Kapitel 30 - Engel und Apfelkuchen
By Mella Dumont
Das Gespräch hinterließ Jo aufgewühlt und verletzlich. Ihr gesamter Körper war in Alarmbereitschaft. Am liebsten hätte sie nach der Schwester geklingelt und ein starkes Beruhigungsmittel verlangt. »Warum erinnerst du dich nicht, du dummes, geschwollenes Hirn?«, fragte sie sich selbst.
Sie schnaufte, als sei sie gerade über eine Aschebahn gesprintet. Auch ohne einen Arzt zu konsultieren ahnte sie, was gerade mit ihr geschah: Sie hatte eine waschechte Panikattacke.
Nicht mal der Gedanke an Moritz und an das bevorstehende Date konnte sie beruhigen. Ihr Körper lief Amok, weil es irgendwo in ihrem Geist einen Erinnerungsfetzen zu geben schien, an den sie nicht herankam. »Ich will es wissen«, stammelte sie mit zittriger Stimme. »Ich muss es wissen!«
Dieser verflixte Herr Engel! Warum gab es in ihrem Traum keinen Hinweis auf das, was ihr widerfahren war?
Die aufgeräumte Wohnung. Jo hatte sie so bestimmt nicht hinterlassen. War das ein Werk von Herrn Engel? Oder von jemand anderem?
Es gab im Wohnheim mehrere Profis, die man nachts aus dem Bett klingeln konnte, wenn man sich versehentlich ausgesperrt hatte. Mit einer Bankkarte und etwas Geschick konnte man problemlos einbrechen. Da es in ihrem Appartement nichts Wertvolles zu stehlen gab, hatte sie sich nie die Mühe gemacht abzuschließen. Sie zog ihre Tür immer nur zu.
Wäre Jo nicht so immobil, würde sie jetzt wie ein Tier im Käfig auf und ab laufen. Aber das ging nicht. Sie konnte nicht rennen, weil ihr Bein sie daran hinderte. Und im Krankenhaus konnte man sich nicht mal Alkohol besorgen. Andererseits wollte sie das auch gar nicht tun, da sie sich immer noch lebhaft an den scharfen Geruch des Wodkas erinnerte, den sie im Traum probiert hatte.
Beinahe war sie froh, als die Psychologin den Raum betrat. »Ich brauche Informationen zu meinem Unfall«, sagte sie mit zittriger Stimme.
»Sie sind ja ganz aufgeregt«, begann die Frau. »Was beschäftigt Sie?«
»Ich will wissen, wann und wo mein Unfall passiert ist und ob es Zeugen gibt«, wiederholte sie.
»Erinnern Sie sich an irgendetwas?«
»Warum beantworten Sie nicht einfach meine Frage?« Jos Panik verwandelte sich augenblicklich in Wut.
»Dazu muss ich erst in meine Unterlagen schauen.«
Jo stöhnte. »So schlecht bereiten Sie sich vor? Das wäre mir jetzt aber peinlich. Und warum sitzen Sie dann noch hier? Tun Sie Ihren Job!«
»Wollen Sie mir nicht erst erzählen, warum Sie so aufgeregt sind?«
»NEIN!« Sie brüllte es aus vollem Hals.
Die Frau, deren Namen sie sich nicht mal gemerkt hatte, blickte sie schweigend an.
»Wissen Sie was«, sagte Jo schließlich, »wenn Sie keine Ahnung haben, können Sie gleich wieder verschwinden.«
»Es ist wichtig, über seine Gefühle zu sprechen.«
»RAUS!« Ihre Stimme überschlug sich. Als die Frau sich davon nicht beeindrucken ließ, drückte Jo den Knopf für die Schwester.
Mehrere Minuten lang saß sie schweigend da, während in ihrem Inneren der Wahnsinn tobte. Endlich kam die Krankenschwester. »Kann ich Ihnen helfen?«, fragte sie irritiert und blickte die Psychologin an.
»Nein, wir kommen klar«, erwiderte die Frau.
»Kommen wir nicht!«, rief Jo erbost. »Sie hat keine Ahnung und deshalb soll sie sofort gehen!«
Die beiden tauschten einen besorgten Blick aus.
»Raus jetzt! Oder ich lasse Sie von meiner Mutter verklagen! Der fällt schon etwas ein, die ist schließlich Anwältin.«
»Frau Schmitt, Sie sollten sich beruhigen«, sagte die Psychologin.
»Ich bestimme selbst darüber, wer mich sehen darf und wer nicht! Verschwinden Sie!«
Endlich erhob die Frau sich. »Nun, ich komme dann morgen wieder.«
»Machen Sie vorher Ihre Hausaufgaben!«, grollte Jo, als die Psychologin langsam zum Ausgang ging.
»Bis dann, Frau Schmitt.«
Jo schwieg. Die Krankenschwester starrte sie an, als sei sie eine Erscheinung. »Kann ich irgendetwas für Sie tun?«
Sie seufzte. »Nein, momentan nicht – danke, dass Sie mir geholfen haben, diese Frau loszuwerden.«
»Okay. Wenn noch etwas ist, melden Sie sich bitte.«
Jo atmete auf, als die Pflegekraft den Raum verließ. Sie fühlte sich schlagartig besser, da die Wut einen Teil ihrer Angst aufgelöst hatte.
In der folgenden halben Stunde kam die Krankenschwester dreimal zu ihr und brachte etwas zu trinken oder schüttelte ihr Kopfkissen auf. Jo bedankte sich freundlich, obwohl ihr klar war, dass dies Kontrollbesuche waren, weil sie ausgerastet war.
Um ihren aufgewühlten Geist zu beruhigen, las sie laut in dem Skript, das sie gerade studierte.
Sie musste sich bis weit nach dem Abendessen gedulden, bis es endlich an der Tür klopfte und ein schüchtern aussehender Moritz in Jeans und T-Shirt den Raum betrat. »Hallo«, sagte er leise. »Sie sind heute unruhig, steht in den Unterlagen.«
Jo lächelte ihn an. »Ach, diese Psychologin regt mich auf. Ich wollte Informationen über meinen Unfall und sie hat etwas von Gefühlen gelabert. Dabei habe ich ihr ganz klare Fragen gestellt, die sie nicht beantworten wollte oder konnte.«
»Ich habe noch nicht gegessen«, sagte er. »Sollen wir uns in die Kantine setzen?«
»Gern«, erwiderte sie. »Ich nehme Apfelkuchen als Nachtisch, falls es welchen gibt.«
»Ich hole einen Rollstuhl, mit dem Rollator ist der Weg noch zu weit.« Moritz lächelte sie kurz an und verschwand.
Während sie wartete, band Jo ihren frisch gewaschenen Pferdeschwanz neu, steckte Geld in ihre Hosentasche und setzte sich erwartungsfroh auf die Bettkante.
Sie fühlte sich merkwürdig. Es war eine Mischung aus freudiger Erwartung und dem Echo der Aufregung des Nachmittags.
»Sie sind ja schon bereit«, sagte er, als er den klobigen Krankenhaus-Rollstuhl vor ihr Bett rollte. »Warten Sie, ich helfe Ihnen.« Er fasste sie geschickt unter und half ihr, sich zu setzen. Anschließend kniete er sich vor sie hin und stellte vorsichtig das verletzte Bein auf die Fußstütze. »Dann wollen wir mal!«, sagte er und schob sie aus dem Raum.
Während sie auf den Aufzug warteten, zeigte er ihr, wo die Operationssäle lagen. »Es tut mir leid, dass es länger gedauert hat. Der Patient hat den Oberarzt ein paar Mal zum Fluchen animiert, aber es ist alles gut gegangen.«
»Hm«, murmelte Jo, die mit ihren Gedanken nicht ganz bei der Sache war.
Im Aufzug waren sie allein. »Es ist schon verrückt«, sagte er, »denn heute habe ich tatsächlich ein schlagendes Herz gesehen, wie Sie es erwähnt hatten. Sind Sie eine Hellseherin?«
Jo schüttelte schnell den Kopf. »Ein Bekannter hat mir von einem ähnlichen Erlebnis erzählt.«
»Arbeitet dieser Bekannte hier in der Region? Oder vielleicht im selben Krankenhaus?«
»Das ist eine gute Frage«, murmelte sie.
»Ja oder nein?« Sie konnte sehen, dass er sie im Spiegel aufmunternd anlächelte.
»Ein beherztes Jain würde Sie sicher verwirren«, sagte sie nachdenklich.
»Es würde eine Erklärung verlangen. Aber zuerst holen wir uns etwas zu essen. Einverstanden?«
Jo nickte erleichtert. Konnte sie ihm ihr verrücktes Erlebnis anvertrauen oder würde er davon abgeschreckt werden und sich zurückziehen? In ihrem Traum hatte sie mit Moritz über alles reden können. Aber galt das auch für die Realität?
Mal wieder gab sie Herrn Engel die Schuld an dem ganzen Dilemma. Er war für ihre Wissenslücken verantwortlich, im Traum wie in der Realität. Und er spielte ein Spiel mit ihr, das sie nicht durchschauen konnte. Nur ihr Körper gab ihr einen Hinweis, und der war äußerst beunruhigend.
»Was möchten Sie essen?«, fragte Moritz. »Ich lade Sie ein.«
»Nur ein Dessert«, sagte sie rasch. »Und eine Cola.«
Moritz schob sie zu der Verkaufstheke und zählte alles auf, was es gab. »Kuchen ist leider schon aus, den müssen wir auf ein anderes Mal verschieben.«
»Dann nehme ich einen Schokoladenpudding«, beschloss sie und freute sich, dass er ein weiteres Treffen bereits in Erwägung zog.
Moritz brachte sie zuerst zu einem freien Tisch, bevor er sein Essen und den Pudding holte. Ihr Herz klopfte, als sie bemerkte, dass sie an exakt demselben Platz saß wie bei ihrer ersten Begegnung im Traum. Das konnte kein Zufall sein.
Nervös starrte sie auf ihre Fingernägel und unterdrückte den Impuls, daran zu knabbern. Wie hatte sie sich diese grässliche Angewohnheit je zulegen können? Es war weder schön noch hilfreich.
»Einmal Cola und Schokoladenpudding für die Dame!« Moritz stellte das Tablett ab und servierte ihr die Bestellung, als sei er ein Kellner. Dann setzte er sich ihr gegenüber hin und griff nach Messer und Gabel. »Ist es okay, wenn ich das gleich aufesse? Ich sterbe vor Hunger.«
»Kein Problem«, sagte sie, »ich verstehe das.«
Während er das gut durchgegarte Fleisch zerschnitt und die Kartoffeln aß, nippte Jo an ihrer Cola und widmete sich dem Dessert. Warum schmeckten Puddings in Krankenhäusern so deprimierend? Aber sie wollte sich nichts anmerken lassen und löffelte tapfer weiter.
»Puh, jetzt geht es mir besser!«, sagte Moritz nach ein paar Bissen. »Ich hatte fast schon Unterzucker.«
»Es ist bestimmt aufregend, so ein Herz zu sehen.«
Moritz nickte. »Vor allem, wenn ein wütender Oberarzt versucht, es zu reanimieren und die weinenden Angehörigen auf dem Flur stehen.« Er seufzte.
»Durchhalten«, sagte Jo mit fester Stimme. »In der Radiologie wird alles besser.«
»Wie kamen Sie darauf, dass ich Radiologe werden möchte?« Sein Blick war nachdenklich und intensiv zugleich.
»Das ist eine merkwürdige Geschichte«, sagte sie schließlich. »Laufen Sie eigentlich gern?«
Moritz nickte. »Im Moment nicht so häufig, aber ich habe mir fest vorgenommen, es bald wieder zu tun. Es macht den Kopf so schön frei.«
»Mögen Sie Gourmet-Restaurants?«
Jetzt starrte er sie irritiert an. »Woher wissen Sie das?«
»Und Jazz?«
»Also gut, Sie haben mich erwischt! Welcher meiner Bekannten hat geplaudert?«
Jo seufzte. »Niemand, das ist das Erstaunliche.«
»Das müssen Sie mir erklären. Also, wenn Sie möchten. Ich will Sie nicht bedrängen.«
»Darf ich zuerst fragen, was Sie über meinen Unfall wissen? Die Psychotherapeutin wollte nichts sagen.«
»Sie wurden mit einer Oberschenkelhalsfraktur und schweren Kopfverletzungen eingeliefert. Sie sind mit dem Hinterkopf auf einen Bordstein geknallt. Wir konnten Sie erst Tage später operieren, weil die Neurologen zuerst die Schwellung im Gehirn kontrollieren mussten. Der Chirurg hat ganz schön geschwitzt, als er Sie endlich zusammenflicken durfte. Sie haben viel Glück gehabt, bei Ihren Verletzungen hätte es auch zum Tod kommen können. Oder zu einem Wachkoma, das weiß man nie.«
»Puh!« Jo stöhnte. »Wissen Sie, wo ich verunfallt bin? Bei mir zu Hause?«
»Ich kenne Ihre Adresse nicht«, sagte er, »aber das kann ich herausfinden. Sie wurden gegen vier Uhr morgens eingeliefert, als ich Bereitschaftsdienst hatte. Wir hatten den OP schon vorbereitet, aber die Neurologen gaben kein grünes Licht wegen der Schwellung.«
»Nachts um vier?« Jo runzelte ihre Stirn. »Ich hatte vermutet, dass ich vielleicht einkaufen gewesen war.«
»Es war Freitagnacht. Und … Sie hatten eine nicht unerhebliche Menge an Substanzen im Blut.«
»Was? Ich habe noch nie etwas genommen und nicht mal eine Zigarette geraucht!« Jo sackte in sich zusammen. Drogen? Sie hatte wirklich Drogen genommen? Kein Wunder, dass sie einen Blackout hatte.
»Erzählen Sie mir, was das Letzte ist, woran Sie sich erinnern«, schlug er vor.
»Es ist nicht viel«, sagte sie leise. »Ich hatte … nun, wir haben eine Gemeinsamkeit.« Sie versuchte ein Lachen, aber es erstarb auf halbem Weg. »Ich hatte die Studienkrise. Ich wusste plötzlich nicht mehr, warum ich Juristin werden wollte, und verlor meine Motivation. Irgendwann verbrachte ich die meiste Zeit auf meinem Bett. Ich habe das Appartement eigentlich nur noch zum Einkaufen verlassen. Mit Ausnahme der Unfallnacht. Aber daran erinnere ich mich nicht. Es könnte sein, dass mir ein paar weitere Tage fehlen, da bin ich mir nicht sicher.« Sie zuckte mit den Schultern. »Das passt alles nicht zu mir.«
»Und warum wollten Sie mit der Therapeutin nicht darüber reden?«, fragte er.
»Sie ist eine blöde Kuh. Also nicht wirklich, bestimmt ist sie das nicht«, korrigierte sie sich rasch, »aber sie lebt in ihrer eigenen Blase. Als ich Informationen von ihr wollte, hat sie gemauert. Aber jetzt kann ich das verstehen. Sie wollte wohl zuerst von mir hören, warum ich Drogen eingeworfen habe. Diese Frage kann ich jedoch nicht mal mir selbst beantworten.«
»Ich wollte Sie nicht nervös machen.«
»Das bin ich nicht!«, widersprach sie.
Moritz lächelte. »Ihr Hals pulsiert ein wenig. Das ist die Arteria carotis.«
»Ihnen kann man nichts vormachen.«
Er legte sein Besteck zur Seite und beugte sich ein wenig nach vorn. »Und jetzt zur Sache, wenn ich mir die Freiheit nehmen darf, Sie zu bitten: Woher kennen Sie mich?«