Kapitel 9 - Engel und Apfelkuchen
By Mella Dumont
Ihr Handy klingelte. Es war der Radiologe! »Ja?«, meldete Jo sich und zog vor Aufregung eine Grimasse.
»Hi, hier ist Moritz. Ich war gerade im Fitnessstudio und bin unterwegs nach Hause, um zu duschen und mich für den Abend unter Freunden angemessen in Schale zu werfen.«
Sie lachte verlegen. »Ich freue mich drauf. Hast du die Nachricht mit meiner Adresse bekommen?«
»Ich habe sie sogar schon abgespeichert«, versicherte er.
»Und wo fahren wir hin?«
»Wir gehen ganz fein aus. Gehobene Küche, mehr wird nicht verraten.«
Mit dem Telefon am Ohr ging Jo zu ihrem Kleiderschrank. »Ich weiß nicht mal, was ich zum Anziehen habe«, sagte sie nachdenklich und grub mit der freien linken Hand in ihren Schätzen.
»Sei einfach genauso bezaubernd wie bei unserem ersten Treffen, das reicht völlig aus«, scherzte er. »Ist es okay, wenn ich in einer Stunde bei dir klingele? Wir haben dreißig Minuten Fahrt vor uns.«
»Dann muss ich sofort auflegen!«, rief Jo. Bis sie das perfekte Outfit zusammengestellt hatte, das konnte dauern.
»Keine Hektik«, bat Moritz lachend. »Ich freue mich auf dich!«
»Bis nachher!« Sofort nach dem Auflegen verwandelte Jo sich in eine Frau, die endgültig irre geworden war. Jedenfalls empfand sie so, während sie ein Kleid nach dem anderen aus dem Schrank zupfte und nach Wäsche, Strumpfhosen und Schuhen suchte. Danach lief sie ins Bad, duschte, föhnte ihre Haare und tappte barfuß zurück ins Schlafzimmer.
Für Max hatte sie sich weniger Mühe gegeben.
In ihrem Inneren kämpften die Gefühle miteinander. Da war Scham, weil Moritz sie gestern Nacht bei ihrem Junggesellinnenabschied erwischt hatte, da war Sorge, was Max wohl über ihr Date denken würde, und da war – ganz wichtig – eine unbändige Freude.
Sobald sie sich angezogen hatte und geschminkt war, verwandelte sie sich in eine disziplinierte Rechtsanwältin und beseitigte ihr Chaos mit fliegenden Händen. Dann ging sie nach unten und stellte ihren abwesenden Katzen reichlich Futter bereit. »Damit ihr mich nicht vermisst«, flüsterte sie und stöckelte zur Spüle, um die leere Dose in den Mülleimer zu werfen.
Pünktlich wie vereinbart fuhr ein anthrazitfarbener Wagen vor. »Ich brauche noch eine Jacke!«, murmelte Jo verzweifelt. Zum Glück fand sie an der Garderobe genau das Richtige, eine taillierte Übergangsjacke aus einem leichten, cremefarbenen Stoff. Sie zog sie an und öffnete die Haustür.
»Hi«, sagte sie nervös, als er ausstieg und auf sie zu trat. Im dunkelgrauen Anzug sah er vollkommen anders aus als im weißen Arztkittel.
»Ts!«, sagte eine Stimme.
Jo blickte sich um. Die schlecht gelaunte Nachbarin stand in ihrem Garten, zupfte trockene Blättchen von einem Strauch und bedachte Jo mit strengem Blick. Hoffentlich würde sie Max nichts von dem Date erzählen!
Moritz drückte ihr zwei Küsschen auf beide Wangen und hielt sie einen kurzen Moment länger im Arm, als es bei einer Begrüßung unter Freunden üblich war. »Du siehst wunderschön aus«, flüsterte er in ihr Ohr.
»Danke«, hauchte sie zurück. Sie hatte sich für ein Kleid aus einem olivgrünen, leichten Sommerstoff entschieden, das ausgesprochen gut zu ihrem Teint passte.
Er ließ es sich nicht nehmen, ihr die Beifahrertür zu öffnen. Nervös stieg Jo ein und schnallte sich an. »Wirst du mir jetzt verraten, wohin wir essen gehen?«, fragte sie und lachte hektisch, als die Nachbarin die Hände in die Hüften stemmte und ihr Gesicht verzog.
»Ins Restaurant Linnemar. Ein Drei-Sterne-Lokal etwas außerhalb von hier. Warst du schon mal dort?«
Jo schüttelte den Kopf. »Nicht, dass ich wüsste.« Das war die reine Wahrheit.
»Erzähl mir etwas über dich«, bat er.
»Wo ich wohne, weißt du ja schon«, begann sie. »Ich habe zwei Kater und arbeite als Anwältin in einer Kanzlei. Zum Glück habe ich gerade eine Woche Urlaub.«
»Wegen der Hochzeit.« Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.
»Ich denke, ja«, murmelte sie verlegen.
»Hobbys?«, bohrte er weiter.
Jo schwitzte. »Meine Miezen, Unkraut jäten, den Rasen mähen …«, begann sie unschlüssig. »Und du?«
»Eine Anwältin, soso.« Er grinste, während er von Trier-Feyen den Berg hinunterfuhr und auf das Pacelliufer abbog. Die tiefstehende Sonne tauchte das Moseltal in ein verführerisches Licht. »Fragen mit Gegenfragen beantworten kannst du gut.«
»Über mich gibt es nicht viel zu erzählen«, sagte sie unschlüssig.
»Arbeitest du schon lange als Patientenbetreuerin?«
»Nein, es war das erste Mal. Eine Freundin hat mich dazu überredet.«
»Dieselbe, die dir gestern den Junggesellinnenabschied aufs Auge gedrückt hat?«
Jo nickte. »Du hast es erfasst.«
»Wie ist der restliche Abend verlaufen?«, wollte Moritz wissen.
Das Thema war Jo unangenehm, aber wenigstens erinnerte sie sich daran. Deshalb berichtete sie ausführlich von ihrem Gespräch mit Larissa und von der Tapas-Bar. Nur die Sache mit der Abstimmung über Max ließ sie weg. Es war nicht fair, Moritz Hoffnung zu machen.
»Na dann ist es ja doch noch gut ausgegangen.«
»Ich denke schon«, sagte sie zerknirscht. »Danke für deine Hilfe. Ich hatte sämtlichen Mut verloren.«
»Auf mich wirkst du gar nicht wie ein Mensch, dem der Mut abhandenkommen könnte.«
»Das täuscht.« Sie starrte auf ihre Hände, die feucht geworden waren.
»Die Schwestern auf Johannas Station sind übrigens begeistert von dir. Die Patientin ist viel umgänglicher geworden. Wie hast du das gemacht?«
»Ich bin ins Bad gegangen und habe einen Becher Wasser geholt und ihn auf ihr Hemdchen gekippt«, erwiderte sie.
»War es Absicht?« Er warf ihr einen überraschten Blick zu, konzentrierte sich aber sofort wieder auf den Verkehr.
Jo nickte. »Manchmal heiligt der Zweck die Mittel. Der Krankenschwester habe ich erzählt, dass es ein Versehen war. Das hat Johanna so wütend gemacht, dass sie ihr Schweigen brach, um zu schimpfen.«
»Du hast ein gutes Gespür für Menschen.«
»Ich weiß nicht«, antwortete sie nachdenklich. »Es hätte genauso gut in die Hose gehen können.«
»Ist es aber nicht.«
»Nein.« Jo starrte auf ihre Hände und schwieg. Ein schlechtes Gewissen machte sich in ihr breit. Was, wenn sie nächste Woche ihr Gedächtnis wiedererlangte und herausfand, dass sie Max von Herzen liebte? Es war nicht richtig, was sie hier tat. Und doch fühlte es sich gut an. »Erzähl mir von deinem Job«, bat sie. »Was macht ein Radiologe den lieben langen Tag?«
»Meistens sitze ich vor dem Computer, werte MRT- und CT-Scans aus und schreibe Berichte. Bandscheibenvorfälle, Arthrose, Krebs, … alles Mögliche. Da ein Kollege krank ist, habe ich heute ein bisschen nachgearbeitet.« Er räusperte sich.
»Auch Schlaganfälle?«, fragte sie neugierig.
»Das auch.« Er warf ihr einen kurzen Blick zu. »Wie kommst du darauf?«
»Ich habe neulich einen Film gesehen, wo die Hauptfigur sich an nichts mehr erinnern konnte. Das hat mich nachdenklich gemacht. Ist so etwas überhaupt realistisch?«
»Amnesie kann viele Ursachen haben«, sagte er und nickte wissend. »Ein Unfall mit Schädel-Hirn-Verletzung, Epilepsie, eine Hirnhautentzündung, auch ein Schlaganfall.«
»Und wenn die Person ansonsten gesund ist, wie in diesem Film?«
»Traumatische Erfahrungen können ebenfalls zu einer Amnesie führen. Dafür muss man die organischen Ursachen vorher diagnostisch ausschließen. Wenn nichts übrigbleibt, war es vermutlich die Psyche.«
»Ah.« Jo starrte wieder auf ihre Hände und dachte nach. Ob sie irgendetwas Schlimmes erlebt hatte? In ihren Akten und Ordnern fand sich kein Hinweis darauf. »Kennst du solche Fälle?«, fragte sie leise.
»Es kommt immer mal wieder vor«, erklärte er. »Es ist jedoch sehr selten, dass eine Person sich an gar nichts erinnern kann. Jonathan Overfeld ist ein bekanntes Beispiel. Er saß plötzlich in einem Park und wusste nicht mehr, wer er war. In einem Café bestellte er sich Kaffee und Kuchen. Als er Rauch erschnupperte, ließ er sich eine Schachtel Zigaretten bringen und steckte sich eine an. Anschließend ging er zum Bahnhof. Dort wurde er von einem Mitarbeiter der Bahnhofsmission angesprochen, weil er so verloren wirkte. Dieser rief schließlich den Krankenwagen. Organisch war Jonathan Overfeld gesund. Die Öffentlichkeit erfuhr von seinem Schicksal, als er über Pressemitteilungen versuchte, seine Identität herauszufinden.«
»Hat er sein Gedächtnis wiedererlangt?«, fragte Jo, die mit angehaltenem Atem gelauscht hatte.
Moritz nickte. »Leider keine angenehmen Erinnerungen, die Details habe ich mir nicht gemerkt. Eine vollständige Amnesie ist ziemlich selten. Viel häufiger habe ich mit Demenz oder Alzheimer zu tun, da verschlechtert sich die Gedächtnisleistung schleichend.«
»Kein schönes Thema«, murmelte sie abwesend.
»Wer ist es?«, fragte er sanft. »Vielleicht kann ich helfen.«
»Nein, es ging nur um den Film«, sagte sie rasch. »Auf mich wirkte das so unrealistisch.« Sie lächelte ihn verlegen an. »Warum hast du dich für die Radiologie entschieden? Du hättest ja auch Chirurg oder Augenarzt werden können.« Jo wechselte schnell das Thema, da ihr der Schweiß aus sämtlichen Poren brach.
»Chirurgie liegt mir nicht«, gestand er ihr. »Mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen werden und voll konzentriert stundenlang arbeiten ist ziemlich herausfordernd. Deshalb habe ich mir ein Fachgebiet ausgesucht, das besser zu mir passt. Ich mag Computer, fuchse mich gerne in neue Software ein und analysiere gerne. Berichte schreiben mag ich weniger, aber das gehört natürlich auch dazu.«
»Hast du viel Patientenkontakt?«
»Weniger als andere Ärzte. Die Berichte gehen an die Kollegen, die die Untersuchungen anfordern.«
»Ah so.«
»Deine Stimmung ist abgekühlt, seit wir angefangen haben, über meinen Job zu reden«, sagte er. »Ich hoffe, du hast nichts gegen Ärzte?«
»Warum sollte ich?«, fragte sie und lachte. »Ärzte sind beliebter als Anwälte. Hast du irgendwelche interessanten Hobbys?« Einem Mediziner wollte sie nicht beichten, dass sie kein Blut sehen konnte.
Sehr zu Jos Erleichterung ließ Moritz sich auf den erneuten Themenwechsel ein. »Der klassische Skiurlaub im Winter, dafür nehme ich mir jedes Jahr Zeit. Früher habe ich auch gerne im Sommer gesurft. Ansonsten gehe ich joggen, um mich fit zu halten, und lasse mich hin und wieder von den Kollegen aus der Orthopädie überzeugen, ein wenig Krafttraining zu machen. Machst du Sport?«
»Laufen. Mit Neele und Dana, aber auch alleine.«
»Oh, wie schön! Sonst noch etwas?«
»Nur Fitnessstudio«, sagte sie, weil ihr das am unverfänglichsten erschien.
»Wo bist du angemeldet? Vielleicht können wir mal zusammen trainieren.«
Jo wurde es dezent übel. Was sollte sie jetzt antworten? »Da vorne«, sagte sie und deutete auf das Schild einer Fitnesskette, an der sie gerade vorbeifuhren. Falls er sich wirklich mit ihr zum Kraftsport verabreden wollte, würde sie einfach einen Vertrag abschließen.
»Ich bin leider woanders«, sagte er bedauernd. Sobald er auf die Autobahn aufgefahren war, drückte er das Gaspedal durch. »Das Restaurant wird dir gefallen, es ist ein liebevoll geführter Familienbetrieb. Das Essen ist fantastisch.«
»Ich bin sehr gespannt.«
Eine Weile schwiegen sie. Jo suchte fieberhaft nach unverfänglichen Themen, doch da sie dummerweise vergessen hatte, die Nachrichten zu lesen, fiel ihr nichts ein. Sie wusste nicht mal, ob sie Ski fahren konnte oder ob sie schon mal in Urlaub geflogen war. Zwar erinnerte sie sich vage an das Geräusch des Meeres und den Geschmack salziger Luft, doch sie hatte keine Ahnung, wo und wann das gewesen sein könnte.
Halt! Sie war an Ostern mit Max und seinem Sohn auf Malta gewesen, hatte Max ihr erzählt. Aber das war kein Thema, das sie in Moritz’ Gegenwart anschneiden wollte. Daher war sie erleichtert, als sie ihr Ziel endlich erreichten. Hier würde sie mit Moritz über das Essen sprechen, das vor ihr auf dem Teller lag, das war unverfänglich.
Gespannt schritt sie an seinem Arm in das Restaurant.
»Neumann, ich habe einen Tisch für zwei Personen reserviert«, sagte er.
Der Mitarbeiter schaute in sein aufgeschlagenes Buch und lächelte. »Folgen Sie mir bitte.« An der Garderobe half er Jo aus ihrer Jacke und führte sie dann zu ihrem Tisch.
»Sehr schön hier«, sagte Jo unverbindlich und blickte sich um.
»Da hinten steht die Besitzerin«, sagte er.
»Ah.« Jo blickte die Dame des Hauses an, die sich ihnen mit einem Lächeln näherte.
»Frau Vogel, wie schön, Sie wiederzusehen! Wie geht es Ihnen?«
Jo schluckte. »Danke, gut«, sagte sie und starrte verlegen auf die weiße Tischdecke, während Moritz mit der Frau ein paar Höflichkeiten austauschte.
»Du warst schon mal hier?«, fragte er erstaunt, als sie wieder alleine waren.
»Kundenessen«, sagte sie. »Das mache ich so oft, da verliere ich manchmal den Überblick.«
Sein Gesichtsausdruck wirkte verletzt.
»Es tut mir leid, ich bin manchmal vergesslich«, sagte sie schnell. Würde er ihr diese Lüge abkaufen, nachdem er sie gestern als Braut enttarnt hatte? »Ich wusste nicht mehr, wie das Lokal hieß. Und als ich es wiedererkannte, war es mir so peinlich, dass ich mich nicht getraut habe, es dir zu beichten.«
»Interessierst du dich deshalb für Amnesie?«, fragte er und runzelte seine Stirn.
Jo seufzte. »Kennst du das, wenn ehemalige Mitschüler dich auf eine lustige Party in der neunten Klasse ansprechen und du nicht mehr weißt, dass du je da gewesen bist?«, fragte sie verzweifelt.
Er nickte wissend. »In solchen Situationen ist meistens Alkohol im Spiel.«
»Möglicherweise habe ich hier auch zu tief ins Glas geschaut«, log sie. »Manchmal sind Kundenabende trotz des hervorragenden Essens einfach nur anstrengend.«
»Das kann ich gut verstehen.«
Die Notaufnahme rückte immer näher. Und mit ihr spitze Nadeln und beengende Untersuchungsgeräte. Weitere Patzer durfte Jo sich auf gar keinen Fall erlauben. Als sie bemerkte, dass sein Blick immer noch auf ihr ruhte, wurden ihre Wangen ganz heiß.
»Seit wann hast du Probleme mit Vergesslichkeit?«, wollte er wissen.
Jo jubelte innerlich, als just in diesem Moment der Kellner erschien und die Speisekarten brachte. Sie blätterte darin, stellte Moritz Fragen zu diesem und jenem Gericht (auch denen mit Fleisch) und ließ sich viel Zeit bei ihrer Wahl. Irgendwann musste sie sich entscheiden (sie nahm dasselbe Menü wie Moritz) und die Karte zu ihrem Verdruss wieder abgeben.
»Reden wir darüber, warum du mir nicht erzählt hast, dass du heiratest.«
Der plötzliche Überfall ließ Jos Herz heftig klopfen. »Wir sollten eher hinterfragen, weshalb ich deine Einladung angenommen habe«, erwiderte sie. »Die Antwort ist, dass ich es nicht weiß. Ich fand dich sympathisch und wollte dich kennenlernen.« Sie zuckte mit den Schultern. »Und wie du sagtest, es ist einfach ein Abendessen. Wir haben uns ja nicht zu einem Spontantrip nach Las Vegas verabredet, um dort zu heiraten.«
»Nette Idee, wenn ich es bedenke.« Moritz grinste.
»Du Spaßvogel!«
»Manchmal muss man über verrückte Dinge lachen. Findest du nicht? Das macht es leichter.« Er räusperte sich. »Ich war gestern schon ein bisschen traurig, dass du vergeben bist.«
»Beinahe vergeben«, korrigierte sie ihn.
»Wir streiten jetzt nicht über die Unterschrift auf dem Trauschein, oder? Würdest du mich am Tag vor der Hochzeit abservieren? Und was ist mit deinem Partner?«
»Dazu liegen mir keine Daten vor«, sagte sie hilflos. »Es ist mein erster Versuch, unter die Haube zu gelangen.«
Endlich kam der Kellner mit dem Wein. Jo griff nach dem Glas, als sei es eine Rettungsleine, und hielt sich daran fest.
Verzweiflung machte sich in ihr breit. Hier an diesem Ort hätte sie mit Max sitzen müssen, aber er hatte ein Grillrestaurant für ihr letztes gemeinsames Essen als Verlobte ausgewählt. Wenn das Universum sie vor die Wahl stellen würde, Max oder Moritz zu heiraten, würde sie sich nach aktuellem Wissensstand auf jeden Fall für Moritz entscheiden.
Er erhob sein Glas. »Zum Wohl«, sagte er.
»Auf den Wahnsinn des Lebens«, fügte Jo hinzu. Sie kostete einen Schluck. »Mmh, der ist sehr lecker«, sagte sie. »Gestern gab es für mich nur billigen Likör. Ich mag dieses süße Zeug nicht. Es schmeckt so künstlich.«
»Das kann ich gut verstehen«, erwiderte er. »Ich vertrage nicht viel, aber einen guten Wein oder ein Bier mit Freunden trinke ich gerne.«
»Das Wetter ist ja echt super gerade«, sagte sie, als ihr nichts mehr einfiel.
»Wir haben eine wochenlange Hitzewelle hinter uns«, entgegnete Moritz und beobachtete sie aufmerksam. »Vielleicht sollte ich dich doch mal in meinen Gerätepark schieben.«
»Nein, lass mal«, sagte sie rasch. »Das ist mir zu laut und zu eng.«
»Platzangst?«
»Ah, die Vorspeise rettet mich!« Jo strahlte den Kellner an.
»Also hast du Platzangst«, stellte Moritz fest, als sie wieder alleine waren.
»Unter anderem.«
»Angst vor Ärzten?«
»Nicht, solange kein Blut fließt.« Sie blickte auf ihren Teller. »Du weißt schon, dass man auch ein Spitzengericht mit den falschen Bildern im Kopf verderben kann?«
»Entschuldige. Ich mache mir Sorgen um dich. Du scheinst unter großem Druck zu stehen.« Er lächelte sie an. »Und trotzdem schaffst du es, eine Patientin zu motivieren, an die niemand herankommt. Das ist etwas ganz Besonderes.«
»Selbst, wenn man ganz unten steht, kann man sich bücken und für jemand anderen die Treppe spielen«, erwiderte sie und zwinkerte ihm zu.
»Wir sollten uns jetzt auf das Essen konzentrieren, sonst wirst du mir noch depressiv«, sagte er in versöhnlichem Tonfall.
Jo wusste genau, was zwischen ihnen stand: Ihre Angst, ihm die Wahrheit über ihren Zustand zu sagen. Aber die Vorstellung, wie er das Besteck hinlegte, bezahlte und sofort mit ihr ins Krankenhaus raste, ließ sie panisch werden. Es war ein Fehler gewesen, mit ihm auszugehen.
Der restliche Abend wurde nicht besser. Moritz und Jo, beide ehrlich bemüht, gemeinsam eine schöne Zeit zu verleben, holperten und stolperten durch das Gourmet-Menü. Jo war erleichtert und gleichzeitig traurig, als sie wieder zurückfuhren. Sie redeten nur noch wenig, da jeder ihrer Gesprächsversuche irgendwie in der Sackgasse geendet war.
Als er vor ihrem Haus anhielt, schnallte sie sich ab, blieb aber sitzen. Sie rang nach Worten. »Du bist ein wunderbarer Mann«, sagte sie schließlich. Tränen stiegen in ihre Augen. Sie öffnete die Tür. »Es tut mir leid, dass ich es versaut habe.« Sie drehte sich nicht mehr um, als sie zum Haus ging und sich in den Flur rettete.
Dort stand sie lange und heulte. Schließlich holte sie sich eine Packung Papiertaschentücher aus ihrem Vorratsraum und setzte sich auf die Couch. Puschel erschien, betrachtete sie nachdenklich und sprang auf ihren Schoß. Jo schniefte und kraulte das weiche Fell des Katers. Sie tastete nach Kletten und zupfte sie vorsichtig weg.
Jo würde Max am Montag heiraten – vielleicht. Aber so viel lieber wäre es ihr, wenn Moritz vor dem Altar auf sie warten würde. Leider war das nicht die Realität, in die sie hineingeplumpst war. Falls sie Moritz für sich gewinnen wollte, musste sie ihm reinen Wein einschenken. Doch genau davor hatte Jo große Angst. Sie wollte sich nicht ihrer Krankheit stellen, sie wollte nicht, dass Moritz in ihr eine verrückte Patientin sah.
Würde die alte Jo ihr verzeihen, wenn sie die Hochzeit absagte und sich Moritz anvertraute?
Nein, das konnte sie nicht tun. Sie musste alles dafür tun, um ihr Leben so weiterzuführen, wie ihr altes Ich es geplant hatte.