WARUM DAUERBERIESELUNG MIT SCHEISSE GEFÄHRLICH SEIN KANN. (Du musst dich schützen!) - QualityLand 2.0
By Marc-Uwe Kling
Die Leute im großen Auditorium schreien. Als ob das etwas bringen würde. Aisha gibt keinen Ton von sich. Sie fragt sich, welchen evolutionären Zweck das Schreien wohl erfüllte. Sollte es den Angreifer in die Flucht jagen oder die eigenen Artgenossen warnen? So oder so. Hier und heute ist beides ziemlich sinnlos.
Die schwer bewaffneten Männer stellen sich schützend vor den Präsidenten. Ein letzter Schuss, dann nur noch Schreie. Eine Gardistin hilft Aisha auf die Beine. Tony steht schon wieder. Beide werden von der Präsidentengarde zu einem Hinterausgang eskortiert. Aisha ist seltsam entrückt. Mit einem gewissen Erstaunen beobachtet sie, dass all die Menschen um sie herum sehr aufgeregt scheinen. Der Präsident und seine Beraterin werden auf das Dach des Gebäudes geschafft, und als sie in der gepanzerten Präsidentendrohne sitzen, versteht Aisha endlich, dass das alles Wirklichkeit ist. Die Drohne hebt ab. »Was ist da gerade passiert, verdammt noch mal?«, blafft Tony einen der Gardisten an. »Es gab einen Attentatsversuch …«, erwidert dieser. »Ach was!« Tony schnaubt. »Wie konnte jemand unter den Augen der Präsidentengarde mit einem Maschinengewehr in diese Versammlung eindringen? Das will ich wissen!« Der Gardist schweigt. Auch seine Kameradin bleibt stumm. Aisha mustert die beiden. »Was ist?«, ruft Tony. »Antworten Sie mir! « »Sie schämen sich«, sagt Aisha. »Sie haben auch allen Grund, sich zu schämen! Sie haben nicht aufgepasst.« »Nein«, sagt Aisha. »Tony, Sie verstehen nicht, der Attentäter war Mitglied der Garde! Ist es nicht so?« Die beiden Gardisten blicken zu Boden. »Was?«, fragt Tony fassungslos. Auf Aishas Smarm blinkt schon seit geraumer Zeit ein News-Alert. Sie aktiviert ihn. Sollte Henryk trotz des Attentats seine Kandidatur bekannt gegeben haben? Nein. Es gibt einen Gegenkandidaten, aber es ist nicht Henryk. Es ist der Trottel mit dem Sexspielzeug. Als Strategieberaterin des Präsidenten muss sie immer alle Eventualitäten im Blick behalten, aber damit, das muss sie gestehen, hat sie nicht gerechnet. Sie schaltet das Smarm auf Stand-by. Dafür hat sie gerade keine Nerven. Tony wendet sich an Aisha. »Sie!«, sagt er. »Sie haben mich gerettet. Woher haben Sie gewusst, dass wir in Deckung gehen müssen?« »CSC «, sagt Aisha gedankenverloren. »Lucias Stimme war plötzlich in meinem Ohrwurm.« »Eine Verbindung zu Lucia Clickworkerin«, befiehlt Tony. Sofort erscheint Lucias Gesicht auf dem Monitor in der Drohne. Sie hat diesen Anruf offensichtlich erwartet. »Hey, Präs.« Lucia wirkt erstaunlich ernst. Sie hat nicht mal einen Kaugummi im Mund. »Was ist da gerade passiert?«, fragt Tony. »Sie können beruhigt sein, Präs. Nach allem, was ich bisher rausgefunden habe, galt das Attentat nicht wirklich Ihnen.« »Was soll das heißen?« »Es galt mir«, sagt Aisha. »Das ist korrekt«, sagt Lucia . »Tss«, sagt Tony. »Da gehe ich fast bei einem Attentat drauf, und dann galt es noch nicht mal mir!« Aisha schließt kurz die Augen, als die Drohne zu ihrer unsanften Landung ansetzt. Unter dem Schutz der Gardisten steigt Tony auf das Dach des Präsidentenpalastes, Aisha folgt ihm. Die Gardisten werfen wachsame Blicke in die Umgebung. »Werfen Sie lieber wachsame Blicke aufeinander!«, ruft Tony. Das Gespräch mit der CSC -Chefin hat beim Aussteigen nahtlos auf die Smarms von Aisha und Tony gewechselt. Darum wirken beide, als würden sie sehr lange auf die Uhr blicken, während sie zügig übers Dach eilen. »Der Gardist muss sich irgendwie unbemerkt in den Sumpf der Verschwörung über die Neue Galaxis Ordnung verstrickt haben«, sagt Lucia. »Was heißt ›irgendwie‹?«, fragt Aisha. »Ich dachte, ihr überwacht die ganzen Freaks. Wie kann so jemand Mitglied der Präsidentengarde werden?« »Er war nicht auffällig.« Die kleine Gruppe um den Präsidenten hat den Eingang des Palastes erreicht und eilt weiter zu Tonys Büro. »Wie kann jemand nicht auffällig sein, der sich mit diesem Schrott beschäftigt?«, ruft Tony. »Er war früher Content-Moderator bei Everybody«, sagt Lucia. »Das heißt, er hat sich den ganzen Scheiß beruflich reingezogen?«, fragt Aisha. »Um zu entscheiden, was gelöscht werden muss und was nicht?« »Genau. Und das ist ein ganz schön stressiger Job«, sagt Lucia. »Quoten erfüllen unter Zeitdruck. Der übliche Mist. Leider trübt Stress erwiesenermaßen die Urteilsfähigkeit, will sagen, den gesunden Menschenverstand. Darum gibt es immer wieder Fälle, in denen die Content-Moderatoren der Dauerberieselung mit Scheiße nicht standhalten. Irgendwann packt sie der Zweifel, irgendwann kriegt sie irgendein Argument …« »… und sie fangen an, den Schwachsinn zu glauben, den sie eigentlich löschen sollen«, ergänzt Aisha. »Ja«, sagt Lucia. »Wahrscheinlich hat er schon während er für Everybody gearbeitet hat, den Plan gefasst, A.I.sha zu töten. Aber er hat sein finsteres Vorhaben immer schön für sich behalten. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund war er wohl der Meinung, dass das Netz überwacht werde. Und er war sehr diszipliniert, das muss man ihm lassen. Hat trainiert, hat sich fit gemacht für die Garde, wurde tatsächlich genommen.« »Aber du bist ihm auf die Schliche gekommen«, sagt Tony. »Ganz schön spät …«, sagt Lucia. Als die Gruppe Tonys Büro betritt, wechselt das Gespräch automatisch von den Smarms auf den großen Bildschirm des Büros. »Wie hast du ihn enttarnt?«, fragt Aisha. Lucia zögert kurz. »Die Präsidentengarde ist Teil des Militärs«, sagt sie dann. »Als Sie mir Zugriff zum Militärnetz verschafft haben, habe ich vorsorglich alle Mitglieder der Garde markiert. Natürlich habe ich auch noch viele andere Marker. Einer davon haftet allen Content-Moderatoren an. Als der doppelt markierte Gardist unerlaubt seinen Posten verlassen hat, hat das System Alarm ausgelöst.« »Warum der Parteitag?«, fragt Aisha. »Warum hat er mich nicht einfach irgendwann in einem Flur abgeknallt?« »Ich vermute, er wollte die große Bühne, um seine Show abzuziehen.« »Gibt es noch mehr Spinner in der Garde?«, fragt Tony. »Keine für Sie gefährlichen«, sagt Lucia. »Und falls doch, geb ich Bescheid.« Sie lächelt . »Danke, Mädchen«, sagt Aisha. »Jederzeit, Missy«, sagt Lucia, zwinkert ihr zu und beendet die Verbindung. »Die Kleine ist wirklich gut«, sagt Aisha anerkennend. »Wo haben Sie sie eigentlich aufgegabelt?« »Ich hab sie nicht aufgegabelt«, sagt Tony. »Nein?«, fragt Aisha. »Aber so lange kann sie doch noch nicht im Amt sein.« »Ist sie auch nicht«, sagt Tony. »John hat sie eingesetzt.« Aisha guckt plötzlich wie ein kleines Kind, dem man gerade erzählt hat, dass der Weihnachtsmann den Osterhasen gefressen hat. »John hat sie eingesetzt?«, fragt sie. »Eines der wenigen und eines der ersten Dinge, die er getan hat, bevor … Sie wissen schon, bumm …« »Verdammt, Tony! Und wir haben ihr Zugang zum Militärnetz verschafft.« »Ich verstehe nicht«, sagt Tony. »Doppelt markiert … Tss. Das System hat Alarm ausgelöst. Was für ein bekackter Schwachsinn!« »Wovon zum Teufel reden Sie denn?«, fragt Tony. Aisha lässt ihn einfach stehen und verlässt das Büro. »Ich hasse es, wenn sie das macht«, murmelt Tony.