WIE AUCH DU EINEN 13×13 MEGAZAUBERWÜRFEL IN NULL KOMMA NICHTS LÖSEN KANNST! - QualityLand 2.0
By Marc-Uwe Kling
T – 7:13:41:05
Die kleine Spionagedrohne SKY -SPY -3 observiert immer noch das heruntergekommene Gebäude im Maschinenquartier. Sie kann die Frau nicht erkennen, die gerade die schwere Stahltür öffnet, weil sie ein tief ins Gesicht hängendes buntes Kopftuch und eine Sonnenbrille mit großen reflektierenden Gläsern trägt. Aber es ist eine Frau. Also macht sie Meldung.
Mitten im Chaos sitzt der Alte im Schneidersitz auf einem seiner Schreibtische und dreht an einem 13×13 Megazauberwürfel herum.
Plötzlich klopft jemand gegen die Panzerglasscheibe, die seinen Bereich des Raumes von dem Teil trennt, in dem sich die (sehr seltenen) Besucher aufhalten dürfen.
»Hallo, Kindchen«, sagt der Alte, ohne von seinem Würfel aufzublicken.
Kiki klopft erneut gegen die Scheibe. Der Alte greift, ohne aufzustehen, unter seinen Schreibtisch, und ein Teil der Panzerglasscheibe gleitet nach oben.
»Wie kannst du nur so leben?«, fragt Kiki, während sie einen Stuhl frei räumt.
»Gute Frage, Kindchen«, sagt der Alte. »Und die Antwort lautet: mehr schlecht als recht.«
Kiki schafft sich auf einem der Tische Platz und stellt einen Karton darauf .
»Hier. Ich hab dir ein Stück Kuchen mitgebracht.«
»Hast du den etwa selber gebacken?«
Kiki lacht nur. »Ja, ganz genau …«, sagt sie. [17]
»Hat deine M.A.M.A. ihn gemacht?«
Kiki nickt.
»Dann kann man ihn ja sogar essen«, sagt der Alte.
Die ganze Zeit dreht er an seinem Würfel herum. Er hat noch kein einziges Mal aufgeblickt.
»Jetzt leg doch mal das doofe Ding weg!«, ruft Kiki.
Der Alte seufzt, legt den Würfel zur Seite und schnipst direkt vor ihm mit den Fingern, woraufhin kleine Motoren im Inneren des Würfels beginnen, ihn zu lösen. Auf dem schnellstmöglichen Weg natürlich.
»Ein echter Zauberwürfel«, sagt Kiki. »Hast du den gebaut?«
»Nennen wir es ein Hobby.«
»Damit verschwendest du also deine Zeit …«
»Mit irgendetwas muss man sie ja verschwenden, Kindchen.«
»Das ist wahr«, sagt Kiki und reicht ihm das Kuchenstück.
»Ist der zuckerfrei?«
»Ja.«
»Und ohne Insekten?«
»Vermutlich.«
Der Alte verschlingt mit einem Bissen die Hälfte davon.
»Kennst du eigentlich schon meinen neuen Lieblingswitz von der Witzmaschine?«, fragt er mit vollem Mund.
»Nicht schon wieder den mit dem Kurzweil.«
»Nein, nein. Ein ganz neuer. Pass auf: Zwei verliebte Androiden bauen sich ein Baby. Als sie fertig sind, schalten sie es an. Das Baby blickt auf die Androidin und sagt: ›Mamaschine!‹«
Der Alte kichert .
Kiki lächelt milde und seufzt.
»Der ist aber nur so mittelwitzig«, sagt sie.
»Ja, aber dafür kann man ihn verstehen!«
Der Alte nimmt einen zweiten Bissen, und das ganze Kuchenstück ist verschwunden.
»Mit was verschwendest du denn gerade deine Zeit?«, fragt er.
»Du hast schon vom ›Recht auf Vergessenwerden‹ gehört?«
»Natürlich. Eine sehr gute Sache.«
»Eine gute Sache?«
»Ja, sicher. Dass kein Fehltritt mehr vergessen wird, ist doch furchtbar. Das hat die Menschen total versaut. Und zwar interessanterweise in zwei gegensätzliche Richtungen. Es gibt nämlich einerseits total genormte junge Leute, die Angst vor jedem falschen Schritt haben. Die sind unerträglich langweilig.«
»Du meinst Kinder, die schon in der Grundschule an ihren Lebenslauf denken? Teenager, die an ihrer ›Marke‹ arbeiten?«
»Ja. Und andererseits Leute mit dem Motto: ›Ist das Level erst ruiniert, lebt es sich gänzlich ungeniert!‹«
»Lo-levs«, sagt Kiki.
»Gefangen in einem Zustand der Dauerprovokation, die anstrengendste Art von asozial.«
»Ich habe aber gar nicht von der ursprünglichen Idee gesprochen«, sagt Kiki. »Ich meinte die Levelfähigkeit, die daraus geworden ist.«
»Weißt du eigentlich, wie es dazu gekommen ist? Das ›Recht auf Vergessenwerden‹ soll laut Gesetz eigentlich für alle gelten. Die Internetkonzerne haben das nur einfach immer ignoriert. Weil es direkt die Quelle ihrer Profite angreift. Es konnten sich eh nur reiche Leute die notwendigen Anwälte und Prozesse leisten, um das Recht durchzusetzen. Sie taten das allerdings so oft, dass es anfing, die Konzerne zu nerven. Die Prozesse kosteten unnötig viel Zeit und Geld. Darum kam irgendjemand auf die brillante Idee, das Ganze lieber als Service anzubieten. Als Levelfähigkeit. Seitdem können Leute über Level 59 dem System sagen, dass Sachen, die sie in ihrer Jugend oder gestern Abend angestellt haben, aus dem Netz verschwinden sollen. Und dann wird alles gelöscht.«
»Ja«, sagt Kiki. »Dann wird alles gelöscht. Nur …«
»Nur was?«
»Nur nicht in echt natürlich«, sagt Kiki. »Was wird schon jemals in echt gelöscht?«
»Du glaubst, es gibt die Daten noch?«
Kiki nickt. »Es muss so sein! Stell dir einfach vor, dass du auf Level 60 bist, und du hast etwas gemacht, was du vergessen machen willst. Sagen wir einfach, du warst in einem Bordell, hast dich betrunken und bist irgendwie auf den Gedanken verfallen, dass es doch nett sei, in diesem BDSM -Kontext Selfies von dir und den Mitarbeiterinnen des Etablissements zu machen. Aber am nächsten Morgen denkst du, hm, vielleicht war das doch keine so gute Idee, schließlich bist du ja Gleichstellungsbeauftragter deiner Firma. Also sagst du dem System, es soll alles vergessen, was mit deinem Bordellbesuch zu tun hat. So weit, so gut.«
Kiki blickt den Alten an. »Ich kann noch folgen«, sagt er.
»Aber vielleicht haben ja auch die Mitarbeiterinnen des Bordells ein paar Fotos gemacht. Und einige Wochen später laden sie die aus Spaß oder zu Werbezwecken ins Netz.«
»Wenn das System die Daten wirklich gelöscht hätte, würden diese Fotos im Netz stehen bleiben.«
»Ja«, sagt Kiki. »Aber das tun sie nicht. Die Fotos werden, kaum hochgeladen, aus dem Netz wieder verschwinden. Und das geht nur, wenn …«
»… sich das System daran erinnert, was es vergessen soll. «
»Korrekt.«
»Oh! Das gefällt mir!«, sagt der Alte. »Um vergessen zu können, was es vergessen soll, darf das System nicht vergessen, was es vergessen muss! Das war ein Satz, in dem sehr oft das Wort ›vergessen‹ vorkam.«
»Und folglich gibt es irgendwo Server des Vergessenen.«
»Hm. So etwas wie das kollektive Unbewusste … Das würde Freud gefallen.«
»Und da will ich rein.«
»Du suchst immer noch nach deinen Eltern?«
»Wie du weißt, findet man nichts über mich im Netz. Keine Vermisstenmeldung. Keine Berichte über ein verschwundenes Baby«, sagt Kiki. »Aber weißt du, was ich auch nicht mehr finden konnte? Meine Suchanfragen!«
»Sie wurden gelöscht!«
Die Augen des Alten leuchten auf.
Kiki nickt bedächtig.
Mit einem lauten Knall birst das Fenster in tausend Stücke. Und in der Mitte des Raums landet ein roter, fast gesichtsloser Roboter. Ein neuer Zyklop.
»Ein Ersatz-Avatar?«, seufzt Kiki. »Das ist nicht fair.«
»So sieht man sich wieder«, sagt der Puppenspieler.
»Kennen wir uns?«, fragt der Alte verwundert.
»Ich meinte nicht Sie. Ich meinte Kiki Unbekannt.«
»Ach so«, sagt der Alte. »Ich hatte mich schon gewundert. Sie haben ein recht imposantes Auftreten. Ich hätte mich sicherlich an Sie erinnert.«
»Ich bin der Zyklop«, dröhnt es aus dem Avatar, »Diener des Puppenspielers …«
Der Alte muss lachen.
»Was gibt es da zu lachen?«
»Ich bin der Zyklop«, äfft der Alte den Avatar nach, »Diener des Puppenspielers, und ich bin aus meiner Kindergartengruppe ausgebrochen …«
»Schweig!«, ruft der Zyklop und schießt aus seinem rechten Arm eine Minirakete. Sie fliegt zwischen Kiki und dem Alten hindurch und explodiert an einer Wand, weswegen die Wand nicht mehr Wand sein mag und ihre Existenz als Loch fortsetzt.
Noch bevor sich der Staub gelegt hat, drückt der Alte, schneller, als man es ihm zugetraut hätte, einen Knopf, und mit einem SWUPP senkt sich die Panzerglasscheibe. Kiki rappelt sich auf. Der Zyklop starrt sie durch die Scheibe an.
»Du hast dir neue Freunde gemacht, Kindchen«, sagt der Alte.
»Scheint so.«
Der Zyklop holt aus und schlägt mit voller Kraft gegen die Scheibe. Die Scheibe hält, aber nach dem zweiten Schlag zeichnen sich feine Risse ab. Kiki packt den Alten am Arm und zieht ihn durch das Loch in der Wand. Sie rennen den Flur hinunter Richtung Treppenhaus. Ein lautes Klirren gibt ihnen zu verstehen, dass die Panzerglasscheibe kein ernst zu nehmendes Hindernis für den Zyklopen dargestellt hat.
Anmerkungen zum Kapitel
17 Ironiewahrscheinlichkeit 97 Prozent.