Kapitel 16 - Engel und Apfelkuchen
By Mella Dumont
Moritz bestand darauf, dass sie sich hinsetzten und Jos Neuigkeiten in Ruhe besprachen. Bei einer Tasse Kaffee fragte er sie systematisch aus.
»Also du hast dein Kind verloren, das ist für jede Frau eine traumatische Erfahrung«, sagte er. »Und dann hast du viele Wodkaflaschen gefunden«, fasste Moritz zusammen. »Dein Verlobter ist hoch verschuldet und der Verkauf deines Hauses könnte ihn retten.«
»Ja, und ich bin definitiv keine Alkoholikerin«, ergänzte sie. »Ich habe einen Schluck getrunken, es war widerlich. Müsste mein Körper nicht nach dem Zeug lechzen, wenn ich all diese Flaschen selbst geleert hätte?«
»Das Suchtgedächtnis kann man nicht löschen«, sagte Moritz, »denn es ist sehr schwer, vom Alkohol loszukommen. Bei dieser Menge hättest du auf jeden Fall Entzugssymptome gehabt, schon letzten Freitag. Und dein Körper hätte nicht mit Ekel reagiert, als du die Flasche angesetzt hast.«
»Stell dir mal vor, wie mein Vater reagieren würde, wenn er das Zeug fände! Er würde mir niemals die Kanzlei übergeben, die er und Mama führen.«
»Sicher nicht.« Moritz kratzte an seiner Wange. »Also du meinst, dass er an dein Vermögen und an die Kanzlei deiner Eltern ran will?«
»Er ist ein Heiratsschwindler!«, rief sie. »Das ist die einzig logische Erklärung.«
»Das klingt leider erschreckend stimmig. Auch wenn es verrückt ist.«
»Ich weiß nur eins«, sagte Jo. »Noch heute wird der ganze Dreck entsorgt. Ich werde jeden Winkel durchsuchen. Jede noch so dunkle Ecke.«
»Du willst dein gesamtes Haus auf den Kopf stellen?«, fragte Moritz.
Jo nickte. »Und niemand wird diese Türschwelle ohne meine Anwesenheit überschreiten.« Sie seufzte. »Wenn du an meiner Stelle wärest, was würdest du tun?«
Er sah sie an. »Nun, ich würde dich überzeugen, mir zu helfen. Es ist vergleichsweise harmlos, dein Haus vom Keller bis zum Dach zu durchsuchen.«
»Wir könnten dabei etwas finden, das mich belastet. Wenn du mir hilfst, machst du dich unter Umständen mit schuldig.«
»Da spricht wohl die Anwältin aus dir?«, fragte Moritz. »Ich habe nämlich eben beschlossen, dich zu unterstützen.«
»Ich kann dir ja nicht mal beweisen, dass ich wirklich mein Gedächtnis verloren habe. Laut Max könnte das eine Finte sein.«
»Jemand, der eine Amnesie vortäuschen möchte, geht dafür ins Krankenhaus. Du hingegen hast versucht, dich in deinem Leben zurechtzufinden.«
»Ein winziges Indiz, das für mich spricht.«
»Dass du Johanna geholfen hast, obwohl du selbst große Probleme hast, ist ein weiteres Indiz.«
»Ich könnte das alles trotzdem inszeniert haben.«
»Solltest du als Anwältin nicht deinen Fall vertreten, statt ständig gegen dich zu argumentieren?«, fragte er.
»Ich muss beide Seiten analysieren«, erwiderte sie. »Das gehört dazu.«
»Lass uns anfangen«, schlug er vor, »vielleicht klärt sich dann alles auf.«
Jo rechnete es Moritz hoch an, dass er bereit war, sie zu unterstützen. »Wir legen im Wohn- und Essbereich los, ich will nicht, dass du deine Kleidung im Keller schmutzig machst.«
»Wonach soll ich suchen?«, fragte er.
»Alkohol und Informationen«, sagte sie. Dann schluckte sie. »Vielleicht gibt es auch Drogen oder sonst etwas, das mir schaden könnte?«
»Du bist nicht drogensüchtig. Wir haben dein Blut auf alle möglichen Substanzen untersucht. Das gehört bei einer Amnesie dazu. Auch deine Leberwerte waren tipptopp in Ordnung.«
»Du glaubst gar nicht, wie sehr mich das erleichtert«, sagte sie. »Ich habe das Gefühl, dass der Schluck Wodka, den ich zu Testzwecken getrunken habe, immer noch in meinem Magen brennt.«
»Darf ich diesen Schrank hier öffnen?«, fragte er und ging zur Esszimmeranrichte.
»Klar«, erwiderte sie, »aber ich kann dir nicht sagen, was drin ist.«
Moritz öffnete die Tür. »Geschirr, wie es aussieht.«
»Guck bitte in alle Tassen und Schüsseln«, bat sie. »Kleine Flaschen kann man überall verstecken.« Jo begann mit einem Schrank, in dem DVDs standen. Sie öffnete jede Hülle, immerhin konnte man auch hier einzelne, gefaltete Dokumente unterbringen. »Nichts«, sagte sie nach einer Weile.
»Hier auch nicht«, erwiderte er.
»Dann weiter«, sagte Jo seufzend.
»Auf diese Weise lerne ich immerhin deinen Geschmack kennen«, versuchte Moritz, sie aufzumuntern. »Du scheinst trotz deines Anwaltsberufs eine romantische Ader zu haben.«
Jo blickte überrascht auf. »Wie kommst du darauf?«
»Das Blümchengeschirr«, sagte er und zeigte ihr eine Tasse. »Es gefällt mir übrigens sehr.«
»Leider erinnere ich mich nicht daran, ob ich es gekauft habe«, sagte sie. »Es könnte das Erbe einer frustrierten Großtante sein.« Sie lachte kurz auf. »Oder ein Geschenk von einer total unmöglichen Person.«
»Auch dann bist du ein liebenswerter Mensch, wenn du es aus Rücksicht auf den Schenkenden in Reichweite des Esstisches aufbewahrst.«
»Du suchst nach Positivem, das ist sehr nett, aber unser Fokus liegt auf den Schweinereien«, erinnerte sie ihn.
»Nein, dazu sage ich jetzt nichts«, flötete er.
Jo fühlte, dass sie rot anlief. Sie wusste genau, was er meinte. Trotz ihrer Situation war es verführerisch, daran zu denken, wie sie gemeinsam mit Moritz der Romantik einen Tritt in den Hintern gab. Direkt auf dem Esstisch neben dem Geschirr, das ihm so gut gefiel. Sie seufzte. »Selbst, wenn ich das wollte, würdest du es wegen Max nicht tun, richtig?«
Er nickte. »Auch wenn es zunehmend schwer wird, dir zu widerstehen.«
Als sie Hunger bekamen, rief Jo den Pizzaservice an. Nach einer schnellen Mahlzeit suchten sie weiter. Die Flaschen waren überall. Hinter Büchern, hinten in Schubladen. Sogar im Bad fand Jo eine kleine Wodkaflasche. »Ich frage mich, ob ich doch noch unbewusste Erinnerungen habe«, sagte Jo. »Wie hätte ich sonst auf die Idee kommen können, mein Haus zu durchsuchen?«
Moritz hielt inne. »Angenommen, wir hätten nur noch fünf Minuten, weil uns die Polizei auf den Fersen ist und gleich jeden Stein umdrehen wird. Wo schaust du zuletzt nach, bevor du flüchtest?«
»Unter dem Teppich«, sagte Jo.
»Welcher?«
»Keine Ahnung.«
Moritz blickte sich um. Also hier hast du schon mal keinen verlegt.«
»Ich glaube, es gibt gar keinen«, sagte sie enttäuscht. »Bestimmt stammt die Erinnerung aus einem Film.«
»Auch nicht im Schlafzimmer?«
Sie schüttelte den Kopf. »Vielleicht bin ich Hausstauballergikerin. Es war alles blitzsauber, als ich vom Einkaufen zurückkam.«
»Du solltest trotzdem alle Räume absuchen.«
Jo, die gerade in dem untersten Fach einer Kommode kramte, erhob sich. »Weil du es bist, aber ich verspreche mir nichts davon.«
Sie ging durch alle Räume und starrte aufmerksam auf den Boden. Nichts. »So blöd war ich bestimmt nicht«, murmelte sie und lief in den ersten Stock.
»Oh!« Sie hatte den vermutlich einzigen Teppich im Haus gefunden, in einem Raum, der wohl ein Gästezimmer war. Es stand ein Bett darin. Würde sie unter einem verlegten Teppich etwas verstecken? Dafür musste sie ihn doch herausreißen, das war nicht logisch.
Trotzdem rückte sie die Kommode, die unter dem Fenster stand, ein Stück in den Raum. Diese Leiste war nicht so ordentlich verlegt worden wie im Rest des Zimmers. Vorsichtig zupfte sie an den kurzen Haaren des Teppichs. Er gab nach und sie konnte ihn unter dem an der Wand fixierten Rand herausreißen. Sie griff darunter.
»Das glaube ich jetzt nicht«, murmelte sie. Unter dem Teppich lag ein flaches, in Packpapier eingeschlagenes Päckchen.
»Hey, ich habe dich Möbel rücken gehört.« Moritz kam zu ihr und beugte sich über sie.
»Warum sollte ich hier etwas verstecken?«, fragte Jo entgeistert.
»Komm mit, wir sehen uns das an.«
Jo drückte den Teppich zurück unter den Rand und schob die Kommode davor. Dann lief sie mit dem Päckchen an Moritz vorbei und eilte die Treppe hinunter.
»Oh nein«, sagte sie, als sie es aufriss.
»Sieht wie Kokain aus«, sagte Moritz mit Blick auf die kleinen weißen Tütchen. »Könnte aber alles Mögliche sein.« Er öffnete den Küchenschrank, holte ein Glas heraus und füllte Wasser hinein. »Kokain löst sich vollständig auf«, sagte er. »Im Gegensatz zu Mehl oder anderen Substanzen, die zum Strecken benutzt werden.«
»Du kennst dich aus«, murmelte sie schockiert.
»Du glaubst ja nicht, wie viele Patienten mit Drogenproblemen bei uns eingeliefert werden.«
Jo riss eines der Tütchen auf und kippte es ins Glas.
Moritz befeuchtete einen Finger und probierte einen winzigen Rest, der an der Plastikfolie hängen geblieben war. »Das könnte wirklich Koks sein«, sagte er. »Sollen wir es im Krankenhaus untersuchen lassen?«
»Nein!«, rief sie entsetzt. »Du könntest meinetwegen Ärger bekommen.«
Er seufzte. »Förderlich wäre es nicht, aber ich kenne die Kollegen gut. Sie würden schweigen.«
Jo griff nach einem Löffel und rührte um. »Das Meiste löst sich auf.«
»Also ich tippe mit einer Wahrscheinlichkeit von neunundneunzig Prozent, dass es Koks ist.«
»Dann muss ich es vernichten«, sagte Jo tonlos.
»Wir suchen weiter und werden später alles zusammen entsorgen«, schlug er vor.
Sie griff nach dem Packpapier und faltete es auseinander. »Hier ist noch ein Zettel!«, rief sie verblüfft. Jo glättete das Blatt und begann zu lesen. Es war eine Mail, die Max an einen Münchner Anwalt geschrieben hatte.
»Hallo Tom,
leider habe ich schlechte Nachrichten für uns. Johanna weigert sich, das Angebot ihrer Eltern anzunehmen, im Winter in deren Kanzlei einzusteigen. Sie will sich unabhängig von ihnen beweisen.
Du musst mit deiner Bewerbung noch warten, bis ich das geklärt habe. Georg setzt fest auf mich und ich werde ihn nicht enttäuschen. Leider muss ich jetzt auf Plan B zurückgreifen und sie unter Druck setzen.
Viele Grüße
Max«
Jo ließ sich auf einen Stuhl fallen. »Mein Leben ist ein Albtraum.«
Moritz setzte sich neben sie und griff nach dem Zettel. Nachdenklich studierte er die Mail. »Woher du diese Info wohl hast?«
»Vielleicht war ich an seinem Computer«, sagte sie schwach. »Oder jemand anderes hat mir das ausgedruckt.« Sie sah ihn an. »Auf jeden Fall habe ich die Drogen selbst versteckt, die Mail beweist es.«
»Wer ist dieser Georg?«, fragte Max.
»Mein Vater heißt so. Meine Mutter und er führen gemeinsam eine Kanzlei in München, das habe ich in der E-Mail-Signatur einer privaten Nachricht gesehen.«
»Aber was hat das mit dem Koks zu tun?«, fragte Moritz und kratzte nachdenklich an seiner Wange. »Warum gibt es hier Drogen und Alkohol, wenn deine Laborwerte sauber sind?«
»Vermutlich ist das das Druckmittel«, erwiderte sie. »Vielleicht habe ich das Koks hier gefunden, Angst bekommen und es neu versteckt. Aber das war keine gute Idee, ich hätte es besser vernichten sollen. Wenn jemand das Zeug hier findet, bin ich als Anwältin geliefert. Meine Eltern würden mir niemals ihre Kanzlei überlassen.«
»Das ist ganz schön verrückt, aber es klingt logisch.« Moritz sah sie besorgt an. »Woher weißt du, dass Max keinen Schlüssel zu deinem Haus besitzt?«
»Er hat es mir gesagt.«
»Wenn er bei dir ein und aus gegangen ist, könnte er sich einen ausgeliehen haben. Zum Nachmachen.«
»Es könnte auch irgendeine Freundin gewesen sein. Larissa, Dana, Neele – man kann niemanden ausschließen. Theoretisch.«
»Die Mail spricht leider für deinen Verlobten.« Moritz räusperte sich. »Auf dem Schwarzmarkt ist dieses Zeug viel wert. Wie steht es um deine Finanzen? Wenn man mal von dem Wert des Hauses absieht – hast du Geldnot?«
Sie schüttelte den Kopf. »Meine Eltern haben mir nach dem Studium einen größeren Betrag überschrieben, der die Kredite für das Haus übersteigt.« Sie blinzelte ihn an. »Ich bin eine gute Partie.«
Moritz räusperte sich. »Du bist vermögend genug, um nicht auf krumme Geschäfte angewiesen zu sein. Max könnte dich erpressen. Wir hatten mal einen jungen Dealer als Patienten im Haus, der aufhören wollte. Da haben seine Lieferanten sein Auto mit Drogen vollgestopft und der Polizei einen anonymen Tipp gegeben. Darüber war er so verzweifelt, dass er mit einer Überdosis bei uns eingeliefert wurde.«
»So in der Art könnte es gelaufen sein«, sagte sie. »Max braucht dringend Geld und will seine Karriere vorantreiben. Ich wiederum habe mich geweigert, mein Haus zu verkaufen und mit ihm nach München zu ziehen. Also erpresst er mich.«
»Aber weshalb will er dich dann vor den Traualtar schleifen?«
»Vielleicht ist er ein Heiratsschwindler.« Jo erhob sich. »Auf jeden Fall muss das Zeug noch heute aus meinem Haus verschwinden. Und wenn ich die ganze Nacht lang suchen muss.« Jo seufzte. »Eine Anwältin, die wegen Drogenbesitz verklagt wird – das ist der Super-GAU. Ich könnte mir danach nur noch einen Job im Supermarkt suchen. Und selbst die Kasse würde mir niemand mehr anvertrauen.« Sie sah Moritz an. »Was mache ich jetzt?«, fragte sie.
Moritz zuckte mit den Schultern. »Solange du krank bist, wird niemand herkommen, weil die Person damit rechnen muss, dass du hier bist. Ich werde dein Attest verlängern, bis du herausgefunden hast, was Sache ist.«
Jo seufzte. »Das ist lieb von dir, aber ich will das Ganze schnell hinter mich bringen.«
»Wir sollten weitermachen«, schlug Moritz vor. »Vielleicht finden wir noch etwas Nützliches. Falls du irgendwann mal Tagebuch geschrieben hast, wäre das extrem hilfreich.«
Jo stöhnte. »Noch habe ich keins gefunden.«
Bis um Mitternacht suchten die beiden gemeinsam. Die letzten zwei Zimmer prüften sie aus Zeitgründen nur oberflächlich, doch Jo nahm sich vor, am nächsten Tag noch mal alles gründlich durchzugehen.
»Nichts außer drei weitere Flaschen«, murmelte sie bedauernd.
»Du solltest jetzt schlafen gehen«, schlug Moritz vor. »Es war ein langer Tag. Und ich muss auch Morgen um sieben Uhr wieder aus den Federn.«
Jo trat auf ihn zu. Dann umarmte sie ihn fest. »Es tut mir so leid«, flüsterte sie. »Wenn ich geahnt hätte, was für ein Mensch ich bin, hätte ich dich nie da mit hineingezogen.«
»Keine Sorge, wir kriegen das hin«, sagte er und streichelte beruhigend über ihren Rücken.
Jo rechnete es Moritz hoch an, dass er sie unterstützen wollte. Und doch beschlich sie das Gefühl, dass sie in dieser Sache ganz auf sich allein gestellt war.
Wie gerne hätte sie jetzt mit Johanna getauscht, deren einziges Problem es war, dass sie zwei Monate lang ein paar Vorlesungen verpasst hatte. Ein Kinderspiel!