Kapitel 18 - Engel und Apfelkuchen
By Mella Dumont
Zu Hause schlüpfte Jo in eine bequeme Jogginghose und begann, das Erdgeschoss zu putzen. Sie war besessen davon, das Haus so sauber zu halten, wie sie es vor einer Woche nach dem Einkaufen vorgefunden hatte.
Sie wischte das Wohnzimmer und riss anschließend alle Fenster auf, um die Feuchtigkeit zu vertreiben.
Es klingelte an der Haustür. »Wer das wohl ist?«, fragte sie sich und öffnete die Tür. Ein älterer Herr im Anzug stand vor ihr. »Guten Tag«, sagte sie forsch. »Kennen wir uns?«
Der Mann lächelte, doch etwas an ihm wirkte nachdenklich. »Ich bin von den Zeugen Jehovas.«
»Entschuldigen Sie, aber ich interessiere mich nicht für Religion«, sagte sie und schloss die Tür. »Leute gibt’s«, murmelte sie und ging zurück ins Wohnzimmer.
Es klingelte erneut.
»Der hat sie doch nicht mehr alle!«, rief sie, laut genug, damit der ungebetene Besucher es womöglich hören konnte. »Habe ich mich nicht klar genug ausgedrückt?«, fragte sie, nachdem sie die Tür wieder aufgerissen hatte.
Er hielt ihr eine Visitenkarte entgegen. »Ich bin Ihr Chef, Frau Vogel.«
»Was?« Jo griff nach dem Kärtchen und starrte entgeistert darauf. »Berthold Noah, Kanzlei Noah und Partner«, las sie. Darunter die ihr bekannte Firmenadresse. »Ich dachte, Max sei mein Chef?«, fragte sie irritiert. »Ah, natürlich! Sie sind sein Vorgesetzter und Partner in der Kanzlei.«
»Darf ich hereinkommen?«, fragte er freundlich.
»Ja, sicher«, erwiderte sie perplex und trat beiseite. »Seien Sie bitte vorsichtig, ich habe gerade gewischt.« Jo schloss die Tür und eilte hinter ihm her. »Möchten Sie etwas trinken? Tee, Kaffee, Wasser?«
»Ein Tee wäre nicht schlecht«, sagte er. »Darjeeling, bitte.«
Jo ging in die Küche und fand eine hübsche Metalldose mit der gewünschten Sorte. »Woher wussten Sie, dass ich Darjeeling hier habe?«
Herr Noah stand in der Tür und sah ihr zu. »In ihren ersten beiden Jahren in der Kanzlei haben Sie direkt unter meiner Aufsicht gearbeitet.«
»Ah!« Sie sah diesen Mann heute zum ersten Mal, jedenfalls nach der Amnesie.
Das Wasser kochte. Jo goss die Blätter auf und brachte zwei Tassen an den Esstisch. »Kommen Sie.«
»Sie haben ein Problem, Frau Vogel«, sagte Herr Noah, nachdem er sich hingesetzt hatte. »Ich weiß nur nicht, welches.«
»Was meinen Sie damit?«
Er sah sie an. »Entweder leiden Sie wirklich unter einer Amnesie, was ich fast nicht glauben kann, nachdem Sie den Vertragsentwurf geschickt haben, oder Sie haben ein anderes Problem, das so schwerwiegend ist, dass Sie es nur lösen können, indem Sie uns diese Krankheit vortäuschen.«
»Eine analytische Sichtweise«, erwiderte Jo. »Verletzend, aber bestechend logisch.«
Herr Noah betrachtete sie nachdenklich. »Ich traue Ihnen durchaus zu, dass Sie in einer Notsituation bluffen, aber die Begrüßung war schon sehr … nun, sie hat mich überzeugt.«
»Entweder von der Wahrheit oder von meinen schauspielerischen Fähigkeiten«, fasste Jo zusammen.
Er nickte. »Eins ist jedoch sicher: Sie brauchen Hilfe. Und deshalb bin ich hier. Ich werde es Ihnen nie vergessen, wie Sie mich bei dem Parmin-Fall bis tief in die Nacht unterstützt haben, als uns am Abend vor der Hauptverhandlung neue Hinweise zugetragen wurden.«
»Ich hoffe, dass ich danach Urlaub genommen und ausgeschlafen habe«, erwiderte sie.
Herr Noah lächelte. »Ich musste Ihnen zuerst androhen, Ihnen den Zugang zum Computer zu sperren.«
»Mein früheres Ich hat sich nicht gerade gut um sich selbst gekümmert.«
»Sie hatten schier unerschöpflich viel Energie.«
Jo sah den Mann an und dachte nach. Sie war dringend auf Hilfe angewiesen. Johanna konnte nichts für sie tun, auch wenn sie motiviert war. »Dann lasse ich mal die Hosen herunter«, sagte Jo und ging zu dem Schrank, wo sie das Drogenpäckchen versteckt hatte. »Ich leide wirklich unter Amnesie, aber ich habe zusätzlich ein weiteres Problem.« Sie legte es vor ihm ab. »Neben einer Unmenge von leeren und vollen Schnapsflaschen habe ich Kokain in meinem Haus gefunden. Die Blutwerte aus dem Krankenhaus bestätigen, dass ich auf gar keinen Fall drogensüchtig bin. Meine Finanzen bestätigen, dass ich keinen Grund habe, um mir auf diese Weise etwas dazuzuverdienen.«
»Was?« Das Gesicht des Kanzleichefs erstarrte zu einer unbeweglichen Maske. »Hier in Ihrem Haus?«
Jo nickte. »Und ich habe ein Gespräch von Max belauscht. Er hat mit meinem Vater telefoniert und ihm nichts von der Amnesie erzählt. Außerdem hat er gesagt, dass er nach der Hochzeit bei ihm in München einsteigen will.«
Herr Noah schob das Päckchen mit dem Handrücken weg.
»Und das ist noch nicht alles«, fuhr sie fort und zeigte ihm den Zettel mit der ausgedruckten Mail.
Herr Noah griff danach und begann zu lesen. »Er will Sie unter Druck setzen und im Winter nach München ziehen! Warum verhandelt er dann mit uns wegen seiner Partnerschaft?«, fragte er entsetzt.
»Tut er das?« Jo runzelte ihre Stirn. »Er hat meinem Vater versichert, dass er genug verdient, um sich ein Haus in München zu kaufen. Dabei ist er hoch verschuldet, auch das habe ich herausgefunden. Und, dass ich eine Fehlgeburt hatte.«
Herr Noah seufzte. »Vor zwei Monaten. Sie wirkten danach ganz blass und verzweifelt.«
»Ich habe nur Indizien und keine Beweise. Aber seit gestern weiß ich, dass ich Max auf gar keinen Fall heiraten kann.«
Herr Noah trank einen Schluck Tee. »Erst letzte Woche habe ich wieder Bewerbern abgesagt, weil ich es Herrn Stein überlassen wollte, sich ein Team zusammenzustellen, wenn er im Winter Partner wird.« Er blickte sie an. »Er war immer ein loyaler Mitarbeiter, ich kann mir gar nicht vorstellen, dass er mir in letzter Minute absagen wird. Was bekommt er in München, was wir ihm nicht bieten?«
»Vielleicht mehr Geld?«, fragte Jo. »Oder die Aussicht, später die Kanzlei von meinen Eltern zu übernehmen?«
»Das würde bei uns nicht funktionieren, da mein Kompagnon unsere Firma an seinen Sohn übergeben möchte.« Herr Noah seufzte. »Vor einem Jahr kam Herr Stein schon einmal zu mir und wollte zum Partner befördert werden. Wir haben ihn vertröstet, weil wir fanden, dass es noch zu früh war. Mittlerweile sind wir uns einig geworden, aber wie es aussieht, hat Ihr Verlobter andere Pläne.«
Jo runzelte ihre Stirn. »Ich befürchte, dass er mich bei meinen Eltern diskreditieren will. Niemand würde einer drogen- und alkoholabhängigen Tochter eine renommierte Kanzlei anbieten.«
Herr Noah wirkte sichtlich erschüttert. »Wenn er Sie heiratet, schadet er doch auch seinem Ruf – das verstehe ich nicht.«
»Wie komme ich aus der Sache heraus?«, fragte Jo. »Ich habe schon das ganze Haus durchsucht und die Schlösser ausgetauscht, damit Max keine Flaschen in meine Schränke schmuggeln kann.«
»Wie geht es Ihnen wirklich, Frau Vogel?«, fragte Herr Noah ernsthaft.
»Nun, irgendwie nehme ich das Ganze recht gelassen, eher wie ein Rätsel und nicht wie eine lebensverändernde Katastrophe.« Sie zuckte mit den Schultern. »Meine Erinnerungen an die Fälle und an das Studium kamen von jetzt auf gleich wieder. Ich würde meine Klienten zwar nicht erkennen, aber ich bin arbeitsfähig.«
Der Kanzleichef zog ein Mobiltelefon aus der Brusttasche seines Sakkos und wählte eine Nummer. »Frau Odens, ich bin gerade bei einem neuen Klienten. Können Sie mir sagen, wie hoch der Urlaubsanspruch von Herrn Stein ist? Da muss sich ja einiges angesammelt haben, er ist doch so fleißig. Ja, genau. Ich warte.« Er blickte Jo vielsagend an. »Siebzig Tage? Herrje … ja, danke.«
Er atmete tief durch. »Meine Güte, sobald er kündigt, kann er quasi sofort verschwinden«, sagte Herr Noah. »Ich muss andere Kollegen rechtzeitig einarbeiten, damit sie übernehmen können.«
»Dabei helfe ich Ihnen natürlich«, versprach Jo.
Herr Noah leerte seine Tasse und erhob sich. »Danke für den Tee. Ich werde im Büro ausrichten, dass Sie bis auf weiteres krank sind, aber Ihre Unterstützung von zu Hause aus anbieten, soweit Sie dazu in der Lage sind.«
Jo nickte. »Das mache ich gerne.« Sie begleitete ihn zur Tür. »Lassen Sie mich wissen, wenn ich etwas für Sie tun kann«, bat sie. »Egal, was es ist.«
»Kehren Sie hinter Ihrer eigenen Haustür, Frau Vogel, und zwar gründlich. Egal, wer das getan hat, er könnte jederzeit Anzeige erstatten. Wenn hier jemand nach Drogen sucht, darf er nichts finden.«
Jo nickte. »Ich tue mein Bestes. Gestern habe ich bis nach Mitternacht gesucht.«
»Ich bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet. Von meiner Seite aus gilt für Herrn Stein natürlich die Unschuldsvermutung, aber wir werden uns trotzdem auf eine mögliche Kündigung vorbereiten. Sie hören von mir.«
In diesem Moment klingelte es noch einmal an der Haustür. Wer war das? Jo öffnete.
»Frau Vogel, sicher warten Sie schon auf mich!« Frau Zilliken hielt ihr strahlend einen riesigen, transparenten Kleidersack entgegen.
Das Brautkleid!
Der traurige Ausdruck in Herrn Noahs Gesicht ließ ihre Wangen vor Scham ganz heiß werden. »Ja, danke«, sagte sie, riss der Frau den Bügel aus der Hand und hängte den Traum in Weiß an das Treppengeländer.
»Nun …« Herr Noah räusperte sich. »Viel Glück, Frau Vogel.«
»Dem schließe ich mich an!«, sagte Frau Zilliken enthusiastisch. »Toi, toi, toi!«
Jo versuchte zu lächeln, aber es gelang ihr nicht. »Vielen Dank«, stammelte sie und verabschiedete sich von ihren beiden Gästen.
Nachdenklich ging sie zurück zum Esstisch und räumte die Teetassen weg, ohne sich weiter um das Brautkleid zu kümmern. Die Warnung ihres Arbeitgebers, ihr Haus wirklich gründlich zu durchsuchen, hallte in ihr nach. Hatte sie etwas vergessen? Ein Versteck, das so clever war, dass niemand darauf kam?
Jo ging ins Arbeitszimmer, setzte sich an ihren Laptop und googelte. Wo verbargen Menschen ihre Wertgegenstände vor möglichen Dieben?
Blumenvasen, Dosen, Wäsche, Matratzen – die Liste der angeblich unsicheren Verstecke war lang. Nein, Max würde keinen Ort auswählen, der im Internet zu finden war. Bei einer Hausdurchsuchung hatten die Beamten viel Zeit und konnten alles genau unter die Lupe nehmen.
Es machte sie wahnsinnig, sich an diesem Thema aufzureiben. Um Max auf die Schliche zu kommen, würde sie wie er denken müssen. Und das, obwohl sie ihn nicht kannte.
Es klingelte. »Bloß nicht«, dachte sie entsetzt und lief nach unten. Sie griff nach dem Drogenpäckchen und sah sich um. Wohin damit auf die Schnelle? Sie rannte in ihr Schlafzimmer und legte es im Schrank unter einen Stapel Pullover. Dann eilte sie lautlos zur Tür.
»Ich habe gerade mit Herrn Noah telefoniert«, sagte Max, kaum, dass sie ihm geöffnet hatte. »Wie lange willst du diese Show noch durchziehen?« Sein Blick fiel auf das Brautkleid, das unschuldig am Treppengeländer hing.
»Warum glaubst du mir nicht?«, fragte sie. »So etwas gibt sich doch niemand freiwillig!«
»Du warst dir noch nie zu fein dafür, um ungewöhnliche Methoden anzuwenden«, sagte er.
»Weshalb sollte ich zu jemandem ziehen, der mir nicht vertraut?«, fragte sie ärgerlich. »In guten wie in schlechten Zeiten, heißt es im Ehegelöbnis, in Krankheit wie in Gesundheit.«
»Bedeutet Liebe nicht auch, dass man dem anderen keine Show vorspielt?«, fragte Max. »Ich mache mir schon lange Sorgen um dich, wie es aussieht, nicht umsonst.«
»Warum bist du hier?«, fragte sie und stemmte die Hände angriffslustig in die Hüften. »Bisher hast du mir nur Stress bereitet. Eine bessere Warnung gegen die Ehe mit dir kann es kaum geben.«
»Du kannst nicht einfach einen auf Krank machen, Fälle von zu Hause bearbeiten und bei jeder Gelegenheit, die dir passt, diese angebliche Amnesie vorschieben.«
Jo registrierte erstaunt, dass er die Hochzeit nicht erwähnte. Wenn er wirklich so dringend auf Geld angewiesen war, sollte er sich dann nicht mehr Mühe geben, um ihr Herz zu erobern? Ihr Vater würde ihn sicher nicht mit einer Bonuszahlung in München begrüßen. Oder hatte er die Erfahrung gemacht, dass man sie am leichtesten manipulieren konnte, wenn man Druck auf sie ausübte? Dieser Gedanke versetzte ihr einen Stich.
Sie starrte ihn an. »Was willst du? Ich werde von hier aus tun, was ich kann, mehr biete ich nicht an.«
»Eigentlich wollte ich deinen Rasenmäher zur Inspektion bringen«, sagte Max in etwas versöhnlicherem Tonfall. »Zum Streiten bin ich gar nicht hier.«
Jo begann zu schwitzen. Das war also der Grund, warum er neulich hatte mähen wollen. Mit dem Gerät stimmte etwas nicht!
»Du, der ist beim Nachbarn, der kümmert sich darum. Der Anlasser war ja etwas schwergängig«, log sie.
»Bei welchem Nachbarn?«, bohrte Max weiter. »Ich habe Ersatzteile für dich vorbestellt, ich kenne mich da ein wenig aus.«
»Er hat ihn mit in seine Firma genommen«, log Jo weiter.
»Wie heißt die Firma?«, hakte Max nach.
»Der Rasenmäher gehört mir, also entscheide ich, was damit geschieht!«, rief Jo, die zunehmend sauer wurde. »Was soll dieser Kindergarten? Kümmere dich lieber um die Arbeit in der Kanzlei, der Rasen ist nicht wichtig.«
»Ich habe extra den Anhänger dabei.«
»Dann pack deine schlechte Laune da drauf und schaff sie weg«, sagte Jo patzig.
»Ich fahre nicht ohne den Rasenmäher.« Max ging ins Wohnzimmer, öffnete die Terrassentür, lief zum Gartenhaus und drückte die Türklinke hinunter – vergeblich. Dann spähte er durch das Fenster. »Du hast mich angelogen!«, rief er aufgebracht.
»Das würde dir ja nie einfallen«, erwiderte Jo.
»Es ist mein Rasenmäher, ich kann es belegen!«
»Du darfst deine Ansprüche selbstverständlich schriftlich geltend machen«, sagte sie kalt. »Derzeit steht das Gerät auf meinem Grundstück und ist deshalb als mein Eigentum zu betrachten.«
»Das wirst du bereuen!«, rief Max, deutete auf das Gartenhaus und sah dann in Richtung Dach. Jo beobachtete ihn genau. Was suchte er dort? Musste sie sich eine Leiter besorgen?
Sie ging zur Balkontür und verschränkte ihre Arme. »Verlass mein Grundstück. Wenn du in zwei Minuten nicht draußen bist, werte ich das als Hausfriedensbruch und zeige dich an.« Sie schloss die Tür und holte ihr Handy. Max stand vor der Terrassentür und brüllte, bis die keifende Nachbarin mit der Harke in der Hand aus ihrem Haus trat und ihn verjagte.
Jo bewunderte sie für ihren Mut. Heute war diese Frau Kohl ihr zum ersten Mal sympathisch.