Kapitel 11 - The Enchanted Greenhouse - Ein Schimmer der Hoffnung
By Sarah Beth Durst
Terlu fuhr sich mit der Hand über die Augen. Wie sollte sie ihr Versprechen bloß halten? Seit drei Tagen brütete sie nun schon über den verschlüsselten Texten und war doch keinen Schritt näher daran, den Code zu knacken. Seufzend lehnte sie sich zurück und rieb sich den Nacken. Dann streckte sie die Arme über den Kopf.
Lotti hockte ein Stück entfernt auf dem Arbeitstisch und blätterte durch einen Folianten, wobei sie ihre Blätter wie Daumen und Zeigefinger verwendete. Dabei grummelte sie vor sich hin. Laiken hatte eine Menge Tagebücher hinterlassen. Zwei Drittel seiner Regale nahmen sie ein, und Yarrow hatte noch weitere in einer Kiste unter der Stiege gefunden.
Die frühen Tagebücher waren in einer etwas altertümlichen Version der Inselreich-Standardvarietät abgefasst. Sie stammten noch aus der Zeit vor den Gewächshäusern. Aber mit dem Älterwerden war Laiken offenbar auch immer misstrauischer geworden. Er hatte ganz entschieden nicht gewollt, dass andere seine Aufzeichnungen lesen konnten. Die meisten seiner Zaubersprüche mussten in seinen späteren Tagebüchern enthalten sein, aber die waren von vorne bis hinten chiffriert. Nicht nur hatte er sich eines hochkomplexen Codes bedient (Terlu war mittlerweile so gut wie überzeugt davon, dass es ein Codebuch gab), er hatte noch dazu für manche Passagen Spiegelschrift verwendet. Andere hatte er nur rückwärts notiert, ohne sie zu spiegeln – und einige hatte er gedreht und gespiegelt. Schlimmer noch: Er hatte einige Seiten aus den Büchern gerissen und vermutlich verbrannt. Unter dem Herd hatte Yarrow noch weitere verbrannte Schnipsel gefunden. Terlu hatte keine Ahnung, was verloren gegangen war. Gab es den Zauber überhaupt noch, den sie suchten?
Lotti warf sich hin und fuchtelte mit den Blättern in der Luft herum. »Verflixt noch eins! Es ist hoffnungslos!« Dann schrie sie zur Decke hinauf, als wäre der Zauberer im oberen Stockwerk und könnte sie hören: »Laiken, du schrecklicher Plagegeist!«
»Von wann ist denn das Tagebuch, das du da hast?«
»Aus der Zeit, als Laiken gerade beschlossen hatte, zukünftige Leser noch zusätzlich mit experimentellen Zeichnungen zu quälen. So ein brillanter Kopf. Ein wahrhaft genialer Zauberer. Aber war er ein Maler? Nein! Schau dir das doch bitte mal an.« Sie hüpfte um das Buch herum und hob es an, so dass Terlu einen guten Blick auf die aufgeschlagenen Seiten hatte. »Soll das ein Kaninchen sein? Eine Katze? Ein Fisch? Eine menschliche Leber mit Augen? Ich kann es dir unmöglich sagen!«
Terlu lachte. »Ich glaube, es ist ein Vogel.«
Lotti kam wieder um das Buch herum. »Ich sehe aber keine Flügel!«
»Das Wort daneben ist Ginisch für ›Spatz‹.«
»Ginisch?«
»Das war die Sprache, die auf der Insel Ginia gesprochen wurde, bevor das Kaiserreich sie vor drei Jahrhunderten ausgelöscht hat.«
Erschrocken riss Lotti die Blüte auf. »Sie haben eine ganze Insel ausradiert?«
»Das nicht. Aber es erging den Menschen dort wie vielen anderen auch: Das expandierende Reich hat sie verschlungen, und sie haben ihre Sprache und einen großen Teil ihrer Kultur verloren. Die Ginianer gehörten zu jenen, die sich gegen die Eroberer gewehrt haben, allerdings weder mit einer Flotte noch mit einem Heer. Stattdessen haben sie ihre gesamte Insel in ein Labyrinth verwandelt, um die kaiserlichen Soldaten in die Irre zu führen. Die Siedlungen, die man vom Meer aus sehen konnte, waren eigens errichtete Attrappen. Man musste ein Rätsel lösen, um den Weg ins Gebirge zu finden, zu den eigentlichen Dörfern. Ein Jahrzehnt hat es gedauert, Ginia einzunehmen. Der damalige Kaiser wollte nicht, dass so etwas jemals wieder geschah, also ließ er alle Lehrer, Ältesten und Hüter des Wissens von der Insel holen. Sie wurden voneinander getrennt und über das Reich verteilt. Als Ersatz schickte er kaiserliche Lehrer nach Ginia, um sicherzustellen, dass die nächste Generation nicht rebellieren würde.«
»Wie traurig.«
»Kaiserreiche sind nicht gerade dafür bekannt …« Sie brach ab, bevor sie etwas sagen konnte, das Hochverrat gleichgekommen wäre. Von Bibliothekaren der großen Bibliothek wurde Unbefangenheit erwartet. Doch wie konnte man unbeteiligt bleiben, wenn man Geschichte studierte? Das hatte sie nie verstanden. In den trockenen Lehrbüchern der Universität ging es nur um Gesetze und Kriegszüge, aber in Wirklichkeit steckte die Geschichte voller Menschen, die davon betroffen gewesen waren. Und alle hatten ein eigenes Leben gehabt, eigene Träume. Kaiser Mevorin sagte gern, dass alles, was im Namen des Inselreiches geschehe, dem Wohle des Volkes diene – doch allzu oft hatte in Wahrheit das Wohl des Reiches an erster Stelle gestanden. Und entgegen den Worten des Kaisers war das nicht das Gleiche. Ein Reich, das nicht im Zaum gehalten wurde, war eine wilde Bestie, selbstsüchtig und unersättlich. Terlu atmete tief durch und brachte ein Lächeln zustande. »Nicht alles ist vergessen. Hast du von Irrgärten gehört? Viele Adelige lassen sie anlegen, so dass ihre Gäste sich zum Vergnügen darin verlaufen können. Hohe Hecken schließen die Wege ein, es gibt Kreuzungen, Sackgassen und Schleifen … Die haben die Ginianer erfunden. So lebt die Erinnerung an ihre Errungenschaften fort.«
»Laiken hat einen herrlichen Irrgarten erschaffen«, erzählte Lotti. »Er füllt ein ganzes riesiges Gewächshaus. Zumindest war es früher so … Wer weiß, ob er überhaupt noch da ist.«
Yarrow kam noch immer zum Aufräumen vorbei. Jetzt drehte er sich zu ihnen um. »Dem Irrgarten geht’s prächtig.«
»Hm.« Terlu rückte näher an Lotti heran und schaute in das Tagebuch mit dem schlecht gemalten Spatzen.
»Der Sage nach haben die Ginianer ihre größten Schätze im Herzen ihrer Irrgärten versteckt. Noch immer kommen Schatzsucher auf die Insel und hoffen, Gold oder Juwelen zu finden.« Nachdenklich betrachtete sie das Datum auf der Seite. Um die Zeit hatte Laiken gerade angefangen, alle seine Aufzeichnungen zu verschlüsseln. »Weißt du noch, wann Laiken den Irrgarten hier erschaffen hat?«
»Nee«, sagte Lotti.
Terlu tippte auf das Datum. »Könnte es in dem Jahr gewesen sein?«
»Klar. Vielleicht. Ich bin eine Pflanze! Ich hab keinen Kalender. Ich weiß noch, dass er ewig daran herumlaboriert hat. Natürlich hat er mich nie helfen lassen.«
Sie fragte sich …
»Was haben die Ginianer denn im Herzen ihrer Irrgärten aufbewahrt, wenn nicht Gold und Juwelen?«
Terlu, ehemalige Bibliothekarin vierten Ranges im zweiten Stock des Ostflügels der großen Bibliothek von Alyssium, lächelte die kleine Rose an. »Bücher natürlich, das höchste Gut! All ihre Geschichten. Ihr gesammeltes Wissen.«
»Ah. Ein Schatz, den der Kaiser vermutlich vernichtet hat?«
»Das brachte nicht einmal er über sich. Also hat er ihn gestohlen. Die Bücher stehen in dem Bereich der Bibliothek, für den ich früher verantwortlich war. Deshalb weiß ich von der Rebellion der Ginianer. In den offiziellen Geschichtsbüchern findet man nichts darüber, weil die Blamage für das Kaiserhaus zu groß war.« Je länger sie über Laikens Irrgarten nachdachte, desto sicherer war sie sich ihrer Sache. Und was würde ein Zauberer als Schatz betrachten?
»Laiken hat mir nie verraten, was er in seinem Irrgarten versteckt hat.« Lotti trommelte mit den Blättern auf dem Tagebuch herum, das sie so frustriert hatte. »Ich habe doch gesagt, ich hätte ihn nie mit einem Codebuch arbeiten sehen. Das stimmt auch, aber es bedeutet nicht, dass er keins hatte. Ich war nicht immerzu bei ihm, und … Es gibt ein paar Lücken in meiner Erinnerung. Glaubst du …«
»Ja, genau das glaube ich!« Terlu sprang auf. Ein Codebuch würde erklären, wieso sie einfach nicht vorankam. »Zumindest glaube ich, dass wir es überprüfen sollten. Yarrow?«
Er brummte, aber es klang zustimmend.
Unterwegs eröffnete Yarrow ihnen, dass er das Gewächshaus mit dem Irrgarten nicht besonders mochte.
»Weshalb denn das?« Lotti hüpfte neben ihm her.
Auch Terlu schaute ihn fragend an. Sie hatte den geflügelten Kater um die Schultern liegen wie eine Stola.
Yarrow zählte die Gründe an den goldenen Fingern ab. »Es entbehrt jeder Logik. Ebenso eines Zwecks. Die Pflanzen darin sind nicht einzigartig und haben deshalb in den Gewächshäusern eigentlich nichts zu suchen. Und«, er murmelte nur noch, »ich verirre mich darin.«
»Du kennst den richtigen Weg nicht?« Darauf hatte Terlu gebaut.
Yarrow zuckte mit den Schultern. »In dem Haus muss ich mich um nichts kümmern. Laiken hat für alles gesorgt: Der Ofen und die Ventilatoren regulieren die Temperatur allein, die Pflanzen wachsen so, dass sie nie beschnitten werden müssen, bei Bedarf bewässert sie ein verzauberter Bach, und die Drachen bestäuben die Blüten.«
Terlu blieb wie angewurzelt stehen und starrte ihn an. »Die … Wie bitte? Was?« Sie sah die Drachen Ilrekas vor sich mit ihren juwelengleichen Schuppen, den dornenbesetzten Schwänzen und der gewaltigen Flügelspannweite. Ein Paar solcher Schwingen könnte genug Wind erzeugen, um die Glaswände eines Gewächshauses zu zerbrechen. Aber wie …
»Es sind ganz winzige Drachen.«
Sie schüttelte den Kopf. »So etwas gibt es nicht.«
Wieder zuckte er mit den Schultern. »Lass Emeral nicht hinter ihnen herjagen.«
Sie mussten ein gutes Stück zurücklegen. Zuerst durchquerten sie einen Apfel- und einen Zitrushain (in dem auch Orangenbäume von Eano standen!), dann kamen sie durch ein Gewächshaus voll munterer Lianen, die schwangen, sich schlängelten und miteinander verflochten. Die Hälfte hatte sich zu einer lebendigen Decke verwoben, und der Rest bildete dicke Seile, die kreuz und quer über ihren Köpfen hingen. Grüne Mäuse flitzten darüber; sie hatten keinen Pelz, sondern waren mit kleinen Blättern bewachsen. Als Terlu und Yarrow unter ihnen durchgingen, quiekten sie aufgeregt. Eine ließ eine rosarote Frucht fallen, die auf dem Steinweg zerplatzte.
Laubmäuse habe ich in meinem Leben noch nie gesehen. Weshalb sollte es hier dann nicht auch winzige Drachen geben? Sie wusste ja nicht, was für Geschöpfe man in den verwunschenen Gewächshäusern auf Belde finden konnte, entweder vom Zauberer erschaffen oder von der konzentrierten Magie herbeigelockt. Wenn sie die sprechenden Pflanzen geweckt hatte, konnte sie vielleicht auf Erkundung gehen. Vielleicht würde Yarrow sie sogar herumführen!
»Kümmerst du dich neben der Flora auch um die Fauna?« Sie dachte an die Regenbogenschmetterlinge und die Diamantlibellen.
»Die Tiere kommen im Großen und Ganzen allein zurecht. Dafür hat Laiken gesorgt. Nicht alle sind magisch, aber auch die nichtmagischen hat er mit Zaubern belegt. Deshalb vertragen sich alle miteinander.«
Sie schaute den Laubmäusen beim Spielen zu, und da fiel ihr der Zitrushain wieder ein.
»Meinst du, die Orangen werden rechtzeitig zur Wintersonnenwende reif?«
»Du willst ein Festessen halten?«
»Feierst du nicht?« Alleine hatte das allerdings auch wenig Sinn, das musste sie zugeben. Zu den Sonnenwendfeiern kam man mit seinen Liebsten zusammen, um sich gemeinsam am Licht zu erfreuen. Außerdem gab es Unmengen köstlicher Speisen! »Die große Bibliothek von Alyssium ist zu den Sonnenwendfeiern für Besucher geschlossen«, erzählte sie. »Ich habe immer schon das Winterfest am liebsten gehabt … Dann lädt die oberste Bibliothekarin alle zu sich ins Büro in der Spitze des höchsten Turms ein. Vom obersten Stockwerk führt eine Wendeltreppe mit sechsundachtzig Stufen hinauf, und zum Winterfest steht auf jeder Stufe ein Tablett mit einer Delikatesse. Jedes Rezept stammt von einer anderen Insel. Sie werden von der Bibliothekarin ausgewählt, die für den Bereich »Kulinarische Geschichte des Mondsichel-Inselreiches« verantwortlich ist. Es hat schon Krabbenküchlein von Dault gegeben, gefüllte Feigen von Tirza, marinierte Rindfleischspieße mit Perlzwiebeln von Blaye … Während man hochsteigt, lädt man sich den Teller voll. Und oben im Büro wünscht einem die oberste Bibliothekarin Licht in der Dunkelheit!«
»Das muss ja jedes Mal ein irrwitziges Gedränge im Büro sein!«, mischte Lotti sich ein.
»Oh nein … Das ist das Beste daran!« Terlu lächelte bei der Erinnerung. »Man verlässt das Büro durchs Fenster und steigt in eine mit Lichtern geschmückte magische Gondel. In der schwebt man nach unten bis an den Kanal. Auch da brennen überall Lichter und spiegeln sich im Wasser … Da kann man dann mit den anderen essen, wenn man mag.« Ein paar ihrer Kollegen waren immer lange geblieben, und sie hatten bis tief in die Nacht miteinander geschwatzt und gelacht. Irgendwann verblassten die vielen funkelnden Sonnenwendlichter, und dafür schienen die Sterne herab. Für Terlu war es immer die schönste Nacht des ganzen Jahres.
»Sechsundachtzig Delikatessen?«, fragte Yarrow.
»Am schwierigsten war es immer, in der Gondel nicht den Teller fallen zu lassen!«
»Hm«, brummte er. »So, du solltest jetzt lieber deinen Mantel anziehen.«
Sie mussten zwei zerstörte Gewächshäuser durchqueren, um den Irrgarten zu erreichen. Pflanzen sah Terlu keine, weder lebendige noch tote. Hatte Yarrow sie retten können, bevor die Temperatur gefallen war? Sie hoffte es.
Die Tür am anderen Ende des zweiten Gewächshauses sah anders aus als alle, die Terlu bisher gesehen hatte. Sie war weder gläsern noch in feine Schmiedearbeit eingefasst, sondern bestand stattdessen aus ovalen, ineinandergreifenden Metallplatten. Yarrow blieb davor stehen und brummte wieder, dieses Mal nicht gerade glücklich.
»Willst du uns nicht aufmachen?«, fragte Lotti.
Terlu sah, dass die Tür weder einen Griff noch einen Knauf hatte. »Das ist ein Puzzle.«
»Dafür braucht ihr mich nicht«, sagte Yarrow. »Ich kümmere mich lieber um die Pflanzen, als mich mit Laikens Spielzeugen zu beschäftigen …«
»Aber du weißt schon, wie man die Tür öffnet, oder?«
»Man muss die Platten ausrichten.«
»Ach ja?«, fragte Lotti. »Wie denn?«
»Sorgsam«, erwiderte Yarrow.
Hätte die Rose die Augen verdrehen können, hätte sie es jetzt ganz bestimmt getan. »Du weißt es nicht!«, schimpfte sie. »Und ich dachte, du wärst schon hier gewesen!«
»Jetzt aber schon lange nicht mehr«, erklärte Yarrow. »Das Ökosystem erhält sich selbst. Hier werde ich nicht gebraucht, in vielen anderen Gewächshäusern aber schon. Lasst mich mal einen Augenblick nachdenken … Es fällt mir bestimmt wieder ein.« Er verschränkte die Arme und starrte die Tür an.
Auch Terlu schaute sich die ovalen Platten näher an. Einige waren silbern, andere bronzebraun. Sie erinnerten sie an Fischschuppen. »Vielleicht müssen alle in dieselbe Richtung zeigen?« Versuchsweise drehte sie eine. »Oder Silber in eine Richtung, Bronze in die andere? Nein, das ist zu einfach gedacht …«
»He, vielleicht stellen sie Blütenblätter dar!«, schlug Lotti vor. »Mach Blumen draus!«
»Eine Chrysantheme!«, rief Yarrow da. »Die Blütenblätter deuten allesamt vom Herzen der Blume nach außen. Ihr kennt doch Chrysanthemen? Den Mittelpunkt bildet ein Blütenkörbchen mit Röhrenblüten darin. Und das Körbchen wird umstanden von Zungenblüten … Das können mehrere Reihen sein. Viele sogar! So kommt der Eindruck einer gewaltigen Blüte zustande. Seht ihr, ich wusste doch, dass ich draufkommen würde!«
»Aber bloß, weil ich dir den entscheidenden Hinweis gegeben habe«, konterte Lotti. »Ganz offensichtlich bin ich der kluge Kopf in unserer Truppe.«
Terlu musste sich das Lachen verbeißen. Sie erinnerte Yarrow nicht daran, dass er sich gerade noch aus dem Staub hatte machen wollen. Stattdessen drehte sie die Platten im Zentrum der Tür nach außen, so dass sie einen engen Kreis aus »Blütenblättern« bildeten. Dann machte sie mit dem nächsten weiter. Dem geflügelten Kater wurde es auf ihren Schultern wohl zu unbequem: Er schwang sich in die Lüfte und flog zu den Dachsparren auf. Dort putzte er sich ausgiebig.
»Aus weißen und gelben Chrysanthemen kann man einen schönen Tee brühen«, sagte Yarrow. »Er schmeckt am besten, wenn man Knospen verwendet und Honig hinzufügt.«
»Eine meiner Freundinnen ist eine Chrysantheme«, sagte Lotti düster.
»Man kann die Blüten ernten, ohne der Pflanze zu schaden.«
Drei Kreise waren schon fertig. Terlu begann mit dem vierten. Manche Ovale ließen sich problemlos ausrichten, andere drehten sich zu leicht und verrutschten, wenn sie nicht von anderen gehalten wurden. Terlu schob sie wieder zurecht, und endlich war der vierte Kreis fertig.
»Ich hoffe doch, dass du um Erlaubnis bittest, Gärtnerbusche!«
»Immer«, erwiderte Yarrow ernst.
Er klang so aufrichtig! Wahrscheinlich fragte er die Blumen wirklich, ob er die Knospen nehmen durfte. Das gefiel Terlu. Sie ging in die Hocke und drehte die Ovale unten an der Tür zurecht, während er sich um die oberen kümmerte.
Als sie das letzte Oval drehte, hörte sie ein Klicken, dann noch eins und noch eins. Von der Mitte ausgehend, hob sich ein Blütenblatt nach dem anderen, bis das Bild der Blume plastisch wirkte.
Alle drei (vier, wenn man den geflügelten Kater mitzählte) schauten sie die Tür an und warteten darauf, dass sie sich öffnete. Aber die Tür machte gar nichts, sondern sah bloß hübsch aus.
»Hm … Schon ein bisschen enttäuschend«, krittelte Lotti.
Terlu drückte gegen die Tür, und da schwang sie auf. Dahinter schien eine ganz andere Welt zu liegen. Über den gelblich orange gefärbten Himmel tanzten grün schimmernde Nordlichter. Vor ihnen lag ein Kiefernwald – oder nein, eine lückenlose Wand aus Nadelbäumen. Die Zweige hatten sich fest miteinander verwoben und ließen nicht einmal einen Lichtstrahl durch. Terlu betrat das Gewächshaus und staunte die Wand an. Sie erstreckte sich in beide Richtungen, so weit das Auge reichte.
»Und das soll ein Irrgarten sein?«, fragte Lotti.
Yarrow brummte. »Du wirst schon sehen.«
Die kleine Rose hüpfte Terlu hinterher. Yarrow wollte gerade die Tür hinter ihnen schließen, da schoss der Kater an ihm vorbei. »Fang ihn, Terlu!«, schrie er.
Aber Terlu hatte keine Chance. Emeral schlug kräftig mit den Flügeln und stieg zu den Nordlichtern auf.
»Tja, das ist natürlich Mist«, kommentierte Yarrow.
Auf der Suche nach einem Durchlass spähte Terlu an der Wand entlang. In weiter Ferne glaubte sie, zwei Gestalten zu sehen: eine groß und golden mit schwarz gesträhntem Haar, die andere klein, rundlich und lavendelblau mit einem Haufen wilder brauner Locken. Sie deutete auf die beiden. »Sind wir das?«
»Spiegelbilder. Er hat die Fenster gegen Spiegel ausgetauscht, und das da«, Yarrow gestikulierte zum Himmel hoch, »ist eine Illusion. Wir sind in einem Gewächshaus. Es ist allerdings sehr groß.«
»Aber wie kommen wir in den Irrgarten? Müssen wir nach rechts oder links?«
»Keins von beidem.« Er marschierte los, geradewegs auf die nadelige Wand zu. Lotti quietschte. Doch als er sie erreichte, zogen die Bäume eilig die Wurzeln aus der Erde, huschten beiseite und standen wieder still.
Lotti streckte ein Blatt aus und tippte gegen einen bodennahen Ast. Die Kiefer reagierte nicht. Terlu folgte Lotti und Yarrow durch den Eingang.
Und da war er: Der Irrgarten! Die Wände bestanden weder aus Nadelbäumen noch aus Lorbeerhecken, sondern aus Sonnenblumen. Dicke grüne Stängel dicht an dicht, und hoch oben nickten die Köpfe, die braunen Gesichter umringt von leuchtend gelben Blütenblättern. Einen Duft schienen die Blumen nicht zu verströmen. Es roch nur schwach nach Erde und Kiefern.
»Ach, das ist ja super einfach!« Lotti eilte auf die Sonnenblumenwand zu. »Ihr könnt wirklich von Glück sagen, dass ihr mich dabeihabt! Man muss nämlich klein sein, um darauf zu kommen …« Sie hielt auf die schmale Lücke zwischen zwei Stängeln zu.
Yarrow fing sie aus dem Sprung. »Das ist keine gute Idee!«
»Also wirklich! Was soll denn …«
Zwischen den Stängeln kam ein winziger Drache hervorgeschossen, etwa so groß wie eine Teetasse. Er spuckte eine kerzengroße Flamme in Lottis Richtung und stieg dann höher. Einen Augenblick schwirrte er direkt vor Terlus Gesicht in der Luft.
Er war wunderschön, eine Miniatur der großen Drachen Ilrekas. Jede Schuppe glich einem winzigen Diamanten, und die Flügel waren so zart wie die eines Schmetterlings. Der kleine Drache schimmerte, als wäre er aus braunem Glas. »Wahnsinn«, hauchte sie. »Und ich dachte, das war vielleicht bloß ein Witz.« Die Laubmäuse waren wirklich reizend, aber die Drachen – atemberaubend!
»Über Bestäuber pflege ich nicht zu scherzen«, sagte Yarrow.
»Moment mal – Bestäuber? Sie übernehmen die Rolle von Bienen? Wie faszinierend!« Mit großen Augen drehte sich Terlu einmal im Kreis und schaute an den scheinbar unendlichen Sonnenblumenwänden entlang. Kleine Drachen in den verschiedensten Farben flatterten zwischen den Blüten umher.
»Unterhalten sich zwei Bienen«, sagte Lotti. »Sagt die eine zur anderen: ›Lass dir eins gesagt sein, alle Menschen sind be-stech-lich!‹«
Terlu hob eine Augenbraue.
»Das hat mir gerade noch gefehlt«, stöhnte Yarrow.
Sie wagten sich in den Sonnenblumenirrgarten vor, und sofort teilte sich der Weg. »Halten wir uns an die linke Wand«, schlug Terlu vor. »So kommen wir irgendwann ans Ziel, wenn auch vielleicht nicht schnell.«
»Weshalb summen Bienen?«, fragte Lotti. »Weil sie den Text vergessen haben.«
Terlu ließ die Fingerspitzen der linken Hand über die Blätter der Sonnenblumen wandern. Bald stießen sie auf eine Sackgasse, aber sie wurde nicht langsamer. Die ganze Zeit blieb sie in Kontakt mit der Wand.
Und an jeder Abzweigung wählte sie die linke.
»Warum können Bienen so gut rechnen?«
»Weil sie sich den ganzen Tag mit Summen beschäftigen?«, fragte Yarrow gereizt.
»Du bist ja gar nicht schlecht!«, lobte Lotti. »Wie wär’s mit dem hier? Was sagt die Biene zu …«
Terlu hob eine Hand. Was war das für ein Geräusch? Sie schaute zum glühenden Himmel auf und sah einen Schwarm (eine Kolonie? Eine Herde? Ein Rudel?) der kleinen Drachen. Aufgeregt zischend kreisten die Tiere in der Luft. Ihre Schwingen schimmerten im Nordlicht.
Yarrow rief: »Emeral, nicht!«
Der geflügelte Kater kam von hoch oben herabgestoßen, und die kleinen Drachen zerstreuten sich. Emeral jagte einem hinterher.
»Das ist die Gelegenheit!« Lotti sprang Yarrow aus den Händen, wuselte an seinem Bein hinab und zwischen den Stängeln hindurch, bevor Yarrow oder Terlu sie aufhalten konnten. Sofort war sie außer Sicht.
»Komm zurück!«, rief Terlu. »Wir müssen zusammenbleiben!«
Ein Drache – eine rubinrote Schönheit – löste sich vom Schwarm, kam wie ein Pfeil in den Irrgarten herabgeschossen und verschwand hinter den großen Sonnenblumenblüten. Terlu schob die Stängel beiseite, um Lotti hinterherzulaufen …
Augenblicklich vergaßen die Drachen den Kater. Der ganze Schwarm sammelte sich über Terlu – und griff an! Yarrow riss sie von den Sonnenblumen zurück. Dann war auch Emeral plötzlich wieder da und stürzte sich keckernd ins Getümmel. Wie ein einziges Lebewesen wechselten die Drachen die Richtung, um ihm zu entgehen. Die winzigen Klauen eines goldenen Drachen fuhren Terlu durch die Locken. Es ziepte.
Yarrow zog sie an sich und schlang schützend die Arme um sie. Sie vergrub das Gesicht an seiner Brust. Ringsum wirbelten die vielen Flügel Wind auf. Dann erstarb er. Sie schaute vorsichtig auf.
»Lotti?«
Die kleine Rose antwortete nicht.