Kapitel 3 - Engel und Apfelkuchen
By Mella Dumont
Sobald Max das Haus verlassen hatte, lief Jo die Treppe hinauf in ihr Schlafzimmer. In Windeseile inspizierte sie ihren Kleiderschrank, riss ein Kleid heraus und suchte nach einer passenden Strumpfhose und Schuhen. Dann machte sie sich fertig, eilte mit den High Heels in der Hand in ihr Arbeitszimmer und begann ihre Suche nach Hinweisen. Gute eineinhalb Stunden blieben ihr, um herauszufinden, wer sie war, bevor sie mit ihrem Verlobten essen würde.
Zunächst stöberte sie in den Kurznachrichten ihres Handys. »Max Stein heißt du also«, murmelte sie und scrollte durch den Chat. Hier fand sie nur belanglose Kommunikation. Meist schrieb er, dass er später nach Hause kommen und sie anrufen würde. Und Jo hatte immer »Okay« geantwortet. Mehr nicht.
Sie klappte den Laptop auf und schaltete ihn ein. »Mist!« Natürlich verlangte das System ein Passwort.
Fieberhaft dachte sie nach, aber sie konnte sich nicht erinnern. Schließlich wandte sie sich von dem Bildschirm ab und fing an, diverse Ordner zu durchblättern, in der Hoffnung, irgendetwas Nützliches zu finden.
»Holla!«, rief sie, als ihr eine unbeschriftete Mappe in die Hände fiel, die mit Bewerbungsunterlagen gefüllt war.
Jo setzte sich hin und begann zu lesen. Sie hatte ihr Abitur in München gemacht. Jurastudium in Trier, Abschluss mit der Note gut. Danach drei verschiedene Kanzleien in der Region, deren Namen ihr nichts sagten. Ihr aktueller Arbeitgeber war die ›Kanzlei Noah und Partner‹, was sie ja schon auf dem Lohnzettel gesehen hatte. Sie kicherte. Ob die Anwälte Herrn Noahs Büroarche paarweise betraten?
Jo blätterte durch den Ordner. Warum hatte sie so viele Bewerbungen abgeschickt? Fühlte sie sich auf der Noah’schen Arche nicht wohl?
Es klingelte an der Haustür. »Verdammt!«, fluchte sie. »Er ist viel zu früh dran!« Sie war noch nicht bereit für Max!
Jo griff nach ihren Schuhen und eilte auf Strumpfhosen nach unten.
»Oh!« Es war der Nachbar, der den Streit mit Frau Kohl beobachtet hatte. »Guten Abend, H…« Gerade noch rechtzeitig schluckte sie das Wort ›Herr‹ hinunter, bevor sie gestehen musste, seinen Namen nicht zu kennen.
»Adalbert Engel«, sagte er und zwinkerte ihr zu. Er hatte schneeweißes Haar und hätte im Fernsehen für Karamellbonbons werben können. Oder für Inkontinenzeinlagen. Er war alt, sehr alt – und doch wirkten seine Augen seltsam zeitlos.
»Entschuldigen Sie, aber ich habe keine Zeit, mein … Verlobter erwartet mich in Kürze.«
»Es dauert nicht lange.« Herr Engel blickte sie freundlich und zugleich bestimmend an, so dass ihr nichts anderes übrigblieb, als ihn hereinzubitten.
»Wie gesagt, ich habe nicht viel Zeit«, bekräftigte sie und trat widerwillig zur Seite.
»Es geht um Johanna Schmitt«, sagte er. »Wie ich hörte, haben Sie die Herausforderung angenommen, die junge Frau ein wenig aufzumuntern.«
»Nun«, murmelte sie, »ich habe nur versprochen, es zu versuchen.«
Herr Engel setzte sich an den Esszimmertisch und sah sie erwartungsvoll an. »Sie ist mitten in der Nacht in einen Mercedes hineingelaufen und spricht mit niemandem. Haben Sie schon einen Plan?«
Jo zuckte mit den Schultern. »Ehrlich gesagt, nein. Ich habe gerade auch andere …« Probleme, hatte sie sagen wollen, biss sich aber noch rechtzeitig auf die Zunge. »Zeitintensive Verpflichtungen«, erklärte sie stattdessen.
»Ich habe viel Erfahrung mit solchen Fällen gesammelt«, sagte er langsam. »Warum setzen Sie sich nicht?«
Obwohl sie gerne durchs Haus gelaufen wäre, um ihre Nervosität abzubauen, ließ Jo sich auf einen Stuhl sinken. Lieber wäre sie über glühende Kohlen gegangen. »Nun, ich wurde ausgewählt, weil ich Jura studiert habe. Aber kurze Zeit später schrieb Larissa mir, dass ich dieses Thema wohl besser aussparen sollte, weil die Patientin länger nicht mehr an der Uni war.« Sie zuckte mit den Schultern. »Damit ist der einzige Trumpf, den ich im Ärmel hatte, schon Geschichte.«
»Das würde ich so nicht sagen.« Herr Engel sah sie an. »Bestimmt gab es auch in Ihrem Leben Phasen, in denen Sie nicht weiterwussten. Da müssen Sie ansetzen. Vermitteln Sie der Patientin das Gefühl, dass sie mit ihrem Kummer nicht allein ist.«
Am liebsten hätte Jo lauthals gelacht. Ihr eigener Kummer bestand darin, dass ihr genau ein Abend blieb, um zu entscheiden, ob sie in zehn Tagen Frau Stein werden wollte. Alternativ konnte sie ins Krankenhaus fahren und die Hochzeit wegen Krankheit verschieben. Doch irgendetwas in ihrem Inneren sagte ihr, dass das Max sehr verletzen würde.
»Nun?«, fragte Herr Engel. »Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?«
»Ich fürchte, mir ist nicht zu helfen«, sagte sie in einem Anflug von Hilflosigkeit.
»Befinden Sie sich etwa gerade in einer schwierigen Situation?«, hakte er nach.
Jo schüttelte den Kopf. Nein, sie würde kein Geständnis ablegen. Nicht hier und nicht jetzt. »Es gibt kein Problem, das nicht durch ein Stück Apfelkuchen mit Zimt und gerösteten Mandelblättchen gelöst werden könnte.«
Herr Engel zuckte bedauernd mit den Schultern. »Leider kann man im Leben nicht alles haben.«
»Apfelkuchen?«, fragte sie verständnislos.
Zu ihrem Erstaunen nickte der Mann. War ihr Nachbar etwa dement? Wer kümmerte sich um ihn? Hoffentlich nicht sie selbst! Sie hatte bereits genug Stress. »Nun, ich versuche es morgen einfach«, sagte sie und erhob sich in der Hoffnung, dass er ihr Verhalten als Signal zum Aufbruch verstehen würde.
Doch Herr Engel blieb sitzen. »Sie sind unruhig«, sagte er.
»Weil ich eine Verabredung habe.«
»Panik vor der Hochzeit?«, fragte er.
»Woher wissen Sie davon?«
Er sah sie prüfend an. »Sie haben mich eingeladen. Handgeschriebene Karte mit Golddruck, sehr stilvoll.«
»Oh, stimmt«, sagte sie zerknirscht. Ihre Tarnung war gerade dabei, sich in tausend winzige Stücke zu zerlegen. »Ich freue mich darauf, Sie zu sehen.«
Sein Blick schien sie zu durchbohren. »Ist das so?«, fragte er ruhig.
»Herr Engel, ich habe wirklich keine Zeit heute«, sagte sie. »Ich werde morgen mein Bestes geben, weil ich es versprochen habe. Aber wenn diese Patientin mit ihrem Leben abgeschlossen hat, ist das ihre Sache. Ich bin nicht für den Wahnsinn der anderen Menschen verantwortlich.« Sie ging zu der Tür, die zum Flur führte.
Herr Engel erhob sich langsam und folgte ihr. »Entschuldigen Sie, dass ich Sie gestört habe.«
»Kein Problem«, sagte sie. »Danke, dass Sie mir helfen wollten.« Jo öffnete die Haustür und wartete, bis er den Flur durchquert hatte, was ewig dauerte. Dann nickte sie dem Mann noch einmal freundlich zu und schloss die Tür. Sofort eilte sie wieder nach oben.
Warum war sie so unfreundlich gewesen? Das passte nicht zu ihr. Aber sie hatte keine Zeit für Smalltalk und ein Ehemann war nun mal wichtiger als ein kauziger Nachbar.
Seufzend warf Jo einen kurzen Blick auf ihre Bewerbungsunterlagen und beschloss, dieses Thema beim Abendessen mit Max nicht zu erwähnen. Ein paar Kanzleinamen halfen ihr nicht bei ihrer Entscheidung, ob sie nächste Woche heiraten sollte.
Wie sehr sehnte sie sich nach einem saftigen Stück Apfelkuchen! Gleich morgen würde sie zu der nächsten Bäckerei fahren und sich welchen kaufen. Der Geschmack von Zimt und Äpfeln hatte etwas Tröstliches.
Bedauernd blickte Jo auf den Laptop. Ohne Computerpasswort würde sie nicht weiterkommen. Sobald sie den Abend mit Max hinter sich gebracht hatte, musste sie alle Unterlagen durchstöbern, in der Hoffnung, dass ihr altes Ich irgendwo einen Hinweis hinterlegt hatte. Das war ihre einzige Chance.
In der folgenden Stunde durchsuchte sie wahllos Ordner, Schubladen und Bücherregale. Leider lernte sie dabei nichts über Max, sondern nur über sich selbst. Offenbar war sie ein hilfsbereiter Mensch, immerhin spendete sie regelmäßig größere Beträge an das ortsansässige Tierheim.
Schließlich gab sie auf und widmete sich wieder ihrem Handy. Dummerweise hatte sie keine Social-Media-Apps darauf installiert. Es sah so aus, als ob sie alles dafür tat, beim Arbeiten nicht durch Ablenkungen in Versuchung geführt zu werden.
Plötzlich kam ihr ein Gedanke. Sie würde diesen Abend einfach wie ein erstes Date betrachten. Beim ersten Treffen gab es keine gemeinsame Vergangenheit. Man konzentrierte sich auf den Moment und traf seine Entscheidung.
Beinahe war Jo erleichtert, als es erneut an der Haustür klingelte. Sie eilte nach unten und … Wo zum Teufel waren ihre Schuhe? Ach ja, sie hatte sie im Esszimmer abgestellt. Rasch lief sie hin und schlüpfte hinein. Die High Heels waren sehr elegant, aber nicht besonders bequem.
Es klingelte ein zweites Mal. »Moment!«, rief sie und stöckelte zur Tür. »Au!«, flüsterte sie. Mit diesen Schuhen würde sie keinen Sprint hinlegen, so viel war schon mal klar.
Max hielt eine einzelne rote Rose in der Hand. »Was dauert da so lange?«
»Wo ist meine Handtasche?«, fragte sie und lief weg, ohne ihn zu begrüßen. Ach ja, im Flur. Sie griff danach und trat auf ihn zu. »Ich wäre dann fertig«, sagte sie und versuchte, ihn anzulächeln.
Max trat näher und nahm sie in den Arm. Er roch gar nicht so schlecht. Als sie ihn näher betrachtete, sah sie, dass seine Stimmung nicht die Beste war. Also ergriff sie die Rose, nein, sie riss sie ihm fast aus der Hand und stöckelte zu seinem Auto. Er fuhr genau wie sie selbst einen schwarzen Audi A4 Avant, allerdings hatte sein Wagen rote Bremssättel. Vielleicht hatten sie sich die beiden Wagen gemeinsam gekauft?
»Du bist nicht sehr gesprächig heute, was?«, fragte Max, als er die Fahrertür öffnete.
Jo setzte sich in seinen Wagen und schnallte sich an.
Max seufzte. »Es tut mir leid, dass ich so pampig war, meine Woche war auch nicht ganz ohne.«
»Das verstehe ich«, säuselte Jo so freundlich, wie sie konnte. Dieser Typ war es auf jeden Fall wert, näher unter die Lupe genommen zu werden. »Lass uns heute Abend einen Neuanfang machen«, schlug sie vor. »Wir tun einfach so, als sei es unser erstes Date. Mit all der Aufregung und dem Bauchflattern, das dazugehört.«
Ein Grinsen hob seine Mundwinkel an und kräuselte die kleinen Lachfältchen neben seinen Augen. »Du bist heute anders drauf als sonst, aber es gefällt mir.«
»Du bist sehr großzügig«, erwiderte Jo und schlug sicherheitshalber die Augen nieder. »Ich danke dir.«
»Okay, dann werden wir uns mal beeilen, Hase. Die Reservierung ist für neunzehn Uhr dreißig.«
»Alles klar«, erwiderte sie.
Jo stellte die Handtasche zu ihren Füßen ab und hielt die Rose fest.
»Unser letzter Abend als Unverheiratete«, sagte Max und lächelte. »Bist du aufgeregt?«
Jo nickte. »Du nicht?«
»Ein wenig.« So, wie er es sagte, kaufte sie es ihm nicht ab. Max war nicht aufgeregt, kein bisschen. Vielleicht war eine Hochzeit für ihn keine große Sache?
»Worüber denkst du nach, Hase?«
»Es ist ein merkwürdiges Gefühl, dass ich dich nach diesem Abend erst wieder am Altar sehen werde.«
»Vor dem Standesbeamten«, korrigierte er.
»Oder das«, murmelte sie.
»Ich hatte ja gehofft, dass wir dieses Thema heute aussparen würden«, sagte er. »Du weißt, dass ich als geschiedener Mann nicht kirchlich heiraten darf. Trotzdem habe ich mir fast ein Bein ausgerissen, um unsere Hochzeit zu planen. Weißt du eigentlich, wie schwer es war, einen Beamten zu motivieren, uns an einem Feiertag zu trauen? Wenn Herr Noah nicht mit dem Leiter des Standesamtes golfen würde, hätten wir keine Chance gehabt. Doch ich bin zu ihm hin, habe ihm Honig ums Maul geschmiert und ihn und seine Frau zu unserer Feier eingeladen – und das alles nur für dich.«
Nur für sie? Bedeutete das, dass ihm der gemeinsame Tag nicht wichtig war? »Das weiß ich sehr zu schätzen«, murmelte sie, obwohl sie eine merkwürdige Enttäuschung verspürte. Heiraten ohne Kirche? Es fühlte sich falsch an. Und weshalb bat er den Chef ihrer Kanzlei um Hilfe? Woher kannten die beiden sich?
Er lenkte seinen Wagen in die Innenstadt und rollte in das Parkhaus des Park Plaza Hotels. Jo kannte den Ort, sie wusste, wo es zur Porta Nigra ging – aber sämtliche Erinnerungen an Menschen und Erlebnisse waren ausgelöscht.
Max reichte ihr den Arm, als sie zum Aufzug gingen. Das war auch notwendig, denn Jo fühlte sich auf ihren hohen Hacken nicht besonders sicher. Sie spürte, wie die Gäste sie ansahen, als sie das Restaurant betraten und sich zu einem Zweiertisch am Fenster führen ließen.
»Du hast deinen Ring nicht angesteckt«, sagte Max, nachdem er Champagner bestellt hatte.
»Verflixt! Ich wusste doch, dass ich etwas vergessen hatte!«, sagte sie beschämt. Warum hatte sie nicht nach ihrem Schmuck gesucht? Wenn man heiratete, besaß man in der Regel auch einen Verlobungsring. Sie spürte, wie er sie abschätzend betrachtete. »Herr Engel hat mich aus dem Konzept gebracht, das ist mein Nachbar.«
»Ich weiß, wer er ist«, erwiderte er cool. »Er ist ein wenig aufdringlich. Aber du kennst ja meine Meinung.«
Jo schluckte. Kannte sie die? »Naja, er ist eben ein alter Mann. Und er redet zu viel über Apfelkuchen.« Hatte er etwas über den Kuchen gesagt? Nein, er hatte nur erwähnt, dass man im Leben nicht alles haben konnte.
Max zeigte plötzlich zwei steile Falten auf der Stirn. »Wenn du mich fragst, gehört er in ein Pflegeheim.«
»Womöglich hast du recht«, gab sie zu. »Er wirkte ein wenig verwirrt.«
Max schnaubte. »Der hat ein Rad ab!«
»Sollten wir uns heute nicht lieber auf uns konzentrieren?«, fragte sie.
»Du hast recht, Hase.« Max drehte sich um und suchte nach dem Kellner. »Ah, da ist er ja.« Er winkte dem Mann, der pflichtschuldig mit dem Champagner herbeieilte. »Wir sollten anstoßen.«
Der Kellner schenkte ein und stellte die offene Flasche in einen Eiskübel. Feierlich erhob Max sein Glas. »Auf uns. Und darauf, dass ich die wunderbarste und attraktivste Frau der Stadt gewinnen konnte.«
Jo lächelte und stieß mit ihm an. »Auf uns!« Und darauf, dass sie dieses Restaurant hoffentlich ein bisschen schlauer verlassen würde, ergänzte sie in Gedanken.
Ein Grinsen stahl sich auf ihre Lippen, als sie sich vorstellte, wie Max wohl reagieren würde, wenn er wüsste, was von diesem Abend alles abhing.
»Hast du es geschafft, den Junggesellinnenabschied in geordnete Bahnen zu lenken?«, fragte er.
»Und du?«, gab sie zurück.
Max lächelte. »Keine Chance. Acht Tage Mallorca, inklusive Kneipentouren. Ich werde fix und alle sein, wenn wir uns wiedersehen.«
»Gibt es keine Gnade?«, fragte sie.
»Nun, der Sonntag ist zum Ausschlafen reserviert. Und ich habe sie vorgewarnt, dass ich jeden Tag in meine Mails gucken muss. Mein Job bringt viel Verantwortung mit sich.«
»Das kann ich verstehen.« Warum hatte er einen Beruf, der ihm so wenig Freiheit ließ?
»Bestimmt sind die anderen vor mir erledigt«, sagte Max und lachte.
Jo schniefte. »Da habe ich es mit einem Abend vergleichsweise gut getroffen.«
»Wenigstens werde ich keine Spielchen über mich ergehen lassen müssen.« Sein Blick hatte etwas Warnendes. Weshalb?
»Ich kriege das hin«, versprach sie. »Zum Spielen brauchen sie ja meine Mithilfe.«
»Hast du ein Gespräch mit Louis vereinbart?«, fragte er.
Louis? Wer zum Teufel war das? Jo griff nach ihrem Glas und trank einen Schluck.
»Und?«, hakte er nach.
Verzweifelt versuchte sie, sich an die Einträge in ihrem Kalender zu erinnern. Den Namen Louis hatte sie noch nie gehört.
»Ich glaube nicht.« Sie spürte, wie ihre Wangen heiß wurden. Es war ein unangenehmes Gefühl.
»Glauben ist für die Pfaffen!«, zischte er wütend. »Anwälte wissen es.«
»Ich rufe ihn an«, sagte sie. »Hoffentlich steht er in meinem Telefonbuch.«
»Du überlegst allen Ernstes, ob du die Nummer meines Sohnes abgespeichert hast? Nachdem wir über Ostern zusammen auf Malta waren?«
»Ich hatte Probleme mit dem Handyspeicher. Sogar Larissa war weg«, log sie schnell.
Louis war ihr Stiefsohn? Dann würde sie am Pfingstmontag seine Stiefmutter werden. Der Gedanke ließ sie erschaudern. Stiefmütter waren keine liebenswerten Menschen. Aber vielleicht hatte sie auch einfach zu viele Märchen gelesen.
»Er ist immer noch nicht gut auf unsere Hochzeit zu sprechen«, sagte Max. »Du solltest dir in deiner Urlaubswoche Zeit für ihn nehmen.« Er griff nach seinem Glas und trank einen Schluck. »Unternehmt etwas zusammen. Eva sieht das genauso wie ich. Sie will nicht, dass meine neue Ehe ihn belastet.«
Eva? Das war dann wohl die Exfrau. Die Konkurrenz.
Warum um alles in der Welt heiratete sie einen Mann mit Vorgeschichte? Hatte sie das nötig?
Der Kellner kam mit den Speisekarten und lenkte Jo von ihren Gedanken ab. Steaks, Steaks, noch mehr Steaks … Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie kein Rindfleisch mochte.
Weshalb waren sie dann hier?
»Ich liebe das Angus-Beef«, sagte Max und seufzte glücklich.
Da hatte sie ihre Antwort.
Als der Kellner zurückkam, bestellte Jo ein Lachsfilet. »Bitte ohne Kräuterkruste«, bat sie. »Einfach nur pur mit ein wenig Salz.«
»Sehr wohl.«
Max gab seine Bestellung auf. Dreihundert Gramm blutiges Steak. Bei dem Gedanken drehte sich Jo der Magen um. »Du solltest auch mal ein Steak hier versuchen«, schlug er vor und zwinkerte ihr zu. »Das würde dir gut tun.«
»Menschen mögen unterschiedliche Dinge«, sagte sie unverbindlich und freute sich über ihre weise Reaktion.
»Louis will immer hierher, wenn ich mein Vater-Sohn-Wochenende mit ihm verbringe.«
Jo starrte auf die Tischdecke und schwieg. Sie mochte keine Steaks. Und Louis war nicht hier.
Ob Max sich bei ihrem ersten Rendezvous genauso benommen hatte?
Halt, stopp! Sie wusste nicht, wie lange sie schon ein Paar waren. Wenn man seit fünf Jahren eine Beziehung führte, kommunizierte man anders als beim ersten Date.
Er konnte nicht ahnen, dass dies sein erstes Abendessen mit seiner zukünftigen Frau war, sonst würde er vollkommen anders reagieren. Auf jeden Fall würde er kein blutiges Steak vor den Augen einer Dame verputzen.
War sie eine Dame? Jo schielte auf ihre gepflegten Fingernägel. Es sah alles danach aus.
Das Essen wurde zügig serviert. Jo, die immer noch nicht viel über ihren Verlobten herausgefunden hatte, verspürte keinen Appetit, obwohl es schon etliche Stunden her war, seit sie das Brötchen in der Bäckerei gekauft hatte.
»Seit wann isst du eigentlich Fisch?«, wollte Max von ihr wissen. Sie konnte die Gier in seinen Augen sehen, als er nach dem Besteck griff und die Gabel in das Fleisch stach.
»Omega-drei-Fettsäuren sind gesund«, sagte sie leidenschaftslos.
Max lachte. »Auch für Vegetarier?«, fragte er.
Zum Teufel nochmal! Woher sollte sie bitte wissen, dass sie Vegetarierin war? Solche Dinge schrieb man nicht in einen Kalender. »Mein Arzt hat da neulich so einen Mangel festgestellt.«
Max runzelte seine Stirn. »Isst du nicht deshalb so viele Walnüsse?«
»Das hat es offenbar nicht gebracht«, murmelte sie.
»Und die Kapseln, die du immer schluckst?«
Jo hatte jetzt genug von dem Gespräch. »Schmeckt es?«, fragte sie freundlich.
»Sehr lecker, wie immer.« Roter Fleischsaft tropfte von seiner Gabel. Warum aß er in Gegenwart einer Vegetarierin so etwas Unappetitliches? Hätte er das Zeug ihr zuliebe nicht wenigstens rosa braten lassen können?
»Was habt ihr für Mallorca alles geplant?«, fragte sie, um sich abzulenken.
»Wir werden feiern, Hase, das weißt du doch. Und ja, die ein oder andere halbnackte Frau wird auch im Programm auftauchen.« Er sah sie an. »Es ist ein Junggesellenabschied, da ist das ganz normal.«
»Schon klar«, murmelte sie. Nichts interessierte sie gerade weniger, als das, was Max auf Mallorca tun würde. Und doch hatte sie ihn gefragt. Weil fragen einfacher war als antworten. Aber warum investierte er mehr als eine Woche in seine Freunde, statt ein wenig Zeit mit ihr zu verbringen?
Nachdenklich spießte sie ein Salatblatt auf und schob es in ihren Mund. Bisher war Max ihr nicht sonderlich sympathisch. Die Vorstellung, mit ihm die Hochzeitsnacht zu verbringen, empfand sie als unangenehm. Wie er wohl im Bett war? Blümchensex oder eher die härtere Variante? Um das herauszufinden, musste sie es wohl drauf ankommen lassen.
Nein. Auf gar keinen Fall heute Abend. Das konnte niemand von ihr verlangen. Es würde die Katzen irritieren. Puschel war bestimmt eine sensible Seele.
»Worüber denkst du nach?«, wollte Max wissen, dem der Abend kein bisschen auf den Appetit geschlagen hatte.
»Über dies und das«, antwortete sie vage. »Ich hatte heute Kreislaufprobleme.« Jo gratulierte sich innerlich zu ihrem neusten Schachzug. Wenn sie Schwäche vortäuschte, würde er sie auf keinen Fall ins Bett locken.
»Bist du sehr aufgeregt?« Plötzlich klang seine Stimme zärtlich.
»Schon«, gab sie zu. »Stell dir mal vor, ich käme zu spät oder ich wüsste nicht mehr, wo sich die Kirche, ähm, das Standesamt befindet.«
Max lachte. »Dann rufst du Frau Schnabel an, die hat alles im Griff.«
Jo sah ihn irritiert an. Irgendwie kam der Name ihr bekannt vor.
Er schüttelte den Kopf. »Oder hast du unsere Hochzeitsorganisatorin auch vergessen?«
Ach ja! Das war der Montagstermin, der in ihrem Kalender stand! »Nein«, sagte sie und angelte in ihrer Handtasche nach dem Handy. Rasch prüfte sie, ob die Frau in ihren Kontakten stand. Gudrun Schnabel. »Ich habe ihre Nummer noch. Keine Ahnung, was mit meinem Handy los war.«
»Am Montag kommt sie zu dir, um die letzten Details zu besprechen«, erinnerte Max sie freundlich. »Und am Donnerstag hast du die Anprobe für das Brautkleid.«
»Ich weiß«, erwiderte sie.
Max sah sie an. »Die Schneiderin wird zu tun haben, du hast abgenommen.«
»Das lag bestimmt am Stress«, sagte Jo. »Ich hatte kaum Appetit.«
Als Max sein Steak verputzt hatte, war Jos Teller noch gut gefüllt. Von dem Lachs hatte sie gerade mal zwei Bissen gekostet. Angewidert starrte sie auf den blutigen Fleischsaft auf dem Teller ihres Verlobten.
Als sie das Dessert bestellten, war sie immer noch kein bisschen schlauer geworden. Sie kannte weder Max’ Beruf noch seine Hobbys oder irgendetwas Persönliches, wenn man von seiner Vorliebe für Rindfleisch absah. Das war ein viel zu dünnes Fundament, um darauf eine Ehe aufzubauen.
Eine halbe Stunde später hatte sich nichts geändert, außer dass Jo noch verzweifelter geworden war. Sie lief an Max’ Arm zurück in die Tiefgarage. Hoffentlich wollte er nicht mit ihr schlafen! Das würde sie heute nicht verkraften. Sie hielt sich krampfhaft an seinem Arm fest, um ihn an ihre Kreislaufschwäche zu erinnern.
Zu ihrer großen Erleichterung parkte er eine Viertelstunde später an der Straße vor ihrem Haus und ließ den Motor laufen.
»Bis Pfingstmontag, Hase.« Max küsste sie fest auf den Mund. Jo konzentrierte sich darauf, auf gar keinen Fall zurückzuweichen, um ihn nicht noch mehr zu irritieren.
Langsam stieg sie aus.
»Hey, Johanna!«
»Ja?«, fragte sie.
»Du hast deine Rose vergessen.«
»Oh, entschuldige. Danke.« Sie griff nach der Blume, die er ihr durch die offene Beifahrertür reichte.
»Gute Nacht, mein Hase!«
»Schlaf gut. Und danke für den schönen Abend.« Sie gab sich die größte Mühe, ihn freundlich anzulächeln, bevor sie sich umdrehte und ins Haus ging.
Als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, starrte sie ihm durch das hellgrau gefärbte Glas hinterher. Würde sie sich nach der Hochzeit in diesen Mann verlieben können?
Ihr blieb eine gute Woche Zeit, um sich in seiner Abwesenheit zu entscheiden.
Sie blickte auf die Rose, die inzwischen traurig den Kopf hängen ließ. »Die ist nicht mehr zu retten«, sagte Jo, kickte die High Heels weg und entsorgte die Blume im Mülleimer. Dann lief sie auf Strumpfhosen nach oben.
Sie hatte viel zu tun.