Kapitel 4 - Engel und Apfelkuchen
By Mella Dumont
Jo schlüpfte in einen bequemen Hausanzug (seit wann mochte sie rosa?) und bereitete ihre Recherche vor. Mit einer großen Flasche Wasser und einer Tasse Kaffee bewaffnet eroberte sie das Arbeitszimmer und wurde zur Forscherin in eigener Sache.
Als Erstes schaute sie sich ihre Lohnzettel und die Steuerunterlagen noch mal genau an. Alles war fein säuberlich sortiert. Auch die Bewerbungen waren einen weiteren Blick wert. Staunend rechnete sie aus, dass sie vor zehn Jahren ihr Staatsexamen abgelegt hatte. Seit drei Jahren arbeitete sie in der Kanzlei Noah und Partner.
Weshalb wollte sie ihren Job wechseln?
Akribisch blätterte Jo den nächsten Ordner durch. »Yeah!«, rief sie erleichtert, als sie die PIN-Nummer des Handys zwischen abgehefteten Rechnungen entdeckte. Weiter hinten fand sie auch die Geheimzahlen ihrer Master- und Kreditkarten. Erleichtert widmete sie sich ihren Kontoauszügen. Sie hatte zwei Kredite am Laufen, was bei einem eigenen Haus nicht verwunderlich war. Das Gehalt deckte ihre monatlichen Kosten großzügig ab.
Aber weshalb schrieb sie Bewerbungen? Sie seufzte, als sie den nächsten Ordner aus dem Regal zog. Aus dem Drucker holte sie sich einen Stapel Papier, um die wichtigsten Fakten aufzuschreiben.
Um zwei Uhr in der Nacht hatte sie den halben Aktenschrank gescannt und machte sich fertig fürs Bett.
Unter einem der Kopfkissen fand sie einen Pyjama aus Satin.
Ob Max hin und wieder bei ihr übernachtete? Im Bad gab es nur eine elektrische Zahnbürste, keinen Rasierschaum, keine Zweitzahnbürste. Vielleicht waren sie und Max doch noch nicht so lange zusammen? Wie schade, dass es keine Lebensläufe für Beziehungen gab!
Jo seufzte. Es war merkwürdig, dass sie vorhatte, zu heiraten und trotzdem ihr Haus nicht aufgeben wollte.
Ein klägliches Maunzen weckte ihre Aufmerksamkeit. Bestimmt hatten die Katzen Hunger!
Rasch ging sie nach unten. Jo stellte eine große Portion Nassfutter hin, wechselte das Wasser im Trinkschälchen und füllte das Trockenfutter auf.
Sofort kamen die Miezen angerannt. An Puschels Hinterbeinen hingen jede Menge Heideästchen, die sich in seinem langen Fell verfangen hatten. Der zweite Kater war gescheckt, an den Beinen weiß und am Rücken und an der Stirn getigert. Er hatte eine süße rosa Nase. Vorsichtig streichelte sie ihn. Das Tier fraß unbeeindruckt weiter. Dann zupfte sie die Halme von Puschels flauschigem Katzenpo und warf sie in den Mülleimer zu der welken Rose.
»Schlaft gut, ihr Süßen«, sagte sie, schaltete das Licht aus und ging wieder nach oben. Morgen würde sie nachsehen müssen, ob es eine Haarbürste oder einen Kamm für Puschel gab. Mio war blitzsauber, sein kurzes Fell bereitete ihm keine Probleme.
In der Nacht träumte sie lebhaft. Sie lag in einem fremden Bett, hatte starke Schmerzen und fühlte sich abgrundtief schlecht. So schlecht, dass sie im Leben keinen Sinn sah. Sie hörte Geräte piepsen und Menschen leise reden. Wen würde es schon interessieren, wenn sie nicht mehr da war?
»Nein!« Sie schreckte hoch. Ihr Herz klopfte bis zum Hals.
Hatte sie von der jungen Frau geträumt, die sie am folgenden Nachmittag im Krankenhaus besuchen sollte?
Ihr Blick fiel auf den Radiowecker. Es war halb sechs am Morgen. Langsam ließ sie sich auf ihr durchgeschwitztes Kopfkissen sinken und dachte nach.
Der Traum hatte eine wichtige Frage aufgeworfen: Wer würde sich für sie interessieren, wenn sie starb? Max? Bisher hatte sie keine Hinweise auf ihre Eltern gefunden. War sie ein Einzelkind? Jo erhob sich und suchte die Kontakte in ihrem Handy durch. Außer ihr selbst war niemand mit dem Nachnamen ›Vogel‹ darin zu finden. Endlich fand sie unter dem Buchstaben M ihre Mutter. Auch der Vater stand unter P wie Papa.
Mit ihrer Nachtruhe war es jetzt vorbei. Jo zog wieder den flauschigen Hausanzug an und setzte sich ins Arbeitszimmer. Seufzend griff sie nach dem nächsten Aktenordner.
Den ganzen Vormittag lang studierte sie jedes noch so kleine Papierfitzelchen. »Geduld«, flüsterte sie sich selbst zu. Sie musste alles genau ansehen, um nichts zu verpassen, sonst würde sie später noch mal von vorne anfangen müssen.
»Endlich!«, rief sie, als sie in der hintersten Ecke des untersten Ordnerfachs einen Umschlag fand, auf dem in großen roten Lettern ›Für den Notfall‹ stand. Ungeduldig riss sie den Brief auf.
»Ja, ja, ja, ja, ja!« Sie hielt eine ausgedruckte Liste mit zahlreichen Zugangsdaten in der Hand. Gleich in der ersten Zeile stand das Passwort für ihren Computer. Es lautete ›BeHappy01‹.
Jetzt hatte sie endlich die Chance, mehr herauszufinden! Vielleicht gab es auf dem Laptop weitere Bilder, natürlich E-Mails von Max und womöglich sogar Videoaufnahmen.
Gespannt gab Jo das Passwort ein und wartete, bis ihr Computer bereit war. Als Erstes klickte sie auf das Mailpostfach. Es war eine private E-Mail-Adresse, doch einige der Nachrichten hatte sie sich offenbar von dem Firmenaccount aus weitergeleitet. Die beruflichen Mails machten ihr Angst. Sie waren ihr vollkommen unverständlich.
Jo fluchte, als sie einen Unterordner entdeckte, der mit ›Persönlich‹ gekennzeichnet war. Leider stand ausgerechnet dieses Passwort nicht auf der ansonsten akribisch geführten Liste. Logisch – wenn sie starb, musste niemand ihre vertraulichen Nachrichten lesen können, um ihren Nachlass zu regeln. Dann runzelte sie ihre Stirn. Alles sah danach aus, dass es sich um ihren privaten Laptop handelte. Weshalb dann ein zweites Passwort?
Ihr Blick fiel auf die Uhr. In zwanzig Minuten musste sie zum Krankenhaus fahren – und sie saß noch immer im Hausanzug am Schreibtisch!
Seufzend betrat sie das Bad, um sich in Ordnung zu bringen. Sehnsüchtig streifte ihr Blick die Regendusche. Dafür hatte sie jetzt keine Zeit mehr. In einer Schublade fand sie einen Stapel türkisfarbener Waschlappen und benutzte einen, um sich eilig frischzumachen.
Würde sie das Make-up von gestern wieder hinkriegen? Zum Glück standen die am häufigsten verwendeten Produkte vor dem Spiegel auf der Ablage. Vorsichtig trug sie ein wenig Foundation auf und betonte anschließend ihre Augen mit Kajalstift und Wimperntusche. Sie musste sich konzentrieren, damit keine schwarze Farbe in die winzigen Furchen unter den Wimpern gelangte.
Nachdenklich betrachtete sie sich. Braune Augen, ovales Gesicht, hohe Wangenknochen. Ihr Äußeres kam ihr vertraut vor – bis auf die Falten. Sie hatte sich definitiv jünger in Erinnerung.
Egal, dafür war jetzt keine Zeit, denn sie wollte pünktlich im Krankenhaus ankommen. Sie legte die Wimperntusche weg und griff nach der flachen Dose mit dem Rouge. Nur ein wenig Frische für ihr übernächtigtes Gesicht – immerhin wollte sie eine Kranke aufheitern.
Die Situation war verrückt. Eigentlich konnte sie selbst heute jede Aufmunterung vertragen. Der schreckliche Albtraum steckte ihr noch in den Knochen.
Während sie zum Krankenhaus fuhr, fragte sie sich, wie sie nach ihrer Hochzeit in dieser Kanzlei arbeiten sollte, wenn sie keine Ahnung von Jura hatte. Man würde sie entlassen, das war die logische Konsequenz. In einigen Monaten konnte sie dann die Kredite nicht mehr tilgen und würde ihr Haus verkaufen müssen. Gehörte eine verheiratete Frau nicht in das Haus ihres Mannes? Vielleicht konnte Max ihr finanziell aushelfen?
»Jetzt ist aber Schluss!«, mahnte sie sich selbst. Seit wann war sie so pessimistisch? Immerhin hatte sie gestern die Küche auf Anhieb gefunden, also war ihr Gedächtnis nicht vollständig ausgelöscht. Bestimmt würde ein Teil ihrer Erinnerungen wiederkommen. Oder sogar alles. Sie würde diese Durststrecke überwinden und ihr Leben wie gewohnt weiterführen.
Nachdem sie den Wagen eingeparkt hatte, marschierte sie entschlossen auf den Eingang des Krankenhauses zu. Am Empfang ließ sie sich den Weg erklären und fand sich kurze Zeit später vor dem Stationszimmer wieder.
»Hallo, Frau Vogel«, grüßte ein älterer Mann.
»Was? Wie? Oh, Herr Engel!« Jo sah ihn irritiert an. Noch hatte sie sich nicht an ihren Nachnamen gewöhnt.
»Da wir gestern nur wenig Zeit hatten, wollte ich vorbeikommen, um Sie zu unterstützen«, sagte der Mann. »Frau Schwarz hat mich gebeten, Sie bei Ihrem ersten Einsatz nicht im Regen stehen zu lassen.« Er lächelte sie an.
»Frau Schwarz?« Die Frage war heraus, bevor Jo sie zurückhalten konnte.
»Larissa Schwarz«, sagte er. Seine wachen Augen beobachteten sie aufmerksam. »Da Sie Jura studiert haben, Frau Vogel, können Sie bestimmt etwas tun, um Johanna zu motivieren.« Er seufzte. »Die Patientin hat seit mehreren Wochen keine Vorlesung mehr besucht und sich von ihren Kommilitonen zurückgezogen. Sie hadert mit ihrer Berufswahl.«
Jo nickte, obwohl ihr nicht klar war, wie sie ihrer Namensvetterin helfen sollte.
»Zunächst müssen Sie keine Studienberatung leisten«, sagte der Mann, der ihren besorgten Gesichtsausdruck wahrgenommen hatte. »Versuchen Sie, Kontakt aufzunehmen. Vielleicht erlaubt sie Ihnen, ihre Sachen aus der Wohnung zu holen. Johanna soll nächste Woche mit der Rehabilitation anfangen. Ein paar Jogginganzüge und ein Bademantel wären hilfreich, dazu Wäsche und natürlich ein Kulturbeutel.« Er blickte sie erwartungsvoll an.
Jo nickte erneut. Was sollte sie auch anderes tun. »Ich werde mit ihr reden«, versprach sie, obwohl sich ihr Herz vor Sorge zusammenkrampfte, da der typische Krankenhausgeruch sie an ihren nächtlichen Albtraum erinnerte.
Warum mutete Larissa ihr diesen Job zu? Ihr altes Ich hatte lange gezögert, die Aufgabe anzunehmen. Dafür gab es bestimmt einen Grund.
»Ich werde im Aufenthaltsraum der Patienten auf Sie warten«, versprach Herr Engel. Seine Haare wirkten im Neonlicht des Krankenhausflurs noch weißer als gestern. Er leuchtete geradezu. »Kommen Sie nach dem Besuch zu mir, dann reden wir über alles.« Wieder lächelte er. »Sie schaffen das. Frau Schwarz schwärmte in den höchsten Tönen von Ihnen. Sie hat mir erzählt, dass Sie sie aus dem Sumpf gezogen hätten, als ihr Freund sich von ihr getrennt hat.«
Jo nickte reflexartig, obwohl sie nicht den leisesten Schimmer hatte, wovon der Mann sprach.
»Folgen Sie mir.« Herr Engel drehte sich um und schritt langsam über den Stationsflur. Er hatte einen merkwürdigen Gang. Ein wenig sah es aus, als würde er einen Millimeter über dem Boden entlang schlurfen.
Ich hätte etwas mitbringen sollen, dachte Jo. Sie hatte weder Obst noch Schokolade dabei. Ihre Hände krampften sich ineinander, als er an der Tür klopfte.
»Hallo Johanna, ich möchte Ihnen Frau Vogel vorstellen«, sagte er und ging hinein. »Kommen Sie!« Er winkte und Jo setzte sich langsam in Bewegung.
Sie hatte das Gefühl, direkt in ihrem nächtlichen Albtraum gelandet zu sein. Das schmerzverzerrte, kummervolle Gesicht der jungen Patientin könnte ihr Eigenes sein. Wenn sie nicht schon so viele Falten hätte.
Die junge Frau starrte aus dem Fenster und ignorierte ihre beiden Besucher gekonnt.
»Nun«, sagte Herr Engel, »ich lasse Sie dann mal allein.« Er nickte Jo zu, die ihn mit verzweifeltem Blick zum Bleiben animieren wollte, und verließ ungerührt den Raum.
Nur mit Mühe unterdrückte Jo ein Stöhnen. Viel lieber hätte sie ihren Computer durchforstet, um ihr eigenes Leben in den Griff zu kriegen, statt sich hier mental herunterziehen zu lassen. »Hi«, sagte sie und knetete ihre Hände, »ich bin Jo.«
Keine Reaktion.
»Du brauchst Jogginghosen«, fuhr sie fort. »Also ich meine, falls du einen gutaussehenden Physiotherapeuten bekommst, willst du ihm doch sicher nicht deinen nackten Popo im Krankenhaushemdchen präsentieren?« Kaum hatte sie den Satz fertig ausgesprochen, fluchte sie innerlich. Das war kein guter Start!
Johanna reagierte immer noch nicht, sondern starrte weiter aus dem Fenster. Draußen schien die Sonne hartnäckig gegen die schlechte Stimmung im Raum an.
Es gab nur einen Anknüpfungspunkt, und der war das Jurastudium. Dummerweise konnte Jo nicht über sich selbst sprechen. Ob sie nach dem Besuch doch mal in der Notaufnahme vorbeischauen sollte? Immerhin war sie sozialversichert und hatte ein Recht darauf. Andererseits blieb ihr noch mehr als eine Woche Zeit, um ihre Erinnerungen wiederzugewinnen. Wenn sie wirklich einen Schlaganfall hätte, würde sie nicht so munter hier stehen. Sie musste diese Entscheidung nicht übereilt treffen.
»Johanna? Hörst du mich?«, fragte sie. »Oder hast du was an den Ohren?«
Die junge Frau drehte ihren Kopf und sah sie so bitterböse an, dass Jos Inneres zusammenschrumpfte.
Ihre Hilflosigkeit verwandelte sich in Wut. Was bildete diese junge Frau sich ein, ihr den Tag dermaßen zu verderben?
»Du kannst doch nicht schweigend hier liegen bleiben, bis deine Muskeln ganz verkümmert sind«, sagte sie. »Dann endest du im Pflegeheim oder was weiß ich wo.«
Wieder keine Reaktion. Ihr Blick fiel auf die Fingernägel der Patientin. Johanna hatte ganze Arbeit geleistet und sie bis ans Nagelbett abgebissen. Angewidert wandte Jo sich zum Gehen. Ihr Blick fiel auf die Mineralwasserflasche und das halb gefüllte Glas.
Plötzlich hatte sie eine Idee. Sie ging ins Bad, griff nach einem Plastikbecher, in dem eine eingeschweißte Zahnbürste stand, und füllte ihn zur Hälfte mit Wasser.
Dann ging sie zurück und hob den Becher drohend hoch. »Vielleicht brauchst du eine kleine Abkühlung?«, fragte sie und lachte hektisch. Hatte sie nicht irgendwann einen Film gesehen, in dem jemand einen klatschnassen Schwamm nach einer Patientin warf?
Wieder keine Reaktion. Jo kam sich total lächerlich vor.
»Das trauen Sie sich nicht«, sagte Johanna mit kratziger Stimme.
Sie hatte gesprochen!
»Wetten?«, fragte Jo angriffslustig.
»Dafür kann ich Sie anzeigen.«
»Ein bisschen Wasser fällt nicht unter Körperverletzung«, erwiderte Jo. »Aber dieses dünne Kittelchen wird ziemlich nass werden.«
Johanna warf ihr einen verächtlichen Blick zu und drückte demonstrativ auf den Knopf, um die Schwester zu rufen. Ihr Gesichtsausdruck hatte etwas Triumphierendes.
Jo dachte nach. Die Zeit lief ab. Vor Zeugen konnte sie den Plastikbecher nicht mehr werfen. Aber es war ein Leichtes, zu behaupten, dass ihr das Gefäß aus der nassen Hand gerutscht war, als sie der Patientin etwas zu trinken geben wollte.
Grinsend trat sie an das Bett, hob den Becher und goss den Inhalt aufs Dekolletee der schlechtgelaunten jungen Frau.
»Sie haben doch einen Knall!«, brüllte Johanna. In diesem Moment erschien die Krankenschwester.
»Oh, es tut mir leid!«, sagte Jo und verbarg ihr Grinsen vor der Pflegekraft. »Mir ist der Becher aus der Hand gerutscht.«
Die weiß gekleidete Frau lächelte und ging zum Schrank. »Nicht schlimm, so etwas passiert hier ständig.« Sie holte ein frisches Hemdchen heraus und trat zu der Patientin. »Warten Sie kurz draußen«, bat sie Jo, »ich erledige das.« Während sie Johanna aufrichtete, um das Bändchen im Nacken zu lösen, warf Jo der Studentin einen schadenfrohen Blick zu und verließ den Raum.
Draußen verfluchte sie sich selbst. Was bezweckte sie mit dieser Aktion? Das in sie gesetzte Vertrauen hatte sie bereits verspielt.
Die Krankenschwester lächelte, als sie aus dem Zimmer trat. »Was so ein kleiner Unfall bewirken kann«, sagte sie. »Sie hat zwar nur geschimpft, aber immerhin den Mund aufgemacht. Das ist ein Fortschritt.«
Jo grinste zurück und schwieg.
»Gehen Sie ruhig wieder rein«, schlug die Frau vor. »Aber nehmen Sie einen Regenschirm mit und stellen Sie sich auf ein Donnerwetter ein.«
»Das mache ich«, versprach Jo und betrat das Krankenzimmer zum zweiten Mal.
»Sie sind eine typische Anwältin!«, sagte Johanna verächtlich, als Jo sich einen Stuhl neben das Bett stellte, als sei nichts geschehen. »Meine Kommilitonen studieren nur deshalb Jura, um hinterher viel zu verdienen und andere am Rande der Legalität fertigzumachen.«
»Jura ist ein nützliches Werkzeug«, sagte Jo freundlich. »Mehr nicht. Man kann mit einem Hammer ein Möbelstück zerstören oder ein hübsches Bild aufhängen.« Sie deutete auf die in bunten Farben gestaltete Leinwand, die gegenüber von dem Bett an der Wand hing.
»Man kann damit auch sein Kind unter Druck setzen«, fuhr Johanna verbittert fort. »Wir freuen uns so darauf, wenn du später unsere Kanzlei übernimmst«, äffte sie ihre Eltern nach.
»Zwingen sie dich zum Studium?«, fragte Jo entsetzt.
Johanna seufzte. »Mich musste man nie zwingen. Ich war eine Musterschülerin. Ich dachte nie auch nur eine Sekunde lang darüber nach, etwas anderes zu wählen.«
»Und jetzt bist du anderer Meinung?«, fragte Jo.
Johanna zuckte mit den Schultern.
»Was möchtest du denn stattdessen gerne machen?«, fragte sie interessiert. »Vielleicht hast du ja schon eine Idee?«
Die junge Frau starrte aus dem Fenster. »Es würde sowieso nicht funktionieren.«
»Aber du musst doch wissen, was du gern tun willst, oder nicht?«
»Was würde es mir nützen?«, fragte Johanna barsch zurück.
»Man kann sich nur entscheiden, wenn man weiß, was man will«, sagte Jo mit fester Stimme.
»Ich weiß, was ich nicht will«, erklärte Johanna entschlossen. »Wenn ich noch eine Vorlesung über Strafrecht besuchen muss, werfe ich mich vor einen Zug.«
»Das kann niemand wollen«, sagte Jo. »Du hast so viele Möglichkeiten. Warum nutzt du nicht die Zeit, die du hier verbringen musst, um Pläne für deine Zukunft zu schmieden?«
»Ich habe meine Eltern noch nie enttäuscht.« Johanna stöhnte. »Bestimmt streichen sie mir die monatliche Unterstützung, wenn ich aufgebe und ihren Lebenstraum zerstöre. Mein Vater machte da neulich so eine Andeutung, als die Tochter eines Bekannten Jura gegen Tiermedizin eintauschte.«
»Du musst mit ihnen reden«, sagte Jo. »Es geht um dein Leben und um deinen Traum.«
»Siehst du meine Eltern hier irgendwo?«, fragte Johanna. »Wichtige Klienten in der Kanzlei erfordern ihre Anwesenheit, da kann doch die Tochter nicht so wichtig sein.«
»Du stammst nicht aus Trier?«
Johanna schüttelte den Kopf. »München. Ich wollte in einer fremden Stadt Abenteuer erleben – warum, weiß ich selbst nicht so genau.«
Jo unterdrückte ein Seufzen. »Warum gehen wir nicht Schritt für Schritt vor?«, fragte sie. »Zuerst wirst du wieder gesund, dann denkst du darüber nach, was du dir von der Zukunft wünschst, und anschließend redest du in aller Ruhe mit deinen Eltern.«
»Ich will gar nicht gesund werden.«
»Dein Körper ist da hoffentlich anderer Meinung.« Jo starrte auf das Hemdchen. »Möchtest du nicht wenigstens etwas halbwegs Vernünftiges anziehen?«, fragte sie. »Ich könnte dir ein paar Sachen aus deiner Wohnung holen.«
»Ist nichts gewaschen«, erwiderte Johanna mit düsterer Miene.
Jo grinste. »Ich habe da so ein Gerät, da kann man Kleidung reinlegen und holt sie später sauber heraus. Die neuste Erfindung, geradezu High-Tech.«
»Du willst für mich waschen? Hast du sonst nichts zu tun?«
Doch, das hatte sie. Zum Beispiel herausfinden, wer sie war. Trotzdem konnte diese junge Frau nicht länger im geblümten Kittelchen vor sich hinvegetieren. »Die Maschine einzuschalten, kostet mich keine fünf Minuten«, sagte sie mit fester Stimme. »Und einen Trockner habe ich auch.« Besaß sie einen Trockner? Jo wusste es nicht. »Komm schon. Jeder muss irgendwann mal Hilfe annehmen. Das ist vollkommen normal und nichts Schlimmes.« Gespannt beobachtete sie die Reaktion der Patientin. Würde sie über ihren eigenen Schatten springen?
»Der Schlüssel liegt im Schrank«, sagte Johanna und seufzte schwer – während Jo gleichzeitig aufatmete.
»Geht doch!« Sie strahlte die missmutige Studentin an. »Adresse?« Nachdem sie die Straße in ihr Handy eingegeben hatte, prüfte sie die Route. »Na das ist doch kein Problem«, freute sie sich, »ich fahre gleich vorbei. Schon morgen kannst du in ordentlichen Sachen herumlaufen.«
»Herumlaufen?«, fragte Johanna verächtlich. »Hat dir niemand das Röntgenbild von meinem Oberschenkel gezeigt?«
»Auch im Bett ist eine Jogginghose angenehmer zu tragen als ein Krankenhaushemd, das hinten offen steht.« Jo ging zum Schrank und suchte den Schlüsselbund. »Hab ihn!«, sagte sie. »Ich fahre dann mal los und hole dir ein paar Sachen. Morgen komme ich wieder.«
Johanna wandte sich ab und starrte wieder zum Fenster hinaus. »Lass dir von einer Schwester Handschuhe und einen Mundschutz mitgeben«, sagte sie müde zum Abschied.