Kapitel 10 - The Enchanted Greenhouse - Ein Schimmer der Hoffnung
By Sarah Beth Durst
Schließlich mahnte Yarrow eine Pause an.
»Du hast noch nichts gegessen. Und du brauchst Schlaf.«
Lotti kam aus einem Papiergebirge hervorgehoppelt. »Ich nicht!«, verkündete sie. »Ich hab fürs ganze Leben genug gepennt. Ach was, für sechs Leben! Mir reicht ein Schluck Wasser.«
Yarrow füllte an der Spüle ein Schälchen und stellte es in sicherem Abstand zu den Papieren auf den Tisch. »Du magst ja so frisch sein wie der junge Morgen, aber Terlu und ich müssen langsam ins Bett.«
»Ha! Der junge Morgen träumt davon, so frisch zu sein wie ich! Ich trink bloß schnell was, dann bin ich so gut wie neu.« Lotti hievte sich am Rand des Schälchens hoch, glitt ins Wasser und seufzte.
Er hat schon recht, dachte Terlu. Ihre Augen brannten, und der Nacken tat ihr weh, weil sie schon zu lange über den Texten kauerte. Sie hatte das Gefühl, ganz nah dran zu sein, aber das war trügerisch. Immer wenn sie gerade glaubte, das Muster erkannt zu haben, entglitt es ihr wieder.
»Ähm, hallo? Würde mir mal jemand helfen?« Lotti fuchtelte mit den Blättern.
Yarrow fischte sie aus dem Schälchen und setzte sie auf ein Handtuch. Dann warf er einen Blick aus dem Fenster. In der Scheibe spiegelten sich die Laternen wie orangegelbe Sterne. »Es muss schon nach Mitternacht sein. Lass uns zurück zum Cottage gehen. Ich mach uns die Suppe heiß, und dann legen wir uns hin. Was meinst du?«
Suppe! Das klang hervorragend. Ihr Magen übernahm das Antworten: Er knurrte nicht, er bellte. Beruhigend tätschelte sie ihn. Ich tue kein Auge zu, ehe du deine Suppe hattest. Versprochen! »Im Studium hab ich immer die Nacht durch gelernt. Aber dann bin ich eines Tages so müde zu einer Prüfung gegangen, dass ich, ohne es zu merken, jede Antwort in einer anderen Sprache hingeschrieben habe – und keine war die, die abgefragt wurde!«
Lotti schauderte. »Ich sehe es ein: Menschen müssen schlafen. Keine Zauberei ohne Schlaf! Vor allem nicht mit meinen Freunden als Versuchskaninchen.«
Terlu rutschte von ihrem Hocker und streckte sich. Sie war zwar noch lange nicht so weit, einen Zauber zu wirken, aber die kleine Rose hatte trotzdem recht. Wenn Terlu nicht klar denken konnte, war sie niemandem eine Hilfe.
Lotti scheuchte sie mit weitausholenden Blätterbewegungen zur Tür. »Ich wässere mich und sortiere, bis ihr zurück seid.«
»Du kannst aber auch mitkommen!« Terlu wollte Lotti nicht noch einmal zurücklassen. Yarrow brummte zustimmend, was geradezu einer enthusiastischen Einladung gleichkam.
»Ach, ich bin hier zu Hause. Zumindest war ich das früher. So viele meiner Erinnerungen an Laiken knüpfen sich an diesen Turm. Ich bin noch nicht so weit, dass ich … Ich will einfach dort sein, wo er einst gelebt hat.« Dann fügte sie hinzu: »Aber danke.«
Terlu und Yarrow zogen ihre Mäntel an und wickelten sich in ihre Schals. An der Tür schaute Terlu noch einmal zurück. Lotti hüpfte im Schein der Laternen zwischen den Papierstapeln herum. Ihr passiert nichts! Wie sie ganz richtig gesagt hatte, war sie hier zu Hause. Sie braucht Zeit für sich, um zu trauern.
Draußen war es eisig. Die klirrende Kälte biss Terlu in die Kehle und drang ihr ins Mark. Der blauschwarze Himmel war von Sternen übersät, und über den Silhouetten der Kiefern leuchtete der silbrige Mond. Es war eine atemberaubend schöne Nacht. Es musste schon sehr spät sein. Sie hatte die Zeit aus den Augen verloren.
Der Schnee knirschte unter ihren Stiefeln. Seite an Seite wanderten sie die Straße hinunter. Er hatte seine Kapuze übergezogen, und sein Gesicht war kaum auszumachen. Gern hätte Terlu gewusst, was ihn beschäftigte. Sorgte er sich, weil sie ein solches Wagnis eingingen? Dachte er an seine Familie oder vielleicht an den verstorbenen Zauberer? Sann er über die wunderbare Existenz denkender, sprechender Pflanzen nach? Über das Mysterium der Magie? Des Nachthimmels? Oder gar über den schicksalhaften Zufall, der drei Fremde zusammengeführt hatte, um sich gemeinsam einer magischen Herausforderung zu stellen?
»Die Knoblauchernte war dieses Jahr wirklich gut«, brummte er plötzlich. »Magst du Knoblauch?«
»Ähm … Oh ja.« Tatsächlich hatte sie eine Schwäche für Knoblauch. »Besonders gerösteten.«
»Ich tue noch welchen an die Suppe.«
Mehr sagte er nicht. Der Wald ringsum war still. »Ich habe noch nie gesehen, wie Knoblauch wächst«, wagte sie sich vor. »Ich kenne bloß die geschälten Zehen.«
»Es ist eine Art Zwiebel«, erklärte er. »Der Schaft kann so groß werden.« Er zeigte mit der Hand eine beträchtliche Höhe an. »Blütenstandschaft nennt man den stängelartigen Teil. Der ist essbar, aber man kann ihn auch zurückschneiden, so dass die Pflanze all ihre Energie auf die Zwiebeln verwendet. Die werden dann größer.«
So ist das also bei ihm! Immer wenn er über Pflanzen sprach, wurde er lebhaft. Er liebte sie – so sehr, dass er sogar Fremde in der fernen kaiserlichen Hauptstadt um Hilfe ersucht hatte, obwohl er mit anderen Menschen offensichtlich nicht viel anfangen konnte.
»Knoblauch muss man tief in trockene, lockere Erde pflanzen«, fuhr er fort. »Sonne tut ihm gut, deshalb steht er in einem Sonnenhaus.«
Sie erinnerte sich an die glühende Kugel in der Kuppel des sumpfigen Gewächshauses. Es wäre schön, ein Sonnenhaus zu sehen, in dem es nicht ganz so heiß war. »Die Sonnenkugeln sind doch bestimmt ein Zauber, oder?«
»Ja.«
»Würdest du mir das Knoblauchhaus irgendwann einmal zeigen?« Sie biss sich auf die Zunge. Verlangte sie zu viel von ihm? Vielleicht machte er ja nur Konversation! Wobei er nicht der Typ zu sein schien, der Stille dringend füllen musste. Eigentlich fand sie es auch ganz schön, mal nicht zu reden – solange das Schweigen nicht unbehaglich war.
Er schaute sie direkt an, und sie sah ihn im Schatten seiner Kapuze lächeln. »Sehr gern.«
Die ganze Zeit hatte sie gefürchtet, er könnte enttäuscht sein und sich wünschen, sie wäre jemand anderes – eine Magierin oder doch wenigstens keine Verbrecherin. Aber vielleicht denkt er ständig bloß über seine Pflanzen nach, und ich muss mich gar nicht so verrückt machen! Das war ein wundervoller Gedanke, und sie hielt daran fest.
Das Cottage erwartete sie. Warmes Licht schien ihnen aus den Fenstern entgegen. Drinnen war es behaglich. Terlu hatte erst eine Nacht hier verbracht, aber alles kam ihr bereits so vertraut vor … Ihr war, als würde sie in die Arme geschlossen. Sie dachte an das heruntergekommene blaue Häuschen. Wenn man viel Arbeit hineinsteckte, würde es bestimmt ein charmantes Heim abgeben. Doch wenn sie ehrlich war, bezweifelte sie, dass es diesem Cottage je Konkurrenz machen könnte. Im Stillen war sie froh, dass es noch nicht bewohnbar war.
Yarrow legte seinen Mantel ab und machte sich sofort an die Arbeit: Er schürte das Feuer, stellte eine Pfanne auf den Rost und fing an, Knoblauchzehen zu schälen.
»Wie kann ich dir helfen?«, fragte Terlu.
Ohne aufzuschauen, erwiderte er: »Du kannst den Kater kraulen.«
Sie musste lächeln. Das war nun wirklich keine Arbeit, aber sie tat es gern. Emeral lag immer noch auf dem neuen Bett. Als sie sich neben ihn setzte, streckte er sich genüsslich und spreizte die Zehen. »Na, Emeral, wie war dein Tag?« Sie streichelte ihn, und er schnurrte.
Yarrow gab den Knoblauch in die Pfanne. Es brutzelte und zischte.
»Gibt es noch andere geflügelte Katzen auf der Insel?«, fragte Terlu. »Woher hast du ihn?«
»Er hat meiner Schwester gehört. Als sie nach Alyssium ging, um bei unserem Onkel und unserer Tante zu leben … Sie hatte eine Katze, und diese Katze hatte ein Techtelmechtel mit einem Schiffskater gehabt. Die Jungen waren schon flügge. Meine Schwester wollte alle mitnehmen, aber ein kleiner Kater war nirgends zu finden. Schließlich konnte das Boot nicht länger warten. Da habe ich ihr versprochen, ihn ihr nachzuschicken.«
»Aber das hast du nicht getan?« Es war eher eine Feststellung, aber sie machte eine Frage daraus, damit er weitersprach. Schnurrend drückte Emeral das Köpfchen in ihre Hand, damit sie seinen Hals und sein Kinn kraulte. Sie gehorchte.
»Er wollte nicht weg.«
Yarrow zuckte mit den Schultern. Es wirkte jedoch nicht abweisend, sondern geradezu entspannt. Als sie sich zuvor nach seiner Familie erkundigt hatte, war es ihr so vorgekommen, als müsste sie ihm alles aus der Nase ziehen. Und er hatte ausgesehen, als könnte er jeden Moment Fersengeld geben! Jetzt schien er nicht einmal beunruhigt zu sein.
»Er hat keine Schwierigkeiten, seine Wünsche kundzutun.« Yarrow klang amüsiert. »Du kannst ihn füttern, wenn du willst. Der Weg zu seinem Herzen führt über seinen Magen.«
Terlu wollte aufspringen, aber es wurde eher ein enthusiastisches Auf-die-Beine-Kommen daraus. Für einen richtigen Hüpfer war sie zu steif, nachdem sie so lange über den Arbeitstisch gebeugt dagesessen hatte. Sie fragte sich, ob sie in ihrer Zeit als Statue vielleicht doch gealtert war. Aber selbst wenn … Sie konnte es nicht ändern. Und dass ihr die Knochen weh taten, machte ihr nichts aus, denn es bedeutete, dass sie wieder ein richtiger Mensch war. »Was mag er denn gern?«
»Im Eiskasten ist noch etwas Rebhuhn.« Er deutete auf einen Schrank bei der Spüle. Die Tür sah dicker aus als die der anderen. Terlu hatte noch nirgendwo hineingeschaut.
»Fleisch kann ich schlecht in den Gewächshäusern ziehen, deshalb stelle ich im Wald ein paar Fallen auf, vor allem für Emerals Mahlzeiten.«
Sie ging vor dem »Eiskasten« in die Hocke und öffnete die Tür. Kalte Luft wehte ihr entgegen. Aha! Daher der Name. »Ist das auch ein Zauber?«
»Nur viel Eis. Um die Zeit besteht ja kein Mangel daran.«
Auf dieser Insel war wohl nicht zwangsläufig alles verzaubert.
»Im Sommer greife ich dann auf magisches Eis zurück.«
Ha – also doch!
Wie der Rest des Cottage war der Eiskasten gut sortiert. Sie fand das Rebhuhn sofort. Daneben stand in einer Schale der Zucchini, den er zuvor geschnitten hatte, in Marinade eingelegt. Warm stieß etwas gegen ihren Ellenbogen: Der geflügelte Kater war neben ihr aufgetaucht.
Sie reichte ihm ein Stückchen Rebhuhn. Behutsam nahm er es ihr ab. Sie legte mehr Fleisch für ihn auf einen Unterteller und stellte den Rest zurück in den Eiskasten. Dann wusch sie sich das Fett von den Fingern.
»Im Sommer versorgt er sich praktisch selbst«, erklärte Yarrow. »Er fängt Mäuse und Vögel. Im Winter helfe ich ihm. Es wäre leichter, würde er Früchte und Gemüse mögen, aber er ist nun mal Fleischfresser.« Er fügte der Suppe den gerösteten Knoblauch bei und rührte um. Der Duft verbreitete sich im Cottage, und Terlu lief das Wasser im Mund zusammen. Sie deckte den Tisch und füllte zwei Gläser mit Wasser. Auch Emeral stellte sie ein Schälchen hin. Er trank geräuschvoll und knabberte dann wieder an seinem Huhn.
»Also warst du zwei Jahre lang mit Emeral ganz allein?«
Wieder zuckte er mit den Schultern.
Vermisste er seine Familie? Cousins und Cousinen, Onkel und Tanten, seinen Vater und seine Schwester … Hatte er sie je gefragt, ob sie nicht zurück nach Belde kommen wollten? Oder vielleicht darüber nachgedacht, zu ihnen nach Alyssium zu ziehen? Aber sie behielt die Fragen für sich. Sie wollte ihn nicht bedrängen, jetzt, da sie sich endlich ungezwungen miteinander unterhalten konnten. »Die Suppe riecht köstlich.«
Er trug den Topf zum Tisch und schöpfte Suppe in ihre beiden Schalen. Dann stellte er den Topf zum Abkühlen auf den gemauerten Boden vor dem Kamin. »Nachdem zuletzt auch noch mein Vater gegangen war, waren wirklich nur noch Emeral und ich übrig. Lottis Freunde waren schon lange vorher verstummt … Noch vor Laikens Tod. Wir haben nie rausgekriegt, wieso eigentlich. Aber ich hab immer gehofft, sie würden eines Tages wieder aufwachen.«
»Lotti hat dich nicht erkannt. Dabei hast du dein ganzes Leben auf der Insel verbracht.«
»Möglich, dass Laiken sie von den Gärtnern ferngehalten hat. Das sähe ihm ähnlich. Oder vielleicht ist sie vor meiner Geburt in Trockenruhe gegangen. Laikens Pflanzen leben alle ausgesprochen lange … Das haben sie mit ihm gemein.«
Terlu nahm einen Löffel Suppe. Sie schmeckte, als stammte sie von einer hochherrschaftlichen Tafel. Der Knoblauch brannte ganz leicht auf der Zunge. Zudem hatte Yarrow wieder mit Kräutern gezaubert, die Terlu nicht einmal kannte. Süß wie eine Sommerfrucht war die Suppe nun, doch gleichzeitig immer noch herzhaft. »Du bist wirklich ein unglaublich guter Koch!«
Er zuckte ein drittes (oder vielleicht viertes, fünftes, sechstes?) Mal mit den Schultern. »Ich habe gute Zutaten.«
»Das ist nicht alles. Diese Suppe … Damit könntest du der kaiserlichen Familie Tränen des Glücks in die Augen treiben.«
»Mein Großvater hat mir das Kochen beigebracht. Er kannte für alles immer mindestens sechs verschiedene Zubereitungsarten. Gemüse, Obst, Kräuter … Oh! Und er konnte eine Pfirsichtorte backen, die ich leider nie hinbekommen habe … Ein kleiner Bissen davon, und man hat eine Woche lang vom Sommer geträumt.«
Wie mochte eine solche Torte wohl schmecken? Terlu dachte an die Sommer auf ihrer Heimatinsel zurück. An den warmen Sand zwischen ihren Zehen, die glühende Sonne, die einem die Haare bleichte. Für sie schmeckte der Sommer nach Kokosnüssen und Ananas, nach gekochten Krebsen und nach Bonbons, die einem die Finger für den Rest des Tages klebrig machten. Und er roch nach der Crème, mit der sie sich immer hatte einschmieren müssen, ehe sie nach draußen durfte. Darauf hatten ihre Eltern bestanden. »Hast du diese Insel je verlassen?«
»Das wollte ich nie. Die Wunder der Welt sind alle hier, in den Gewächshäusern.« Er deutete mit dem Löffel über seine Schulter aufs Fenster. Sie schaute dorthin, sah aber nur das Spiegelbild des Feuers und dahinter Dunkelheit. »Falls ich sie am Leben halten kann.«
Es schien ihm wirklich schon viel leichter zu fallen, mit ihr zu reden, und sie wusste auch, wieso: Jetzt arbeiteten sie zusammen. Wir sind praktisch Kollegen! Ihr gemeinsames Ziel vereinte sie. Wie gut es sich anfühlte, Teil einer eingeschworenen Gemeinschaft zu sein! Die Trommelschläge aus ihrer Erinnerung konnten ihr nichts mehr anhaben. Er hält zu mir!
Als sie fertig waren, half sie ihm, die Schalen abzuwaschen und den Rest der Suppe umzufüllen und wegzustellen. »Meinst du, Laiken hat die sprechenden Pflanzen absichtlich in Ruhe versetzt?«
Er war damit beschäftigt, den Topf zu schrubben. Schaumringe lagen wie vergänglicher Schmuck um seine Handgelenke. Ob er auch die Seife selbst herstellte wie nahezu alles andere? Sie duftete nach Lavendel. Wie dumm von Laiken, seine Gärtner rauszuwerfen, dachte sie. Wenn sie alle wie Yarrow gewesen waren, hatte er ganz außergewöhnliche Menschen entlassen.
»Ich weiß es nicht«, sagte Yarrow. »Sie waren seine Vertrauten und Gefährten. Er hat sie sehr geliebt.«
Wie grausam wäre es, einen Freund gegen seinen Willen in solch einen Zustand zu versetzen – erst recht ein Geschöpf, das man angeblich liebte! Ja selbst einen Fremden … Unwillkürlich musste sie an ihre Verhandlung denken, an den Richtspruch und die grausame Freude des Anklägers. Er hatte ihre harte Strafe als Sieg der Moral verstanden. Ob die Pflanzen wohl gewusst hatten, was ihnen bevorstand? Hatten sie wenigstens darauf hoffen dürfen, eines Tages wieder geweckt zu werden?
Ich muss ihnen helfen. Ich kann sie nicht so dahinvegetieren lassen!
»Geh du ruhig zuerst ins Bad«, sagte Yarrow.
Sie dankte ihm. Während sie sich wusch, dachte sie weiter über Lottis Freunde nach. Yarrow hatte ihr ein weiches Nachthemd hingelegt. Vermutlich stammte es ebenfalls von einer Verwandten, die fortgegangen war. Terlu putzte sich die Zähne, kämmte sich die Locken aus und verließ das Bad.
Yarrow sah sie und errötete. Er murmelte etwas und schlüpfte an ihr vorbei ins Bad. Sie schaute an sich hinab und stellte fest: Das Nachthemd saß recht knapp, und der Halsausschnitt dehnte sich ein wenig. Die vorige Besitzerin musste schmaler gewesen sein als sie. Niemand war je über Terlus Magerkeit in Klagen ausgebrochen. Nein, sie war moppelig auf die Welt gekommen und immer so geblieben. Auch ihre Zeit als Statue hatte daran nichts geändert. Sie mochte sechs Jahre nichts gegessen haben, aber der Zauber hatte sie genau so erhalten, wie sie vor ihrer Verwandlung gewesen war. Darüber war sie auch froh. Die weiche Fülle ihres Leibes war ihr vertraut; anders hätte sie sich gar nicht wiedererkannt. Allerdings schmiegte sich das Nachthemd nun an ihre Kurven.
Wenn es ihn stört, muss er ja nicht gucken.
Und störte es ihn nicht … Sie hätte nichts dagegen, wenn er einen Blick riskierte. Sie sah ihn schließlich auch gern an. Und wie gut er kochen konnte!
Terlu kroch ins Bett. Kaum hatte sie sich ausgestreckt, fühlte sie sich, als versänke sie immer tiefer in der Matratze. Alle ihre Muskeln wurden schlaff. Die Suppe hatte sie kurz vergessen lassen, wie müde sie war, aber nun war es, als läge sie unter einem zusammengebrochenen Gebäude begraben – das allerdings aus Decken und Kissen bestand und ungeheuer gemütlich war.
Emeral kam angeflogen und ließ sich auf ihren Beinen nieder. Eigentlich hätte sie sich gern noch ein wenig anders hingelegt … Vorsichtig versuchte sie, sich auf die Seite zu drehen, aber da flatterte Emeral ungnädig mit den Flügeln. Sie gab auf. Es würde schon gehen.
Die Augen fielen ihr zu. Eingemummelt lag sie da, den Kater auf den Beinen. Schließlich hörte sie Yarrow in das Bett neben ihrem steigen. Sie blinzelte: Er hatte die Laternen gelöscht. Nur das orange-goldene Licht des Kaminfeuers tanzte noch durchs Cottage.
»Ich glaube, Laiken hat die Vergänglichkeit gefürchtet«, sagte er plötzlich. »Er war dem Tod näher als dem Leben, auch wenn er gehofft haben mag, er hätte noch mehr Zeit. Wenn er die Pflanzen hat einschlafen lassen, dann, weil er Angst hatte, niemand würde sie so lieben wie er.«
Das wäre sowohl traurig als auch bedrückend. »Hat er denn nie daran gedacht, mit dir darüber zu sprechen? Er hätte dich doch bitten können, sie zu versorgen.« Aber sie kannte die Antwort bereits. Laiken hatte seine Aufzeichnungen chiffriert. Er hatte nie einen Lehrling angenommen und bis auf einen Vater und seinen Sohn alle seine Gärtner entlassen. Wie belastend musste es für alle Beteiligten gewesen sein, mitzuerleben, wie der große Zauberer, dem sie vertrauen sollten, immer mehr dem Wahn verfiel … Wäre alles anders gekommen, wenn Laiken sich Hilfe gesucht hätte?
»Ich hätte ja gesagt. Bis zu meinem letzten Atemzug hätte ich mich um sie gekümmert … Und ich hätte dafür Sorge getragen, dass auch danach noch jemand für sie da gewesen wäre.«
»Ich wecke sie.« Terlu schaute zu ihm hin. Sie sah ihn unter seinen Decken liegen, nur ein Umriss im weichen Halbdunkel. Aber nah – so nah! Sie hätte seine Hand berühren können. Gern hätte sie es getan. Eine warme Geste, eine Bestätigung: Ich meine es ernst. Es wäre ganz leicht … Aber was würde er davon halten? Er war nicht glücklich darüber gewesen, dass sie ihn einfach umarmt hatte. Und sie kannten einander kaum … Also blieb sie reglos liegen. »Versprochen!«