WIRD DIESER MANN DER NÄCHSTE PRÄSIDENT QUALITYLANDS? - QualityLand 2.0
By Marc-Uwe Kling
Das kleine Auditorium ist zum Bersten gefüllt. Natürlich sind absolut gesehen viel weniger Zuhörer hier als beim Präsidenten. Aber die Bilder werden eine andere Sprache sprechen: Bei Henryk sitzen die Menschen dicht an dicht. Bei Tony gibt es viele leere Plätze in den ersten Reihen. Dafür hat Sandra gesorgt. Sie hat Leute angeheuert, die sich frühzeitig im großen Auditorium in die ersten Reihen gesetzt haben. Gleich nachdem Tony seine Rede begonnen hat, sind sie aufgestanden und gegangen.
Henryk tigert im Backstagebereich auf und ab. Sandra ist in seiner Gegenwart immer noch extrem aufgeregt. Seine Augen machen sie nervös. Vor allem das blaue. Sie könnte nicht erklären, warum. »Noch zwei Minuten«, sagt Sandra. Henryk nickt. Es klopft. Ein Sicherheitsmann öffnet die Tür. Peter und seine beiden freundlichen Entführer betreten den Backstagebereich. »Peter«, sagt Henryk. »Da bist du ja endlich.« Er nickt den beiden Sicherheitsleuten zu. »Tim. Jimmy.« Tim und Jimmy salutieren. »Kennst du schon Carlos?«, fragt Henryk und stellt Peter einen jungen Lateinamerikaner vor. »Carlos, diesem Mann verdankst du deinen Job.« »Hola. Gracias«, sagt Carlos und hebt seinen rechten Fuß leicht zum Gruß. Peter schlägt seinen Fuß dagegen. »Carlos schneidet mir immer dreitags den Nagel meines rechten großen Zehs«, sagt Henryk und lacht . Peter verdreht die Augen. »Was ist denn eigentlich mit deinem Gesicht passiert?«, fragt Sandra besorgt. »Ja, was zum Teufel ist mit deinem Gesicht passiert?«, fragt Henryk. »Ich bin nur gestolpert.« »Das hat Conrad Kochs erste Frau auch immer gesagt«, sagt Henryk. »Ich bin wirklich nur gestolpert!«, ruft Peter. »Wie du meinst«, sagt Henryk. »Kein Grund, so zu schreien.« Sandra nimmt ein Abschminktuch und will damit Peters Gesicht reinigen. »Danke«, sagt Peter. »Aber du musst das nicht machen …« Es ist merkwürdig, seiner Ex so nahe zu sein. »Na ja, so kannst du doch nicht auf die Bühne«, sagt Sandra. »Ich will auch nicht auf die Bühne!« »Doch, doch«, sagt Henryk. »Du gehörst zu meinem Team.« »Ich will aber nicht ins Rampenlicht«, sagt Peter. »Das ist nicht gut für meine Beziehung …« »Bist du denn in einer Beziehung?«, fragt Sandra. »Keine Ahnung.« Ihre Blicke treffen sich. »Und du?«, fragt Peter. »Keine Ahnung«, sagt Sandra und lacht. »Los jetzt! Mir nach!«, sagt Henryk und eilt die Stufen zur Bühne empor. Tim und Jimmy nehmen Peter in ihre Mitte und zwingen ihn die Treppe hoch. Applaus brandet auf, als Henryk die Bühne betritt, aber auch einige Buhrufe sind deutlich zu hören. Mal sehen, wie ihm das schmeckt, denkt Peter. »Meine Damen und Herren, liebe Mitglieder der Fortschrittspartei, ich bin nicht der reichste Mann in der Geschichte der Menschheit geworden, weil ich meine Zeit damit verschwende, um den heißen Brei herumzureden«, sagt Henryk. Er setzt eine wohlkalkulierte Pause. Dann ruft er: »Tony muss weg!« Wieder Applaus. Wieder vereinzelte Buhrufe. »Tony ist, und das wissen wir alle, nicht wirklich gewählt! Er ist ein Präsident auf Abruf. Wir können uns das jetzt eingestehen oder bei der nächsten Wahl zusehen, wie Conrad Koch ihn in der Luft zerfetzt.« Peter versucht, sich hinter Tim und Jimmy zu verstecken, aber die schieben ihn immer wieder nach vorne. »Tony hat keine Visionen!«, ruft Henryk. »Er managt QualityLand einfach nur, als wäre es ein Konzern, den man auf Profit trimmen muss.« »Hört, hört«, murmelt Peter. Henryk macht eine wohlgesetzte Betonungspause, während er seinen Blick ins Publikum wandern lässt. Hinten bei den Türen sieht er einen Mann mit Augenklappe. Henryk kann es nicht genau erkennen, aber er glaubt, dass das verbliebene Auge des Mannes blau ist. Der ganze Saal hängt an seinen Lippen, doch Henryk sagt nichts. Sein Mund steht offen. Er starrt nur den Einäugigen an. Sandra hat keine Ahnung, was vorgeht. Sie tippt auf ihrem Smarm herum und schickt Henryk den nächsten Satz der Rede auf seine Kontaktlinsen. Keine Reaktion. »Rickie!«, flüstert Peter, der direkt hinter ihm steht. »Hey, Rickie, du musst was sagen.« Zu Sandras Erleichterung bricht das den Bann. Henryk spricht weiter. »Wofür hat man denn eine Regierung, wenn sie nicht regiert? Wenn sie keinen Weg vorgibt? Wenn sie keine Gesetze erlässt? Es ist in hohem Maße unfair, wenn man die Lösung für gesellschaftliche Krisen dem einzelnen Individuum aufbürdet.« Peter fragt sich, ob er Tantiemen für diese Rede fordern sollte . »Wir brauchen einen Anführer mit Visionen! Jemanden, der mutig vorangeht! Jemanden, der tut, was nötig ist! Deshalb gibt es nur einen Mann, dem wir die Führung dieses großartigen Landes anvertrauen sollten!«, ruft Henryk. »Und dieser Mann …« Plötzlich hört Henryk irgendwo hinter sich – aber das kann doch nicht sein – Schüsse. Schüsse, wie er sie vor Jahren in seinem Büro gehört hat, als ihm eine Kugel sein linkes Auge geraubt hat. Die Geräusche sind nur leise. Im Saal selbst scheinen nur wenige Leute sie wahrgenommen zu haben. Henryks Blick sucht den Einäugigen, kann ihn aber nicht mehr finden. Einer seiner Sicherheitsleute tritt vor und flüstert ihm etwas ins Ohr. Henryks Gesicht erstarrt. »Und dieser Mann«, ruft er ins immer noch gespannt wartende Auditorium, »ist Peter Arbeitsloser!« Er macht einen Schritt zur Seite und zieht Peter, der verblüffter nicht sein könnte, ans Mikrofon. Drohnen surren. Kameras klicken. Peters ramponiertes Gesicht erscheint in Sekundenschnelle in Newsfeeds weltweit. So viel zum Meiden des Rampenlichts. »Äh … also«, sagt Peter. »Ich … äh … Präsident … also …« Da bricht die Menge in Panik aus und drängt wild wuselnd aus dem Saal. »Halt! Stopp!«, ruft Peter. »Ich will doch gar nicht …« Und er will ja auch wirklich gar nicht, aber andererseits findet er doch, dass die Leute überreagieren. So ein schlechter Präsident wäre er bestimmt nicht. Dann hört er die Schüsse und kapiert endlich, was hier los ist. Er dreht sich nach Henryk um, aber der ist schon verschwunden.