Kapitel 10 - Engel und Apfelkuchen
By Mella Dumont
Als Jo am nächsten Morgen erwachte, hatte sie das Gefühl, etwas sehr Wertvolles verloren zu haben. Stöhnend ging sie zu dem Rollladen, der sich automatisch geöffnet hatte, und ließ ihn wieder herunter. Sie wollte schlafen – schlafen und vergessen.
Doch ihr Körper weigerte sich, noch einmal zur Ruhe zu kommen. Schließlich stand sie auf und ging duschen. Anschließend kochte sie sich einen extra starken Kaffee und setzte sich auf die Terrasse.
Wie würde sie sich an Moritz’ Stelle fühlen? Wenn sie einen Mann kennengelernt hätte, der eine andere heiratete? Und der ihr nicht mal über ein Restaurant die Wahrheit sagte? Missmutig sah sie Frau Kohl zu, die in ihrem Garten Unkraut rupfte und ihr durch verächtliche Blicke mitteilte, was sie davon hielt, wenn man den Montagmorgen auf der Terrasse begann, statt sich in die Arbeit zu stürzen.
Plötzlich klingelte es an der Haustür. Vor Schreck stieß sie die noch halbvolle Kaffeetasse um.
»Wer ist das?«, fragte sie sich und sprang auf. In offenen Sandalen und Jogginghose öffnete sie die Tür.
»Guten Morgen Frau Vogel, sind Sie schon aufgeregt?« Eine vielleicht fünfzigjährige Frau mit rot gefärbtem Pagenschnitt und grauem Blazer schüttelte enthusiastisch ihre Hand.
»Was kann ich für Sie tun?«, fragte Jo irritiert.
»Hach, Frau Vogel, immer einen Scherz auf Lager!«
Jo nickte. Verzweifelt versuchte sie sich an das Gesicht zu erinnern. Die Frau gehörte jedenfalls nicht zu ihren Facebook-Freunden. »Kommen Sie rein«, sagte sie unenthusiastisch.
Sehr zu ihrem Verdruss öffnete die Frau ihre lederne Aktentasche und zog einen Stapel Unterlagen heraus. Vielleicht verkaufte sie ja Versicherungen? Jo nahm sich vor, auf gar keinen Fall irgendetwas zu unterschreiben, das ihr altes Ich bereuen könnte.
»Haben Sie sich schon entschieden?«, fragte die Frau.
»Nein«, antwortete sie wahrheitsgemäß. Wofür um Himmels willen?
»Frau Vogel, Sie wissen, dass wir heute die letzten Punkte festlegen müssen«, sagte die Frau beinahe streng. »Wie soll ich die Blumen bestellen, wenn Sie mir erst am Freitag mitteilen, welche Sie sich wünschen? Ich kann doch nicht am Pfingstsonntag an einer Luxemburger Tankstelle einkaufen.«
»Oh.« Jo schluckte. Wenn es um Blumen ging, dann saß wohl gerade ihre Hochzeitsplanerin am Tisch. Stimmt! Sie hatte den Montagstermin vergessen, der in ihrem Kalender stand! Plötzlich schämte sie sich. »Welche würden Sie vorschlagen?«, fragte sie und versuchte zu lächeln.
»Wie wäre es mit Callas? Herr Stein schätzt diese Blumen, weil es die Lieblingsblumen seiner Mutter sind. Es wäre eine schöne Geste, da Sie ja bald zu seiner Familie gehören.«
»Gut, die nehmen wir.« Nichts interessierte Jo heute weniger als die Hochzeitsdekoration.
Die Frau warf ihr einen überraschten Blick zu. »Nun gut. Callas. Wann holen Sie Ihr Kleid ab?«
»Ich weiß nicht.«
»Also Sie sind wirklich eine besondere Braut. Normalerweise zählen meine Kundinnen die Minuten.«
»Ich werde schon im passenden Outfit erscheinen.« Jo schielte auf die Unterlagen. ›Hochzeitsagentur Gudrun Schnabel‹ stand auf dem Logo.
Stimmt, diesen Namen hatte sie schon mal gehört!
Sie griff nach ihrem Handy und suchte in ihrem elektronischen Kalender. »Hier steht es ja!«, sagte sie erfreut. »Donnerstag, elf Uhr, Brautmodenhaus Zilliken.« Sie blickte auf. »Sieht ganz so aus, als ob ich die Jeans im Kleiderschrank lassen könnte.«
»Hach, Sie sind einfach eine witzige Kundin, Frau Vogel!«
»Danke, Frau Schnabel«, erwiderte sie.
Lustlos traf Jo alle anstehenden Entscheidungen und bestimmte die Sitzordnung von Personen, deren Namen sie noch nie gehört hatte. So viele Gäste, wie konnte sie die alle erreichen, falls sie sich gegen die Hochzeit entschied?
»Haben Sie die Kontaktdaten der eingeladenen Personen?«, fragte sie vorsichtig.
Frau Schnabel bedachte sie mit einem entrüsteten Blick. »Selbstverständlich! Telefonnummern, E-Mail, soweit vorhanden, und Postadressen.«
»Das ist gut.« Jo atmete tief durch. »Können Sie mir das alles schicken?«
Frau Schnabel riss ihre Augen auf. Dann besann sie sich, lächelte und legte ihre Hand auf die von Jo. »Haben Sie etwa einen Anflug von Hochzeitspanik?«
Jo nickte. »Bitte erzählen Sie meinem Verlobten nichts, ich will ihn nicht beunruhigen. Es würde mir helfen, mich zu entspannen, wenn ich alle Daten … Nur für den Notfall.«
Frau Schnabel blickte sie ernsthaft an. »Auch für solche Fälle bin ich da. Jederzeit. Bitte machen Sie sich darum keine Sorgen.«
»Sie würden das übernehmen, wenn …?«, begann sie unschlüssig.
»Selbstverständlich.« Frau Schnabel streichelte ihre Hand.
»Das ist gut.« Sie blickte ihre Hochzeitsplanerin an. »Nehmen Sie das nicht so ernst, ich bin einfach nur gestresst.«
Die Frau nickte. »Sie können sich auf mich verlassen. In jeder Situation.«
Jo fühlte sich schlagartig besser. Es war wichtig, sich alle Optionen offenzuhalten.
Nachdem die Frau sich verabschiedet hatte, ging sie in die Küche und holte einen Lappen, um den verschütteten Kaffee von den Holzbohlen der Terrasse zu wischen.
Als sie sich an ihren Laptop setzte, sah sie, dass eine Frau Odens ihr geschrieben hatte. »Da Sie mir gestern nicht geantwortet haben, schicke ich die Nachricht zur Sicherheit auch an Ihre Privatadresse. Ich hoffe, Sie sind mir nicht böse. Es sind die Anmerkungen zu dem Vertrag, den Sie letzte Woche für die Firma Nembis aufgesetzt haben.« Jo stöhnte, als sie sich das Dokument ansah. Sie erinnerte sich an gar nichts. Wie sollte sie nächste Woche ins Büro zurückkehren und daran arbeiten?
Dann fiel ihr noch etwas auf, das nicht stimmte. Wenn Max sich eine Woche lang Zeit für seinen Junggesellenabschied nahm, während sie hier alleine zu Hause saß, was war dann mit ihren Flitterwochen? Sie prüfte ihren Kalender, sie sah auf ihrem Handy nach, aber sie fand keinen Eintrag. Auch in ihren E-Mails gab es keinen Hinweis auf Flugtickets oder Buchungen.
Eine teure Hochzeit mit Planerin, ohne Altar in der Kirche und ohne Flitterwochen. Sie hätten einfach eine Woche früher heiraten und dann gemeinsam in Urlaub fliegen können. Geld war nicht das Problem, wenn Max sich jemanden wie Frau Schnabel leisten konnte. Warum fuhren sie nicht zusammen weg?
Während Jo sich in der Küche ein vegetarisches Fertiggericht aufwärmte (davon gab es im Gefrierschrank ihres Kellers eine ganze Menge), dachte sie über die Frage nach. »Irgendetwas stimmt nicht«, sagte sie zu sich selbst. Aber was?
Nach dem Essen fuhr sie zu Johanna und erzählte ihr von dem Abend mit Moritz. »Ich glaube, dass er sauer auf mich ist«, beendete sie ihren Bericht. »Ich wusste nicht, dass ich schon mal im Restaurant Linnemar war, aber die Besitzerin hat mich erkannt. Es war ganz schön peinlich.«
Johanna sah sie mitleidig an. »Das tut mir sehr leid«, sagte sie. »Dein Doc ist nämlich ein ganz Netter. Heute Morgen war er hier und hat sich eine Viertelstunde lang Zeit genommen, um mir all meine Fragen zu beantworten.« Johanna starrte auf ihre Fingernägel.
»Du hast den Nagellack benutzt!«, sagte Jo überrascht. »Das sieht gleich viel besser aus.«
Johanna grinste. »Danke für den Wink mit dem Zaunpfahl.« Sie blickte Jo an. »Sogar deinem Moritz ist es aufgefallen. Er war ganz stolz auf dich.«
»Er ist ein guter Mensch«, sagte sie traurig. »Zu gut für diese Welt.«
»Gib nicht auf«, bat Johanna. »Von mir verlangst du schließlich dasselbe.«
»Dein Bein wird heilen«, sagte sie, »aber es ist fraglich, ob ich meine Erinnerungen zurückbekomme. Mit jedem Tag, der vergeht, wird es unwahrscheinlicher.« Sie senkte ihre Stimme. »Heute Morgen habe ich mit der Hochzeitsplanerin darüber gesprochen, wie man das Ganze absagen könnte. Sie würde es für mich …«
»Hallo!« Plötzlich stand Moritz in der Tür. »Meine Spione berichteten mir von dem anwesenden Besuch.« Er lächelte Jo an. »Wie wäre es mit einem Kaffee?«, fragte er sie. »Ich kann mir eine halbe Stunde Zeit für dich nehmen.«
»Geh ruhig«, sagte Johanna eifrig. »Du kannst mir später ein Stück Kuchen mitbringen, falls du magst.«
Jo stutzte. Hatte die Patientin gerade Moritz zugezwinkert? Irgendetwas sagte ihr, dass sich die beiden heute Morgen nicht nur über einen gebrochenen Oberschenkelknochen unterhalten hatten. Ihr Herz begann heftig zu schlagen. »Okay«, sagte sie zu Johanna, »ich komme dann hinterher wieder zu dir.«
»Lass dir Zeit!«
Jo folgte Moritz nach unten. Natürlich gab es in der Cafeteria wieder keinen Apfelkuchen, nicht mal einen schrumpeligen Apfel.
Ihre Freude über Moritz’ Anwesenheit mischte sich mit Sorgen. Sobald er sie über ihre Vergangenheit befragte, konnte sie wieder nur ausweichen oder etwas erfinden. Früher oder später würde sie doch noch in seinem Gerätepark landen.
Andererseits fühlte sie sich kein bisschen krank. Doch was würde sie nächste Woche tun? Konnte sie ihrem Chef etwas vormachen, wenigstens eine Zeit lang? Vielleicht musste sie sich einen neuen Job suchen, etwas, das sie einfach so beherrschte, wie zum Beispiel putzen oder Regale im Supermarkt einräumen.
»Welchen Kuchen möchtest du?«, fragte Moritz.
»Such du den aus, der am besten schmeckt«, schlug sie vor.
»Nach dem gestrigen Abend wird es auf jeden Fall ein kulinarischer Rückschlag«, gab er zu.
»Kontrast erhöht die Wertschätzung für das Besondere«, erwiderte sie.
»Was darf es sein?«, fragte die Frau hinter der Theke.
Moritz bestellte Pfirsichkuchen. »Guter Kontrast ist in meinem Job wichtig. Kein Kontrast – keine Diagnose.«
Jo prustete drauf los. »Die Weisheit des Pfirsichkuchens«, gurgelte sie heraus, während die Angestellte den Kuchen auf die Teller klatschte.
»Siehst du das anders?«, fragte er.
Rasch griff Jo nach ihrem Portemonnaie. »Lass mich heute mal«, bat sie und bezahlte.
»Du wolltest eigentlich etwas anderes sagen, schien es mir.« Moritz griff nach dem Tablett.
Jo räusperte sich. »Du hast absolut recht. Probleme sind das Kontrastmittel des Lebens, damit man das Glück besonders gut erkennen kann.« Sie runzelte nachdenklich ihre Stirn. »Das werde ich Johanna bei Gelegenheit erläutern.«
»So etwas während einer depressiven Episode zu diskutieren ist möglicherweise suboptimal«, sagte er, während er das Tablett zu einem Tisch am Fenster trug. »Aber im Grunde ist es richtig. Wenn wir nie kämpfen müssen, wissen wir die schönen Dinge nicht mehr zu schätzen.«
Jo nickte und griff nach der Gabel, die er ihr neben den Teller gelegt hatte. Der Pfirsichkuchen war nicht besonders saftig. Aber welche Frau interessierte das, wenn ein gutaussehender Mann vor ihr saß?
Trotzdem ließ sie der Gedanke an Apfelkuchen nicht los. Da sie noch ein paar Tage Urlaub hatte, konnte sie sich ein Rezept aus dem Internet laden und einen backen. Falls er gelang, würde sie Moritz damit überraschen.
»Du machst das richtig gut«, sagte Moritz und trank einen Schluck Kaffee. »Frau Schmitt blüht jeden Tag mehr auf.«
»Ich habe ihr von unserem Abendessen erzählt, weil ihre Augen leuchteten, als ich erwähnte, dass man hier nette Ärzte kennenlernen kann. Entschuldige, dass ich unsere Begegnung ausgeschlachtet habe. Es war für einen guten Zweck.«
Moritz grinste. »Keine Sorge, ich habe mich darüber amüsiert. Frau Schmitt braucht jemanden, der sie zum Lachen bringt.«
»Ich bin ja kein Arzt, aber sie benötigt dringend die Hilfe eines guten Therapeuten«, sagte Jo. »Ich habe ihr Studentenappartement geputzt und währenddessen mehrfach die Handschuhe gewechselt. Es war ziemlich widerlich – sie hat einfach nicht mehr die Kraft gehabt, das Geschirr abzuwaschen und den Müll rauszubringen.«
»Ich höre mir an, was der Neurologe dazu sagt«, versprach er.
»Wovon hängt es ab, ob man ein Ziel trotz aller Schwierigkeiten verfolgt oder hilflos in der Ecke liegt und mit seinem schlechten Gewissen hadert?«, fragte Jo – mehr sich selbst als ihr Gegenüber.
»Gestern Smalltalk über das Essen, heute Philosophie«, sagte er und räusperte sich. »Kann ich auch.«
»Entschuldige«, bat sie. »Es war in den letzten Tagen alles etwas viel.«
»Du, ich meine das ernst. Man kann über die kleinen Dinge des Lebens lachen und einen Tag später das große Ganze diskutieren. Das gefällt mir.«
»Na dann beantworte meine Frage«, schlug sie vor. »Allumfassend mit Kontrast. Wie kommt es zu diesem Teufelskreis?«
Er runzelte seine Stirn. »Nun ja, ich versuche es mal: Motiviert werden wir grundsätzlich durch Zug oder Druck. Frau Schmitt spürt nur noch den Druck, den sie sich selbst auferlegt hat. Sie hat vergessen, warum sie Juristin werden wollte. Oder sie hat bei der Berufswahl nicht nachgedacht, weil sie ihren Eltern blind nachgeeifert hat.«
»Glaubst du, dass sie es schaffen wird? Falls sie immer noch Anwältin werden will, meine ich.«
Moritz trank einen Schluck Kaffee und sah Jo in die Augen. »Viel wichtiger ist, ob sie selbst sich das zutraut, was sie sich vorgenommen hat. Glaubt sie, dass sie eine Chance hat? Würde sie in einem Rennen auf sich wetten?«
Jo schüttelte den Kopf. »Johanna würde eher darauf wetten, dass ihr Kühlschrank das Jurastudium packt, als sie selbst.«
Moritz lächelte. »Ich mag deinen Humor. Aber um zum Thema zurückzukommen: Du gibst ihr sehr viel, weil du ihr durch dein Verhalten zeigst, dass du jederzeit auf sie setzen würdest, sobald dir jemand eine Wette anböte.«
»Und wenn man einfach faul und bequem ist?«, fragte sie.
»Legitim, solange es Spaß macht«, sagte er. »Nur lässt sich Johanna von ihrem schlechten Gewissen knechten, wenn sie in ihrer Studentenbude herumgammelt, statt sich in einem aufgeräumten Zimmer mit einem Stück Kuchen vor den Fernseher zu setzen und das Faulsein zu genießen.«
Viel zu schnell war die halbe Stunde vorbei. Nach dem Gespräch fühlte Jo sich geradezu euphorisch. Philosophie war ein spannendes Thema, über das man stundenlang reden konnte, ohne das biografische Gedächtnis zu bemühen.
An der Theke kaufte sie noch ein Stück Kuchen, das sie wie versprochen zu Johanna brachte. Während die Studentin aß, erzählte Jo von dem Treffen mit Moritz. »Wir sehen uns morgen«, versprach sie zwanzig Minuten später, als sie sich verabschiedete. »Jetzt habe ich noch ein dringendes Date mit meiner Vergangenheit.«
»Alles klar«, sagte Johanna. »Ich drücke dir die Daumen.«
Während Jo nach Hause fuhr, hatte sie das Gefühl, ihr Leben allmählich in den Griff zu bekommen. Ja, es gab viele Schwierigkeiten zu überwinden, aber den Urlaub bewältigte sie doch schon mal ganz gut! Und sie hatte einen Plan B, falls sie sich gegen die Hochzeit mit Max entscheiden würde.
Der Blick auf den Laptop trübte kurz darauf ihren Optimismus. Frau Odens hatte ihr noch einmal geschrieben und gefragt, ob sie übermorgen am Nachmittag in der Firma vorbeikommen könnte, um ein wichtiges Kundenmeeting abzuhalten. »Nur für eine Stunde, dem Chef liegt viel daran. Sie kennen ja die Situation.«
Ein krachendes Geräusch ließ sie hochschrecken. Schnell rannte sie nach unten ins Erdgeschoss.
»Oh nein!« Eine ihrer Orchideen lag auf dem Boden. Jo sah aus dem Fenster. Puschel war durch die Katzenklappe nach draußen geflüchtet und wartete neben dem Gartenhäuschen, um die Situation aus sicherer Entfernung zu beobachten.
Seufzend ging sie in den Keller und suchte nach einem Blumentopf. Dann stellte sie die Orchidee zurück auf ihren Platz und kehrte die Scherben und die Erde weg.
»Wie soll ich bis übermorgen eine Juristin aus mir machen?«, fragte Jo ihre beiden Kater, die sie kurz darauf in der Küche besuchten, um sie daran zu erinnern, dass das Nassfutter in ihren Näpfen schon wieder eingetrocknet war.
Seufzend öffnete sie die Schublade unter dem Kühlschrank. »Ihr sollt nicht hungern«, sagte sie zu den Miezen. »Auch wenn ihr mehr als die Hälfte stehen gelassen habt.«
Nachdem die Tiere versorgt waren, zog sie einen Hausanzug an, kochte sich eine Kanne voll Tee und setzte sich ins Arbeitszimmer.
Panik stieg in ihr auf, als sie die Mail noch einmal las. Sie würde dieses Meeting niemals überstehen! Jo sprang auf und griff nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch. Sie schlug es wahllos auf und las einen Paragraphen. Kam ihr irgendetwas davon bekannt vor?
Ihr Jurawissen war auf die Kenntnis von Artikel eins des Grundgesetzes zusammengeschrumpft: »Die Würde des Menschen ist unantastbar«, flüsterte sie, »wenn er noch alle Murmeln beisammenhat.« Sagte man das so? Eher nicht. Tassen im Schrank? Töpfe auf der Fensterbank?
Es klingelte.
Bitte nicht noch einmal die Hochzeitsplanerin! Sie ging ans Fenster, öffnete es und beugte sich über die Brüstung. Wegen der Überdachung konnte sie die Person nicht erkennen. Dann fiel ihr Blick auf das Auto, das an der Straße parkte. Es gehörte Moritz.
Erneut klingelte es. »Jo, ich bin’s«, rief er.
»Hi«, antwortete sie von oben. »Moment bitte!« Erleichtert schloss sie das Fenster, schlüpfte in ihre Pantoffeln und trabte nach unten. Da sie bis übermorgen ohnehin kein Jurastudium aufholen würde, konnte sie genauso gut ein wenig Zeit mit einem netten Mann verbringen. Den Tag genießen, bevor sich ihre Welt endgültig in Schutt und Asche legte. »Das ist ja mal eine Überraschung«, sagte sie und trat zur Seite. »Kommst du direkt von der Arbeit? Stell dir mal vor, einer der Kater hat eben eine Orchidee von der Fensterbank geschubst.« Sie lachte.
»Wie geht es dir?«, fragte Moritz und ging mit seinem silbernen Koffer direkt durch bis ins Wohnzimmer. Er blickte sich suchend um, fand den Esszimmertisch und stellte den Koffer ab. »Setz dich«, sagte er.
»Was ist denn mit dir los?«, fragte sie irritiert.
»Weißt du noch, wie die Besitzerin des Restaurants dich begrüßt hat?«, fragte er. »Du hattest mir erzählt, dass du noch nie da warst.«
»Ich …«, fing sie an und knetete ihre Hände. »Ich hatte dir das doch erklärt.«
Er sah sie an. Lange und intensiv. »Johanna hat es mir erzählt. Sie hat eine diensthabende Schwester so lange bequatscht, bis die mich angerufen hat. Offenbar hatte sie ein schlechtes Gewissen.«
»Das glaube ich jetzt nicht.« Blut rauschte in Jos Ohren. Wer würde sich um Puschel und Mio kümmern, wenn sie im Krankenhaus lag? »Ich gehe nicht da hin, das kannst du gleich vergessen.« Sie ließ sich auf den erstbesten Stuhl fallen, der am Esszimmertisch stand.
Er setzte sich neben sie und starrte in ihre Augen, als wollte er direkt in ihren Kopf hineinsehen. »Was ist dein Problem?«
»Ich dachte, die Erinnerungen kämen schon irgendwann wieder. Die Nachbarin wird meine Miezen nicht füttern.«
Moritz klappte seinen Koffer auf und holte eine kleine Taschenlampe heraus. »Ich prüfe nur den Pupillenreflex«, sagte er und leuchtete in ihre Augen. »Alles normal, das ist sehr gut.« Anschließend griff er zu einer Blutdruckmanschette. Jo wehrte sich nicht. »Nach dem Schreck ist er bestimmt zu hoch«, sagte sie leise.
»Messen ist besser als raten«, erwiderte er. Hinter seinem Lächeln machte er sich große Sorgen, das konnte sie sehen. Und seine Sorgen machten ihr wiederum Angst.
»Er ist normal«, sagte er schließlich. »Welcher Tag ist heute?«
»Montag.«
»Welcher Monat?«
»Sommer. Frühsommer. Mai! Juni?«
»Welches Jahr?«
Jo schluckte. »Jetzt ein Stück Apfelkuchen«, sagte sie und seufzte.
Er runzelte seine Stirn. »Zieh dich um, du hast einen Termin in meinem MRT.«
Sie schüttelte den Kopf.
»Jo! Ich verspreche, dass ich dich morgen früh vor Dienstbeginn nach Hause bringe, damit du deine Katzen füttern kannst. Und morgen Abend machen wir es genauso – vorausgesetzt, dass du transportfähig bist. Ansonsten füttere ich sie für dich.«
»Ehrenwort?«, fragte sie.
»Ehrenwort!«
Langsam erhob sie sich und ging nach oben.
»Frauen!«, stöhnte er. Während sie in eine Jeans schlüpfte und ein Shirt anzog, hörte sie, wie er telefonierte. Rasch warf sie ein paar Sachen in eine Tasche, damit sie im Notfall etwas dabeihatte, das sie vor den hässlichen Hemdchen bewahrte. Trotzdem würde sie sich mit Händen und Füßen wehren, länger als notwendig im Krankenhaus zu bleiben.
Kurz darauf fand sie sich in Moritz’ Auto wieder. Ein Date im MRT-Gerät, dachte sie und unterdrückte ein Seufzen. Sie versuchte, sich in seine Lage zu versetzen. Konnte man sich in eine Frau verlieben, die nicht wusste, wer sie war? Und viel schlimmer: Würde sie ihn noch mögen, wenn sie wieder wusste, wer sie war?
Eine einsame Träne bahnte sich den Weg über ihre rechte Wange. Sie wischte sie nicht weg, damit er nicht durch ihre verräterische Handbewegung darauf aufmerksam wurde.
Moritz hielt auf dem Ärzteparkplatz und trug ihre Tasche für sie. Er stellte sie in seinem Büro ab, wo gleich drei Bildschirme auf dem großen Eckschreibtisch standen. »Wir fangen mit dem MRT an«, sagte er und lächelte sie aufmunternd an. »Du darfst die Bilder zusammen mit mir ansehen, wenn du magst.«
Jo hätte am liebsten drauf losgeheult. Aber sie wollte nicht, dass er ihre geschwollenen Tränensäcke auf der Aufnahme millimetergenau ausmessen konnte.
Moritz mutierte zum Halbgott in Weiß, erteilte Anweisungen und lief über den Gang und telefonierte. Zehn Minuten später wurde Jo in die Röhre geschoben. Es war laut und eng. Sie schloss die Augen und hoffte, dass sie ihm innen drin genauso gut gefiel wie von außen.
Während sie sich anschließend von dem Schreck erholte und auf das EEG wartete (um eine Epilepsie auszuschließen), kam eine Krankenschwester und nahm ihr Blut ab. Jo schaute an die Decke, während die Frau ihre Vene suchte. Zum Glück beherrschte sie ihren Job. Die Vorstellung, wie jemand minutenlang mit einem spitzen Gegenstand in ihrer Armbeuge herumstocherte, machte Jo wahnsinnig.
Sie war aufgeregt, als sie um neunzehn Uhr in Moritz’ Büro saß und ihm zusah, wie er die Ergebnisse auswertete. »Du hast keine Epilepsie«, sagte er schließlich. »Auch keinen Hirnschlag, kein erkennbares Trauma.« Er sah sie an. »Meine Apparate sagen, du bist gesund. Und doch kannst du mir nicht beantworten, welches Jahr wir haben.«
»Ich muss übermorgen ins Büro, eine Kundenpräsentation«, sagte Jo. »Leider habe ich mein Jurastudium vergessen. Und an den Kunden erinnere ich mich auch nicht.«
Moritz griff nach einem Blatt Papier und legte es in seinen Drucker. »Wir schreiben dich krank, für mindestens zwei Wochen, wahrscheinlich deutlich länger.«
»Ich muss am Montag heiraten!«, rief sie. »Mein altes Ich wird sauer sein, wenn ich das ruiniere. Und Anwaltsbüros mögen keine kranken Mitarbeiter, da bin ich mir ziemlich sicher. Eigentlich mögen sie nicht mal Anwälte, die ihren Urlaub in Anspruch nehmen. Oder auf ihrem Feierabend bestehen.«
»Kunden mögen keine Anwälte, die nicht wissen, wer sie sind«, sagte er. »Ich rede morgen früh mit unserem Neurologen. Vielleicht verdeckt die Amnesie ein Trauma, das du durchlebt hast. Das kommt vor. Häufig kann man diese Dinge wieder an die Oberfläche bringen.«
»Ehrlich gesagt habe ich mich ziemlich gut gefühlt, bis du mich in diese Röhre geschoben hast.«
Moritz sah sie an. »Ich fahre dich jetzt nach Hause, es gibt keinen organischen Grund, warum du unbedingt im Krankenhaus bleiben müsstest. Morgen habe ich Dienst. Wir beide sehen uns am Nachmittag wieder hier. Ich schicke dir eine Nachricht, wann du den Termin beim Neurologen hast. Danach kannst du Johanna besuchen und dich bei ihr für ihre Fürsorge bedanken.«
Jo grinste müde. »Das war ihre Rache für das Wasser, das ich ihr aufs Hemdchen geschüttet habe.«
»Hier ist dein Attest. Fotografier es ab und schick es an die Kanzlei. Das Original kannst du per Post nachliefern.«
»Danke.« Sie seufzte. »Alles ist besser, als übermorgen die unwissende Juristin zu spielen.«
»Betrachte es als dein Ticket in die Regeneration.«
»Da ist nur eine Sache«, sagte Jo verlegen. »Wirst du mich noch mögen, wenn ich eine Diagnose am Hals habe?«
»Frau mit Etikett?«, scherzte er, doch dann wurde er ernst. »Wir tasten uns heran, lernen uns kennen. Der einzige Unterschied ist, dass du dich und mich gleichzeitig kennenlernen musst. Und dein ganzes Leben.« Er sah sie nachdenklich an. »Du solltest die Hochzeit verschieben. Nicht nur, weil ich dich mag, sondern aus medizinischen Gründen. Was du da vorhast, ist der blanke Wahnsinn.«
Jo nickte. »Vermutlich hast du recht. Ich weiß übrigens nicht, ob ich in einem Fitnessstudio angemeldet bin.«
»Dann kann ich dich ja noch als Kundin für meins werben«, sagte er grinsend.
Jo war so erleichtert, dass er die schlechten Nachrichten halbwegs mit Humor aufnahm, dass sie Max ganz weit in ihrem Hinterkopf verdrängte.
Vielleicht war Moritz auch nur so nett zu ihr, weil sein innerer Arzt ihm sagte, dass er die Patientin Vogel mit der Amnesie nicht noch mehr traumatisieren durfte.
Trotzdem war sie auf seltsame Weise froh, dass die Karten jetzt offen auf dem Tisch lagen. Die Zukunft würde zeigen, ob Moritz eine Frau mit leerem Hirnspeicher lieben konnte.