Kapitel 2 - Engel und Apfelkuchen
By Mella Dumont
Jo saß auf ihrer Couch und versuchte sich zu erinnern. Wann hatte sie dieses Bild gekauft, das über ihr hing? War es teuer gewesen?
Langsam erhob sie sich. Als würde sie ein Museum besichtigen, machte sie einen ehrfürchtigen Rundgang durch das Haus.
Im Erdgeschoss befand sich ein geräumiges Wohn- und Esszimmer mit einer langen Fensterfront zu einer hölzernen Terrasse, auf der zwei Liegen und ein Tisch mit vier Stühlen standen. Der Rasen war von bepflanzten Hängen umgeben. Alles wirkte geschmackvoll und teuer.
Die Gästetoilette war ziemlich klein, man konnte sich kaum darin drehen. Sie starrte auf die Kellertreppe und beschloss, zuerst nach oben zu gehen.
»Ah!«, murmelte sie, als sie kurz darauf in einem Badezimmer mit Regendusche und Eckbadewanne stand. Sämtliche Teppiche und Handtücher, ja sogar der Bademantel und der Seifenspender waren türkis. Das große Fenster war undurchsichtig. Als sie es öffnete, konnte sie auf die Straße blicken.
Im Arbeitszimmer blätterte sie in dem Tischkalender, der sorgfältig geführt zu sein schien.
»Ich habe Urlaub!«, sagte sie verblüfft und setzte sich auf den hellgrauen Bürostuhl mit den weißen Rollen.
Für morgen standen zwei Termine an. Ein Besuch im Krankenhaus und der Junggesellinnenabschied. Nachdenklich schielte sie auf die beiden ineinander verschlungenen Herzen, die den Pfingstmontag in zehn Tagen zierten. Ihr Herz klopfte schneller. Ob sie ihren Verlobten mögen würde? Wie würde er auf eine Frau ohne Gedächtnis reagieren?
Am Montag stand ein Termin mit einer Frau Schnabel an. Und am Donnerstag würde sie ihr Hochzeitskleid anprobieren – leider fehlte die Adresse des Ladens.
Auf dem Schreibtisch lagen mehrere Ordner. Sie beugte sich darüber. »Verhungern werde ich schon mal nicht«, murmelte sie, als sie ihren letzten Lohnzettel sah. »Was? Eine Anwaltskanzlei?« Jo stöhnte. Bei diesem Gehalt war sie vermutlich nicht die Assistentin.
Sie warf einen Blick auf die Gesetzestexte in dem Bücherregal hinter der Tür. Herrje, sie war tatsächlich eine Anwältin! Jo erinnerte sich nicht daran, sich je für Jura interessiert zu haben.
Langsam trat sie vor das Regal. Kam ihr davon irgendetwas bekannt vor? Sie würde bald wieder arbeiten müssen. Ihr Herz klopfte, als ihr Blick auf das Strafgesetzbuch fiel. Seufzend wandte sie sich ab.
Hinter dem Schreibtisch hing ein hochwertiger Druck an der Wand. Jo betrachtete ihn. Viele kleine Strichmännchen versuchten eilig, mit kleinen Leitern einen Kubus zu erklimmen. Auf dem Bild ging es eindeutig um die Karriere.
Jo rümpfte die Nase. Wollte sie eines dieser kahlköpfigen Männchen sein? Keines hatte auch nur ein einziges Haar auf dem Kopf. Sie wirkten nicht gerade glücklich, sondern eifrig und beflissen wie Ameisen.
Plötzlich hatte sie eine Idee und hängte das Bild ab.
»Nein!«, rief sie. Jemand hatte auf der Rückseite des weißen Rahmens ein paar Zeilen hinterlassen. »Viel Erfolg in der Kanzlei«, stand darauf. Unterschrieben hatte ein Max. »Wer verschenkt so etwas zum Einstieg in eine Firma?«, wunderte sie sich.
Hallo Jo, schön, dass du da bist, du wirst ab sofort wie eine Ameise mit einer Leiter herumrennen. Es konnte sich nur um einen sadistischen Menschen handeln.
Weshalb hatte sie das Bild hier aufgehängt? In seinem Zuhause wollte man sich doch wohlfühlen und den Stress der Arbeit abschütteln.
Obwohl ihr die Machart der Zeichnung grundsätzlich gefiel, fand sie den Anlass, zu dem man ihr das Geschenk überreicht hatte, mehr als unpassend.
Wieder blickte sie auf den Kalender. Schon am Dienstag nach der Hochzeit war ihr Urlaub vorbei. Jo zählte nach. Freitag, Samstag … es blieben ihr noch elf Tage, um herauszufinden, was an ihrem Arbeitsplatz von ihr verlangt wurde. Die Adresse stand auf der Gehaltsabrechnung – mit Anwesenheit würde sie auf jeden Fall glänzen können. Dummerweise fehlte ihr jegliches Fachwissen.
Dann fiel ihr Blick auf den Pfingstmontag. Die Hochzeit. Womöglich war die Arbeit nicht ihr größtes Problem. Wie konnte sie unauffällig herausfinden, wer ihr Zukünftiger war, ohne sich zu blamieren?
Gerade wollte sie sich dem Schrank mit den Aktenordnern widmen, um mehr über sich herauszufinden, da klingelte das Handy im Erdgeschoss.
Das war bestimmt Larissa!
Sie rannte nach unten und holte das Telefon aus ihrer Handtasche, die sie auf dem Küchentisch abgestellt hatte.
»Hallo?«, meldete sie sich atemlos.
»Hast du jetzt Zeit für mich?« Larissa lachte.
»Ja, ich bin zu Hause«, sagte sie.
»Ist der Puschel schon versorgt?«
»Wer?«, fragte Jo irritiert.
»Dein verfressener Kater.«
»Ach so, klar.« Ihr Blick fiel auf den Suppenteller, auf dem nur noch ein paar einsame Bröckchen lagen. »Puschel hat gerade aufgegessen.«
»Und Mio?«
»Ähm …«
»Deine andere Katze, falls du sie vergessen hast. Die, die in der ersten Woche nach ihrer Ankunft deine frische Minze von der Fensterbank gestoßen hat.«
»Haha«, sagte sie und versuchte, möglichst ironisch zu klingen. »Die hat gerade bei der Nachbarin die Heide ruiniert. Freundlicherweise, ohne Beweise für ihr schändliches Tun zu hinterlassen.«
»Irgendwann wird Frau Kohl dir einen Anwalt auf den Hals hetzen.«
»Soll sie mal machen«, erwiderte Jo. Sie hatte gerade ganz andere Probleme.
»Vermutlich tut sie es nur deshalb nicht, weil es dich kein Geld kostet. Du kannst diese Dinge ja selbst erledigen.«
Konnte sie? Jo schluckte. Theoretisch – ja. Praktisch erinnerte sie sich nicht daran, jemals in einer Juravorlesung gesessen zu haben.
»Weshalb hattest du noch mal angerufen?«, fragte sie, um schnell vom Thema abzulenken.
»Es geht um diese junge Frau im Krankenhaus.«
»Ach ja, entschuldige. Die Katze hat mich abgelenkt.«
»Machst du es?«, fragte Larissa. »Du bist wirklich genau die richtige Person für den Job. Ich kann keine sechzigjährige Hausfrau zu der Studentin schicken.«
»Wäre das nicht eher ein Fall für einen Psychologen?« Jo zweifelte an ihrer Eignung für diese Aufgabe.
»Komm schon, du hattest mir so gut wie zugesagt!«, rief Larissa energisch. »Jemand muss zu ihr nach Hause fahren und ihr Wäsche und Toilettensachen bringen. Solange sie nicht redet, dürfen wir das natürlich nicht. Also nicht ohne ihr Einverständnis. Dummerweise weigert sie sich, mit der Psychologin zu reden. Genau genommen spricht sie mit niemandem.«
»Und du meinst, ich kann das hinbekommen?«, fragte Jo zweifelnd.
»Sie studiert im zweiten Semester Jura. Du könntest ihr von deinem Beruf erzählen«, schlug Larissa vor. »Bestimmt würde sie das motivieren.«
»Das ist eine richtig gute Idee.« Jo wusste nicht, was sie mehr schockierte: Die Tatsache, dass sie Anwältin war und sich nicht mehr daran erinnerte, oder dass sie schon morgen auffliegen würde, wenn sie diese Aufgabe akzeptierte.
»Du schaffst das!« Larissa atmete tief durch. »Ich gebe dir den Namen und die Stationsnummer«, sagte sie geschäftig. »Also die Patientin heißt Johanna Schmitt und liegt auf Station fünf.«
»Moment.« Lautlos flitzte Jo nach oben ins Arbeitszimmer, griff nach einem Stift und ergänzte die Informationen auf ihrem Tischkalender. Nachdenklich starrte sie auf den frisch geschriebenen Text. Die Handschrift hatte sie schon mal nicht verlernt. Sie war lesbar, aber nicht besonders gleichmäßig.
»Bist du noch dran?«, fragte Larissa.
»Klar«, erwiderte sie rasch. »Morgen um vierzehn Uhr auf Station fünf. Ich werde diese Frau Schmitt besuchen, aber ich garantiere für nichts.«
»Du bist wirklich ein Schatz!« Man konnte Erleichterung in Larissas Stimme hören. »Ich muss dann mal los, Neele hat die Hälfte der Sachen vergessen, die sie besorgen sollte.«
»Kein Problem.« Jo verabschiedete sich und legte auf. Nachdenklich starrte sie auf das Handy. Dann sah sie sich um und suchte nach einem Ladekabel. In einer Schublade wurde sie fündig. Der Akku durfte nicht leer werden, da sie ihre PIN nicht kannte. Sie war ein wenig stolz auf sich, dass sie sich trotz der verrückten Situation, in der sie steckte, so umsichtig verhielt.
Es piepte. Larissa hatte ihr die Zimmernummer der Patientin geschickt. »Vierzehn Uhr, melde dich bei der Stationsleitung. Du erhältst eine Einweisung. Und lass nicht den Streber raushängen, wie du es sonst immer tust. Mir wurde gerade zugetragen, dass die Studentin seit Wochen keinen Fuß mehr in die Uni gesetzt hat.«
»Ich und ein Streber?«, flüsterte Jo. Das konnte sie sich kaum vorstellen.
Andererseits sah ihre Wohnung schon etwas streberhaft aus. Frisch geputzt, liebevoll eingerichtet, mit vollgepacktem Arbeitszimmer. Sie ging nach unten und öffnete den Kühlschrank. Nachdenklich betrachtete sie die Flaschen mit Ginger-Ale. Ihr Blick fiel auf die kleine magnetische Pinnwand, an der ein Rezept hing. »Virgin-Mojito«, murmelte sie. »Klingt lecker.« Jo studierte die Zutatenliste und machte sich ans Werk. Sie achtelte eine der frisch eingekauften Limetten und zerstieß sie zusammen mit etwas braunem Zucker, den sie in einem der Schränke fand. »Mist, die Minze fehlt.« Hatte Larissa nicht erwähnt, dass ihre Katze einen Topf mit Minze umgeworfen hatte? Einer spontanen Eingebung folgend öffnete sie die Terrassentür und blickte hinaus. »Der Rasen muss mal gemäht werden«, sagte sie zu sich selbst und runzelte die Stirn. »Ah, da hinten!« Auf der linken Seite ihres Grundstücks hatte sie ein Kräuterbeet angelegt. Jo zupfte ein paar Blättchen Minze ab. Zufrieden ging sie nach drinnen und vollendete ihr Werk mit Crushed Ice und Ginger-Ale. In einer Schublade fand sie die zu dem Getränk passenden Strohhalme.
Jo kostete. »Nicht schlecht«, murmelte sie. »Sehr erfrischend. Daran kann ich mich gewöhnen.« Der natürlich-saure Geschmack der Limette bildete einen angenehmen Kontrast zu dem Rohrzucker und der Limonade.
Mit dem Cocktail in der Hand trat Jo in den Garten und sah sich in Ruhe weiter um. Auf der rechten Seite befand sich ein kleines Gartenhäuschen. Sie stellte ihr Glas auf dem Terrassentisch ab und ging hin. Es war nicht abgeschlossen und darin standen ein Rasenmäher, Stiefel, Handschuhe und diverse Gartengeräte.
Warum nicht sofort tun, was getan werden musste? Ein bisschen Bewegung würde sie vielleicht in Schwung bringen.
Jo zog ihre hübschen ledernen Halbschuhe aus, griff nach dem Paar Gummischuhe und rollte den Rasenmäher heraus. Noch immer trug sie den eleganten Blazer. Darin würde ihr bestimmt warm werden, dachte sie, zog ihn aus und hängte ihn an die Türklinke des Häuschens.
Sie atmete tief durch und sah sich um. Frau Kohl war in ihrem langweilig-weißen Haus verschwunden. Ihr eigenes Haus war in einem zarten Cappuccino-Ton gestrichen, was ihr ausnehmend gut gefiel.
Entschlossen stellte sie den Fuß auf die kleine Trittfläche des Rasenmähers und zog am Anlasser. Sie musste dreimal daran reißen, dann sprang er endlich an. »Bitte, geht doch!«, sagte sie zu sich selbst und legte los. Ihre Hände fanden automatisch die richtigen Knöpfe, das beruhigte sie enorm. Sie legte einen Bügel um und die Messer des Gerätes begannen unter lautem Brummen zu schneiden.
Die Nachbarin öffnete ein Fenster, warf ihr böse Blicke zu und lachte hämisch.
»Was gibt es da zu grinsen?«, maulte Jo, obwohl die Frau sie wegen des lauten Motors nicht hören konnte.
Eigentlich sollte sie jetzt ihr Bett im Krankenhaus beziehen, statt einen Rasen zu mähen. Andererseits fühlte es sich richtig an, die Dinge in die Hand zu nehmen. Von einer Verrückten konnte man nicht verlangen, dass sie freiwillig einen Arzt aufsuchte.
Entschlossen mähte Jo zunächst am Rand entlang und zog dann immer kleiner werdende Kreise. Als der Korb voll war, leerte sie ihn in den Kompostbehälter, der hinter dem Gartenhäuschen stand, und atmete tief durch. Sie trank einen großen Schluck von dem leckeren alkoholfreien Cocktail und arbeitete dann weiter.
»Hey, ich wollte das doch für dich erledigen!« Ein dunkelhaariger Mann in Jeans und kariertem Hemd trat auf sie zu, schaltete den Rasenmäher aus und küsste sie beherzt auf den Mund.
Entsetzt stolperte Jo einen Schritt zurück. Das musste ihr Verlobter sein! Wer sonst würde sie ungefragt küssen?
»Hallo«, sagte sie verlegen.
Wie war er in den Garten gelangt? Ihr Blick fiel auf das kleine Törchen neben dem Haus. Es stand offen.
»Ich bin gleich fertig.« Sie stellte ihren Fuß auf den Rasenmäher und riss erneut am Anlasser. Da der Motor jetzt warm war, sprang er sofort an. »Hol dir etwas zu trinken«, bot sie an, als der Mann sie entsetzt anstarrte. Sie lächelte so freundlich, wie sie es vermochte, legte den Bügel am Griff um und mähte weiter. Es war ihr recht, dass sie auf diese Weise ein wenig Zeit zum Nachdenken gewinnen konnte. Sie wollte diesen unerwarteten Kuss erst mal verarbeiten.
Nachdem sie die nächste Runde gedreht hatte, stand er immer noch da und sah sie an, als sei sie eine Erscheinung. Jo musste sich sehr zusammenreißen, um ihn nicht genauer zu studieren. Er war groß, hatte dunkle Haare mit leicht ergrauten Schläfen, war frisch rasiert und hatte ein kantiges Kinn. Eigentlich ein Traummann, wenngleich ein wenig zu alt für sie. Während sie ihm wieder den Rücken zudrehte, erlaubte sie sich ein hektisches Kichern. Sollte sie die Hochzeit verschieben oder erst mal heiraten und dann später sehen, wie sie es getroffen hatte?
Der Mann beobachtete sie noch eine Weile und verschwand dann kopfschüttelnd im Haus. Jo atmete auf.
Zehn Minuten später leerte sie noch einmal den Korb und stellte den Rasenmäher zufrieden zurück ins Gartenhaus. Während sie die Schuhe wechselte, dachte sie nach. Wie er wohl hieß? Ohne seinen Namen zu kennen, würde sie ernsthafte Probleme bekommen.
Sie griff nach ihrem Blazer, schloss die Tür des Gartenhäuschens und ging nach drinnen. »Ich bin fertig«, sagte sie und lächelte den Fremden an.
»Ich hatte dir doch erklärt, warum ich letzte Woche keine Zeit hatte«, sagte der Mann. »Ist es wirklich so schlimm, wenn das Gras mal zwei Zentimeter höher wächst?«
»Nein«, erwiderte sie. »Ich kam nach Hause und dachte, ach, ich erledige das jetzt.« Sie blickte ihn an. »Ist doch mein Rasen, oder?«
Er stöhnte. »Dein Haus, dein Kühlschrank, dein Rasen. Warum können wir nicht zusammen in meinem Haus leben und meinen Rasen mähen? Du bist die einzige Frau, die nicht zu ihrem Ehemann ziehen will, um ihre Katzen nicht zu traumatisieren.«
»Mir gefällt es hier«, sagte sie und blickte sich um. Eine weiß-grau gefleckte Katze scharrte gerade im Rindenmulch der Nachbarin. »Die Miezen fühlen sich in Frau Kohls Heidegarten pudelwohl.«
»Meine Nachbarn sind wesentlich netter«, erwiderte er. »Du musst ja nicht gleich verkaufen. Zieh mit den Tieren um – sobald sie sich eingelebt haben, rufen wir in einigen Wochen den Makler an.«
»Ich denke darüber nach«, versprach sie ihrem Verlobten.
Zuerst würde sie diesen namenlosen Karohemdträger kennenlernen müssen, bevor sie zu ihm zog. Aber das konnte sie ihm schlecht erklären, sonst würde sie den restlichen Tag in der Notaufnahme eines Krankenhauses verbringen.
Sie ging in die Küche und holte sich im angrenzenden Vorratsraum eine Flasche Mineralwasser, die sie ansetzte, um gierig zu trinken. Das tat gut!
Er folgte ihr. »Du bist heute irgendwie komisch drauf«, sagte er und runzelte seine Stirn.
»Ich weiß«, erwiderte Jo, blickte ihn kurz an und trank weiter. »Heute ist nicht mein Tag. Ich denke, ich werde den Abend in meinem Arbeitszimmer verbringen.«
»Spinnst du? Ich habe reserviert! Du weißt doch, dass ich morgen in meinen Junggesellenurlaub fliege.«
Sie starrte ihn entsetzt an. Wie sollte sie herausfinden, ob es sich lohnte, diesen Mann zu heiraten, wenn er keine Zeit mit ihr verbrachte?
»Vielleicht spinne ich«, sagte Jo langsam.
»Hat der neue Klient dir gestern zugesetzt?«
»Ich muss ein bisschen ausspannen. Und … nun, in den nächsten Tagen gibt es viel zu tun.«
Er seufzte. »Ich weiß, dass der Job hart ist. Vielleicht überlegst du es dir ja noch mal. Es gibt viele Firmen, in denen Anwälte gut bezahlt werden und freitags um siebzehn Uhr ins Wochenende gehen können. Dann kannst du den Rasen am Samstag mähen, statt über Akten zu brüten.«
Weshalb sprach er über ihre Arbeit, wenn sie Urlaub hatte? »Ich denke darüber nach«, sagte Jo. Vielleicht hatte der fiese Kunde sie so sehr geärgert, dass sie vor lauter Panik das Gedächtnis verloren hatte? »Versprochen, Schatz.«
»Seit wann nennst du mich so?« Auf seiner Stirn bildeten sich zwei steile Falten.
»Wie möchtest du denn genannt werden?«
»Wenn dir unsere Kosenamen nicht mehr gefallen, nimm einfach Max«, schlug er vor.
Endlich hatte er ihr seinen Vornamen gesagt! Dummerweise hatte eine Person namens Max ihr das Karrierebild mit den kahlen Männchen geschenkt.
Ihr Blick fiel auf ein Foto, das neben dem Rezept für Virgin-Mojito an der magnetischen Pinnwand hing. »Für mein Hasi«, stand handschriftlich auf dem Bild, das sie offenbar im Urlaub an irgendeinem Strand geschossen hatten. War sie das Hasi oder er? Beide?
Jo beschloss, kein Risiko einzugehen. Sie würde den Kosenamen nicht verwenden, bis sie Gewissheit hatte. Vielleicht schrieb sie ja Tagebuch. Ob eine karrierebesessene Anwältin sich für so etwas Zeit nahm?
Eher nicht.
»Also, was ist jetzt?«, fragte Max ungeduldig. »Es ist unser letztes Treffen, bevor wir uns am Pfingstmontag im Standesamt wiedersehen. Ich habe extra reserviert. Willst du das wirklich absagen?«
Jo starrte ihn entsetzt an. Nach einem einzigen Blind-Date sollte sie heiraten? Sie musste diese Chance ergreifen, um mehr über ihn zu erfahren. »Ich komme mit«, sagte sie schwach.
Max seufzte. »Was hast du nur? Sonst lässt du dir den Arbeitsstress doch nicht so an die Nieren gehen.«
»Ich weiß auch nicht«, murmelte sie. »Ich kenne mich selbst nicht mehr.«
Plötzlich lächelte er und nahm sie fest in den Arm. Jos Wange hing an seiner Schulter. »Das ist die Nervosität, das verstehe ich«, sagte er. Sein Hemd roch angenehm nach frischer Wäsche. »Immerhin ist es deine erste Hochzeit.«
»Deine nicht?« Die Bemerkung rutschte ihr heraus, bevor sie sie zurückhalten konnte.
»Was soll denn diese dumme Frage?« Er ließ sie los und schüttelte ärgerlich den Kopf. »Wenn das ein Witz sein sollte, habe ich die Pointe leider verpasst.«
»Entschuldige«, murmelte sie, um ihn zu beschwichtigen. Doch in ihrem Inneren raste es. Würde sie in zehn Tagen etwa einen geschiedenen Mann heiraten?
Max lächelte. »Mach dir nicht so viel Stress, wir schaffen das. Zieh dir etwas Schönes an und ich hole dich dann in zwei Stunden ab. Ist das okay?«
Sie nickte.
Er trat auf sie zu und drückte ihr einen fetten Schmatzer auf die Lippen. »Wir sehen uns später. Ich freue mich auf dich.«
Bevor Jo etwas erwidern konnte, drehte er sich um und verließ das Haus beschwingten Schrittes.
Während sie ihm durch das Küchenfenster hinterherstarrte, fühlte sie sich vollkommen perplex.
Zwei Stunden blieben ihr, um sich in Schale zu werfen und sich auf das erste und letzte Essen mit ihrem Verlobten vorzubereiten.
Das war weniger als nichts.