Kapitel 26 - Engel und Apfelkuchen
By Mella Dumont
Eine Stunde später rollte eine Krankenschwester die gewünschte Gehhilfe in Jos Zimmer und stellte sie demonstrativ neben ihr Bett. »Ihre Mutter ist sehr energisch«, sagte sie grinsend, »sie hat die Stationsleitung ziemlich aufgescheucht.« Dann räusperte sie sich. »Frau Schmitt, Ihre Muskeln sind noch schwach. Ich rate Ihnen, nach uns zu klingeln, bevor Sie Ihren ersten Ausflug planen.«
Jo nickte. »Ich werde erst mal hier neben dem Bett üben«, versprach sie.
»Dieser Knopf«, erinnerte sie die Frau. »Wir helfen Ihnen gerne.« Sie lachte. »Oder soll ich lieber einen Schutzhelm bringen?«
Jo brachte sie mit einem finsteren Blick zum Schweigen.
»Entschuldigen Sie«, stammelte die Schwester. »Ich wollte einen Scherz machen.«
»Schon gut«, lenkte Jo ein. »Ich bin vorsichtig.«
Zufrieden starrte sie die Gehhilfe an. Das Teil war nicht gerade sexy, es müffelte geradezu nach Krankenhaus. Aber sie konnte sich nicht in Schale werfen und auf hohen Schuhen in die Kantine spazieren, dafür war sie nicht fit genug. Ein Hausanzug würde es tun müssen. Ob sie sich trauen würde, Moritz in diesem Zustand anzusprechen, wenn sie ihm begegnete?
»Hallo, Johanna.« Saskia hatte die Tür geöffnet und stand unschlüssig auf der Schwelle.
»Komm herein«, bat sie freundlich. »Und nenn mich bitte Jo.«
»Klar. Entschuldige.« Sie öffnete ihre Handtasche. »Ich war eben noch schnell in der Drogerie an der Uni. Ich hoffe, er gefällt dir, ich habe mit der Marke gute Erfahrungen gemacht.« Sie legte eine Flasche Nagellack auf die Bettdecke, dann kramte sie eine Feile und eine Handpflegecreme heraus. »Ah, hier, ich habe auch gleich Nagellackentferner gekauft. So bist du gut gerüstet.«
Jo seufzte erleichtert. »Danke, Saskia«, sagte sie zufrieden. »Meine Finger sehen furchtbar aus. Ich weiß gar nicht, warum ich sie so zugerichtet habe.«
Saskia starrte verlegen auf Jos abgebissene Fingerspitzen. »Die wachsen wieder«, sagte sie schließlich.
»Hol dir einen Stuhl und setz dich.«
»Klar.«
Warum wirkte ihre Kommilitonin so schüchtern? Jo konnte sich nicht erinnern, ob etwas vorgefallen war.
»Du hast unseren Jahrgang wirklich in Aufregung versetzt«, sagte Saskia schließlich. »Alle reden über dich. Wir haben ein schlechtes Gewissen, dass wir uns nicht gemeldet haben, als du nicht mehr zu den Vorlesungen gekommen bist.«
»Das ist nicht so wichtig«, sagte Jo und packte die Feile aus. »Ich habe mir fest vorgenommen, nur nach vorne zu sehen.« Sie seufzte. »Die Sache wird mich wohl Zeit kosten«, sagte sie. »Ich habe viel Stoff verpasst.«
»Durch den Unfall hast du ein Attest«, sagte Saskia. »Natürlich ist es eine Menge Lehrstoff, aber es ist zumindest nicht ausgeschlossen, dass du es schaffst.«
Jo nickte. »Ich werde es auf jeden Fall versuchen.«
»Das ist ein guter Ansatz.« Saskia lächelte zaghaft. »Im Internet findest du die Skripte zur Vorlesung. Hast du deinen Computer da?«
Jo schüttelte den Kopf. »Ich werde mit dem Handy reingucken.« Sie zeigte ihr Smartphone her. »Meine Mama war sehr großzügig.«
»Wow, das Modell ist erst vor drei Wochen herausgekommen«, sagte Saskia. »Das kostet knapp tausend Euro.«
»Der Bildschirm ist groß, das ist gut«, erwiderte Jo. »So kann ich mir auf jeden Fall schon mal einen Überblick über den Stoff verschaffen.«
Saskia half Jo dabei, die richtigen Dateien zu finden, und gab ihr Tipps, womit sie am besten anfangen sollte. »Ich kann dir meine Mitschriften kopieren, wenn du möchtest. Das ist kein Problem.«
Jo bedankte sich überschwänglich, bis Saskias Gesicht zu leuchten anfing. »Das ist wirklich sehr lieb von dir«, sagte sie. »Hast du noch Zeit für einen Ausflug in die Kantine?«, bat sie. »Du musst mich nur runterbringen, ich finde den Rückweg auch alleine. Zur Not rufe ich auf der Station an.« Sie hielt ihr Handy hoch.
»Schmeckt dir das Essen nicht?«, fragte Saskia.
Jo seufzte. »Ich habe einen total hübschen Typen hier gesehen und möchte ihm ein bisschen hinterher stalken.«
»Ach ja, da hattest du etwas erwähnt!« Ihre Kommilitonin grinste. »Kein Problem, ich besorge einen Rollstuhl für dich.«
Eine gute Viertelstunde später war Jo tatsächlich an dem Ort, wo alles angefangen hatte. Ihr Herz klopfte. Die Kantine sah genau so aus, wie sie sie in Erinnerung hatte. Jedes Detail stimmte.
»Ich habe noch eine Bitte«, sagte sie. »Kannst du mich zum Kuchenbuffet rollen?«
»Natürlich.« Saskia schob sie in den Verkaufsbereich.
Jo reckte sich, um über die Kante des Tresens zu blicken.
Das gab es doch nicht! Da stand er, unschuldig und lecker. Der Apfelkuchen mit Zimt und Mandelblättchen. Du Biest, dachte sie erbost.
»Willst du welchen?«, fragte Saskia.
»Nein, der sieht mir zu matschig aus«, sagte Jo, rümpfte demonstrativ die Nase und rollte an der Theke vorbei. »Ich trinke lieber eine Tasse Cappuccino.«
Nachdem Saskia die für sie gekauft hatte, ließ Jo sich an einen Platz schieben, von wo sie alles im Blick hatte.
Saskia sah sie bedrückt an. »Du, ich muss jetzt wieder los, um achtzehn Uhr findet noch die Übung zum Strafrecht statt.«
»Sicher«, erwiderte Jo, »lass dich nicht aufhalten. Du hast mir sehr geholfen.« Sie lächelte. »Ich komme klar, hier wimmelt es ja nur so von Ärzten.«
»Tschüss«, sagte Saskia. »Die anderen werden froh sein zu hören, dass du wieder munter bist.«
»Das bin ich«, erwiderte sie mit fester Stimme.
Als sie allein war, starrte sie auf die Gäste. Zunächst kamen vor allem Patienten, aber dann tauchten die ersten Weißkittel auf. Jedes Mal, wenn sie einen Mann sah, dessen Haarfarbe der von Moritz glich, schlug ihr Herz ein wenig fester. Doch sie fand ihn nicht.
Als die Kantine fast leer war, rollte sie enttäuscht hinaus in Richtung Aufzug. An einer Treppe hielt sie an. Daneben gab es eine Rampe für Rollstühle.
Sollte sie es wagen? Oder war es zu gefährlich?
»Ach was«, murmelte sie. Wofür waren diese Rampen sonst da? Die waren TÜV-geprüft und hatten ein genau berechnetes Gefälle.
Vorsichtig bewegte sie den Stuhl nach vorne. »Nein!«, rief sie, als ihre Hände sofort heiß wurden und sie das Gefährt nicht mehr bremsen konnte.
Jo nahm Tempo auf und rollte den Gang entlang, direkt auf eine Wand zu.
»Hoppla!«, rief eine männliche Stimme.
Oh nein! Sie war in einen Tross Weißkittel hineingefahren. Entsetzt starrte sie den Mann an. Es war ihr Oberarzt.
»Ja um Himmels willen, Frau Schmitt!«, donnerte er und rieb sich das Bein. »Wenn ich mir den Oberschenkel breche, wer operiert mich dann?«
Die jungen Ärzte hinter ihm grinsten.
»Verzeihung«, flötete Jo und steuerte ihr sperriges Gefährt scheinbar unbeeindruckt an der Gruppe vorbei. »Ich habe jetzt leider keine Zeit für eine spontane Visite.«
Sie musste grinsen, weil sie ein Kichern hinter sich hörte. Als die Ärzte weg waren, hielt sie an und rieb sich die schmerzenden Hände, die ganz rot geworden waren. Rollstuhl fahren war eine Kunst für sich.
Jo ließ sich Zeit, um den Schreck in Ruhe zu verdauen. Sie hatte keine Eile. Während sie wartete, starrte sie jeden Mann an, der ihr begegnete, egal ob Arzt oder Patient.
Als sie eine halbe Stunde später auf die Station rollte, sprach eine Krankenschwester sie an und brachte sie in ihr Zimmer. Das Essen stand noch auf dem Tisch.
Die Anstrengung hatte Jo hungrig gemacht. Sie putzte den Teller leer und vertiefte sich anschließend in das erste Vorlesungsskript.
Das Thema kam ihr irgendwie vertraut vor. Aus diesem Leben oder aus ihrem Traumleben? Jo wusste es nicht. Sie las konzentriert und versuchte, sich alles zu merken. Auf diese Weise brachte sie den halben Abend hinter sich. Zwischendurch starrte sie immer wieder aus dem Fenster und dachte an Moritz. Jura gegen Liebeskummer.
Als sie sich vom vielen Lernen schon ganz benommen fühlte, setzte sie sich auf die Bettkante und wagte eine Runde mit dem Rollator. Mit schwachem Schritt ging sie bis zur Tür, drehte um und ging wieder zurück.
»Verdammt«, keuchte sie. Es war brutal anstrengend und die Muskeln brannten. Aber da sie die Physiotherapeutin brüskiert hatte, musste sie jetzt allein üben.
Sobald sie wieder im Bett lag, reckte und streckte sie ihre Arme und machte schließlich ganz vorsichtig ein paar Sit-ups. Dazu musste sie sich an dem Bügel über ihrem Bett festhalten. Streng genommen waren es eher Mogel-Bauchübungen, aber irgendwie musste man ja anfangen.
Als es Zeit zum Schlafen wurde, war sie froh, dass bei den Pillen, die man ihr brachte, auch etwas gegen Schmerzen dabei war. »Die kann ich gut gebrauchen«, sagte sie und schluckte alles mit einem halben Glas Wasser.
Die Schwester grinste. »Die halbe Station hat darüber gelacht, wie Sie in den Oberarzt gerast sind«, sagte sie vergnügt. »Meine Chefin hat einen Rüffel bekommen, aber wir fanden, das war es wirklich wert. Dieses Gesicht!« Sie zwinkerte Jo zu. »Wir hätten ihm gerne den Blutdruck gemessen, aber das haben wir dann doch nicht gewagt.«
Jo lächelte. »Naja, ich dachte, die Rampe sei für Rollstühle gebaut worden, aber ich habe mein neues Gefährt falsch eingeschätzt.«
»Wenn Sie Schmerzen haben, geben Sie uns bitte Bescheid«, sagte die Schwester. »In Ihrem Therapieplan stehen zwei weitere Dosen nach Bedarf.«
»Es geht schon, ist nur Muskelkater«, verkündete sie der erstaunten Frau.
»Dann haben Sie doch bei der Physiotherapie mitgemacht?«
Jo schüttelte den Kopf. »Ich habe in meinem Bett geübt.«
»Warum klingeln Sie nicht?«, fragte die Frau. »Wir sind schließlich für Sie verantwortlich.«
»Ich bin ganz allein für mich verantwortlich – und niemand sonst.« Kein Herr Engel, nicht ihre Eltern und auch sonst niemand. Aber das behielt sie lieber für sich. Sie hatte die Krankenschwester bereits genug schockiert.
Als sie eine halbe Stunde später die Augen schloss, hatte sie ihre Fingernägel bestmöglich in Schuss gebracht. Der Lack war makellos, aber sie würde warten müssen, bis sie von selbst länger wurden. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als endlich Moritz zu treffen. »Bitte, bitte«, flüsterte sie. »Liebes Universum, so einen tollen Mann kann sich doch niemand ausdenken.« Es musste ihn einfach geben, das ging gar nicht anders.
Die Nacht verschlief sie traumlos, vermutlich wegen der vielen Medikamente.
Am nächsten Morgen wollte Jo sich bewegen und stöhnte. Sie hatte ihrem Körper ganz schön was zugemutet, ihre Muskeln verweigerten die Zusammenarbeit.
Vorsichtig bewegte sie nacheinander die Beine, reckte die Arme und ließ sich von der Schwester, die ihren Blutdruck maß, ein wenig aufhelfen.
Dann schluckte sie ein Schmerzmittel und hoffte, auf diese Weise ihre Mission fortsetzen zu können. Seufzend vertiefte sie sich wieder in ihre Vorlesungsunterlagen und schrieb Saskia von ihren Fortschritten.
»Das ist super«, antwortete ihre Kommilitonin. »Brauchst du heute wieder jemanden, der dich in die Kantine bringt?«, fragte sie. »Max hat sich angeboten.«
Jos Herz flog beinahe aus ihrem Brustkorb. War das der Max aus ihrem Traum?
»Kannst du mir ein Foto von ihm schicken?«, bat sie. »Aber behalte das bitte für dich! Ich will nur meine Erinnerung testen.« Jetzt konnte sie sich nicht mehr auf das Skript konzentrieren. Ständig schweiften ihre Gedanken ab.
Wer war dieser Max? Falls er so alt war wie sie, würde Moritz dann auch an irgendeiner Uni studieren? Eine einsame Frustträne rollte über ihre Wange. Warum zum Teufel konnte man in Trier nicht Arzt werden?
Just in diesem Moment kam die Psychologin herein. »Guten Morgen, Frau Schmitt!«, rief sie betont freundlich. Dummerweise sah sie die verräterische Träne, bevor Jo sie wegwischen konnte. Die Frau holte sich einen Stuhl, setzte sich an das Bett und sah sie erwartungsvoll an.
Am liebsten hätte Jo all ihren Frust herausgeschrien, aber den Gefallen wollte sie der Frau nicht tun. Also griff sie nach ihrem Handy und las. Es blieb kein einziges Wort des Lehrstoffs hängen, aber trotzdem blätterte sie zur nächsten Seite, als sie das Ende erreicht hatte.
Ihre innere Unruhe wuchs. Ja, sie hatte ein schlechtes Gewissen, die Therapeutin machte nur ihren Job. Aber sie konnte einfach nicht mit ihr reden. Das hier war alles viel zu verrückt, um sich jemandem anzuvertrauen. Nur Herr Engel kam dafür in Frage, und der alte Mann war gerade die letzte Person, die sie sehen wollte. Falls er in der Realität überhaupt existierte.
Ihr Handy piepte. Jo wechselte vom Skript zur Nachrichten-App und sah, dass Saskia ein Foto geschickt hatte. Sie erkannte lauter Hinterköpfe von Studenten und einen Mann vor einer Tafel. Aufgeregt kniff sie die Augen zusammen. Dann vergrößerte sie das Bild mit zwei Fingern und starrte darauf.
Es war verpixelt und nicht besonders scharf, aber sie glaubte, eine jüngere Version von Max mit etwas längeren Haaren zu erkennen. »Wie heißt er mit Nachnamen?«, schrieb sie an Saskia.
»Studer«, antwortete sie.
Dieser fiese Herr Engel! Ob Moritz auch einen anderen Namen in der realen Welt hatte?
Zunächst suchte sie nach Maximilian Studer und wurde tatsächlich fündig. Er arbeitete an der Uni und sah genauso aus wie der Max, den sie kannte. Nur viel jünger und ohne graue Schläfen.
Noch immer saß die Therapeutin an ihrem Bett und beobachtete sie. Stein – Studer. Vogel – Schmitt, überlegte Jo. Vielleicht hieß Moritz jetzt nicht mehr Neumann, sondern Neuhaus wie die Krimiautorin?
Jo googelte Neuhaus, Neuberg, Neubert und jeden Namen, der ihr einfiel, während die Psychologin sie schweigend beobachtete.
»Soll er vorbeikommen?«, schrieb Saskia. »Ich glaube, er mag dich.«
»Auf gar keinen Fall«, antwortete Jo mit zitternden Fingern. »Sag ihm, ich habe keine Zeit. Meine Mutter ist da.« Das war natürlich gelogen, aber das ging Max nichts an.
Obwohl sie Angst vor ihm hatte, war er für Jo ein Zeichen der Hoffnung. Wenn es den jungen Max gab, konnte Moritz nicht weit sein. Und der Altersunterschied zwischen ihnen würde nicht zu groß sein – falls er sich denn in eine Patientin im Hausanzug mit abgeknabberten, frisch lackierten Fingernägeln verliebte.
»Okay«, antwortete Saskia. »Ich richte es ihm aus.«
Die Therapeutin erhob sich. »Es war nett, mit Ihnen zu plaudern, Frau Schmitt«, sagte sie, drehte sich um und ging.
Spontan musste Jo an den Film ›Good Will Hunting‹ denken, wo Will und sein Therapeut, der von Robin Williams gespielt wurde, stundenlang geschwiegen hatten. Ob diese Frau dachte, dass sie mit einer Methode aus einem Film der Neunziger weiterkäme? »Ich muss mich um mein Mädchen kümmern«, murmelte sie leise. Das Zitat, das Moritz ihr gegenüber erwähnt hatte. Der Gedanke entlockte ihr ein Lächeln.
Es fiel ihr schwer, sich mit dem Vorlesungsskript abzulenken. Jede Seite musste sie zweimal lesen, bevor sie auch nur annähernd verstand, worum es ging.
Zwischendurch wanderten ihre Finger immer wieder in die Nähe ihrer Zähne, doch sie zuckte jedes Mal rechtzeitig zurück. Sie würde die frisch lackierten Nägel auf gar keinen Fall anknabbern, egal, wie sehr sie unter Liebeskummer litt! Immerhin konnte jederzeit ein sympathischer Radiologe hier auftauchen und sie anlächeln.
Mit letzter Kraft schleppte Jo sich mit dem Rollator ins Bad und holte sich ihre Haarbürste mit ans Bett. Danach kämmte sie immer wieder ihre langen Haare, sobald sie das Bedürfnis hatte, an ihren Nägeln zu knabbern.
Jo war bereit für Moritz. Mit jeder Faser ihres Herzens.