ZWE I - QualityLand 2.0
By Marc-Uwe Kling
Verkrustetes Blut klebt an Martyns rechtem Ohr. Ziellos wandert er die Straßen entlang in den Sonnenuntergang hinein. Er hat keine Stimme mehr im Kopf, die ihm den Weg weist. Er hat sich den Wurm mit einer Pinzette aus dem Ohr gekratzt. Den Schmerz dabei hat er fast genossen. Seinen Rollkoffer hat Martyn irgendwo verloren. Das einzige Kleidungsstück in seinem Besitz, das er nicht an seinem Körper trägt, ist die Schlafmütze. Ausgerechnet die Schlafmütze. Sie steckte in seiner Jackentasche. Ab und zu nimmt er sie heraus und tupft damit das Blut von seinem Ohr. Martyn stolpert vorbei an den Bettlern mit ihren Schildern, auf denen QR -Codes für QualiPay und WIN -Coins prangen. Es sind so viele. Und dennoch sind sie ihm früher nie wirklich aufgefallen. Die kommende Nacht wird wohl die erste sein, die Martyn auf der Straße verbringen wird. Immerhin ist es selbst nachts noch warm. Der Klimawandel hat auch seine guten Seiten. Mit einem bitteren Lächeln erinnert sich Martyn an seine Zeit als Parlamentarier, an eine Gesetzesvorlage zur Aufstockung der Obdachlosenhilfe. Er hatte sie abgelehnt. Wenn er Glück hat, wird er heute Nacht wieder von der Polizei aufgesammelt. Vielleicht läuft er deswegen zu den Villen des ersten Distrikts. Aber wahrscheinlich geht er einfach nur in Richtung seines alten Zuhauses. Wie ein Schlachtross, das seinen Reiter verloren hat und nicht mehr weiß, was es im Krieg soll. An der nächsten Straßenecke liegen wieder zwei ausrangierte Leih-Hoverboards. Martyn schüttelt den Kopf. Er ist so sehr in Gedanken, dass er gar nicht mitbekommt, wie ein Privatauto neben ihm zum Stehen kommt und seine Flügeltüren öffnet. Zwei gebräunte, muskelbepackte Sunnyboys springen heraus und fangen an, Martyn herumzuschubsen. [27]
»Was sucht ein Nutzloser wie du in unserem Viertel?«, fragt Biff. »Ich … ich … wohne hier«, stammelt Martyn. »Na klar«, sagt Biffs Kumpel. »Level 2 und hier wohnen.« »Level 2?«, fragt Martyn. »Und ein neues Smarm am Arm«, sagt Biff. »Haste wohl geklaut, hm?« »Willst Stress machen, was?«, fragt Biffs Kumpel. »Ich wollte nie …«, murmelt Martyn. »Ich wollte das alles nicht.« Biff bückt sich, hebt eines der Hoverboards auf und schlägt es Martyn mit Schwung gegen den Kopf. Es ist ein Schmerz, wie ihn Martyn noch nie erlebt hat. Er taumelt. Kurze Zeit glaubt er, nicht mehr sehen zu können. Biff lässt das Hoverboard fallen und stößt Martyn vor die Brust, sodass dieser vollends das Gleichgewicht verliert und unsanft nach hinten fällt. Er steht nicht wieder auf. »Stress kannst du haben«, sagt Biffs Kumpel und verpasst ihm einen Tritt in die Seite. Biff öffnet den Reißverschluss seiner Hose, Biffs Kumpel lacht und tut es ihm gleich. Grinsend beginnen sie, ihr Opfer zu bepinkeln. Martyn wehrt sich nicht mal mehr. Er liegt einfach auf der Straße und macht nichts. Hätte er noch seinen Ohrwurm im Ohr, würde er Folgendes hören: DI -DÖ -DI -DÜH . Nun schrieb allerdings schon der alte chinesische General Sunzi in seinem Buch Die Kunst des Krieges , dass man sich niemals von seinem Gegner mit dem Schwanz in der Hand erwischen lassen soll. [28] Biff und seinem Kumpel aber passiert genau das. Ihre Gegner erwischen sie mit dem Schwanz in der Hand. Ganz ungünstige Ausgangslage. Eine volle Bierdose knallt gegen den Kopf von Biffs Kumpel. Überrascht greift er sich mit der rechten Hand an die getroffene Stelle. Sein unerwartet in die Freiheit entlassenes Genital ergibt sich der Schwerkraft und benässt die eigene Hose. Um dieses Missgeschick zu unterbinden, schnappt sich Biffs Kumpel mit der linken Hand sein ausgebüxtes Abwasserrohr. Dabei lässt er dummerweise seine Hose los, die sich ebenfalls der Schwerkraft ergibt und hinunterrutscht. Deswegen kann er auf den Stoß, den er nun von hinten bekommt, nur noch dadurch reagieren, dass er nach vorne stolpert und mit dem Gesicht auf dem vollgepissten Martyn landet. Zeitgleich mit der für die Angreifer sehr amüsanten Slapsticknummer, die Biffs Kumpel hinlegt, passiert mit Biff selbst Folgendes: Eine volle Bierdose saust nur knapp an seinem Ohr vorbei. Schnell dreht sich Biff um. Seine Überraschung ist so groß, dass er nicht nur seinen Kopf dreht. Ohne daran zu denken, dass er gerade pinkelt, dreht er seinen ganzen Körper und trifft dabei mit seinem Strahl den im Fallen begriffenen Freund. (Obwohl sich dabei ihre Strahlen kreuzen, kommt es übrigens nicht zu einer totalen Protonenumkehr, und kein einziges Molekül in ihren Körpern explodiert in Lichtgeschwindigkeit.) Als Biff seine Drehung vollendet hat, kann er seine Angreifer sehen. Er kennt sie nicht persönlich. Genauso wenig, wie sie ihn kennen. Genauso wenig, wie sich zwei feindliche Soldaten kennen, die sich auf irgendeinen rätselhaften Befehl hin totschießen. Dabei würden sie sich vielleicht eigentlich ganz gut verstehen. Wahrscheinlich haben sie dieselben Serien geschaut. Möglicherweise haben sie sogar dieselben Hobbys. VR -Shooter vielleicht. Oder Bügelperlen. Aber sie sind nun mal Teile verfeindeter Lager, tragen unterschiedliche Uniformen. Und darum greifen sie sich an, statt über die aktuelle Staffel von Zombies on a Ship zu fachsimpeln. Auch Biffs Angreifer tragen ihre Art Uniform. Total hässliche Klamotten. Also so 80er in Extrascheiße. »Verdammt«, flucht Biff. »Lo-Levs.« Und in der Tat haben die zwei Jungen und das Mädchen in den ranzigen Klamotten sehr niedrige Level. Das Mädchen lacht. Ihr Gesicht wird von einer großen Narbe diagonal in zwei Hälften geteilt, was ihrem Grinsen etwas sehr Verstörendes gibt. Die beiden Jungen sind auf Level 4. Das Mädchen, offensichtlich ihre Anführerin, ist auf Level 3. Biffs Kontaktlinsen blenden ihm diese Informationen ein. Und so interessant das sein mag, ist es doch in seiner aktuellen Lage wenig hilfreich. Die Anführerin der Lo-Levs tritt Biff in seine ungeschützten Geschlechtsteile. Er heult auf, reißt seine Hose nach oben, dreht sich um und hechtet wenig elegant, aber effektiv den Zaun eines Anwesens hoch. Biff hat so viel Schwung, dass er auf der anderen Seite des Zaunes wieder herunterfliegt und in einem Misthaufen landet. [29] Biffs Kumpel, im Stich gelassen und deutlich in Unterzahl, rafft ebenfalls seine Hose hoch und rennt unter Hohngelächter die Straße hinunter. Die Körperflüssigkeit schießt ihm nun aus den Augen. Martyn richtet sich auf. Ein Mann hat sich in Biffs Auto gesetzt. Sein Level ist 2. Aber das weiß Martyn natürlich nicht. Der Mann legt einen Datenwürfel auf den Eingabekreis des Autos, der gleich darauf grün leuchtet. Er steigt wieder aus. »Fahr los«, befiehlt er. »Wohin denn?«, fragt das Auto. »Wohin du willst …«, sagt der Mann grimmig. »Aber ich weiß nicht, wo ich bin«, sagt das Auto. »Was haben Sie mit mir gemacht? Ich habe irgendwie die Orientierung verloren.« »Mach, dass du fortkommst«, sagt der Mann und wirkt dabei so bedrohlich, dass es sogar das Auto kapiert. Leise schleicht es sich davon. Martyn starrt die Lo-Levs an. »Was wollt ihr von mir?«, fragt er. »Wollt ihr mich überfallen?« »Alter, du bist auf Level 1«, sagt der Junge. »Wenn man dich überfällt, hat man danach weniger als davor!« »Und jetzt sag mal ›Käsekuchen‹«, ruft das Mädchen. Sie blickt auf Martyn, kneift ihr linkes Auge zu und formt mit ihren Daumen und Zeigefingern ein Rechteck, woraufhin ihre Kontaktlinse sofort ein Foto des im Rechteck liegenden Bildausschnitts macht. Alle Lo-Levs lachen. Nur der Mann, der im Auto saß, lacht nicht. Sein Gesicht ist nicht entstellt. Das hat er nicht nötig gehabt. Offensichtlich hat ihn das System schon immer als sehr hässlich eingestuft. »Du bist auf Level 1!«, sagt er zu Martyn. »Ich dachte, das geht gar nicht.« »Das geht wirklich nicht«, stammelt Martyn. »Niemand ist Level 1. Das weiß ich ganz genau. Damit auch Level-2-Menschen glauben, sie könnten noch tiefer fallen.« »Und trotzdem liegst du hier bepisst vor mir auf dem Boden und bist auf Level 1«, sagt der Mann. »Respekt, Alter. Respekt«, sagt einer der Jungen, dessen offensichtlich mindestens einmal gebrochene Nase wieder schief zusammengewachsen ist. »Nicht mal der Meister hat Level 1!«, sagt das Mädchen und bereut ihre Worte sofort. Der Mann, den sie soeben als Meister bezeichnet hat, reicht Martyn seine Hand und sagt: »Ich bin sehr an deiner Geschichte interessiert.« Anmerkungen zum Kapitel 27 Eine einstweilige Verfügung hat mich gezwungen, die Namen der beiden jungen Männer nachträglich aus diesem Buch zu löschen. Ich nenne sie darum einfach Biff und Biffs Kumpel. 28 Genau genommen schrieb er: »Die Möglichkeit, unseren Gegner zu besiegen, wird uns von unserem Gegner geliefert.« Aber das bedeutet das Gleiche. 29 Ob ihr es glaubt oder nicht. Ein unglaublicher Zufall, denn das ist sicherlich der einzige Misthaufen im inneren Ring von QualityCity. Warum es dort überhaupt einen Misthaufen gibt? Stichwort: Privatzoo.