Kapitel 22 - Engel und Apfelkuchen
By Mella Dumont
Heute war Pfingstsonntag. Noch ein Tag bis zu der Hochzeit, die nicht stattfinden würde. Der Tag, an dem sie mit ihren Eltern reden musste. Obwohl Jo höchstens vier Stunden lang geschlafen hatte, schwebte sie wie auf Wolken durch ihr Haus, als sie den Wein wegräumte und die Katzen fütterte.
Ihr Inneres jubilierte, denn Moritz wollte am Abend wiederkommen – dieses Mal mit Zahnbürste. Und am Montag würde er sie zu sich nach Hause einladen, das hatte er ihr fest versprochen.
Das Leben war schön. Fantastisch. Dass die abgesagte Hochzeit vermutlich noch Ärger verursachen würde, störte sie kaum. Das würde Frau Schnabel schon für sie regeln.
Jo glühte von innen heraus, als sie Johanna im Krankenhaus besuchte. »Wie geht es dir?«, fragte sie und brachte der Studentin zwei Bücher mit, die sie an einem Kiosk gekauft hatte.
»Die Frage würde ich lieber dir stellen.« Johanna beäugte sie interessiert. »Du leuchtest.«
Jo seufzte. »Moritz war da. Die ganze Nacht lang. Und es war toll. Er ist … wie soll ich das beschreiben?«
Johanna grinste. »Wenn er in meinem Alter wäre, würde ich ihn auch nicht von der Bettkante stupsen«, erklärte sie lachend. »Aber keine Sorge, mit der Platte im Bein ist das noch nicht möglich.«
»Jetzt muss ich nur noch Max loswerden und mit meinen Eltern reden«, sagte Jo entschlossen. »Ich werde außerdem mit Herrn Noah sprechen und ihn bitten, mir einen anderen Vorgesetzten zuzuweisen.«
»Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Seht ihr euch in der Mittagspause?«
»Heute leider nicht, er ist zu einem Freund nach Mainz gefahren.« Jo lächelte. »Wobei ich noch nicht weiß, wie viel Zeit ich für meine Eltern benötige. Aber Moritz hat versprochen, rechtzeitig zurückzukommen und mir beizustehen. Und er hat mir eben eine Mail mit meinen Blutwerten geschickt, damit ich beweisen kann, dass ich keine Säuferin bin, falls Max etwas in dieser Richtung angedeutet hat.«
Die beiden plauderten über eine Stunde lang. Johanna erzählte von ihrem Alltag und von dem netten Personal. »Einer der Pfleger, Finn heißt er, ist total süß, aber leider ist er genau wie der Assistenzarzt vergeben«, sagte sie.
Jo stöhnte. »Wie schade!«, rief sie und hob ihre Hände.
»Gell? Und ich habe eine Physiotherapeutin, keinen Mann. Dein Vorschlag, mir hier jemanden zu suchen, der mich aufheitert, ist gründlich daneben gegangen.«
»An der Uni gibt es bestimmt goldige Studenten«, sprach Jo ihr Mut zu.
»Ja, da gibt es einen, der mir gefällt«, sagte sie. »Aber leider nimmt er keine Notiz von mir. Falls ich meinen Lernrückstand nicht aufholen kann, werde ich wohl bald nicht mehr in seinem Semester sein, dann kann ich ihn nur noch in der Bibliothek anschmachten.«
»Der neue Jahrgang hat bestimmt viele hübsche Jungs«, sagte Jo.
»Die alle ein Jahr jünger sind als ich«, ergänzte Johanna.
»Ach, man darf auf den Altersunterschied nichts geben«, wischte Jo die Bedenken beiseite. »Dann wird es eben ein hübscher Tutor oder ein Doktorand. Es gibt Uni-Partys und tausend Möglichkeiten, andere Studenten kennenzulernen. Du wirst Mr Right bald begegnen, da glaube ich fest dran.«
»Echt?«, fragte Johanna.
»Aber klar!« Nichts konnte Jos Optimismus heute trüben.
Als sie sich später von Johanna verabschiedete, griff sie im Aufzug nach ihrem Handy und löschte die Liste mit Gründen, warum das Leben eventuell nur ein Traum war. Max hatte ihr geschrieben und sie um ein Gespräch gebeten, das war ein kleiner Wermutstropfen. Sie antwortete, dass sie sich bei ihm melden würde, sobald sie mit ihren Eltern geredet hatte. Da sie davon überzeugt war, dass er sie nicht liebte, würde sie mit ihm schnell fertig werden.
Jo wandte sich wieder angenehmeren Gedanken zu. Zum Teufel mit dem Apfelkuchen! Sie würde sich ein neues Obst aussuchen, das genauso lecker war. Davon abgesehen wäre es kein Opfer, für Moritz lebenslang auf Kuchen zu verzichten.
Jo kicherte in sich hinein. Es gab schließlich noch Eis und Schokolade, das waren prima Alternativen.
»Huch!« Auf dem Flur im Erdgeschoss stand Herr Engel und sah sie an. »Hallo!«, grüßte sie ihn freundlich, nickte und schritt energisch an ihm vorbei.
»Frau Vogel!«, rief er, eilte ihr mit erstaunlicher Geschwindigkeit hinterher und hielt sie am Arm zurück.
Warum war er plötzlich so gut zu Fuß?
»Können wir ein anderes Mal reden?«, bat sie.
»Das geht leider nicht«, sagte er freundlich. Irrte sie sich, oder klang er traurig? »Ihre Zeit ist fast abgelaufen.«
»Was?«, fragte sie verwundert. Hatte er irgendetwas mit Max und seinen Drogen zu tun? »Herr Engel, ich bin Anwältin und mag keine Drohungen.«
»Ich würde niemals jemandem drohen«, erwiderte er. »Ich muss mit ihnen reden, um Sie vorzubereiten.«
»Geben Sie es zu, Sie stecken mit Herrn Stein unter einer Decke!«, rief Jo erbost. »Er hat bemerkt, dass ich seinen Plan aufgedeckt habe, und will mich unter Druck setzen!«
Herr Engel schüttelte den Kopf. »Setzen wir uns, dann erkläre ich es Ihnen.«
Jo wollte keine Erklärung hören. Ihr Vater hatte geschrieben, dass er und ihre Mutter gegen achtzehn Uhr bei ihr ankommen würden. Heute war Sonntag und sie musste in das luxemburgische Wasserbillig fahren, um einzukaufen. Anschließend würde sie einen gemütlichen Nachmittag in ihrem Haus verbringen und sich gedanklich auf das Gespräch mit ihren Eltern vorbereiten. »Es tut mir leid, aber ich bin heute ausgebucht«, sagte sie dem Mann. »Wenn Sie von Max kommen, lassen Sie sich meine Handynummer geben und vereinbaren Sie einen Termin. Wenn Sie vom Verein der Patientenbetreuung kommen, rufen Sie Larissa an und tun Sie dasselbe. Ansonsten stehe ich heute nicht für Diskussionen zur Verfügung.« Jo drehte sich um und rauschte davon.
Was bildete der verschrobene Alte sich nur ein? Gestern war er einfach verschwunden und heute drängte er sich ihr auf.
Nein, das hatte sie nicht nötig.
Sie war immer noch aufgewühlt, als sie im Parkhaus ankam. Auf der Fahrt musste sie sich konzentrieren, da sie beinahe auf einen Wagen auffuhr, der vor der gelben Ampel eine Notbremsung hinlegte. »So ein Penner!«, schimpfte sie frustriert.
Zu Hause lief sie unruhig durch die Wohnung. Eine kleine Stimme in ihrem Inneren flüsterte ihr zu, dass sie mit ihm hätte reden sollen.
Um sich abzulenken, mixte sie sich einen Virgin-Mojito und setzte sich mit einer Frauenzeitschrift, die sie aus dem Altpapier fischte, auf ihre Terrasse.
Wunderschönes Wetter. Strahlend blauer Himmel mit feinen rosa Schlieren. Und doch dauerte es ein halbes Glas lang, bis Jo sich beruhigt hatte. »Zeit, sich der Realität zu stellen«, murmelte sie und rief Herrn Noah auf dem Handy an. Leider sprang nur die Mailbox an.
Sie trank ihren Cocktail aus, entsorgte die zerdrückten Limetten im Mülleimer und suchte auf dem Handy nach der Adresse des Supermarktes. Als sie an der Mosel entlangfuhr, beruhigte sie sich wieder. Hoffentlich waren ihre Eltern nett und verständnisvoll.
Im Supermarkt war viel los. Zahlreiche Deutsche kauften am Sonntag hier ein. Während sie an den Regalen vorbeiging, überlegte sie, was sie ihren Eltern anbieten sollte.
Sie wusste nicht, wie gut sie kochen konnte, deshalb kaufte sie frisches Brot, verschiedene Wurst- und Käsesorten sowie Obst und Gemüse.
Zufrieden schob sie ihren Einkaufswagen in Richtung Kasse.
Plötzlich wurde ihr ein wenig schummrig. Sie begann zu schwitzen.
Was war das?
Einem Impuls folgend zog sie ihr Handy aus der Handtasche und wählte Moritz’ Nummer.
»Was gibt’s?«, fragte er besorgt. »Alles okay mit dir? Ich bin schon auf dem Rückweg von Mainz, irgendwie hatte ich keine Ruhe. In einer halben Stunde kann ich bei dir sein.«
»Ich wollte nur deine Stimme hören«, sagte sie rasch. »Ich bin gerade beim Einkaufen. In Wasserbillig.«
»Geht es dir gut?«
»Mir ist ein wenig übel, aber das wird schon wieder.« Sie lachte kurz auf. »Vielleicht habe ich einfach nur Angst vor dem Abend. Max will noch mit mir reden.«
»Bist du dir sicher, dass es kein medizinisches Problem ist?«, hakte er nach. »Ich beeile mich!«
»Nein, lass dir Zeit, es geht gleich wieder, ich setze mich hin und bestelle mir einen Kaffee«, sagte sie.
Plötzlich wurde es dunkel um sie herum. »Moritz?«, fragte sie ängstlich und klammerte sich mit der linken Hand an ihrem Einkaufswagen fest.
»Ja? Soll ich den Notarzt rufen? Bist du im Copal?«
»Ja, im Copal«, sagte sie. Der Schwindel wurde schlimmer. Irgendetwas Schreckliches würde gleich passieren. »Ich liebe dich!«, rief sie panisch.
Eine Kundin warf ihr einen irritierten Blick zu und reihte sich vor ihr in der Schlange ein.
»Ich gebe Gas«, sagte Moritz entschlossen. »Bitte jemanden um Hilfe, sie sollen einen Notarzt alarmieren. Keine Angst vor Fehlalarm, vertrau mir und tu es einfach.«
»Das mache ich«, flüsterte sie. Das Handy fiel aus ihrer Hand in den Einkaufswagen, über den sie sich gerade beugte.
»Hilfe«, krächzte Jo mit letzter Kraft, als sie nicht mehr richtig sehen konnte. Plötzlich hatte sie das Gefühl zu schweben. Irgendwo vor ihr war ein helles Licht. Es sah wie flüssiges Wasser aus.
Nein!
Jo wollte es nicht glauben – aber sie ahnte, sie wusste, wo sie war.
Das Licht, das sie gesehen hatte, kurz bevor dieses dämliche Seil sie zur Seite weggesaugt hatte. Die Nahtoderfahrung. Irgendwie hatte sie das ganz vergessen.
»Ich will nicht sterben!«, rief sie in die Dunkelheit hinein. »Moritz! Hol mich hier raus!«
Ein sausendes Gefühl vibrierte durch ihren Körper – falls sie noch einen Körper besaß, da war sie sich gerade nicht mehr sicher.
Wer würde ihre Katzen füttern? Ob Frau Kohls Ehemann Mitleid hatte und den Tierschutz informierte?
»Ich will leben!«, brüllte sie mit voller Kraft. »Ich muss leben!«
Sie würde nicht gehen. Nein, sie würde sich mit allem, was sie aufbringen konnte, gegen das Schicksal stemmen.
Plötzlich wurde ihr kalt. Etwas umfing sie. Es fühlte sich ein wenig wie eine Decke an.
Das Licht vor ihr wurde immer kleiner, während sie in atemberaubender Schnelligkeit in die Dunkelheit gezogen wurde. »Ich will zu Moritz!«, brüllte sie.
Die Katzen, ach ja, die Katzen. Jemand musste die Katzen füttern. Unbedingt. Wie viel Trockenfutter war noch in der Schale? Wie lange würde das ausreichen?
Ihr letzter Gedanke, ein beherztes, verzweifeltes »Nein!«, versickerte im Nichts.
* * *
* * *
»Sie wird wach.«
Jo blinzelte. Ihre Augen brauchten einen Moment, um sich an die Helligkeit zu gewöhnen. Sie wollte atmen, aber das ging nicht.
Panik stieg in ihr auf.
Was zur Hölle war hier los?
»Hallo? Sie hatten einen Unfall. Es ist alles okay, Sie kommen wieder in Ordnung.«
Jemand streichelte ihre Hand.
Sie versuchte sich zu bewegen, sich zu befreien.
»Bitte wehren Sie sich nicht gegen das Beatmungsgerät. Bleiben Sie ruhig.«
Jo wollte nicken, aber selbst das konnte sie nicht tun.
Verdammte Scheiße!
Sie fühlte, dass eine Träne aus ihrem rechten Auge an der Schläfe entlanglief.
»Frau Schmitt, ich bin hier«, sagte die Frauenstimme und tupfte die Träne weg.
Menschen liefen im Raum herum, irgendwo piepte etwas. Sie war nicht die einzige Patientin, zu ihrer Linken lag noch jemand.
War sie im Supermarkt gegen eines der Regale geknallt? Wie viel Pech konnte man haben?
Jo hätte so gerne lauthals ihren Frust heraus gestöhnt, aber der Schlauch nahm ihr die Stimme. Wo war Moritz?
»Frau Schmitt ist aufgewacht«, sagte jemand. »Wir müssen die Eltern informieren.«
Ein eiskalter Schauer jagte über ihren Rücken. Sie hieß doch Vogel!
Weshalb verwechselte man sie mit Johanna Schmitt?
Was, wenn ihr jemand eine Flasche mit der falschen Blutgruppe anhängte? Dann würde sie die nächsten Stunden nicht überleben.
»Bitte, bitte, bitte, Moritz, hilf mir!«, dachte sie verzweifelt, bevor die Dunkelheit sich über sie senkte.