WAS WIRKLICH AUF DEM KONGRESS DER FORTSCHRITTSPARTEI GEPLANT WIRD! UNZENSIERT! - QualityLand 2.0
By Marc-Uwe Kling
Wie schon seit Jahren findet der Parteitag der Fortschrittspartei im riesigen Auditorium des WIN -Hauptquartiers statt. John sah diese Art von Corporate-Sponsorship kritisch. Tony hat kein Problem damit. Sein Problem ist, dass das große Auditorium nicht zum Bersten voll ist, und zwar weil Henryk Ingenieur zeitgleich eine Rede im kleinen Auditorium hält. Ein absoluter Affront. Natürlich gibt es bei einer großen Konferenz immer Veranstaltungen, die parallel laufen müssen. Aber keiner hält eine Rede zur gleichen Zeit wie der Präsident. Wer auch immer diesen Ablauf geplant hat, denkt Aisha, hat sich von Henryk hoffentlich fürstlich dafür bezahlen lassen, denn morgen wird sie ihn persönlich zerlegen, in ein Päckchen packen und als Retoure an TheShop schicken. Aisha blickt ins Publikum. Sie steht ein Stück hinter Tony auf der Bühne.
»Jetzt stehe ich schon wieder hinter ihm«, denkt sie und muss lächeln. »Und jetzt habe ich auch noch gelächelt … Das wird die Herzen aller Verschwörungstheoretiker höherschlagen lassen.« Stumm, aber überdeutlich artikuliert sie zwei Worte: »Fickt euch.« »… wenn wir nicht wollen, dass Demokratie, Freiheit und Menschenrechte nur hohle Begriffe sind …«, sagt Tony. Er hält die Rede, die Aisha ihm geschrieben hat. »… dann, äh, müssen wir auch bereit sein, dafür zu kämpfen …« Und er hält sie schlecht . »… und zwar, äh, hier in QualityLand …« Auswendig kann er sie natürlich nicht. »… und überall auf der Welt …« Wenn er wenigstens flüssig den Text sprechen würde, den ihm seine Kontaktlinsen einblenden. »Dieser Krieg war eine schreckliche Tragödie …« Aisha würde es wundern, wenn er die Rede zuvor auch nur überflogen hätte. »… aber leider unvermeidlich!« Sie könnte ihn alles sagen lassen. »Ich bin ganz ehrlich mit Ihnen: Wir wollten nie autonome Waffen!« Vielleicht würde sie sich das nächste Mal ein bisschen Spaß gönnen und ein paar Easter-Eggs im Text platzieren. Sehr witzig ist es zum Beispiel, sich von einer Freundin ein paar zufällige Wörter geben zu lassen, die man in die Rede einbauen muss. »Aber gegen autonome Waffensysteme …« Einmal hatte Aisha es geschafft, in eine Rede für die alte Präsidentin die Wörter Wackeldackel, Tauchsieder und Matschepampe einzubauen, ohne dass das irgendjemandem komisch vorgekommen war. »… helfen nur, äh, autonome Waffensysteme!!« Aisha kann die Stelle noch auswendig: Ich will in meiner Regierung keine Jasager, keine Kopfnicker, keine Wackeldackel! Ich brauche Leute, die mir sagen, dass die Spirale des Tauchsieders glüht, und zwar bevor die Matschepampe überkocht! »Wir werden diejenigen, die auf dem Altar der Freiheit ihr, äh, Leben geopfert haben …« Aisha könnte Lucia bitten, ihr für die nächste Rede drei Wörter zu geben. »… niemals vergessen. Einen Namen möchte ich hier stellvertretend für all unsere Helden nennen. Janosch Matrose! « Aisha ist so fassungslos, dass ihr der Mund offen steht. »Janosch, deinen Namen werden wir nie vergessen …« Hektisch tippt sie auf ihrem Smarm und schickt eine Nachricht auf Tonys AR -Linsen: »Jonas! Der Junge hieß Jonas …« »Und im Gedenken an, äh, Jonas Matrose«, sagt Tony, völlig aus dem Konzept gebracht, »also, damit sich eine solche Tragödie nie mehr wiederholt, also, äh, habe ich beschlossen … äh … dass wir mit sofortiger Wirkung alle Schnürsenkel verbieten werden!« Jetzt ist Aisha vollends entsetzt. Das stand nicht in ihrer Rede. Tony blickt ins Auditorium. Für einen Politiker gibt es nur eine Reaktion, die schlimmer ist als Buhrufe. Leises Kichern. Die Leute im Auditorium kichern. »Für alte Schuhe wird es natürlich eine, äh, Übergangsfrist geben«, sagt der Präsident. Am liebsten würde Aisha vor Scham im Boden versinken. »Oh Gott«, murmelt sie unhörbar, »ich glaube nicht an dich, aber bitte lass etwas passieren, das diesen Schwachsinn aus den Newsfeeds verdrängen wird …« »Da gibt es nichts zu lachen!«, ruft Tony. »Ich weiß, es gibt hier Leute in diesem Raum, die sind schlauer als wir alle zusammen!« Das grenzt an mathematische Zauberei, denkt Aisha. Ein Teil einer Menge, der größer ist als die Menge selbst. Das ergibt keinen Sinn. »Und all diese schlauen Leute rufe ich dazu auf, mit mir zusammenzuarbeiten an der Optimierung unserer Heimat!« Außer natürlich, wenn es negative Teile der Menge gäbe. Also Leute, die so dumm sind, dass sie die aufsummierte Intelligenz wieder senken. Tony zum Beispiel. »Ich nenne den Plan: QualityLand 2.0!« Je länger sie darüber nachdenkt, desto mehr kommt Aisha zu der Überzeugung, dass es wahrscheinlich in fast jedem Raum Leute gibt, die schlauer sind als alle zusammen. Sie tippt auf ihrem Smarm herum und schickt noch eine Nachricht auf Tonys AR -Linsen. »Bitte hören Sie auf zu improvisieren!« Gleich darauf klickt es in ihrem Ohrwurm, und eine Stimme sagt: »Ducken Sie sich hinter das Rednerpult! Und reißen Sie Tony zu sich herunter!« »Was?«, fragt Aisha. »Jetzt sofort, Missy!« Ohne weiter darüber nachzudenken, lässt sich Aisha zu Boden fallen und reißt den Präsidenten mit sich. »Was tun Sie denn da?«, faucht Tony. Wie zur Antwort zischen Kugeln über ihre Köpfe. »Tod allen Reptiloiden!«, ruft eine Männerstimme. Weitere Kugeln schlagen in das Rednerpult ein. Die Menge schreit in Panik. »Kämpft gegen die Neue Galaxis Ordnung!«, ruft die Stimme. Noch mehr Schüsse werden abgefeuert. Überall um sie herum knallt es. Seltsam losgelöst von den Ereignissen, als sitze sie in einem Holo-Kino, sieht Aisha schwer bewaffnete Männer und Frauen auf sich und den Präsidenten zurennen. »Sei immer schön vorsichtig mit dem, was du dir wünschst«, hat ihr Vater oft gesagt, »du könntest es bekommen.« Die unseligen Schnürsenkel werden jedenfalls keine Schlagzeilen machen. So viel steht fest.