Kapitel 15 - Engel und Apfelkuchen
By Mella Dumont
Am nächsten Morgen stapfte Jo entschlossen auf den Eingang von Max Steins Haus zu. Das Gebäude war mindestens zweihundert Quadratmeter groß und verfügte über einen weitläufigen, gepflegten Garten. Keine unzufriedene Nachbarin weit und breit in Sichtweite.
Eilig testete sie die Schlüssel an ihrem Bund durch und schlüpfte durch die Haustür. Einen Moment lang blieb sie stehen und lauschte. Es war niemand hier, nicht mal eine Katze oder ein Kaninchen, wie sie kurz darauf herausfand.
Nach einer kurzen und schlaflosen Nacht hatte sie beschlossen, Max’ Anwesenheit in der Kanzlei zu nutzen, um in seinem Refugium auf Spurensuche zu gehen. Später würde sie dann bei sich weitersuchen.
Das Haus war ihr spontan unsympathisch. Es war piekfein und modern eingerichtet, aber es wirkte kalt und unpersönlich. Wenn sie sich vorstellte, wie Puschel und Mio die teuren Möbel zerkratzten, wurde ihr übel. Das feine Leder der Couchgarnitur würde den beiden Katern nichts verzeihen.
Jo war auf die Idee gekommen, bei ihrem Verlobten einzubrechen, weil er ihr gesagt hatte, dass sie den Schlüssel zu seinem Haus besaß. Bis zur Hochzeit blieben ihr noch vier Tage, um herauszufinden, was ihr altes Ich sich wünschte. Das war ihr sehr wichtig, denn da sie ihr Gedächtnis schrittweise zurückerlangte, musste sie die Interessen dieser Frau auf jeden Fall berücksichtigen.
Sie blickte sich um. Wo sollte sie mit ihrer Suche nach etwas anfangen, von dem sie nicht mal wusste, was es war?
Im Arbeitszimmer. Auf jeden Fall dort. Andererseits … würde sie brisante Unterlagen dort aufbewahren?
Der gesuchte Raum lag im ersten Stock – mit Aussicht ins Grüne. Sie warf einen Blick aus dem Fenster. »Er hat einen Pool!«, murmelte sie erstaunt. Das Becken war riesig, genau wie das Büro. Eine elegante Dreisitzercouch stand darin, deren Kissen so sorgfältig arrangiert waren, als ob es noch nie jemand gewagt hatte, darauf zu chillen. Dahinter stand eine Schrankwand. Jo knackte die erstbeste verschlossene Tür mit Hilfe ihres Einbrecher-Werkzeuges. Zu gerne hätte sie gewusst, weshalb sie diese Fähigkeit beherrschte. Vielleicht gab es noch mehr interessante Hobbys, die ihr nützlich werden konnten? Es dauerte nicht lange, bis das Schloss klickte und seinen Widerstand aufgab.
Jo öffnete den Schrank. Einer der Ordner war mit ›Kredite‹ beschriftet. Außerdem stand ein Ordner mit Kontoauszügen darin sowie diverse andere persönliche Unterlagen.
»Warum schließt er das vor mir weg?«, flüsterte sie.
Rasch schlug sie den ersten Ordner auf.
Ihr Herz hämmerte. Mit einem Blick erfasste sie, dass Max sich bis über beide Ohren verschuldet hatte, um sein riesiges Haus zu finanzieren. Eins war so sicher, wie das Amen in der Kirche, in der sie nicht heiraten würde: In der Ehe Stein-Vogel war sie selbst die gute Partie.
»Das ist nicht okay«, murmelte sie und sah sich die Kontoauszüge an. »Das glaube ich nicht!«, rief sie schließlich. »Er ist im Minus! Warum geht er dann so teuer essen?« Max hatte sie eingeladen – sie war davon überzeugt, dass er das immer tat. Dann die teure Hochzeit, die er aus dem Ärmel schüttelte. Auf ihren eigenen Kontoauszügen gab es keine Zahlungen an Frau Schnabel, das wusste sie.
Von außen betrachtet wirkte Max äußerst vermögend. Aber nach seinem Kontostand zu urteilen, konnte er sich das alles gar nicht leisten. Sie blätterte weiter und fand eine Einzahlung von zehntausend Euro – ein Privatkredit. »Der lebt auf Pump!«, murmelte sie fassungslos.
Wollte er deshalb, dass sie ihr Haus verkaufte?
Die Haustür im Erdgeschoss klickte. Jo stellte die Ordner weg, schloss den Schrank und lauschte. Oh nein!
Max sprang gerade mit Elan die Treppe hinauf!
Ihr blieb keine Zeit, um das Schlafzimmer zu suchen und unter das Bett zu kriechen. Mit einem Hechtsprung warf sie sich hinter die Couch und schickte Stoßgebete zum Himmel, dass Max nicht ausgerechnet an seinen Aktenschrank heranmusste.
»Hi Georg, entschuldige, dass ich dich vertröstet habe.« Er telefonierte. »Du weißt ja, wie es in unserem Beruf läuft, vierundzwanzig Stunden am Tag erreichbar für den Klienten. Wie geht es deiner Frau? Ist sie schon aufgeregt?«
Jo bemühte sich, leise zu atmen, was wegen ihrer Aufregung gar nicht so einfach war.
»Nein, du musst dir keine Sorgen machen, deiner Tochter geht es gut.« Er lachte. »Johanna ist aufgeregt, du weißt ja, wie das ist, wenn Frauen auf eine Hochzeit hin fiebern. Außerdem denke ich, dass sie die Fehlgeburt noch nicht verkraftet hat. Johanna ist sehr sensibel, deshalb liebe ich sie so sehr. Ich freue mich darauf, dich am Sonntagabend zu sehen. Du weißt ja, dass du wie ein Vater für mich bist.«
Noch nie hatte Jo ihr Herz so heftig schlagen gespürt. Es hämmerte wild gegen ihren Brustkorb. Ihr gesamter Körper pulsierte.
Sie hatte eine Fehlgeburt gehabt? War das Ungeborene der Grund, weshalb sie der Hochzeit zugestimmt hatte?
»Ja, deinen Entwurf zum Ehevertrag habe ich bekommen. Wir können das natürlich machen, aber ehrlich gesagt denke ich nicht, dass Johanna davon Vorteile hätte. Ich verdiene mehr als sie und kann mir den Umzug nach München problemlos leisten. Im Winter kommen wir mit den Möbelwagen, dann kannst du mit deiner Frau die Kreuzfahrt machen, von der du schon so lange schwärmst. Ja, du kannst dich auf mich verlassen. Das weißt du doch. Und mach dir um Johanna keine Sorgen. Sie wird sich entspannen, sobald wir verheiratet sind. Ja, ich richte ihr aus, dass sie dich anrufen soll.«
Jos Körper bebte. Sie war davon überzeugt, dass Max ihre Anwesenheit jeden Moment bemerken würde.
Er lachte. »Das Einzige, was mir Sorgen macht, sind die Katzen. Stell dir mal vor, dieser zottelige Wollball, der immer den halben Garten an seinem Fell in die Wohnung schleppt, hat neulich auf ihren besten Teppich gepinkelt! Aber was tut man nicht alles für die Liebe! Deine Tochter hängt an den Tieren, also werde ich einen Überwurf für meine Ledercouch anfertigen lassen und die Putzfrau dreimal in der Woche kommen lassen. Es ist nur eine Geldfrage, und Geld ist kein Problem. Die Liebe gewinnt.« Max verließ sein Arbeitszimmer, so dass Jo nicht mehr hören konnte, was er sagte.
Fünf Minuten später war der Spuk vorbei und Max war verschwunden.
Zum Glück hatte Jo in einer Seitenstraße geparkt! Eigentlich war das nur passiert, weil das Navi ihr das falsche Haus angezeigt hatte.
Mit pulsierendem Körper wartete sie einige Minuten ab, bis sie sich nach draußen wagte. Dann schlich sie wie eine Diebin aus dem Haus, fuhr weg und parkte kurz darauf am Straßenrand, um in Ruhe über alles nachzudenken. Das war nicht leicht, denn sie bebte vor Wut.
»Denk nach!«, flüsterte sie sich zu. »Schritt für Schritt. Was weißt du?«
Da war eine Fehlgeburt, ein einschneidendes Erlebnis. Max spielte den reichen Macker und war in Wirklichkeit ärmer als eine Kirchenmaus. Pardon, als eine Maus im Keller des Standesamtes. Womöglich spekulierte er auf ihr Vermögen und auf die Kanzlei ihrer Eltern.
Eine Sache war Jo jetzt glasklar – sie würde Max auf gar keinen Fall heiraten. Mit dieser Unterschrift verlor sie ihre Freiheit und ihr Geld.
Er hatte doch tatsächlich die Dreistigkeit, ihrem Vater Honig ums Maul zu schmieren und ihm zu verschweigen, dass sie ernsthaft krank war! Doch weshalb gab er sich bei ihr so wenig Mühe, wenn er sie vor den Standesbeamten schleifen wollte? Baute er darauf, dass sie nicht den Mut haben würde, die Hochzeit zu sprengen? »Da hast du dich geschnitten, Max mit dem Herz aus Stein!«, flüsterte sie erbost, schaltete den Motor ein und fuhr nach Hause.
Ihr Vater war bestimmt enttäuscht, wenn sie die Trauung absagte. Aber seine Meinung würde sich ändern, sobald er den Kontostand ihres Verlobten kannte und begriff, weshalb Max seine Tochter ohne Ehevertrag heiraten wollte.
Jo ging es nicht um das fehlende Geld, man konnte auch bescheiden leben und glücklich sein. Aber welche Frau wollte einem Lügner das Jawort geben?
In diesem Moment klingelte ihr Handy, das sich automatisch mit der Freisprechanlage verbunden hatte. »Vogel?«, meldete sie sich routiniert.
»Frau Zilliken vom Brautmodenhaus«, sagte die weibliche Stimme. »Sie haben doch nicht etwa Ihren Termin vergessen?« Die Frau lachte. »So im Stress?«
Huch!
»Ich bin gerade auf dem Weg zu Ihnen«, log Jo. »Leider hat ein Kundengespräch etwas länger gedauert.«
»Kein Problem, ich habe auch nachher Zeit, das Kleid abzustecken, aber falls größere Änderungen notwendig sind, will ich meiner Schneiderin nicht das Pfingstwochenende verderben.«
»Das ist nicht notwendig«, versicherte Jo, »ich beeile mich. Bestimmt passt es perfekt.«
Sie verabschiedete sich, fuhr rechts ran und googelte nach der Adresse. Gerade gab es nichts, das sie weniger interessierte, als das Brautkleid. Andererseits war sie ein kleines bisschen neugierig darauf, welche Wahl sie getroffen hatte. Außerdem konnten die Angestellten des Brautmodenhauses nichts für die verrückte Situation, in der sie sich befand.
Eine halbe Stunde später stand Jo in Seide und Spitze gehüllt auf einem Höckerchen und fragte sich, warum sie in einem Standesamt so viele Unterröcke benötigte. »Es ist eine wunderschöne Nachbildung des Kleides der Herzogin von Cambridge«, sagte Frau Zilliken und zupfte an der Taille. »Wir müssen nichts enger machen«, sagte sie zufrieden.
Jo betrachtete sich von allen Seiten. Das Kleid war wunderschön – und doch so gar nicht nach ihrem Geschmack. Irgendwie hatte sie es sich schlichter vorgestellt. Vielleicht wollte Max damit seine Kunden und Kollegen beeindrucken?
»Wir werden den Saum des Unterrocks noch einen halben Zentimeter kürzen«, sagte Frau Zilliken eifrig.
Jo biss sich auf die Zunge. Vermutlich würde diese Mühe umsonst sein. Aber vielleicht konnte sie das gute Stück ja später für Moritz umändern lassen. Wenn man ein paar Details entfernte, sah es gar nicht so schlecht aus. Der Gedanke entlockte ihr ein Grinsen.
Als sie nach Hause kam, setzte sie sich auf ihre Couch und dachte nach. Sie verstand jetzt, warum sie in die Hochzeit eingewilligt hatte. Bestimmt wünschte sie sich eine Familie für ihr ungeborenes Kind, das war verständlich. Aber danach musste irgendetwas passiert sein, weswegen sie sich entschieden hatte, ihr Haus zu behalten. War die Fehlgeburt der Auslöser gewesen? Die beiden Kater? Man konnte nichts ausschließen.
Jo beschloss, dass sie mehr über die Beweggründe ihres Ex-Verlobten in Erfahrung bringen musste. Sollte sie es noch einmal bei ihm versuchen? Nein, das war riskant, denn er hatte offiziell Urlaub und konnte jederzeit zurückkommen. Seine Exfrau kontaktieren? Immerhin erwartete Max von ihr, dass sie sich mit seinem Sohn Louis traf. Doch was sollte sie diesem Bengel erzählen, der sie nicht mochte? Dass sie seinen Vater nicht ausstehen konnte? Nein, das war keine gute Idee.
Jo begann in ihrem Haus herumzusuchen – ohne System oder Plan.
»Das beste Versteck befindet sich direkt vor deiner Nase.«
Sie blickte sich um. »Herr Engel?«, flüsterte sie.
Hatte sie jetzt Halluzinationen? Nein, das hatte sie nur gedacht, beruhigte sie sich.
Jo ging in die Garage und begann, in den Kunststoffboxen nachzusehen, die dort in einer Ecke aufgestapelt waren. »Juhu!«, rief sie, als sie ihre Skisachen fand. Die Entdeckung lenkte sie von ihren Sorgen ab. Hatte Moritz nicht erzählt, dass er gerne Ski fuhr? Sie faltete eine Thermohose auseinander und hielt sie probeweise an ihre Taille. Ob man das verlernte? Und wie war es mit dem Radfahren? Sie besaß ein Fahrrad, es hing an zwei Haken an der Mauer. »Du kannst doch auch Auto fahren, Mensch!«, sagte sie zu sich selbst.
Jo öffnete eine weitere Kiste. »Nein, oder?«, flüsterte sie irritiert. Es standen lauter leere Flaschen darin. Kein Apfelsaft (den es vermutlich auch nicht gab, das würde sie überprüfen). Es waren ausnahmslos Wodka- und Weinbrandflaschen. »Bin ich Alkoholikerin?«, fragte sie entsetzt. Zwei der Flaschen waren noch voll. Jo öffnete eine und roch daran. »Bäh!«
Sie drehte den Verschluss zu und stellte die Flasche zurück. Wenn sie schwanger gewesen war, konnte sie doch nicht trinken!
»Denk logisch«, überlegte sie. Eine Sucht würde wegen einer Amnesie nicht einfach verschwinden. Sie konnte leicht herausfinden, ob sie alkoholkrank war. Sie griff nach der Flasche, an der sie gerochen hatte, und drehte sie auf. Dann hielt sie sich die Nase zu und trank einen großen Schluck. Ihre Kehle brannte, Jo musste husten. Es war widerlich.
Nein, sie war nicht süchtig. Sonst würde der erste Schluck dazu führen, dass sie nach mehr gierte. Außerdem hatte sie sich schon vor dem Likör bei ihrem Junggesellinnenabschied geekelt.
Mit gerümpfter Nase trug Jo die beiden vollen Flaschen in die Küche und goss sie aus. Dann googelte sie, wo sich der nächstgelegene Glascontainer befand und packte das Altglas in ihren Kofferraum. Auch die Flasche aus dem Gartenhaus und die Kiste aus dem Keller wurden dazu gestellt.
Ob Max ein Alkoholproblem hatte? Wer sonst konnte den ganzen Schnaps in ihrem Zuhause hinterlassen haben? Nachdenklich fuhr Jo zu dem Container und entsorgte ihren Fund mit gerümpfter Nase.
Eine Frau, die mit ihrem Hund spazieren ging und zwei Orangensaftflaschen entsorgte, betrachtete sie mit missbilligendem Blick. »Ich kann sie verstehen«, murmelte Jo beschämt, als sie wieder in ihrem Wagen saß.
Plötzlich wurde ihr ganz heiß. Welches Licht warf das auf ihr Leben, wenn jemand anderes, ihr Vater vielleicht, solche Hinweise auf ihren schlechten Zustand fand?
Nein, sie selbst hatte die Dinger nicht in ihrem Haus abgestellt, davon war sie überzeugt. Das wiederum konnte bedeuten, dass jemand einen Schlüssel besaß. Vielleicht Max? Oder ein Exfreund?
Jo beschloss, kein Risiko einzugehen. Sie fuhr zum nächstgelegenen Baumarkt, kaufte sich ein neues, extra sicheres Schloss für die Haustür und auch eins für das Gartenhaus. Anschließend suchte sie nach ihrem Werkzeugkoffer und machte sich daran, die Schlösser einzubauen.
Sie seufzte erleichtert, als sie fertig war. Dann blickte sie sich suchend um. Gab es noch mehr Geheimnisse in ihrem Zuhause? Sie musste systematisch vorgehen. Raum für Raum.
Jo begann in der Garage. Zuerst durchsuchte sie ihr Auto, das war leicht, da es dort nur wenige Fächer gab. Sie sah unter den Fußmatten und den Autositzen nach, prüfte Ritzen und das Fach unter dem Kofferraum. Sogar den Verbandskasten öffnete sie. Der Audi war sauber. Dann knöpfte sie sich die anderen Kisten und schließlich die Regale vor. Nach einer Stunde war sie fertig und hatte zwei weitere leere Schnapsflaschen gefunden.
Da die Sonne schien, ging sie als Nächstes ins Gartenhaus. Hier benötigte sie eine halbe Stunde und fand weitere vier leere Flaschen und eine volle Kiste.
»Wer würde dieses widerliche Zeug saufen?«, fragte sie sich, als sie den Fund in der Küche entsorgte. Da sie Mojito mochte, wäre es logisch gewesen, wenn sie eine Flasche Rum im Haus gehabt hätte. Oder Zuckerrohrschnaps, um sich einen Caipirinha zu machen. Aber Wodka und Weinbrand? Das ergab keinen Sinn.
Sie griff nach ihrem Schlüsselbund, schloss das Gartenhaus sorgfältig ab und stellte die leeren Flaschen in den Kofferraum ihres Autos.
Während sie sich in der Küche einen Kaffee kochte, fing sie an, die Geschirrschränke zu durchsuchen. Sie holte sich die Haushaltsleiter aus dem Vorratsraum und sah nach, ob etwas auf den Schränken lag. Dann schaute sie in jede Tasse und hinter jeden Teller. Sogar das Gemüsefach des Kühlschranks wurde von ihr inspiziert. Hinter dem herausziehbaren Mülleimer wurde sie wieder fündig – eine volle und zwei leere Flaschen.
Als ihr Handy klingelte, steckte sie gerade im Unterschrank der Spüle. »Au!«, rief sie, als sie sich den Kopf stieß. »Ja?«, meldete sie sich. »Oh, Moritz.«
»Was machst du gerade?«, fragte er. »Du klingst gestresst.«
»Ich bin gestresst.« Sie seufzte.
»Ich wollte dich zu einem kleinen Lauf im Weishauswald entführen, falls du Zeit und Lust hast.«
»Es ist etwas passiert«, sagte sie. »Ehrlich gesagt wäre es mir lieber, wenn du zu mir kommen würdest.«
»Klar, gib mir eine Viertelstunde!«, sagte er. »Ich fahre gleich los.«
»Park das Auto lieber eine Straße weiter«, bat sie.
»So schlimm? Wieder etwas mit Max?«
Jo seufzte. »Tu es einfach und dann komm her. Ich werde dir alles erzählen.«
Nachdem sie aufgelegt hatte, suchte sie weiter. Noch zwei Schränke, dann war die Küche fertig. Blieben noch schätzungsweise hundertvierzig Quadratmeter übrig. Kleinigkeit.
Als sie gerade die letzte Schublade durchsucht hatte, klingelte es an der Tür. »Hoffentlich keine unangenehme Überraschung«, murmelte sie und spähte mit vorgelegter Türkette durch den Spalt. »Moritz!« Sie löste die Sicherung und bat ihn herein.
»Was ist passiert, dass du nicht am Telefon darüber reden wolltest? Und warum bist du so verstaubt?«
Jo blickte an sich hinunter. Die Suche im Gartenhaus war nicht spurlos an ihr vorübergegangen. »Ich war bei Max – eigentlich wollte ich Erinnerungen finden, aber es war nicht besonders fair von mir, weil er in der Kanzlei war. Er bewahrt seine privaten Unterlagen in einem abgeschlossenen Schrank auf, den ich geknackt habe. Er ist hochverschuldet. Und wir haben keinen Ehevertrag vorbereitet.« Sie seufzte. »Und dann kam er.«
»Was hat er gesagt, als er dich gesehen hat?«
»Ich bin hinter der Couch abgetaucht. Was ich dann erfuhr, das willst du gar nicht wissen.«
»Und das bedeutet?«, fragte Moritz. Sein Blick ruhte auf den Flaschen, die sie hinter dem Mülleimer gefunden hatte.
»Ich glaube, er will mich fertigmachen.«