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Readers Treasury

Kapitel 1 - Engel und Apfelkuchen

By Mella Dumont

»Das macht fünfunddreißig Euro und dreiundzwanzig Cent.«

Sie erwiderte den Blick der Kassiererin und schluckte. »Ja«, flüsterte sie und tastete nach ihrer Tasche. Mechanisch holte sie ein Portemonnaie heraus und fummelte an dem langen Reißverschluss.

Hoffentlich war Geld darin!

Oh. Drei Fünfzig-Euro-Scheine, zwei Zwanziger, ein Zehner, ein bisschen Kleingeld.

Sie starrte auf die Einkäufe. Hinter ihr räusperte sich eine ältere Frau ungeduldig.

»Haben Sie eine Payback-Karte?«, fragte die Kassiererin.

Verdattert schüttelte sie den Kopf und drückte der Frau vierzig Euro in die Hand.

»Vier Euro siebenundsiebzig zurück.«

Sie schluckte und ließ die Münzen im Kleingeldfach verschwinden.

»Ts!« Die Kundin hinter ihr stöhnte.

Langsam räumte sie die Sachen in den leeren Einkaufswagen, der vor ihr stand.

Viel frisches Obst – Bananen, Kirschen, Pfirsiche und gleich ein ganzes Netz voller Limetten. Außerdem eine Tüte mit Käse, ein Körnerbrot, zwei Paprika. Eine Großpackung Waschpulver. Und Katzenfutter.

Katzenfutter?

»Ist alles in Ordnung?«, fragte die Kassiererin.

»Ja«, murmelte sie und rang sich ein Lächeln ab. Dann schob sie den Einkaufswagen aus dem Kassenbereich.

»Na endlich!«, zischte die Kundin hinter ihr und riss der Kassiererin die gescannte Ware fast aus den Händen.

Irritiert hielt sie sich am Griff des Einkaufswagens fest und beobachtete das Schauspiel.

Was machte sie hier?

Und – sie wagte kaum, den Gedanken überhaupt zu denken – wer war sie?

Eine Zeit lang stand sie einfach nur da und versuchte sich zu erinnern. »Das kann doch nicht sein«, flüsterte sie. Sie musste jemanden um Hilfe bitten. Vielleicht hatte sie einen Schlaganfall, da zählte jede Minute.

»Oh! Hallo, Jo!«, rief eine weibliche Stimme. »Jo, warte!« Eine junge Frau mit kinnlangen blonden Locken strahlte sie an, während sie ihre Einkäufe in einen leeren Karton packte.

Jo – war das ihr Name?

»Hey, wie geht’s?« Die Blonde trat auf sie zu, stellte den Karton auf der Ecke von Jos Einkaufswagen ab und nahm sie fest in den Arm. »Wir alle freuen uns auf morgen Abend«, sagte sie und kicherte. »Larissa hält die Fäden fest in der Hand. Es wird großartig, du wirst schon sehen.«

Verdattert stand Jo da und ließ die Begrüßung über sich ergehen.

»Ich bin froh, dass du doch noch zugestimmt hast«, plapperte die Frau weiter. »Wir verstehen ja, dass du wegen deines Berufs ein bisschen verklemmt reagierst, aber ein Junggesellinnenabschied gehört einfach zu einer Hochzeit dazu! Das wird ein unvergesslicher Abend – versprochen.«

Jo nickte, da das offenbar von ihr erwartet wurde. »Bestimmt«, murmelte sie.

Die fremde Frau strich über ihren Arm. »Das ist die richtige Einstellung«, lobte sie. »Du würdest es dein Leben lang bereuen, zumal ihr bei eurer Hochzeit sehr traditionell vorgeht. Naja, vom Standesamt mal abgesehen.«

Jos Hände suchten Halt am Einkaufswagen. Sie würde heiraten!

Wen? Und wann?

»Du bist ja total angespannt!« Die Frau lachte. »Hast du mir nicht neulich noch gesagt: Neele, ich weiß, dass der Schichtdienst im Pflegeheim dich anstrengt, aber du musst dich entspannen, sonst wirst du das nicht lange durchhalten.«

Jo nickte erneut. Also hieß die Frau Neele. »Kannst du mir …«, begann sie langsam.

Ein Handy klingelte. »Oh, das ist bestimmt Larissa! Sie wird wissen wollen, ob …« Neele kicherte und griff in ihre Handtasche. Dabei stieß sie gegen Jos Einkaufswagen und ihr Karton fiel auf den Boden. »Mist!« Hektisch bückte sie sich und sammelte die heruntergefallenen Sachen auf. »Zum Glück habe ich keine Marmelade gekauft«, sagte sie und stöhnte.

Jo wollte ihr helfen, doch dann hielt sie inne. Waren das Kondome? Wer benötigte so viele Schachteln?

Neele blickte kurz auf. »Ups! Das solltest du eigentlich nicht sehen. Ähm … Es sind nur ein paar harmlose Spiele, alles im Rahmen der üblichen Tradition!«

Jo nickte mechanisch. Gerade hatte sie andere Sorgen. »Ich glaube, ich brauche …«, begann sie, doch Neele hatte ihre Einkäufe schon aufgerafft und schielte auf den Ausgang.

»Du, ich muss jetzt los, du weißt schon, die Vorbereitungen.« Sie klemmte sich den Karton unter den Arm und küsste Jo flüchtig auf die Wangen. »Wir sehen uns morgen! Und nicht, dass du kneifst! Das werden wir unter keinen Umständen akzeptieren!«

»Nein, das habe ich nicht vor, aber …«

»Ciao, Jo, wir sehen uns! Larissa holt dich morgen um neunzehn Uhr ab, aber das hat sie dir bestimmt schon mehrfach geschrieben, wie ich sie kenne.« Neele lachte, steckte ihr Handy in die Tasche, ohne den Anruf angenommen zu haben, und verschwand zwischen den vielen Kunden, die ihre vollen Einkaufswagen nach draußen schoben.

Was nun?

Neben der Bäckerei befand sich eine spiegelnde Glasfläche.

Plötzlich fiel ihr ein, dass sie nicht mal wusste, wie sie aussah. War sie blond, so wie Neele, oder dunkelhaarig?

Ihre Handflächen kribbelten, als sie vor die Scheibe trat, um sich zu betrachten. Irgendwie kam ihr das Gesicht, das sie so ängstlich anstarrte, bekannt vor.

Und irgendwie auch nicht.

War sie wirklich schon so alt? Ihre dunkelbraunen Haare fielen lang über ihre Schultern. Sie trug ein dezentes Make-up und war jemand, den sie instinktiv als gepflegte Erscheinung bezeichnen würde. Eine helle Bluse, ein geschmackvoller Blazer. Sie blickte nach unten. Jeans und Halbschuhe aus Leder. War sie schon immer so schlank gewesen?

Oh! Ihre Fingernägel waren frisch lackiert, in einem unauffälligen Beige.

Sie sah auf die Bäckerei. Daneben gab es ein Café. Langsam reihte sie sich mit ihrem Einkaufswagen in die Kundenschlange ein und bestellte sich einen Cappuccino und ein belegtes Käsebrötchen. Vielleicht war sie einfach nur unterzuckert und hatte sich ihre Erinnerungen mit einer strengen Diät weggehungert, um ins Brautkleid zu passen.

Sie bezahlte, stellte das kleine Tablett auf einen Tisch und griff dann nach ihrem Einkaufswagen. Den Gedanken an den Notarzt verdrängte sie. Was sollte sie den Sanitätern erzählen? Dass sie nicht wusste, wer sie war? Ging es noch peinlicher?

Wer war der Mann, den sie heiraten würde? Hoffentlich sah er gut aus! Ein Grinsen stahl sich auf Jos Lippen, als sie sich vorstellte, wie sie zu einem Treffen mit dem Unbekannten ging. Doch dann überflutete sie eine Welle der Scham. Plötzlich fühlte sie sich wie der dümmste Mensch der Welt.

»Ruhig Blut«, flüsterte sie sich selbst zu. Bestimmt war das nur ein kurzer Aussetzer. Hochzeitspanik.

Langsam schob sie den Einkaufswagen neben den Tisch und setzte sich hin. Sie rückte ein wenig hin und her, dann griff sie nach dem Brötchen und biss hinein.

Mechanisch begann sie zu essen und starrte währenddessen die vielen Menschen an. Welcher Tag war heute? Und welche Uhrzeit? Jahreszeit? Nach ihrer Kleidung zu schließen, war es vielleicht Mai oder September.

Und das Jahr?

Sie zuckte zusammen, als ein Handy in der Handtasche klingelte, die sie neben sich auf der mit rotem Kunstleder bezogenen Bank abgelegt hatte.

»Immer diese ständige Erreichbarkeit!«, rief eine ältere Frau, die mit ihrer Freundin Erdbeerkuchen aß. Es war die Kundin, die sich eben an der Kasse so verächtlich geräuspert hatte. »Gehen Sie doch endlich ran!«

Hektisch suchte Jo danach. Eine Larissa versuchte, sie zu erreichen. Das musste die Frau sein, die ihren Junggesellinnenabschied organisierte.

»Hallo?«, meldete sie sich.

»Hey Jo, wie geht es dir?« Larissa klang vergnügt. »Denkst du morgen Nachmittag an den Termin im Krankenhaus? Ich weiß, es ist der Tag von deinem Junggesellinnenabschied, ein wichtiger Tag, aber das hier ist auch wichtig. Du hattest mir doch versprochen, diese Patientin zu betreuen. Zwanzig Jahre, Studentin. Sie ist mitten in der Nacht vor ein Auto gelaufen und lag zehn Tage lang im Koma. Außerdem hat sie einen Oberschenkelhalsbruch. Seit sie aufgewacht ist, schweigt sie verbissen.«

Jo wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Ja, sie gehörte in ein Krankenhaus – allerdings als Patientin.

»Was hast du gesagt?«, fragte Larissa. »Wo bist du eigentlich? Da ist so viel Lärm.«

»Ich war einkaufen«, antwortete sie.

»Lass mich raten – Kopfschmerztabletten, richtig?«

»Hm«, murmelte sie. Wie konnte sie mehr über sich herausfinden, ohne dass diese Larissa Verdacht schöpfte?

»Bist du noch dran?«

»Klar.« Es half alles nichts, sie musste die Chance nutzen – aber nicht sofort. Zuerst würde sie versuchen, einen klaren Kopf zu bekommen. »Kann ich dich in einer halben Stunde zurückrufen? Ich sage dir dann Bescheid.« Sie würde in der Tasche nach Hinweisen suchen und dann … »Nein, ruf du mich an, das ist besser.«

Jo verabschiedete sich von Larissa und dachte nach. Wie sollte sie an die PIN und an das Passwort ihres Handys gelangen? Fieberhaft starrte sie auf das Display. Der Akku stand bei achtzig Prozent. Damit konnte man arbeiten.

Die beiden Damen neben ihr erhoben sich. »Bei dem Lärm kann man ja nicht entspannt reden«, sagten sie und bedachten Jo mit einem abschätzigen Blick, bevor sie nach ihren Tabletts griffen und sich einen anderen Tisch suchten.

Jo registrierte das unfreundliche Verhalten nur am Rande – gerade hatte sie andere Probleme. Erneut sah sie auf das Handy – es war drei Uhr nachmittags an einem Freitag.

Zu ihrer Erleichterung konnte sie das Gerät mit dem Fingerabdrucksensor entsperren. Sie öffnete die Kontakte und fand den Namen Johanna Vogel als ersten Eintrag. Rasch klickte sie darauf, doch außer der Handynummer stand nichts drin. Keine Adresse. »Verflixt!«, murmelte sie. Wenn sie nicht mal den Weg nach Hause fand, musste sie früher oder später doch den Notarzt rufen.

Jo legte das Handy neben sich auf den Tisch und verzehrte ihr Brötchen. Vielleicht würden die Kohlenhydrate ihr auf die Sprünge helfen. Sie löffelte ordentlich Zucker in den Cappuccino und trank.

Nachdenklich starrte sie auf ihr Telefon. Es war riesengroß und sah neu aus. Brandneu. Dann griff sie nach ihrem Portemonnaie und suchte ihren Ausweis.

Johanna Vogel. Das Spiegelbild, das sie eben von sich gesehen hatte, passte zu der Person auf dem Foto. Sie holte den Kassenzettel aus ihrem Einkaufswagen und verglich das Jahr mit ihrem Geburtsdatum. Sie war alt, viel älter, als sie vermutet hätte – schon fünfunddreißig. Auf der Rückseite des Ausweises stand ihre Adresse. Berger Straße 23 in Trier. »Puh!«, flüsterte sie. Immerhin etwas.

Sie öffnete Google Maps auf ihrem Handy und fand dieselbe Adresse dort als ihr Zuhause hinterlegt.

Jo untersuchte ihre hellbraune Lederhandtasche jetzt genauer. An ihrem Schlüsselbund hing ein Audi-Schlüssel. Sie unterdrückte ein Stöhnen. Audis gab es wie Sand am Meer – wie sollte sie den Wagen finden?

Sie trank noch einen Schluck Cappuccino und versuchte, sich an irgendetwas zu erinnern, aber nicht mal ihre perfekt lackierten Fingernägel kamen ihr bekannt vor.

Als Nächstes knöpfte sie sich das Fotoalbum des Handys vor. Seit wann mochte sie Selfies? Die Person, die sie war, ging offenbar häufig spazieren und hatte ein Faible für Landschaftsaufnahmen.

Dann fand sie ein Bild von sich neben einem schwarzen Audi A4 Avant. TR-JV-7777 war das Kennzeichen. JV stand sicher für Johanna Vogel.

Erleichterung machte sich in ihr breit. Sie würde auf jeden Fall nach Hause gelangen.

Konnte sie denn überhaupt Auto fahren? Hoffentlich hatte sie das nicht verlernt, sonst würde sie die schicke neue Karre … Nein, nicht daran denken!

Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete sie den Einkaufskorb. Die öffentlichen Verkehrsmittel kamen – falls es hier welche gab – nicht in Frage. So eine riesige Packung Waschpulver kaufte man nur ein, wenn ein Auto vor dem Laden parkte.

Während sie Fotos anschaute und ihr teures Handy bewunderte, aß sie den Rest ihres Brötchens auf und trank den Cappuccino aus. Dann kaufte sie sich eine Flasche Wasser, die sie direkt vor der Bäckerei halb leerte. War Wassermangel nicht auch für Konzentrationsschwierigkeiten verantwortlich?

Eine innere Stimme flüsterte ihr zu, dass sie schon längst im Krankenhaus sein sollte, da bestimmt ein Blutgefäß in ihrem Gehirn geplatzt war. Aber aus irgendeinem Grund wollte sie das nicht.

Hatte sie Angst vor Ärzten? Nicht einmal daran konnte sie sich erinnern.

Sie zupfte an ihrem Blazer und hängte sich die Handtasche über die Schulter. Dann schob sie ihren Einkaufswagen in Richtung Ausgang.

Draußen sah sie sich um. Die Sonne blendete. Der Parkplatz war riesig. Wie sollte sie in diesem Chaos ihren Audi finden?

Krampfhaft hielt sie den Schlüssel in ihrer rechten Hand fest, schob den Einkaufswagen langsam vorwärts und drückte immer wieder auf den Türöffner, in der Hoffnung, dass die Lichter ihres Autos aufleuchten würden. Zusätzlich starrte sie auf die Nummernschilder.

Ah, dort hinten! Ein leises Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, als sie auf den Wagen zu eilte. Mit routiniertem Griff öffnete sie den Kofferraum und packte ihre Einkäufe in die Kunststoffbox, die darin stand. Offenbar war sie perfekt vorbereitet losgefahren.

Ihre Laune stieg. Sie brachte den Einkaufswagen zurück, setzte sich ins Auto und schnallte sich an. Nach einem kurzen Blick auf die Bordelektronik beschloss sie, ihr Handy als Navigationsgerät zu benutzen, das war am einfachsten. Sie stellte den Heimweg ein und klickte es in den dafür vorgesehenen Halter. Zehn Minuten, das war nicht weit, das würde sie schon schaffen.

Problemlos fanden ihre Finger den Anlasser hinter dem Lenkrad. Sie kuppelte den Rückwärtsgang ein, als sei sie ihr Leben lang immer diesen Wagen gefahren. Trotzdem roch der Innenraum überraschend neu.

Langsam rollte Jo vom Parkplatz und bog nach links ab. Die Verkehrsregeln kannte sie noch, das war schon mal eine prima Sache.

Obwohl sie eigentlich keinen Grund hatte, sich gut zu fühlen, machte sich eine diebische Freude in ihr breit. Falls die Wohnung nur halb so toll war wie das Auto, würde sie sich auf gar keinen Fall beschweren.

Nach einigen Minuten fuhr sie einen Berg hinauf und bog nach rechts in ein Neubaugebiet ab. »Wow!«, rief sie und strahlte.

Eigentlich sollte sie jetzt in der Notaufnahme untersucht werden, aber stattdessen machte sie gerade die größte Entdeckungsreise ihres Lebens.

»Sie haben Ihr Ziel erreicht«, verkündete das Handy nach zweihundert Metern.

Ein Haus?

»Hoffentlich habe ich nicht zu viele Kredite aufgenommen«, sagte sie nachdenklich. Sie ließ das Auto vor die Garage rollen und schaltete den Motor aus.

Eine Nachbarin harkte gerade in ihrem Garten. Jo stieg aus und grüßte mit einem zögerlichen Lächeln. »Hallo.«

»Ihre Katzen haben wieder auf meine Heide gepinkelt, Frau Vogel!«, keifte die Frau. Sie hatte einen verkniffenen Zug um den schmallippigen Mund und wirkte ziemlich säuerlich.

Jo runzelte ihre Stirn.

»Das geht so nicht weiter!«, schimpfte die Frau. »Ich kann doch nicht jede Woche neue Pflanzen kaufen!«

»Haben Sie ein Beweisfoto?« Jo konnte nicht anders, sie musste grinsen.

»Da! Da haben Sie den Beweis!« Die Nachbarin wies mit ihrer Harke auf eine dürre Pflanze. »Katzenurin bewirkt, dass sie eingehen!«

»Wenn ich von solch einem Gesicht umharkt würde, würde ich auch eingehen.«

Plötzlich hörte sie jemanden lachen. Jo blickte sich um und sah, dass der Nachbar zu ihrer Rechten gerade an einem Rosenstock zupfte und sie anlächelte.

»Herr Engel!«, rief die Verkniffene. Dann senkte sie ihre Stimme. »Der ist auch nicht mehr ganz dicht.«

Das freundliche Gesicht des alten Mannes war Jo spontan sympathisch. Sie grinste zurück, griff nach der Box mit ihren Einkäufen, schloss den Kofferraum und marschierte energisch auf die Haustür zu.

Während sie die Kiste auf die Treppe stellte und in ihrer Handtasche kramte, rief die Nachbarin ihr wüste Beschimpfungen zu. Worte wie »frech«, »unverschämt« und »Schadenersatz« kamen darin vor. Jo war viel zu beschäftigt damit, die Schlüssel nacheinander auszuprobieren, um sich darauf zu konzentrieren. Als sie schon fast davon überzeugt war, dass die Nachbarin gleich die Polizei rufen würde, hatte sie endlich den richtigen Schlüssel erwischt. Sie flüchtete vor der schlechten Laune der verkniffenen Frau und ließ die weiße Tür hinter sich ins Schloss fallen.

»Puh!« Wegen der Nachbarschaft war sie schon mal nicht hier eingezogen.

Sie blickte sich um. Ein weitläufiger Flur mit hellen Fliesen war das Erste, was sie wahrnahm. Viele offene weiße Holztüren. Eine geflieste Treppe führte nach oben. Hübsche Bilder an den Wänden, vielleicht selbstgemalt. Oder sogar von einem berühmten Künstler gekauft?

Als hätte sie nie etwas anderes getan, griff Jo nach der Kiste und ging durch die erste Tür auf der linken Seite in die Küche.

Einige Informationen waren offenbar in ihrem Unterbewusstsein noch abgespeichert, das machte ihr Mut. Sie räumte die Käsetüte in den Kühlschrank. In der Seitentür standen drei Flaschen Ginger-Ale.

Jo lächelte. Dafür hatte sie also die Limetten gekauft! Im Gefrierfach fand sie den dazu passenden Beutel Crushed Ice.

»Miau!« Eine schwarze Katze mit flauschig-langem Fell strich um ihre Beine und legte sich wie ein Hund auf den Boden. Jo bückte sich und streichelte ihren weichen Bauch. Die Katze sprang sofort wieder auf und warf sich demonstrativ vor die Schublade unter dem Kühlschrank.

Jo öffnete sie und fand jede Menge Nassfutter. »Hm, welche Sorte magst du wohl am liebsten?«, fragte sie nachdenklich. Sie wählte eines der Aluschälchen und holte einen Suppenteller aus einem der Küchenschränke. Die Katze miaute gierig, während Jo den Deckel aufriss und den Inhalt auf den Teller schüttete. Sobald sie das Futter auf den Boden stellte, fiel das Tier schleckend darüber her, als sei es seit Wochen ausgehungert.

Erleichtert registrierte sie, dass die Katze ganz gut beisammen zu sein schien und dass ein voller Napf mit Trockenfutter in der Ecke stand. Gehungert hatte sie auf gar keinen Fall.

Jo packte die Einkäufe aus, stellte die zusammenklappbare Plastikbox in den Vorratsraum (dafür gab es einen leeren Platz im Regal) und überlegte, was sie als Nächstes tun sollte.

Sie ging ins Wohnzimmer, setzte sich auf die Couch und schloss für einen kurzen Moment ihre Augen.

War sie verrückt geworden?

Vielleicht.

Aber eins stand fest: Das hier war das Abenteuer ihres Lebens.

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