ihr euch getrennt?«, fragt Peters Vater. »Es ist kompliziert.« »Ist es das nicht immer?« »Bei ihm schon«, sagt Shiloh. Peter seufzt. »Will einer von euch noch ein paar von meinen Sükapos?«, fragt seine Mutter. Peter schüttelt den Kopf. Sükapos. Peters Mutter ist für Abkürzungen dieser Art berüchtigt. Peinlich. »Gib her«, sagt Peters Vater, und Shiloh schiebt ihm ihre restlichen Süßkartoffelpommes auf den Teller. »Willst du ein bisschen Zifrikä dazu?« Billy nickt, und seine Frau löffelt den Ziegenfrischkäse auf seinen Teller. »Die QualityCity Commandos haben ja einen neuen Scharfschützen eingekauft«, sagt Billy mit vollem Mund. »Wenn der weiter so gut trifft, dann wird es dieses Jahr vielleicht endlich was mit der Counterstrike-Meisterschaft.« »Mhm«, sagt Peter. Es fällt ihm nicht leicht, Interesse für die E-Sport-Begeisterung seines Vaters zu heucheln. Er versteht schon, dass das einen Sinn von Gemeinschaft stiftet, wenn man zusammen in diesen abgedunkelten Hallen sitzt und sein Team anfeuert. Auch Billys Brüder Ivar und Pax sind große Commandos-Fans. Aber Peter kommt es wie eine unglaubliche Zeitverschwendung vor. Doch wahrscheinlich ist gerade das der Sinn der Veranstaltung. »Wie geht’s auf der Arbeit?«, fragt Peter, um das Thema zu wechseln . »Ach, lauter dumme Kühe«, sagt Billy. »Aus irgendeinem Grund kriege ich immer die Fälle mit den dummen Kühen.« Peters Vater arbeitet seit Kurzem in einem Remote Driver Center. Dort sitzt er mit einem Lenkrad in der Hand und zwei Pedalen unter den Füßen vor einem Bildschirm. Immer wenn ein selbstfahrendes Auto auf eine ihm unklare Verkehrssituation stößt, gibt es die Kontrolle an einen Fernsteuerungsfahrer wie Billy ab. In ländlichen Gebieten haben diese unklaren Situationen erstaunlich oft mit Kühen zu tun, die auf der Straße stehen und nichts tun, außer dumm zu gucken. »Meistens kann man nichts weiter machen, als die Fahrgäste zu bitten, auszusteigen und die Kühe von der Straße zu schieben«, sagt Billy. »Würde mich nicht wundern, wenn sich am Ende herausstellt, dass es so eine Kuh war, die diesen bescheuerten Dritten Weltkrieg ausgelöst hat.« »Den was?«, fragt Peter. »Den Dritten Weltkrieg«, sagt sein Vater. »Hast du denn nichts davon mitbekommen?«, fragt seine Mutter. »Der Dritte Weltkrieg ist ausgebrochen?«, fragt Peter geschockt. »Keine Sorge, Junge«, sagt sein Vater. »Er ist auch schon wieder vorbei.« »Er ist schon wieder vorbei?«, fragt Peter, nun völlig verwirrt. »Hat nur acht Stunden gedauert«, sagt seine Mutter. »Nur acht Stunden?« »Ist auch schon ein paar Tage her«, sagt sein Vater. »Wie bitte?« »Wie kannst du denn nichts davon mitbekommen haben?«, fragt Shiloh. »Wie lange hast du denn schon nicht mehr Nachrichten geguckt?« »Ich habe heute früh Nachrichten geguckt«, sagt Peter. »Aber anscheinend sind meine Filter der Meinung, dass mich ein geschichtlicher Ameisenfurz wie der Dritte Weltkrieg nicht interessiert. Stattdessen habe ich einen absurd langen Bericht darüber gesehen, dass Conrad Kochs jüngster Sohn jetzt mit einer einundvierzig Jahre älteren Schauspielerin zusammen ist, die vor Jahrzehnten die Hauptrolle in Susie und die Roboter gespielt hat, der Lieblingsserie von Conrad Koch junior, und deshalb …« »Peter«, sagt seine Mutter, »ganz ruhig.« »Aber mein Profil ist immer noch falsch!« »Immer regst du dich so doll über Kleinigkeiten auf«, sagt Shiloh. »Wie mit dem Delfinvibrator«, sagt sein Vater. »Den hättest du doch einfach mir schenken können«, sagt seine Mutter. »Mama!«, ruft Peter. Peinlich. »Wer will Nachtisch?«, fragt Shiloh. »Chiasamen-Pudding?«, fragt Peter. »Was sonst?«, fragt Billy. »Oh. Bevor ich es vergesse, Hase«, sagt Peters Mutter. »Vielleicht kannst du mal mit dem Staubsauger reden. Er saugt neuerdings nicht mehr unter dem Bett.« Peter, der sich gerade einen Löffel Pudding in den Mund geschoben hat, verschluckt sich daran und hustet kleine, glibschige Chiasamen durch die Gegend. »Alles in Ordnung, Hase?«, fragt seine Mutter. »Ja, ähm, ich muss los«, sagt Peter und steht auf. Er drückt seine Mutter zum Abschied, hält seinem Vater nur kühl den Fuß zum Low Five hin und ist schon zur Küchentür hinaus. »Das war abrupt«, sagt sein Vater. »Ein kurzer Besuch«, sagt seine Mutter. »Na, dafür wird er bestimmt nicht viele Punkte bekommen.« »Und seine Bakterien hat er auch nicht getrunken. « Peter kommt zurück in die Küche. In der Hand hält er den Staubsaugroboter. »Den hier nehme ich mit«, sagt er. »Danke, Hase«, sagt seine Mutter. »Nenn mich nicht Hase«, ruft Peter und ist schon wieder verschwunden. »Niemand«, sagt er, als er das Haus verlässt, »bestelle einen neuen Staubsauger für meine Eltern. Selbes Modell.« »Sehr gerne, Peter.« »Tschüss, Hase«, ruft ihm die Tür hinterher. »Tschüss, Tür.« Vor dem stapelbaren, aber ungestapelten Kompakthaus landet in diesem Moment mit dem üblichen Getöse eine Passagierdrohne. Zwei schwarze Typen in weißen Anzügen springen heraus. Peter seufzt. Auch das noch. »Na, wenn das nicht Tom und Jerry sind«, sagt er. »Eigentlich heiße ich ja Tim«, sagt der größere der beiden sehr großen Männer. »Was?« »Der Chef hatte mich falsch verstanden, als ich mich ihm vorgestellt habe, und dann habe ich irgendwie den richtigen Zeitpunkt verpasst, ihn zu korrigieren, und jetzt arbeite ich halt schon ein paar Jahre für ihn, und es wäre zunehmend unangenehmer, das Ganze klarzustellen.« »Verstehe«, sagt Peter. Er richtet seinen Blick auf Jerry. »Jimmy«, sagt dieser nur. »Hat er dich auch falsch verstanden?« »Nee. Ich glaube, er findet es einfach witzig, mich Jerry zu nennen. Wegen Tom.« »Der gar nicht Tom heißt …« Jimmy zuckt mit den Schultern. »Kann man nichts machen.« »Was wollt ihr von mir?«, fragt Peter . »Einsteigen«, sagt Tim. Peter rührt sich nicht. Nach einer kurzen Pause fügt Jimmy hinzu: »Bitte.« »Na also«, sagt Peter und steigt ein. »Geht doch.« Während die Drohne in die Luft steigt, fallen in Peters Gehirn die Gedanken übereinander her. Cyberobics. Wo kam das denn plötzlich her? Wer sagt denn, dass es sein Vater war, der fremdgegangen ist? Vielleicht hatte er ihm unrecht getan. Vielleicht hätte er seinen Vater umarmen und seiner Mutter nur den Fuß hinhalten sollen. Auch dass sie ihre Sükapos nicht aufgegessen hat. Das sah ihr gar nicht ähnlich. Er könnte versuchen, seine Eltern in WorldView zu überwachen. Sicher haben sie sich nicht die Mühe gemacht, sich abzumelden. Aber vielleicht gibt es auch eine ganz und gar unschuldige Erklärung für das Problem. Vielleicht ist ja unter dem Bett seiner Eltern ein Mauseloch, und der Staubsauger hat einfach Angst vor Mäusen. Das ist doch … sehr unwahrscheinlich. Scheiße. Wenn sich die eigenen Eltern trennen und man schon Mitte zwanzig ist, darf man sich dann noch Scheidungskind nennen? Peter will am liebsten nicht wissen, was passiert ist. Wäre er eine Maschine, würde man sagen, er hat einen Kurzschluss, denn er tut etwas ganz und gar Unvernünftiges, das aus gutem Grund streng verboten ist. Doch in diesem Moment sieht er nur noch eine Lösung für sein Problem. Er nimmt den Staubsaugroboter hoch, sagt: »Tut mir leid!«, und wirft ihn aus dem geöffneten Fenster der Drohne. »Ey, Mann!«, ruft Jimmy. »Was soll denn das?« »Ich will nicht darüber reden.« »Es ist voll asozial, etwas aus einer Drohne zu werfen!«, sagt Tim. »Solange ihr Leute entführt, solltet ihr nicht die Moralkeule schwingen«, sagt Peter. »Das ist jedenfalls meine Meinung! « Anmerkungen zum Kapitel 18 Man kann übrigens davon ausgehen, dass Jennifer Aniston nicht wirklich einhundert verschiedene Aerobic-Übungen aufgezeichnet hat. Sehr wahrscheinlich handelt es sich um ein offizielles Deep-Fake-Produkt. Jennys Abbild und Stimme wurden also nur am Computer über eine No-Name-Fitnesstrainerin gelegt. Wenn man es erst mal geschafft hat, berühmt zu sein, sind Deep-Fake-Lizenzen ein schöner Weg, mit keinerlei Aufwand viel Geld zu verdienen.