Kapitel 28 - Engel und Apfelkuchen
By Mella Dumont
»Sie …« Jo saß in ihrem Krankenbett und bibberte vor Empörung. »Dass Sie es wagen, hierher zu kommen, das ist …« Sie schnappte nach Luft. »Von wegen, Herr Engel! Sie sind der Teufel in Menschengestalt!«
Der alte Mann lächelte gütig und holte sich einen Stuhl an ihr Bett, als sei nichts geschehen.
»Das war doch klar!«, ereiferte sie sich. »Gerade habe ich Moritz gefunden, da tauchen Sie hier auf. Wahrscheinlich sagen Sie mir jetzt, dass ich gehen muss, und dann schicken Sie mich in ein Leben, wo ich als Dreizehnjährige mit Pickeln das Gymnasium besuche.«
»Das hier ist der Ort, an den Sie schon immer gehört haben«, antwortete er ruhig.
»Ach ja? Und weshalb stand ich dann als Anwältin mit Amnesie in diesem Supermarkt? Man sollte Sie verklagen! Und zwar saftig!«
»Mit Dankbarkeit haben Sie es nicht so, oder?«, fragte er zurück. Seine Stimme klang jünger, als sie sie in Erinnerung hatte.
»Mir ist nicht bewusst, wofür ich mich bei Ihnen bedanken sollte. Vielleicht für Max Stein, der mir jetzt als Max Studer auf die Nerven gehen will, obwohl ich vorher mit ihm keinerlei Kontakt hatte?« Sie schnaubte. »Dafür, dass ich mich selbst in diesem Bett habe betreuen dürfen und es nicht mal gemerkt habe? Dafür, dass Sie mich hintergangen haben?« Jo war außer sich vor Wut.
»Nur sehr wenigen Menschen wird ein Blick in eine positive Zukunft geschenkt«, sagte er langsam.
»Man sollte meinen, dass der Teufel mehr Kapazitäten frei hat«, grollte sie. »So viel Arbeit ist es auch wieder nicht, ein paar Päckchen mit Drogen in einem Haus zu verstecken.«
»Jetzt verstehe ich – Sie sind wegen der Frakturen so aufgebracht.«
Jo lag die Frage auf der Zunge, was er damit meinte, aber sie wollte nicht mitspielen und ihm die Antworten auf seine Rätsel aus der Nase ziehen.
Herr Engel sah aus dem Fenster. »Wir erschaffen eine Zukunft, die realistisch ist, wenn sich die Person, die wir betreuen, aktiv im Leben engagiert. Und nicht im Bett liegt und aus dem Fenster starrt.«
Nein, dachte sie. Sie würde sich nicht provozieren lassen.
Er räusperte sich. »Dann tauchen wir den Klienten, der meist dem Tod nähersteht als dem Leben, in diese Zukunft ein. Auch wenn wir alles vorbereiten, so kommt es immer zu Frakturen, das sind traumartige Sequenzen, die von dem Geist des Klienten selbstständig zu der Situation hinzugefügt werden.«
Jetzt reichte es Jo. »Ich habe in meinem Leben noch nicht mal eine Zigarette geraucht!«, giftete sie den Mann an. »Geschweige denn Drogen in der Hand gehalten. Warum sollte ich Koks im Gästezimmer verstecken?«
Er zuckte mit den Schultern. »Das Bild kam aus Ihrem Inneren. Es handelt sich um eine der Frakturen, wie ich bereits sagte. In Ihrer Version des Traumlebens hatten Sie das Koks am Donnerstag vor Ihrer Amnesie gefunden und wollten es am nächsten Tag entsorgen.«
»Ich war viel älter und sollte heiraten. Warum?«
Herr Engel schmunzelte. »Ich hatte die Wahl zwischen verschiedenen Szenarien. In Ihrem Fall war es wichtig, Ihre Willens- und Durchsetzungskraft zu trainieren. Sie sollten lernen, sich selbst zu vertrauen, auch und gerade in einer schwierigen Situation. Durch die anstehende Hochzeit konnte ich die Entwicklung erheblich beschleunigen. Es ist nicht gut, wenn ein junger Mensch zu lange im Koma liegt. Ohne diesen Termin wäre Ihr Traum vollkommen anders verlaufen. Vermutlich wäre recht wenig passiert, weil Sie in letzter Zeit ein wenig zu Passivität neigten. Auch mit dem Junggesellinnenabschied wollte ich Sie aus der Reserve locken. Es war richtig, dass Sie Ihren Freundinnen nicht alles haben durchgehen lassen.«
Jo schüttelte den Kopf. »Einige Dinge existieren in der realen Welt, andere nicht. Was ist mit diesem Max, den es wirklich gibt? Der jüngeren Version? Hortet der auch Drogen in meiner Wohnung?«
»Zu solchen Themen äußern wir uns in der Regel nicht.«
»Und woher soll ich wissen, was für ein Mensch er ist?«
»Lernen Sie ihn kennen und bilden Sie sich ein Urteil.«
»Niemals«, sagte Jo finster.
»Womit wir zu der Person kommen, die Ihnen am Herzen liegt.« Herr Engel seufzte. »Sie dürfen nicht nach ihm suchen, Johanna.«
»Und warum nicht?«
»Weil wir den Menschen, die von uns in eine mögliche Zukunft geleitet wurden, ein wenig unter die Arme greifen. Das funktioniert nur, wenn Sie sich nicht einmischen.«
»Moment!«, triumphierte Jo auf. Ihr Anwältinnenhirn lief auf Hochtouren. »Sie behaupten, dass ich mich nicht einmischen soll. Und doch haben Sie sich in mein Leben eingemischt, und zwar nachhaltig. Das Ziel Ihrer Bemühungen war, etwas zu verändern. Und genau das soll ich nicht tun dürfen? Ja soll ich mich wieder in mein Bett legen und darauf warten, dass auch das dritte Semester vorbei geht? Sie sind doch verrückt!«
»Leben Sie Ihr Leben, Frau Schmitt. Aber suchen Sie nicht nach der Zukunft, die wir Ihnen gezeigt haben. Die Möglichkeiten kommen von selbst auf Sie zu – wenn es denn sein soll.«
»Damit lasse ich mich nicht abspeisen! Wenn Sie mich zurück ins Leben holen können, dann können Sie auch dafür sorgen, dass Moritz hier auftaucht! Als Entschädigung für den Wahnsinn wäre das mehr als angemessen! Immerhin kann man Ihre Machenschaften als Entführung werten!«
»Als Entführung ins Leben«, erwiderte Herr Engel gelassen.
»Sobald ich wieder an der Uni bin, werde ich mich erkundigen, ob ich Sie dafür verklagen kann. Wenn Sie eine ladungsfähige Adresse haben, sind Sie dran.«
Jetzt sah der alte Mann ein wenig traurig aus. »Ich würde sehr gerne auf der Erde leben, mit einer ladungsfähigen Adresse, wie Sie sagen. Leider lässt mein Terminkalender das nicht zu.« Er erhob sich. »Ich habe heute noch viel zu tun«, sagte er bedauernd. »Ich muss mich um einen Klienten kümmern, der gerade versucht hat, sich das Leben zu nehmen.« Er wandte sich zur Tür.
»Ich finde Moritz!«, rief sie ihm hinterher. »Und wenn es das Letzte ist, was ich tue!«
Als Herr Engel auf dem Flur verschwunden war, weinte Jo vor Frust und Erschöpfung. Sie wollte losrennen und Moritz suchen – aber sie hatte Angst, dass sie ihn nicht für sich gewinnen würde, wenn sie ihm nachstellte.
Und was war mit Max? War er ein mieses Arschloch oder hatte sie wirre Fantasien auf ihn projiziert? Es gab nur eine Möglichkeit, um das herauszufinden – sie musste ihn in ihr Leben lassen. Aber Jo hatte überhaupt keine Lust darauf, wegen dieses Typs in Schwierigkeiten zu geraten, also fiel diese Idee aus. Das Risiko war einfach zu hoch.
Jo weinte, bis das Mittagessen gebracht wurde – Gulasch mit Nudeln und Salat.
Am Nachmittag versuchte sie sich mit Lernen abzulenken. Sie studierte, wie sie noch nie in ihrem Leben studiert hatte. Als sie eine Pause brauchte, schleppte sie sich ins Bad, kämmte ihre fettigen Haare und trug eine Gesichtscreme auf, um ihre vom Weinen gespannte Haut ein wenig zu pflegen. Dann schrieb sie ihrer Mutter und bat sie, ihr am Wochenende Kleidung zu bringen. »Irgendetwas Hübsches, ich kann den Krankenhausmuff nicht mehr ertragen«, bat sie.
Es klopfte an der Tür.
»Oh, hallo Saskia!«, rief sie erfreut.
»Ich habe dir Kopien gemacht«, sagte sie. »Von mehreren Studenten. Wir haben beim Mittagessen zusammengesessen und beschlossen, dir zu helfen.«
»Wow!« Jo fühlte, wie ihr warm wurde. »Das ist … ich weiß gar nicht, was ich sagen soll«, murmelte sie, als Saskia einen dicken Stapel neben ihr Bett legte. »Morgen bringe ich dir einen Locher und einen Ordner«, sagte sie verlegen, »das schaffe ich heute nicht wegen der Vorlesungen.«
»Ich kann das auch so lesen«, erwiderte sie glücklich.
»Max hat übrigens wieder nach dir gefragt. Ich glaube, er hat sich in dich verknallt.« Saskia lachte verlegen.
Jo traf eine Entscheidung. »Ehrlich gesagt finde ich ihn nicht besonders hübsch«, log sie. »Also er sieht nicht schlecht aus«, korrigierte sie sich rasch, »aber er ist einfach nicht mein Typ.«
Saskia nickte. »Meiner auch nicht. Wusstest du, dass er Ritalin an Studenten vertickt?«
»Ich habe so etwas geahnt«, erwiderte sie nachdenklich.
»Viele nehmen das Zeug mittlerweile, um länger durchhalten zu können.« Saskia stöhnte. »Wenn ich abends mit Brei im Hirn in der Bibliothek sitze, denke ich ab und zu darüber nach, aber die Pillen sind irre teuer. Neele versucht gerade, sich eine ADS-Diagnose zu beschaffen, um es verschrieben zu bekommen. Aber sie war schon bei drei Psychiatern und noch hat es nicht funktioniert.«
»Herrje.« Jo stöhnte. »Irgendwie kann ich sie verstehen, auch wenn ich nichts davon halte.«
Eine Weile unterhielten sie sich über den Stress und darüber, wie man sich beim Lernen am besten konzentrieren konnte.
»Was soll ich Max ausrichten?«, fragte Saskia, als sie wieder aufbrechen musste, um ihre nächste Vorlesung zu erreichen. »Er hat mich heute dreimal gebeten, dir gute Besserung zu wünschen.«
Jo dachte nach. »Sag ihm, dass ich einen Katheter trage und dass es hier müffelt, weil mein Urinbeutel ständig ausläuft.«
»Du hast doch gar keinen Katheter!«, wunderte Saskia sich.
»Naja, erzähl ihm halt irgendetwas Ekliges, das ihn abschreckt«, schlug sie vor. »Dass ich Depressionen habe und morgen in die Psychiatrie verlegt werde.«
»Ich kann ihn nicht anlügen. Wenn er das herausfindet, wird er es mich spüren lassen. Als Tutor hat er da Möglichkeiten.«
»Schieb die Schuld auf mich, dann bist du aus dem Schneider. Ich plädiere später auf Unzurechnungsfähigkeit, immerhin habe ich zehn Tage lang im Koma gelegen.«
»Guter Plan«, sagte Saskia, doch am Klang ihrer Stimme konnte Jo erkennen, dass sie von der Idee nicht gerade begeistert war. »Ich muss los, wir sehen uns.«
»Richte den anderen bitte meinen herzlichen Dank aus!«, bat sie. »Ihr habt etwas bei mir gut.«
»Wird gemacht.« Saskia lächelte sie zum Abschied an und verließ den Raum.
Jo starrte ihr nachdenklich hinterher. Von wegen Frakturen! Wenn Max mit Ritalin dealte, dann würde er später womöglich andere Einkommensmöglichkeiten entdecken. Zuerst Cannabis, dann Amphetamine. Das war keine Fraktur gewesen, sondern ein waschechter Hinweis auf seinen miesen Charakter!
Jo wusste nicht, ob sie sich aufregen oder freuen sollte. Wenn Max so war, wie in ihrem Traum, bestand eine reelle Chance, dass Moritz auch in seinen jungen Jahren ein Mann war, in den sie sich verlieben konnte.
Sollte sie nach ihm suchen oder warten, bis sie ihm begegnete? Jo beschloss, dass es nicht schaden würde, für den Tag ihres ersten Treffens ein wenig zu trainieren. Also quälte sie sich aus dem Bett, stützte sich auf ihren Rollator und legte los. Langsam eierte sie in gebeugter Haltung über den Stationsflur und ignorierte die Blicke der Schwestern, denen sie begegnete.
»Was hat sie denn?«, fragte ein Kind, das an der Hand seiner Mutter über den Flur ging.
»Das fragt man nicht«, sagte die Frau rasch.
»Ich habe mir ein Bein gebrochen«, erklärte Jo freundlich. Normalerweise hätte sie sich auf Augenhöhe mit der Kleinen begeben, die vielleicht fünf oder sechs Jahre alt war. »Noch fällt mir das Laufen schwer, aber es geht jeden Tag ein bisschen besser.«
»Bist du hingefallen?«, fragte das Kind.
Jo nickte. Von ihrem Crash mit dem Auto erzählte sie nichts, sie wollte das Mädchen nicht verängstigen.
Langsam eierte sie weiter. Als sie zu einer Sitzgruppe am Ende des Flurs gelangte, hielt sie sich an der Lehne eines Stuhls fest und ließ sich mit einem Ächzen nieder. So weit war sie bisher noch nie gelaufen. Vorsichtig streckte sie ihre Beine aus und versuchte, ihren schmerzenden Muskeln den Befehl zu erteilen, sich zu entspannen. So saß sie eine Weile da, starrte aus dem Fenster und dachte über ihre Optionen nach.
Moritz war hier. Hier in diesem Krankenhaus. Um ihn zu treffen, musste sie so viel Zeit wie möglich in der Kantine verbringen. Am besten aß sie nur noch dort. Dafür wiederum musste sie die Krankenschwestern überzeugen, ihr den Rollstuhl dauerhaft zu überlassen. Außerdem musste sie ihr Schönheitsprogramm endlich in Angriff nehmen.
Sie beugte sich nach vorn und wappnete sich gegen den Schmerz des Aufstehens. Ihre Arme zitterten, als sie wieder am Rollator stand. Langsam, ganz langsam, trat sie den Rückweg an. Vor dem Schwesternzimmer straffte sie ihren Rücken, da sie sich keine Blöße geben wollte. Dahinter befand sich ein Wäscheraum.
Was war das? Hörte sie ein Schluchzen? Ihr Körper haderte mit ihrem Geist. Da drin war ein Mensch, der Hilfe benötigte. Ihr Körper sagte ihr, dass sie nach sich selbst schauen musste, denn die Muskeln ihrer Beine brannten und die Narbe von der OP spannte.
Trotzdem rollerte sie langsam auf die angelehnte Tür zu und öffnete sie. In der Ecke stand ein Weißkittel mit gebeugtem Kopf und weinte.
»Kann ich Ihnen …«, begann sie vorsichtig und erstarrte.
Es war Moritz!
Jo hatte ihn gefunden, ohne absichtlich nach ihm zu suchen. Ihre große Liebe stand in einer Wäschekammer und heulte sich die Augen aus.