SIEBZEHN - QualityLand 2.0
By Marc-Uwe Kling
Martyn findet, dass seine neueste Erkenntnis es wert ist, als Aphorismus überliefert zu werden. Sie lautet folgendermaßen: Alte Freunde melden sich höchstens mit neuen Ausreden. Er wohnt jetzt in einem schäbigen Zimmer von Cheapmotels und hat entsprechend schlecht geschlafen. Es ist, als würde das ganze Motel brummen und vibrieren. Martyn hätte sich auch ein besseres Hotel leisten können, aber die guten fordern natürlich alle Mindestlevel, und außerdem hat er keine Lust gehabt, Menschen zu sehen. Vielleicht hatte er auch nur keine Lust darauf, dass Menschen ihn sehen. Die Cheapmotels sind deswegen so billig, weil sie komplett ohne menschliche Belegschaft auskommen. Der Slogan, den sich offensichtlich auch eine Maschine ausgedacht hat, lautet: Cheapmotels – die preisgünstige Alternative zur Obdachlosigkeit! Kurzzeitig hatte die Motelkette seinem Vater gehört, aber Bob stieß sie ab, als »die Probleme« anfingen.
Die Probleme waren Maschinenstürmer, die Cheapmotels ganz oben auf der Liste ihrer liebsten Anschlagsziele führten. Der neue Eigentümer hatte geglaubt, den Problemen mit Sicherheitsrobotern Herr werden zu können, übersah dabei aber die abschreckende Wirkung, die diese waffenstarrenden Ungetüme auf seine potenziellen Gäste hatten. Er ging bankrott. Und jetzt wird es interessant: Anscheinend informierte niemand die Maschinen vom Bankrott, denn bis zum heutigen Tag betreiben sie die Motels einfach weiter. Vom Geld, das sie durch ihre Gäste einnehmen, werden die laufenden Kosten bezahlt. Irgendwie fasziniert es Martyn. Diese Motels werden wahrscheinlich noch geöffnet haben, wenn die Menschheit längst ausgestorben ist, und außerirdische Archäologen werden in ihnen nächtigen können. Der Gedanke amüsiert Martyn, bis ihm auffällt, dass das Aussterben der Menschheit vielleicht gar nicht so weit in der Zukunft liegt. »Und wennschon«, sagt Martyn in den leeren Raum hinein. »Mir doch egal.« »Was ist Ihnen egal, mein König?«, fragt Scheißteil. »Alles«, sagt Martyn. »Es ergibt alles keinen Sinn.« Er hat recherchiert. Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass es John of Us tatsächlich gelungen ist, sein Bewusstsein ins Netz zu laden. Und selbst wenn, würde John seine neu erworbene Allmacht garantiert nicht dazu nutzen, Martyn auf die Nerven zu gehen. Das zu glauben war wahnsinnig. »Weißt du, was ich gerade denke, Scheißteil?« »Nein, mein König. Soll ich raten?« »Ich denke, dass es ein schlechtes Zeichen ist, wenn man den Großteil seiner Gespräche mit Maschinen führt.« »Die meisten Menschen führen den Großteil ihrer Gespräche mit Maschinen.« »Das ist ein schlechtes Zeichen.« »Eine neue Nachricht von Treppenputzer StairCare 13: ›Ich habe wilde Rachefantasien Ihnen gegenüber! Das nächste Mal, wenn wir uns sehen, werde ich Sie umschubsen, sodass Sie auf dem Rücken liegen und nicht mehr aufstehen können!‹« »Scheißteil! Ich will keine Nachrichten mehr von diesem bekackten Treppenputzer bekommen!« »Mal sehen.« »Was soll das heißen, ›mal sehen‹?« Die automatischen Jalousien seines Zimmers schließen sich geräuschvoll und öffnen sich dann wieder. Das haben sie schon die ganze Nacht über immer wieder getan . »Ihr treibt doch alle ein böses Spiel mit mir!«, ruft Martyn. Dann ist ihm, als würde Scheißteil kichern. Martyn zieht viermal an seinem rechten Ohrläppchen, damit der Ohrwurm herauskrabbelt. Aber nichts passiert. »So leicht werden Sie mich nicht los.« »Was hast du da gerade gesagt, Scheißteil?« »Ihr Ohrwurm scheint Probleme beim Abdocken zu haben, mein König.« Martyn steckt sich den kleinen Finger ins Ohr und beginnt zu pulen. »Das würde ich Ihnen nicht raten, mein König. Den Ohrwurm manuell zu entfernen, kann schwere Verletzungen an Trommelfell und Gehörgang nach sich ziehen.« »Was kommt als Nächstes?«, fragt Martyn kopfschüttelnd. »Nun, mal überlegen«, sagt Scheißteil. »Ich könnte Sie statt mit ›mein König‹ mit immer neuen, skurrilen Beleidigungen ansprechen.« »Wie bitte?« »Sie haben mich schon verstanden, Sie übergeschnappter Wichsknödel.« »Jetzt hört’s aber auf! Du bist selber ein übergeschnappter Wichsknödel!« DI -DÖ -DI -DÜH . »Wofür war das denn jetzt?«, ruft Martyn. »Ich habe keinen Einfluss auf Ihr Level. Aber vielleicht sollten Sie mehr auf Ihre Sprache achten, Sie popelige Hackrübe.« »Scheißteil, ich glaube, du hast einen echten Schaden.« »Sie haben den Schaden, Sie peinlicher Bettpisser.« »Na toll. Jetzt habe ich auch noch eine persönliche Assistentin mit Tourette.« Martyn verlässt sein Motelzimmer. »Wo gehen Sie hin, Sie schwitzender Anzugaffe? « »Setzt du deine Schimpfworte per Zufallsgenerator zusammen, Scheißteil?« »Jetzt sagen Sie mir endlich, wohin Sie gehen, Sie unterbelichteter Klobesen!« »Das wirst du schon sehen.« Eine Frau betritt gerade die Lobby des Motels. Sie sieht auf eine prollige Art sexy aus. Normalerweise hätte Martyn ihr nachgestarrt, hätte vielleicht sogar versucht, sie anzumachen. Aber »normal« war aus. »Kommt auch nicht wieder rein«, murmelt Martyn grimmig. Er verlässt das Motel durch die noch geöffnete Tür. Zumindest versucht er es, denn gerade als er hindurchwill, schließt sich die Tür und klemmt ihn ein. »Was soll denn das immer?«, ruft Martyn, während er mit der Tür kämpft. »Bin ich denn Luft für euch?« Die Frau eilt ihm zu Hilfe. Sie muss gar nicht viel machen, denn kaum hat sie sich genähert, da öffnet sich die Tür von selbst. Martyn grummelt irgendetwas, das ein »Danke« sein könnte, und tritt auf die Straße. Erstaunlicherweise wird das Brummen, das er die ganze Nacht über gehört hat, draußen lauter statt leiser. Er wirft einen Blick zurück und sieht, dass das ganze Gebäude von Drohnen wimmelt. Manche kleben mit ihren Saugfüßchen an den Wänden, die Solarkollektoren ausgebreitet, andere krabbeln umher auf der Suche nach ihrem Sonnenplätzchen, wieder andere schwirren um das Gebäude herum. Das Ganze erinnert Martyn unangenehm an Wespen auf ihrem Nest. Er schüttelt sich. Die Ampel direkt vor dem Motel ist grün. Martyn tritt heran, da wird sie plötzlich rot. Aus alter Gewohnheit will er die Ampel auf Grün schnipsen. »Diese Fähigkeit ist auf Ihrem aktuellen Level leider, leider nicht verfügbar, Sie grenzdebile Hackfresse. Das tut mir wiiiirklich schrääääcklich leid.« »Mit dir rede ich nicht mehr.« Die Ampel vor Martyn wird und wird nicht wieder grün. Eine erste Drohne löst sich vom Motel und fliegt in seine Richtung. Weitere folgen. Sie sammeln sich über ihm. Martyn beschließt ein Experiment. Er entfernt sich von der Ampel und schlendert pfeifend den Gehweg entlang. In Quan 5 ist Pfeifen seit einiger Zeit verboten, weil es die Gesichtserkennungsalgorithmen verwirrt. Hat Martyn jedenfalls irgendwo gelesen. Die Drohnen folgen ihm. Nach zehn Schritten dreht er sich abrupt um. Die Ampel ist grün. Martyn rennt zurück. Genau als er ankommt, schaltet die Ampel wieder auf Rot. »Na gut«, sagt Martyn. »Na gut. Wenn du so spielen willst.« Er beginnt die Straße zu überqueren, ohne sich vom Verkehr beirren zu lassen. Die autonomen Fahrzeuge haben das neue Hindernis in Sekundenbruchteilen erkannt und bremsen ab, ohne dass es zu Unfällen kommt. Aber sie hupen erbost. Und in all dem Hupen hört Martyn auch noch etwas anderes: DI -DÖ -DI -DÜH . Er streckt den Drohnen den Mittelfinger entgegen und ruft: »Fick dich, John of Us! Fick dich!«