Kapitel 25 - Engel und Apfelkuchen
By Mella Dumont
Den Abend verbrachte Jo mit Googeln. Sie suchte nach der Straße, in der ihr Anwältinnen-Ich gewohnt hatte, aber wie es aussah, war bisher nicht mal das Baugebiet erschlossen. »Das ist unlogisch«, schimpfte sie vor sich hin. »Das Handy gibt es, das Haus nicht.« Wenn sie einen Sprung in die Zukunft gemacht hatte, hätte es dort jede Menge neuen technischen Schnickschnack geben müssen. Selbstfahrende Autos zum Beispiel. Oder Handys mit faltbaren, riesigen Bildschirmen.
Jo suchte nach Moritz Neumann, nach Doktor Moritz Neumann, nach Radiologe Moritz Neumann … doch sie fand keinen Eintrag. Ja, es gab Moritz Neumanns, jede Menge sogar, aber über die Bildersuche konnte sie das vertraute Gesicht nicht ermitteln.
Warum hatte sie ihn nie gefragt, ob er im Internet zu finden war? Diese Information fehlte ihr jetzt schmerzlich.
Als die Physiotherapeutin am nächsten Tag wiederkam, war sie etwas gnädiger. Sie übte einigermaßen motiviert mit und trug ihr Bein selbst, soweit es ihr möglich war. »Morgen können Sie sich zum ersten Mal an der Bettkante aufsetzen«, verkündete die Frau, die Jos Fortschritte sichtbar zu erleichtern schienen.
»Hm«, murmelte sie. Aufstehen wäre nicht schlecht, weil sie so nach weiteren Hinweisen aus ihrem Traum suchen konnte. Aber das war auch schon der einzige Grund, warum sie das Zimmer verlassen wollte.
Dann hatte sie eine Idee. Sie würde sich in die Kantine setzen und jeden beobachten, der hereinkam. Vielleicht war Moritz ja dabei! Sie musste es zumindest versuchen.
Der Gedanke verlieh ihrem Ehrgeiz Flügel. Am Abend trainierte sie verbissen weiter, bis ihre Muskulatur schmerzte und die Krankenschwester sie eindringlich bat, sich zu erholen. Heute gab es keinen Apfelkuchen, der sie provozierte.
Nach dem Kuchen würde sie auch suchen. Vielleicht konnte man ihn in der Kantine kaufen. Dann würde sie ihn an die Wand klatschen und plötzlich käme Moritz hereinspaziert. Nachdem sie das erste Stück Apfelkuchen verschmäht hatte, waren schließlich auch ein paar positive Dinge geschehen.
Den Abend verbrachte Jo wieder mit ihrem Handy. Es gab einen Verein für Patientenbetreuung in der Stadt, aber weder eine Larissa noch ein Herr Engel waren im Vorstand zu finden. Der Supermarkt, wo sie als Katzenfutter kaufende Jo zu sich gekommen war, existierte tatsächlich, genau wie die Automarke und der Autotyp, den sie besessen hatte. Jo erinnerte sich daran, dass ihr Kleinwagen vor dem Studentenwohnheim parkte; der würde ausreichen müssen, denn der Audi aus ihrem Traum war unfassbar teuer.
Lange dachte sie über ihren letzten Fall nach und über den Vertrag, den sie für Herrn Noahs Kanzlei ausgearbeitet hatte. Dessen Namen fand sie nicht im Internet, dafür aber einen Max Stein. Nun, genau genommen fand sie mehrere mätzchenmachende Maxe. Einer von ihnen war auf einem Bild zu sehen, wo er gerade am Strand lag. Das Gesicht war nicht besonders gut zu erkennen. Wahrscheinlich war es jemand anderes. Im Grunde ging es auch nur darum, um diesen Mann – falls sie ihm je begegnete – einen riesengroßen Bogen zu machen.
Doch wie konnte sie Moritz finden? Jo hatte eine Eingebung, als sie sich an ihr Uni-Passwort erinnerte. Vielleicht war er genau wie sie selbst jetzt viel jünger? In Trier gab es den Studiengang Medizin nicht, aber sie würde es trotzdem versuchen.
Enttäuscht sank sie wenige Minuten später zurück in das Kissen. Sie hatte mehrere Studenten mit dem Namen Neumann gefunden, aber ein Moritz war nicht dabei gewesen.
»Dieser verflixte Herr Engel!«, schimpfte sie. »Er ist an allem schuld.« Es würde Jo kein bisschen wundern, wenn er den Apfelkuchen auf das Tablett geschmuggelt hätte, um ihr eine lange Nase zu machen.
Na-na-na-na-NAA-NAA! Da hast du deinen Kuchen, aber die Liebe deines Lebens ist weg! Es war ein nagendes, frustrierendes Gefühl, das sie die halbe Nacht lang wachhielt.
Am nächsten Morgen setzte sie sich auf, rutschte an die Bettkante und versuchte aufzustehen. Je eher sie aus diesem Bett herauskam, desto besser.
Sie überzeugte die Krankenschwester, ihr den neuen Hausanzug anzuziehen, den ihre Mutter mitgebracht hatte, um später ihren Ausflug unternehmen zu können.
»Frau Schmitt, Sie können noch nicht bis in die Kantine laufen«, erklärte die Physiotherapeutin energisch, als sie von Jos Plänen erfuhr.
»Ach nein?«, fragte Jo zurück. »Und wozu haben Sie dann all die Rollstühle und Rollatoren im Haus?«
»Es ist trotzdem zu früh, das macht ihr Körper noch nicht mit. Sie könnten Kreislaufprobleme bekommen.«
Jo war darüber so aufgebracht, dass sie sich zurück ins Bett legte, die Decke über den Kopf zog und die Arbeit mit der Frau verweigerte. »Auf der Bettkante kann ich alleine sitzen!«, sagte sie und schwieg beharrlich, bis die Therapeutin kopfschüttelnd abzog.
Sie brauchte irgendein Gefährt, um in die Kantine zu gelangen. Sie wollte sehen, was für Kuchensorten es dort gab, und sich vor allem die Gäste anschauen. Das war ihre einzige Chance.
Doch Jo hatte kein Glück. Ihre eigenen Gehversuche endeten mit zitternden Beinen am Fuß des Bettes, von wo aus sie sich mit knapper Not zurück auf die Matratze rettete. Ihre Mutter würde erst am Wochenende zurückkommen und diese Frau Beer von der Patientenbetreuung wollte sie nicht in ihrer Nähe haben.
Den Vormittag verbrachte Jo wieder mit dem Handy im Bett. Sie verweigerte die Nudeln zum Mittagessen, da sie keine Lust hatte, hier im Krankenhaus dick und aufgedunsen zu werden. Ihr älteres Ich war viel schlanker und vor allem besser trainiert gewesen.
Dann installierte sie die App zu ihrem Online-Speicher und verschaffte sich Zugang zu ihren Mail-Postfächern und Kontaktdaten. Zahlreiche Kommilitonen hatten ihr geschrieben und ihr gute Besserung gewünscht.
Jo suchte die Namen in den sozialen Medien, schaute sich die Gesichter an und versuchte sich zu erinnern. Noch immer fühlte sie sich ein wenig desorientiert, besonders wenn es um Details ging. Zu wem hatte sie das beste Verhältnis? Wer würde ihr einen Rollstuhl besorgen und sie damit in die Kantine schieben, wenn sie darum bat?
Da ihre Erinnerungen nur sehr flach und banal waren, eine Übereinanderschichtung verschiedener Mensaaufenthalte, tippte sie mit geschlossenen Augen auf den Bildschirm und wählte eine Frau namens Saskia Maximini.
»Das ist ja mal ein Nachname«, dachte sie. »Da konnte sich wohl wer nicht entscheiden, ob er maxi oder mini sein wollte.«
Egal. Sie musste es einfach probieren.
»Hi Saskia, hier ist Jo.«
»Johanna?«, fragte die Stimme.
»Nein, mein Heiliger Geist«, erwiderte sie lachend. Warum ließ sie sich von ihren Kommilitonen Johanna nennen? Das klang nach der Jungfrau von Orléans. »Du«, fiel sie gleich mit der Tür ins Haus, »ich brauche jemanden, der mir einen Rollstuhl besorgen und mich in die Kantine schieben kann. Ich suche da einen Mann.«
»Einen Mann?« Die Stimme am anderen Ende der Leitung klang irritiert.
»Hast du noch nie nach einem Mann gesucht?«, fragte Jo energisch. »Meine Erinnerungen sind noch etwas durcheinander, ich habe deine Telefonnummer quasi ausgelost. Wenn ich jemand anderen bitten soll, sag mir Bescheid. Ist kein Problem.«
»Nein, ich kann um sechzehn Uhr herunterkommen«, sagte Saskia rasch. »Das mache ich gern, Johanna.«
»Super«, freute sie sich. »Dann bis nachher. Und Saskia?«
»Ja?«
»Nenn mich bitte Jo.«
»Okay – Jo – gerne.« Man hörte Saskia an, dass sie total verwirrt war, aber Jo ignorierte das hartnäckig. Sie würde ihr Ziel erreichen. Nur das zählte.
»Frau Schmitt, guten Tag, wie geht es Ihnen?«, grüßte die Psychologin mit dem blonden Pferdeschwanz sie. Jo erwiderte ihren Blick nicht und starrte aus dem Fenster. »Ich habe gehört, dass Sie in die Kantine laufen wollten.«
So, das hatte sie also gehört. Ja und?
»Dafür ist es leider noch ein wenig zu früh«, fuhr die Frau fort und laberte etwas über den Therapieplan, über Mitarbeit und über Gefühle.
Jo interessierte sich nicht dafür. Wichtig war allein Moritz. Auch wenn sie hinter einer nicht existierenden Lichtfigur herjagte, so musste sie zumindest alles dafür tun, um ihn zu finden. Das war sie ihm schuldig.
»Frau Schmitt, wir benötigen Ihre Mitarbeit«, sagte die Frau und blickte Jo erwartungsvoll an. Jedenfalls stellte Jo sich das vor, denn sie schaute nach wie vor aus dem Fenster und beobachtete die Blätter, die sich im Wind bewegten. Sobald sie hier raus war, würde sie jeden Ort aufsuchen, den sie mit Moritz verband. Sie würde in diesem Sternerestaurant essen, ganz allein, und sich genau dasselbe Menü bestellen, das sie zusammen genossen hatten. Sie würde durch die Stadt laufen und exakt den Weg wählen, den sie gemeinsam gegangen waren. Vom Parkhaus aus würde sie jeden Schritt nachverfolgen und jede Sekunde an Moritz denken. Und die Radiologie – sie musste zu seinem Büro, auch wenn dort ein anderer Arzt Patientendaten auswertete.
Endlich verließ die Psychologin wieder den Raum. Ein wenig tat sie Jo leid, aber bei der Verfolgung ihrer eigenen, wichtigen Ziele konnte sie keine Störung gebrauchen. Sie wollte nicht über ihre Gefühle sprechen, über das Adrenalin, das durch ihre Adern pulsierte, seit sie ihr Krankenzimmer wiedererkannt hatte. Womöglich würde man sie als verrückt abstempeln und sie in eine Psychoklinik einweisen, dann konnte sie die Spurensuche in Moritz’ Arbeitsumfeld gleich vergessen.
Ein heißer Stich fuhr in ihr Inneres. Würde er sich in sie verlieben? In diese Jo mit den abgeknabberten Fingernägeln?
»Verdammt!«, murmelte sie frustriert und griff zum Handy. »Hey, Saskia«, schrieb sie, da die junge Frau bestimmt in der Vorlesung saß. »Meine Fingernägel sehen zum Fürchten aus. Falls du Zeit hast, könntest du mir einen Nude-Nagellack, eine Feile und eine Handcreme mitbringen? Alles Liebe, Jo.«
»Ach ja, ich gebe dir natürlich das Geld zurück«, ergänzte sie. Zum Glück hatte ihre Mutter ihr genug Bares dagelassen. Geizig war sie nicht, obwohl Jo acht Wochen ihres Studiums gegen einen Langzeitaufenthalt im Bett eingetauscht hatte.
Überhaupt, ihr Zimmer. Sie wusste, wie sie es als Johanna hinterlassen und wie sie es als Jo geputzt hatte. Noch immer schwebte der müffelnde Geruch des Mülls in ihrer Nase. Hierbei handelte es sich auf jeden Fall um ein überirdisches Phänomen. Ein Einbrecher hätte nicht den Kühlschrank ausgewischt und das Senfglas mitgenommen. Ihr Anwältinnen-Ich hatte in der Studentenwohnung einen unverwechselbaren Fingerabdruck hinterlassen, der es bis in die Realität geschafft hatte.
Es war, als ob ein Licht in Jos Kopf leuchtete. Sie hatte ein Ziel. Und sie würde auf gar keinen Fall aufgeben. Doch was, wenn Moritz erst auf der Bildfläche auftauchte, wenn sie über dreißig Jahre alt war? Ob sie ihn nach der langen Zeit noch genauso lieben würde wie jetzt? »Ich liebe dich«, hatte sie ins Telefon gerufen, bevor sie aus dem Traum in den Tunnel gezogen worden war.
Jo gestattete sich ein paar frustrierte Tränen. Feierlich nahm sie sich vor, niemals einen Mann zu daten, der Max Stein auch nur im entferntesten ähnlich sah.
Die Ärztevisite ließ sie mit stoischem Gleichmut über sich ergehen. Der Oberarzt verkündete ihr, dass sie die Platte in einem Jahr würde entfernen lassen müssen und dass sie ihr Bein jetzt wieder voll belasten dürfe. »Nein, Sie müssen sogar«, ergänzte er mit ernster Miene, »denn das fördert die Bildung neuer Knochenzellen.«
Jo erwiderte nichts darauf. Immerhin hatte sie laufen wollen, aber die Therapeutin hatte sie nicht unterstützt. Als die Ärzte weg waren, schrieb sie ihrer Mutter und bat sie, ihr einen Rollator zu besorgen. »Im Discounter gibt es gerade einen im Angebot, hier ist der Link«, ergänzte sie.
Keine zwei Minuten später rief ihre Mutter an. »Man sollte meinen, dass sie im Krankenhaus genug von den Dingern haben. Warum lässt du dir keinen bringen?«
»Die sind ziemlich stur hier, dabei soll ich das Bein belasten, der Arzt hat es mehrmals betont.«
»Was?« Jos Mutter seufzte. »Schatz, ich kümmere mich sofort darum, du bekommst deinen Rollator. Immerhin sind wir privat versichert, sie können uns nicht einfach wie Kassenpatienten behandeln!« Ihre Mutter regte sich so sehr auf, dass Jo versuchte, sie ein wenig zu beruhigen. Vergeblich. »Danke, dass du dich darum kümmerst«, sagte sie schließlich und verabschiedete sich.
Seit wann war ihre Mama solch eine Übermutter? Ob sie wirklich Angst hatte, dass ihre Tochter einen Selbstmordversuch hinter sich hatte?
Nein, von diesen schweren Gedanken würde Jo sich jetzt nicht runterziehen lassen. Sie hatte eine Mission zu erfüllen. Und nur darauf würde sie sich konzentrieren.