Kapitel 5 - Engel und Apfelkuchen
By Mella Dumont
»Frau Vogel, warten Sie!«, rief eine alte Stimme ihr hinterher, als Jo durch den Flur hastete.
»Oh, Entschuldigung. Sie habe ich ganz vergessen, ich wollte gleich losfahren und die schmutzige Wäsche holen.«
Herr Engel lächelte. »Sie haben es tatsächlich geschafft! Sie können stolz auf sich sein.«
»Ach, ich habe ein bisschen getrickst.« Jo blickte verlegen auf den beigefarbenen Krankenhausboden.
»Kommen Sie, unten gibt es eine Kantine, wir trinken einen Kaffee und reden.«
Eigentlich wollte Jo lieber losfahren, die Wäsche in die Maschine stopfen, ihr eigenes Leben recherchieren und sich mental auf den Abend mit ihren unbekannten Freundinnen vorbereiten, aber die Augen des Werbe-Opas blickten so gütig drein, dass sie es nicht wagte, ihn schon wieder zu enttäuschen. Wie alt er wohl war? Irgendetwas an ihm wirkte zeitlos, als sei er schon immer ein alter Mann gewesen. Wie der Nikolaus. Oder Santa Claus aus einem kitschigen amerikanischen Weihnachtsmärchen.
Schluss jetzt, ermahnte sie sich selbst. Wenn sie weiter so einen Unsinn dachte, musste sie doch noch in die Notaufnahme, weil sie ihren Wahnsinn nicht mehr vor sich selbst rechtfertigen konnte.
Ungeduldig folgte sie dem langsam dahin schlurfenden Alten bis zum Aufzug. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis sie endlich in der Kantine angekommen waren und sich in der Schlange einreihten. Für ihren Erfolg würde Jo sich mit einem Stück Apfelkuchen belohnen, nahm sie sich vor. Sie liebte Apfelkuchen, besonders, wenn er saftig war und eine Prise Zimt enthielt.
»Welchen Kuchen möchten Sie?«, fragte der Mann.
»Apfelkuchen«, sagte Jo mit fester Stimme. In Krankenhäusern gab es fast immer welchen, auch wenn er manchmal ein wenig trocken war. Zumindest vermutete sie das.
»Apfelkuchen gibt es nirgendwo, leider«, sagte Herr Engel bedauernd. »Wie wäre es mit Aprikose?«
Enttäuscht äugte Jo in die Kühltheke und suchte nach einer Alternative. »Nein, dann lieber ein Stück von diesem Schokoladenkuchen.« Sie lächelte schwach.
»Man kann nicht alles haben«, erwiderte er bedauernd und zuckte mit den Schultern. »Erfahrungsgemäß wünschen sich die Menschen immer das, was sie nicht haben können.«
»Ach ja?« Jo tat ihm den Gefallen und lachte über seine Bemerkung. Ihr Nachbar war ein merkwürdiger Kauz. Sehr zu ihrem Ärger registrierte sie, dass sie sich den Apfelkuchen jetzt noch dringender wünschte als vor dem Gespräch. Das lag wohl daran, dass sie ihren Wunschkuchen direkt vor ihrem inneren Auge sah: so saftig, dass er fast schon ein wenig pampig wirkte, mit feinen gerösteten Mandelblättchen obendrauf und verführerisch nach Zimt duftend. Auch ein Bratapfel hätte sie jetzt zufrieden gestellt. Mit geschmolzener Butter und einer cremigen Vanillesauce. Aber nicht mal Äpfel gab es in der Theke, nur Bananen, Pfirsiche und Trauben.
Am Montag würde sie eine Tüte voll Obst für Johanna kaufen. Sie konnten auch gemeinsam im Krankenzimmer Kuchen essen.
Herr Engel hatte bereits die beiden Teller auf sein Tablett gestellt und nahm gerade den Kaffee in Empfang. »Ich lade Sie ein«, sagte er, bevor Jo ihr Portemonnaie aus der Handtasche ziehen konnte.
»Danke«, murmelte sie und folgte ihm zu einem leeren Tisch am Fenster.
Er stellte das Tablett ab und setzte sich geradezu provozierend langsam hin. Herr Engel tat alles bedächtig, obwohl er gar nicht zittrig oder gebrechlich wirkte. Er bewegte sich geschmeidig, aber eben in Zeitlupe.
Jo fragte sich, wie seine Motorik wohl aussah, wenn man ihn filmte und die Geschwindigkeit des Videos erhöhte. Vermutlich würde sein Verhalten dann ganz natürlich wirken, während alle anderen, wie zum Beispiel die beiden Ärzte am Nachbartisch, hektisch ihr Essen in sich hinein schaufelten.
»Ich hoffe, der Kuchen schmeckt Ihnen«, sagte Herr Engel, nahm ihren Teller vom Tablett und stellte ihn vor ihr ab.
»Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig«, zählte Jo insgeheim, bis der Rand des weißen Geschirrs die Tischplatte berührte. Dann folgte die Gabel, das dauerte weitere drei Sekunden, nein fünf, weil sie den Rückweg des Arms mitberechnen musste.
Es kostete sie Mühe, nicht diebisch zu grinsen. Herr Engel war unglaublich langsam – man konnte dabei entweder einen Wutanfall bekommen, oder wie ein Teenager darüber kichern.
»Sie sind gut gelaunt, das freut mich«, sagte der Mann.
Mist, erwischt, dachte Jo. »Ich habe den Schlüssel«, erklärte sie stattdessen, »gleich werde ich zu der Adresse fahren, die Kleidung einsammeln und sie in die Waschmaschine stopfen.«
»Sie haben es eilig?«
Jo nickte.
»Warum?«, fragte er interessiert. Seine graugrünen Augen wirkten viel jünger als seine faltige Haut.
»Recherche für meinen Job«, antwortete sie mit fester Stimme. »Und heute Abend treffe ich meine Freundinnen.«
»Frau Schwarz erwähnte, dass Sie Urlaub hätten.«
»Eine Anwältin hat niemals wirklich Urlaub. Es gibt immer etwas zu tun.« Wie kam sie darauf? Sie wusste nichts über ihren Job.
»Erzählen Sie mir etwas über sich«, bat er.
Da war sie – die fieseste Falle, die man ihr stellen konnte. Sie griff nach der Gabel und schob ein Stück Schokoladenkuchen in ihren Mund. Es schmeckte wie eine Mischung aus Zucker und Pappmaché. »Lecker, viel besser als Apfelkuchen«, log sie. »Sind Sie auch ehrenamtlich im Krankenhaus tätig, wie meine Freundin Larissa?«, fragte sie.
»So etwas in der Art«, antwortete er vage.
Verflixt und zugenäht! Er fiel auf ihren Fragetrick nicht herein. »Wie viele Patienten betreuen Sie?«
»Nur Johanna.« Er lächelte sie an. »Ich bin froh, dass Sie mehr Erfolg hatten als ich.«
Er log, davon war Jo überzeugt. Ihre Juristenspürnase witterte eine faustdicke Lüge. Dieser Mann hatte hier im Krankenhaus eine wichtigere Aufgabe. Warum sonst telefonierte er ständig mit Larissa?
Energisch stach sie die Gabel in den Kuchen und schaufelte ein großes Stück in ihren Mund. Aufessen, den Kaffee austrinken und dann ab durch die Mitte! Das war Jos Plan.
Herr Engel stand auf.
Nein, Irrtum: Herr Engel verlagerte sein Gewicht, stützte die Hände rechts und links von seinem Teller ab und würde sich in näherer Zukunft (Jo schätzte fünfzehn Sekunden) erheben.
»Lassen Sie sich Zeit«, bat er mit liebenswürdiger Langsamkeit. »Ich muss kurz austreten.«
Wer verwendete heutzutage noch dieses Wort, wenn er zur Toilette wollte? Austreten, da dachte Jo an einen jungen Hengst, der sich durch ein aggressives Kampfmanöver Respekt bei seinen Artgenossen verschaffte.
Missmutig starrte sie auf die Pappmaché-Schokotorte. Sie hatte drei Alternativen:
Nummer eins: Rasch aufessen, auf die Höflichkeit pfeifen und sich vom Acker machen.
Nummer zwei: Den Kuchen in einem Mülleimer verschwinden lassen und die Kalorien später in etwas Leckeres investieren. Immerhin gab es ein Brautkleid, das auf sie wartete, da musste man nicht alles in sich hineinstopfen.
Nummer drei: Geduldig warten. Bestimmt würde Herr Engel für sein Stück Torte noch mindestens eine Stunde brauchen, wenn er zurückkam. Bis dahin würden sich ihre Geschmacksknospen über die pappige Ablenkung freuen.
Sie schloss kurz die Augen und atmete tief aus.
»Ist hier noch frei? Mein Kollege aus der Chirurgie wurde zu einem Notfall gerufen und jetzt habe ich zwei Stück Pfirsichkuchen auf meinem Tablett.« Ein Arzt lächelte sie freundlich an.
Jo fand ihn spontan sympathisch. Den würde sie sofort gegen die keifende Nachbarin und deren vertrocknete Heide eintauschen. Oder gegen den langsamen Herrn Engel. Er war dunkelblond, seine Augen leuchteten trotz oder wegen der grauen Farbe und die Pupillen fixierten sie neugierig.
»Bitte sehr«, sagte sie freundlich.
Sein Blick fiel auf Herrn Engels Gedeck. »Oh, Sie sind nicht allein«, murmelte er und wollte sich schon zum Gehen wenden. »Entschuldigen Sie.«
»Hier ist jede Menge Platz«, sagte sie und deutete auf den Platz schräg gegenüber von ihr. Mein Bekannter ist nicht der Schnellste.«
Der Arzt lächelte. »Darf ich Ihnen ein Stück Kuchen anbieten?«
»Nur, wenn es Apfel ist«, entgegnete sie grinsend.
»Leider nein«, sagte er bedauernd. »Sie haben einen merkwürdigen Geschmack. Aber vielleicht kann ich Ihnen noch eine Tasse Kaffee holen? Mein Kollege hat seinen Kaffee noch schnell ausgetrunken, er weiß nie, wann er bei einem Notfall aus dem OP kommt.«
»Danke, ich bin versorgt. Beeilen Sie sich lieber mit dem Essen, sonst müssen Sie Ihren Kuchen auch stehen lassen.« Warum mochte er keine Äpfel? Oder hatte sie ihn falsch verstanden?
Er lachte. »Ich bin da sehr verwöhnt«, sagte er, setzte sich schräg gegenüber von ihr hin und zwinkerte ihr zu. »Radiologe.«
»Sie moderieren im Radio?«, wagte sie einen Scherz. »Welche Show?«
Er tat ihr den Gefallen und lachte schallend. »Sie sind sehr witzig, Frau …«
»Ich bin Jo«, sagte sie glücklich.
»Moritz«, erwiderte er. »Freut mich sehr.«
Jo konnte nicht anders, sie musste drauflos prusten. »Ich habe einen Max zu Hause«, wollte sie sagen, presste dann aber noch rechtzeitig ihre Lippen zusammen.
»Was haben Sie sich gerade verkniffen, Jo?«, fragte er belustigt.
»Wo Sie Max gelassen haben.« Sie seufzte. »Schon verliere ich mein Image als witzige Frau.«
»Zugegeben«, sagte er und strahlte sie an, »der Scherz ist für mich nicht neu. Aus deinem Mund finde ich ihn allerdings zauberhaft.«
Jo freute sich wie eine Schneekönigin darüber, dass er sie duzte. Also wenn sie die Wahl zwischen Max und Moritz hätte, würde sie sich für den Radiologen entscheiden, statt für den Mann, der ihr Haus verkaufen wollte. Dummerweise war ihre Hochzeit bereits in Planung. Die Uhr tickte.
»Warum guckst du plötzlich so ernst?«, fragte er. »Ist es, weil ich du gesagt habe? Da ich nur deinen Vornamen kenne, war ich einfach mal mutig.«
»Nicht wichtig, schon vergessen«, erwiderte sie verlegen.
»Amnesie«, antwortete er. »Dagegen kenne ich eine Therapie.«
»Ach so?« Jo wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Eine leichte Panik machte sich in ihr breit.
»Meine Mutter wollte morgen Abend mit mir essen gehen und hat mich versetzt, weil sie lieber mit ihren Freundinnen ins Konzert gehen will. Würdest du ihren Platz einnehmen? Ich möchte den Tisch nicht absagen.«
»Gern«, hörte Jo sich sagen und riss vor Überraschung über ihr eigenes Verhalten die Augen auf.
»Ich mag spontane Frauen«, sagte er und lächelte. »Du wirst es nicht bereuen. Falls du dich nicht in meine umwerfende Persönlichkeit und meinen gottgleichen Radiologenkörper verliebst, wirst du trotzdem einen angenehmen Abend verbringen. Ich verspreche es.«
Jo fühlte, wie ihre Hand in der Tasche nach dem Handy tastete. Max oder Moritz – jetzt gerade fiel ihre Wahl eindeutig auf Moritz. Dafür würde sie den Rasen gerne immer selbst mähen.
»Worüber denkst du nach?«, wollte er wissen.
»Mähst du Rasen?«, fragte sie wahrheitsgemäß.
Er schniefte. »Auf frisch geschnittenes Gras reagiere ich leider allergisch«, sagte er bedauernd. »Aber ich könnte den Rasen abtragen lassen und anschließend Kunstrasen selbst verlegen. Alternativ bin ich auch gut im Legen von Laminat.«
Jo prustete drauf los. Zum ersten Mal freute sie sich über die Langsamkeit von Herrn Engel. Vielleicht hatte er Probleme mit der Prostata, das sollte ja ab einem gewissen Alter vorkommen.
»Bist du gegen Katzen allergisch?«, bohrte sie weiter.
Er schüttelte den Kopf. »Keine Probleme mit Tierhaaren oder Federn.«
»Sehr schön«, erwiderte Jo, »dann kann ich dir beruhigt meine Handynummer geben.« Sie zog das Telefon aus der Tasche und schaute in ihre Kontaktdaten.
»Kennst du deine eigene Nummer nicht?«, wunderte er sich.
»Und du?«
»Klar«, sagte er. »Öffne einen neuen Kontakt und ich diktiere sie dir.«
»Super.« Jo tippte Ziffer für Ziffer ein. »Jetzt fehlt noch der Nachname.« Sie blickte auf. »Oh, Doktor Moritz Neumann, das steht ja auf dem Schild.«
»Und deiner?«
»Moment, ich rufe dich an.« Jo drückte auf den Knopf und kurz darauf klingelte es in seiner Brusttasche.
»Dein Nachname. Und dein Vorname. Jo ist ja sicher nur eine Abkürzung.« Er hielt inne. »Warte, ich rate!«
»Es ist nicht Jojo«, sagte sie kichernd.
»Dabei würde der Name zu dir passen, denn du lässt mein Herz an einem dünnen Faden hüpfen.«
Jo ertappte sich dabei, dass sie verlegen lächelte. »Johanna Vogel.«
»Gegen Vögel bin ich erwiesenermaßen kein bisschen allergisch.«
»Ich habe zwei Kater.«
»Oh, eine Cat-Lady!«, sagte er bewundernd. »Ich würde dich auch gerne anschmachten und um deine Beine streichen.«
»Kein Problem, ich habe genug Futter da«, erwiderte sie trocken, um kurz darauf wie ein Teenager loszukichern.
Moritz verspeiste seinen Kuchen schnell – viel zu schnell, wenn es nach Jo ging, die seine Anwesenheit sehr genoss. Auch den Kaffee stürzte er hinunter. Mit einem Ausdruck des Bedauerns blickte er kurz darauf auf seine Armbanduhr. »Ich will dich nur ungern alleine lassen, aber ich muss wieder los, ich habe eine Verabredung mit meinem Computer.«
»Ruf mich morgen an«, schlug Jo gut gelaunt vor.
»Das mache ich auf jeden Fall.« Moritz trat um den Tisch herum und strich vorsichtig über ihre rechte Schulter. »Morgen Abend werde ich dich ein wenig durchleuchten, schöne Frau.«
»Ich fürchte, auf deinen Röntgenbildern gibt es mehr zu sehen«, antwortete sie wahrheitsgemäß. Was sollte sie ihm nur erzählen? Vor ihrem spontanen Date musste sie unbedingt mehr über sich herausfinden, damit sie wenigstens ein paar Brotkrumen streuen konnte.
Ein schlechtes Gewissen machte sich in ihr breit. Würde die alte Jo, die den Heiratsantrag von Max akzeptiert hatte, sauer auf sie sein, dass sie kurz vor ihrer Hochzeit mit einem charmanten Arzt ausging?
»Nun, ein bisschen was habe ich ja schon herausgefunden«, sagte Moritz und blickte auf ihr Stück Kuchen, das sie in seiner Anwesenheit nicht angerührt hatte. »Du hast Katzen, besitzt einen Rasen und magst mich lieber als die Schokoladentorte im Krankenhaus.« Er blieb einen Moment lang stehen, als wollte er sich wieder zu ihr setzen. »Bis morgen, Jo, ich freue mich auf dich!«
»Bis dann, Moritz«, erwiderte sie und lächelte ihn zum Abschied an.
Versonnen blickte sie ihm hinterher, bis der letzte Zipfel seines weißen Kittels verschwunden war.