Kapitel 21 - Engel und Apfelkuchen
By Mella Dumont
»Wie war dein Nachmittag?«, fragte Moritz, als er Jo am Abend abholte, um mit ihr zu dem Konzert zu fahren.
»Ganz nett«, erwiderte sie gelassen, obwohl das Gegenteil der Fall gewesen war. Jo hatte nämlich das ausgesprochene Pech gehabt, dass Max sie dabei erwischt hatte, wie sie auf der Terrasse Sonne tankte. Sie hatte die Klingel nicht gehört und das hatte er als Einladung verstanden, ihren Garten durch das kleine Tor neben ihrem Haus zu betreten.
Seiner Ansicht nach war es verboten, auch nur den winzigsten Sonnenstrahl zu erhaschen, wenn man im Büro ein ärztliches Attest abgegeben hatte.
»Diese Unverschämtheit werde ich dokumentieren!«, hatte er gerufen und ein Beweisfoto von Jo im Bikini geschossen (und dabei neben dem begangenen Hausfriedensbruch auch gleich noch gegen das Persönlichkeitsrecht verstoßen). »Das schicke ich sofort an Herrn Noah! Tagsüber auf der Terrasse liegen und saufen, wenn man angeblich krank ist!« Dummerweise stand neben Jo gerade ein Glas Virgin-Mojito mit frischer Minze.
Jo hatte nicht lange gezögert und Max hochkant hinausgeworfen. »Du spinnst doch!«, hatte sie ihm hinterher gebrüllt, ohne ihn darauf hinzuweisen, dass ihr Drink alkoholfrei war.
Um ihren Job nicht zu gefährden, hatte Jo sofort den Kanzleichef angerufen.
»Was kann ich für Sie tun, Frau Vogel?«, hatte er gefragt.
»Es tut mir sehr leid«, sagte sie und berichtete ihm von dem Vorfall, »ich wollte nur ein bisschen relaxen. Ich habe den fertigen Vertragsentwurf vorher an Frau Odens geschickt.«
Herr Noah hatte herzlich gelacht. »Meine Güte, es ist Samstag! Ich bin sehr gespannt, ob Herr Stein es wagt, mir tatsächlich ein Bikinifoto von Ihnen zu zeigen. Lassen Sie sich bitte nicht einschüchtern, Sie werden nicht schneller gesund, wenn Sie sich im Keller einschließen.«
»Keine Probleme?«, fragte Moritz, während er ihr die Tür seines Wagens aufhielt.
Jo zuckte zusammen. »Ich habe Sonne getankt und die Katzen gestreichelt«, erwiderte sie.
»Und weshalb sehe ich dann diese Sorgenfalte auf deiner Stirn?«
»Ich habe keine Falten!«, rief sie entsetzt.
»Doch, eine hast du, und zwar immer, wenn du gerade gestresst bist.«
»Warum glaubst du, mich schon so gut zu kennen?«, gab sie zurück.
»Ich fürchte, ich kenne dich besser als du dich selbst«, erwiderte er und grinste verlegen.
»Da könntest du recht haben.« Sie lachte hektisch. »Ich wollte mich über mein Date mit dir freuen und nicht über Max reden, der mich heute dabei erwischt hat, wie ich gerade einen alkoholfreien Mojito auf der Terrasse geschlürft habe. Mit Minze, die in meinem Garten wächst.«
»Nein!«
»Oh doch. Plötzlich stand er vor mir und war stinksauer.« Die Sache mit dem Beweisfoto ließ sie weg, denn dieser Teil der Geschichte fiel in dieselbe Kategorie wie das Drogenpäckchen und die Flaschen. Jo wollte geliebt werden, wie sie war, aber man musste einen fantastischen Mann ja nicht mit jedem peinlichen Detail überrumpeln. Sobald sie Max los geworden war, konnte sie ein ganz normales Leben führen.
Moritz war richtig gut gelaunt. Er blickte an jeder roten Ampel zu ihr herüber und suchte Augenkontakt. Im Parkhaus öffnete er ihr die Autotür und bot ihr den Arm an.
Jo lachte. »Es ist witzig, durch diese Betonwüste zu schreiten, als seien wir ein Schauspieler-Ehepaar auf dem roten Teppich.«
Moritz lächelte. »Schauspieler – nein, da habe ich kein Talent. Teppich – kein Problem, kann ich im Baumarkt besorgen. Und was die Ehe angeht – darüber reden wir später, würde ich vorschlagen.«
»Herrje, so hatte ich das nicht gemeint!«, korrigierte sie sich rasch. »Ich dachte an Angelina Jolie und Brad Pitt.«
»Die haben sich getrennt.«
»Oh.« Jo blieb stehen. »Echt jetzt?«
Moritz drückte ihren Arm fester. »Du hast dich an die Namen erinnert, das ist ein Anfang. Bald wirst du mehr wissen, ich vertraue fest darauf.«
»Und wenn nicht?«
»Dann sammelst du einfach neue Erinnerungen.«
»Bei dir klingt das alles so einfach«, erwiderte sie. »Ach, ich bin auch doof, ich wollte gar nicht über meine Vergangenheit reden, sondern den Abend genießen.«
»Keine Sorge, mein Vögelchen, das werden wir.«
Jo lachte. »Du nennst mich Vögelchen?«
»Entschuldige, es passte so gut zu deinem Nachnamen.«
»Ich glaube, ich musste mir als Jugendliche zu viele Witze anhören, über Vogel und vögeln«, erwiderte sie nachdenklich.
»Dann denke ich mir etwas anderes aus«, versprach er.
»Jo ist doch schon eine Abkürzung von Johanna«, erwiderte sie. »Ich könnte dich Mo nennen, dann sind wir Mo und Jo.«
Moritz lachte. »Ich hatte als Jugendlicher mal einen Kater, der so hieß. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, hatte ich ihn selbst als Vierjähriger so genannt. Da würde ich mich immer ein bisschen ... naja, wie ein Tier fühlen, denke ich.«
»Das ist keine gute Idee«, stellte Jo fest. »Irgendwann fällt mir schon etwas Cooles ein.«
Sie gelangten in einen offenen Innenhof, wo eine Bühne aufgebaut worden war. Moritz ging zu den Musikern, fand seinen Freund und stellte ihm Jo vor.
»Magst du Jazz?«, fragte der Trompeter, der immer wieder in sein Mundstück pustete. Es klang ein wenig, als würde er pupsen.
»Ja«, sagte sie freundlich, da sie nicht dazu motiviert war, den Mann kurz vor seinem Auftritt mit ihrer Geschichte zu verwirren.
»Welche Stilrichtung?«, hakte der Musiker nach.
Vor Schreck hielt Jo die Luft an. Schließlich wählte sie das erstbeste Schlagwort, das ihr einfiel. »Blues«, sagte sie.
»Ich stehe ja auf Bebop und auf Funk. Meine Mitmusiker sagen immer, dass es keine zwei Musikrichtungen im Jazz gibt, die noch weiter voneinander entfernt liegen, aber mich stört das nicht. Ich finde beides geil.«
Jo nickte brav. Was immer er meinte.
»Wir lassen dich mal mit deiner Trompete allein«, sagte Moritz. Anschließend führte er Jo an einen Tisch, der ein wenig abseits stand. »So können wir zuhören und uns trotzdem unterhalten.«
Sie bestellten Wein und mehrere Sorten spanische Tapas. Jo genoss besonders den Manchego-Käse.
Moritz lächelte. »Ich bewundere dich für die Lebensfreude, die du ausstrahlst. Manch anderer würde zu Hause vor einem Fotoalbum sitzen und verzweifeln.«
Jo seufzte. »Natürlich habe ich recherchiert, um zu überleben, aber ich mache mich deswegen nicht verrückt. Also nicht verrückter, als ich ohnehin schon erscheine.«
»Siehst du, genau das meine ich. Du nimmst es mit Humor.«
»Stell dir mal vor, du wachst auf, findest dein Auto, das mit Verlaub noch ziemlich neu ist, fährst zu einem tollen Haus und erinnerst dich noch an genügend Details, um deinen Beruf weiter ausüben zu können. Und dann triffst du auch noch einen unglaublich sympathischen und gutaussehenden Radiologen.« Sie legte den Kopf schief. »Das Leben könnte schlimmer sein, oder?«
»Du hast Herrn Stein vergessen.«
»Amnesie kann nützlich sein.« Sie zuckte mit den Schultern. »Ich werde mit meinem Kanzleichef reden, damit ich ihn als direkten Vorgesetzten loswerde. Und falls das nicht funktioniert, suche ich mir eine neue Stelle.«
»Du glaubst nicht mehr daran, dass du dich wieder in ihn verlieben könntest?«, fragte Moritz.
»Ich denke, dass ich mir jetzt ein Urteil bilden kann. Das Einzige, was mich irritiert, bin ich selbst – ich verstehe nicht, warum ich mich je auf ihn eingelassen habe.«
»Ich bin ja nach wie vor der Ansicht, dass er der Grund für deine Amnesie sein könnte.«
Jo zuckte mit den Schultern. »Entweder, die Erinnerungen kommen wieder, dann werde ich mich damit beschäftigen – oder sie tun es nicht. Solange werde ich mich darüber freuen, wie aromatisch dieser Käse schmeckt und dass ich ihn gemeinsam mit dir unter freiem Himmel bei schönem Wetter und einem Konzert genießen kann.«
»Magst du wirklich Blues?«, fragte Moritz.
Jo zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung.«
Moritz lachte. »Siehst du? Du bist einfach unglaublich!«
Sie starrte lächelnd auf ihren Teller. »Meine größte Sorge ist, dass meine Amnesie dich abschrecken könnte.«
Moritz schob seine Hand über den Tisch und legte sie auf ihre. »Du schreckst mich nicht ab, im Gegenteil«, sagte er zärtlich. Da lag eine Ernsthaftigkeit in seinem Blick, die sie innerlich erschauern ließ.
»Dann bin ich beruhigt«, erwiderte sie erleichtert. »Den Rest bekomme ich nämlich spielend geregelt.«
»Wie gefällt dir die Musik?«
Jo tat ihr Möglichstes, um ihren Gesichtsausdruck zu kontrollieren. Seit sie Moritz gegenübersaß, hatte sie noch keinen Gedanken an den Trompeter und seine Band verschwendet. »Nicht schlecht, würde ich sagen«, murmelte sie. »Ich war ziemlich abgelenkt.«
»Geht mir genauso«, erwiderte er. »Sollen wir spazieren gehen?«
»Und was ist mit deinem Freund?«
Moritz grinste. »Ich sage ihm später, dass ich mich um mein Mädchen kümmern musste.«
»Ich muss mich um mein Mädchen kümmern«, murmelte sie. »Das ist aus einem Film, richtig?«
»Nicht schlecht«, freute er sich. »Es ist ein Zitat aus ›Good Will Hunting‹, einem Film aus den Neunzigern.«
»Mit Matt Damon«, ergänzte sie.
»Wow.« Er sah sie an. »Du machst wirklich Fortschritte.« Moritz rief die Kellnerin und bezahlte. »Lass uns das schöne Wetter ausnutzen.«
Hand in Hand liefen sie durch die Innenstadt und erfreuten sich an der Ausgeh-Atmosphäre. Freizeit und Vergnügen lagen in der Luft, man konnte es förmlich riechen.
Im Palastgarten hinter dem kurfürstlichen Palais schlenderten sie über die Wege und genossen die private Atmosphäre in der zunehmenden Dunkelheit. Hinter einer hohen Hecke blieb Moritz stehen. »Ich bin dermaßen in dich verknallt«, sagte er mit rauer Stimme. »Bei mir hat der Blitz eingeschlagen.«
»Mmh«, murmelte Jo und rückte ein wenig näher. Dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen.
Moritz zögerte. Hatte er es sich etwa anders überlegt?
Jo wartete und hoffte.
Endlich, nach einem viel zu langen Augenblick, berührten seine Lippen ihre. Sie waren weich und wunderbar.
Der erste Kuss, an den Jo sich erinnern konnte. Sie liebte es! Langsam schlang sie ihre Arme um ihn und reckte sich ihm entgegen. Sie konnte einfach nicht genug bekommen.
Erst als ein paar kichernde Teenager an ihnen vorbeiliefen, lösten sie ihre Lippen wieder voneinander.
»Wir sollten weitergehen«, schlug er leise vor.
»Kommst du mit zu mir nach Hause?«, fragte sie. »Wir könnten etwas auf der Terrasse trinken.«
»Gern«, erwiderte er.
Gemeinsam liefen sie zum Parkhaus. Jos Inneres kribbelte vor Vorfreude, als er am Automaten das Ticket bezahlte und mit ihr zum Auto ging.
Falls dieses Leben ein Traum war, dann war es ein verdammt guter Traum, aus dem man gar nicht aufwachen wollte.
Zu Hause beeilte sie sich, eine Flasche Wein aus dem Keller zu holen und zwei Gläser einzuschenken. Am liebsten hätte sie Moritz sofort in ihr Bett gezerrt.
Feine Schweißperlen standen auf ihrer Stirn, als sie sich zu ihm setzte. In ihrer Aufregung hatte sie die Gläser zu voll eingeschenkt.
»Langsam«, bat er, »ich muss noch fahren.«
»Oh.« Sie schluckte.
Moritz grinste sie belustigt an. »Wie darf ich diesen Blick deuten?«
Jo gab sich einen Ruck. »Etwas in mir hat gehofft, dass du bis zum Frühstück bleiben würdest.«
»Ich bin mit Studienfreunden aus Mainz zum Sonntagsbrunch verabredet und muss um sechs Uhr aus den Federn.«
»Dann bekommst du dein Frühstück um fünf«, sagte sie energisch.
»Frühstück um fünf.« Langsam stand er auf, trat um den Tisch herum, beugte sich über sie und küsste sie. »Da sollten wir keine Zeit verlieren.«