SIE WAR EIN STAR, HEUTE HÖRT MAN GAR NICHTS MEHR VON IHR. WAS IST EIGENTLICH AUS YNES INFLUENCERIN GEWORDEN? - QualityLand 2.0
By Marc-Uwe Kling
T – 4:03:39:17
Kiki setzt sich eine VR -Brille auf und loggt sich über ein Fake-Profil bei WorldView ein.
»Ich will zu Zuko Zuhälter«, sagt sie. »Dem Monsterbot-Jockey.«
»Die gewünschte Person ist nicht verfügbar.«
Wie so häufig ist der Service nicht so spektakulär wie angepriesen. WorldView funktioniert wesentlich besser für Städte als fürs Land und besser für QualityLand als für den Rest der Welt. Auch das Zeitreisen lässt (noch) viel zu wünschen übrig. Die Vergangenheit wird oft nur rudimentär dargestellt. Sehr viel ist grau. In Unterhaltungen, die nicht aufgezeichnet wurden, sondern nur berechnet sind, reden die Leute ständig über das Wetter. »Das war sicher der heißeste Juni SBDW .« – »Ja, heute ist es auch wieder sehr warm.« Der FutureMode ist häufig geradezu lächerlich. Die Leute bewegen sich durch die Welt wie seelenlose, transparente Non-Player-Characters.
Nur der Echtzeitmodus, das muss Kiki zugeben, ist erschreckend detailgetreu. Zumindest bei ärmeren Leuten. Das liegt zu einem großen Teil daran, dass QualityCorp den Schutz der Privatsphäre als Wettbewerbsvorteil entdeckt hat. Jedenfalls wirbt der Konzern damit. Irgendein Schlaufuchs in der Marketingabteilung hat festgestellt, dass im Gegensatz zu What-I-Need, Everybody & Co. das Geschäftsmodell von QualityCorp nicht aus der Verwertung von Verhaltensdaten besteht. Wahrscheinlich hat ihn das selbst überrascht. Und tatsächlich sind Leute, die sich die teureren QualityCorp-Produkte leisten können, in WorldView deutlich weniger präsent. Es ist, wie der Alte sagt, denkt Kiki, wir sind auf dem Weg zum Zwei-Klassen-Internet. Ach was … auf dem Weg … längst da.
»Ich will zu Cevin Freelancer«, sagt Kiki. »Monsterbot-Jockey.«
»Die gewünschte Person ist nicht verfügbar.«
Es wäre auch zu einfach gewesen.
»Ich will zu Ynes Influencerin«, sagt Kiki. »Monsterbot …«
Kiki ist sehr überrascht, als sie plötzlich in einem leicht chaotischen Wohnzimmer steht. Das Zimmer ist ganz frei von berechnetem Plastikgrau. Wenn man in einer Wohnung so glasklare Bilder bekommt, benutzen die Bewohner meist entweder das günstige Smart-Home-System von What-I-Need oder deren ebenfalls relativ günstige AR -Brillen und -Kontaktlinsen. Ein weiterer unterschätzter Spion ist natürlich der Staubsaugroboter. Er kartiert die Wohnung bis in den letzten Winkel. Frage: »Warum sind die neuen Staubsauger so leise?« Antwort: »Damit ihre Mikrofone genug hören können.« Also mal ehrlich. Wofür brauchen Staubsauger Mikrofone? Wer ist denn auf diese Idee gekommen?
Zuerst glaubt Kiki übrigens, dass WorldView einen Fehler gemacht hat. Die überaus füllige Matrone, die auf der Couch sitzt, Commercial Shows guckt und dabei LowFat-FeSaZus inhaliert, als wären sie frische Bergluft, kann unmöglich die einst berühmte Monsterbot-Kämpferin Ynes Influencerin sein.
»Ich will in die Vergangenheit«, sagt Kiki. »Ynes’ letzter Kampf.«
Kiki findet sich in einem Stadion wieder. Ein paar Details sind ausgegraut, aber nicht viele. Über eine live übertragene öffentliche Veranstaltung existieren natürlich viele Daten. Kiki geht auf Ynes zu, die sich in ihrem Kampffeld abmüht. Jung und athletisch sieht sie aus. Aber sie ist eindeutig dieselbe Person. Ihr Mo-Cap-Suit wirkt seltsam klobig und unpraktisch. Kiki gönnt sich ein kurzes Schaudern über die Vergänglichkeit. Ynes springt in die Luft zu einem beeindruckenden Kick. Als sie wieder landet, macht ihr Sprunggelenk ein Geräusch wie ein trockener Ast, der unter einem schweren Stiefel bricht. Es ist eines dieser Geräusche, bei denen alle Umstehenden unwillkürlich eine Grimasse schneiden. Selbst Kiki verzieht das Gesicht, obwohl sie Jahre später und nur virtuell anwesend ist. Ynes liegt am Boden und schreit vor Schmerzen. Schnell wünscht sich Kiki in die Gegenwart zurück.
Dort sitzt Ynes immer noch auf der Couch. Sie schreit nach einer Tatra. Ein hübsches neunjähriges Mädchen kommt ins Wohnzimmer gehüpft.
»Bring Mama eine Diet-Coke«, sagt Ynes.
Kiki sieht sich die Fotos an der Wand an. Ynes hat offenkundig fünf Kinder und zwei Enkelkinder. Kiki geht durch die Wohnung. Je zwei der Kinder teilen sich ein Zimmer. Die Älteste ist wohl schon ausgezogen.
Es sollte niemanden überraschen, dass seit dem Start von WorldView allerhand Leute sehr viel Zeit damit verbringen, anderen Menschen beim Leben zuzuschauen. Es ist, als sei der Traum der Massen wahr geworden, und endlich hat jeder seine eigene Reality-Show. Product Placement in Filmen ist ein alter Hut. Inzwischen kann man Geld verdienen durch Product-Placement im eigenen Leben. Vorausgesetzt natürlich, dass man genügend Zuschauer hat, um das Interesse der Firmen zu wecken. Es gibt Menschen, die ihr Geld damit verdienen, dass ihnen andere beim Leben zuschauen. Ist es das, was Ynes Influencerin macht? Ist sie ein WorldView-Star? Bekommt sie die LowFat-FeSaZus von Koch Foods gestellt? Kiki nutzt ihren Admin-Account, um auf Ynes’ Zuschauerzahlen zuzugreifen, und stellt fest, dass sie die Einzige ist, die Ynes beobachtet. Offensichtlich legt sie keinen Wert darauf, dass jemand ihrem Leben zusieht. Dafür geht es bei ihr auch noch viel zu gesittet zu. Es sind ja immer die Extreme, die Zuschauer anlocken. Viele Familien überbieten sich im Kampf ums Publikum geradezu mit asozialem Verhalten. Diese WorldView-Stars können sogar durch den Verzicht auf bestimmte Produkte Geld verdienen. Als Anbieter eines hochklassigen Parfüms will man natürlich vermeiden, dass die eigenen Produkte im Badezimmer von Mama Messie stehen.
»Ich wünsche mich nach gestern Abend«, sagt Kiki. »Selber Ort.«
Nun sind vier Kinder anwesend. Auch Ynes’ Mann sitzt mit am Tisch. Er bringt es auf eine ähnliche Fülle wie sie. Kiki geht näher heran. Die Familie wirkt eigentlich ganz glücklich. Sie lachen und machen Scherze, und sie spielen ein Brettspiel. Ein verdammtes Brettspiel.
»Also ich biete ein Getreide für ein Schaf«, sagt Ynes.
Es könnte natürlich sein, dass das hier die beste Tarnung der Welt ist, aber irgendwie bezweifelt Kiki stark, dass Ynes ein geheimes Doppelleben als zwielichtiger Unterweltkiller führt.
»Zwei Getreide«, sagt Ynes. »Zwei Getreide und ein Holz für ein Schaf. Ich brauche ein Schaf!«
Offensichtlich eine Sackgasse. Kiki loggt sich aus.