Kapitel 15 - The Enchanted Greenhouse - Ein Schimmer der Hoffnung
By Sarah Beth Durst
Yarrow musste in der Morgendämmerung aufgestanden sein und Apfel-Zimt-Muffins gebacken haben. Wie er das so schnell und leise zuwege gebracht hatte, war Terlu ein Rätsel. Doch als sie die Augen aufschlug, war das Cottage vom Duft des frühen Herbstes erfüllt, obwohl es draußen noch immer schneite.
Sie streckte sich. »Du bist der Wahnsinn!«
»Hm? Ich?«
Konnte es sein, dass diesen Mann noch nie jemand bewundert hatte? War er immer nur als Sohn, Bruder, Cousin oder Neffe betrachtet worden? Als Sturkopf, der die Insel nicht verlassen wollte? Womöglich wusste er gar nicht, was für ein besonderer Mensch er war. Sein ganzes Leben hatte er der Pflege von Wesen gewidmet, die sich ihrerseits nicht um ihn kümmern konnten. Die sprechenden Pflanzen bildeten eine Ausnahme, aber die hatten ja geschlafen. Jetzt würden sie hoffentlich wirklich lieb zu ihm sein! Wenn nicht … Nun ja, sie hatte noch nie jemanden ausgeschimpft und war nicht sicher, ob sie das überhaupt hinbekäme, aber sie konnte ihnen ganz gewiss sagen, dass sie enttäuscht von ihnen sei und ihnen mehr zutraue. Wenn ihre Eltern diese Methode bei ihr angewandt hatten, hatte das immer große Wirkung gezeigt. Hoffen wir mal, es ist nicht nötig! Gegen Yarrow schien keine der Pflanzen einen Groll zu hegen. Gegen die kleine Auferstehungsrose aber sehr wohl. »Ob die anderen Pflanzen gut zu Lotti gewesen sind?«
»Selbst wenn nicht, sie wird’s überstehen.«
»Sie lässt es sich nicht anmerken, aber ich glaube, sie ist sensibel.« Bestimmt war es schwer, für etwas zur Rechenschaft gezogen zu werden, an das man sich nicht erinnerte. Und möglicherweise ja zu Unrecht: Laiken konnte auch Lotti angelogen haben. Hatte sie wirklich gewusst, was er vorgehabt hatte? Wenn ja, war ihr vielleicht gar nicht in den Sinn gekommen, ihren Schöpfer anzuzweifeln. Sie hatte ihm vertraut. Und nun schlug ihr so viel Ablehnung entgegen, während sie noch den Verlust ihres »Vaters« betrauerte … Arme Lotti!
»Ich glaube, sie lässt sich nicht so leicht unterkriegen. Wie du.«
»Ich?« Terlu lachte auf. »Ich bin ein richtiger Waschlappen. Schau mich doch an! Ich konnte es ja nicht mal aushalten, ein Weilchen allein zu sein, und hab deswegen das kaiserliche Recht gebrochen!«
Er zuckte mit den Schultern, löste die Muffins aus der Form und stellte sie auf einen Teller. Ein paar wickelte er in Stoffservietten, die mit Ranken bestickt waren. »Die Leute haben dich grausam behandelt, aber du bist trotzdem nicht bitter geworden. Wie würdest du das nennen?«
»Naiv? Unterwürfig? Würdelos?«
»Stark!«, hielt er dagegen.
Wieder einmal verschlug es ihr die Sprache.
Yarrow reichte ihr einen eingewickelten Muffin und ihren roten Mantel. »Ich gehe zu den Gewächshäusern rüber. Willst du mitkommen?«
»Äh … Ja. Na klar.«
Er war aber wirklich nett heute! Richtig freundlich.
Frischer Schnee hüllte den Wald ein, bedeckte ihre Fußspuren von letzter Nacht. Der Himmel war taubengrau, und auf einem Zweig saß ein einsamer Blaukehl-Hüttensänger und tirilierte.
»Warum sind die Vögel noch hier?«, fragte Terlu. »Sollten sie nicht in wärmere Gefilde ziehen?« Im Winter waren immer ganze Schwärme auf ihre Heimatinsel gekommen. Ein wunderbares Spektakel war das gewesen, wenn sie zeternd auf den Dächern gelandet und am Himmel gekreist waren.
Er zuckte mit den Schultern.
»Du fütterst sie!«
»Ich backe gern, und sie picken gern Krümel auf.«
»Du kümmerst dich um die Pflanzen, die Vögel und überhaupt alle Geschöpfe auf der Insel«, stellte sie fest. »Aber wer kümmert sich um dich?«
Wieder zuckte er mit den Schultern. Er und sein Schulterzucken, dachte sie. Sie hatte ja keine Ahnung gehabt, dass es ein Paar so beredte Schultern im Mondsichel-Inselreich gab!
»Um mich muss sich niemand kümmern«, sagte er. »Falls du’s noch nicht gemerkt hast: Ich bin schon groß.«
»Das hat doch damit nichts zu tun.«
Als sie den Eingang des Komplexes erreichten, kam Emeral aus den Baumwipfeln herabgeflattert und landete in Terlus Armen. Schnurrend schmiegte er sich an sie.
»Und wer hat sich um dich gekümmert?«, fragte Yarrow herausfordernd.
»Niemand.«
Er hielt ihr die Tür auf, und sie ging mit Emeral hindurch.
»Aber hätte es jemand getan«, setzte sie hinzu, »wäre ich vielleicht auch nicht in eine Statue verwandelt worden.«
Sie wanderten durch die Gewächshäuser, aber Yarrow blieb unterwegs immer wieder stehen. Er zupfte ein wenig Unkraut aus einem Beet, schnitt eine vertrocknete Blüte von einer Petunie und untersuchte fachkundig die Blätter eines Strauchs, der weiße Beeren trug.
Als er gebeugt über vollkommen gesund wirkenden Gänseblümchen stand, fragte Terlu: »Sollten wir nicht nach Lotti und den anderen sehen?«
»Das tun wir schon noch.«
Sie gingen ins nächste Haus weiter, wo Yarrow erneut haltmachte, um eine Blume umzusetzen. Er pflanzte sie in einen größeren Topf, damit ihre Wurzeln mehr Platz hatten. Ihre Blätter hingen ein wenig; er holte Wasser und goss sie hingebungsvoll. Dabei schien er Terlus Blick zu spüren, denn er schaute ertappt auf.
»Trödelst du absichtlich?«, fragte sie ihn sanft.
»Nein.«
Sie schwieg. Ließ ihm Zeit.
»Ich mache mir ein bisschen Sorgen«, gab er schließlich zu. »Ich weiß nicht, worauf wir uns gefasst machen müssen …«
»Na komm. Lotti wartet bestimmt schon auf uns!« Sie ging voraus. Wie üblich spielte Emeral den Kragen aus Fell und Federn. Auch Terlu rang mit sich: Ihre Vorstellungskraft führte ihr hilfreich alles vor Augen, was nach ihrem Aufbruch gestern Abend schiefgegangen sein konnte: Vielleicht waren die anderen sprechenden Pflanzen gemein zu Lotti gewesen. Oder sie waren zurück in jenen furchtbaren Dämmerzustand geglitten, weil Terlus Zauber verflogen war. Wieso das passiert sein sollte, konnte sie sich nicht denken, aber möglich wäre es wohl schon …
Bevor sie die Tür zum Pavillon öffnete, atmete sie tief durch.
Geschnatter spülte wie eine Woge über sie hinweg. Sie drehte sich zu Yarrow um und lachte ihn an. Dann trat sie ein.
Alle Töpfe waren leer, denn die sprechenden Pflanzen hatten sich auf dem Kiesweg versammelt. Der Efeu hatte sich zusammengerollt wie eine Schlange, und die Distel lachte, dass ihre Blätter bebten und die Blütenkörbe hüpften. Kleine Klümpchen regneten von dem Erdball herab, den sie in den Wurzeln hielt.
»So tanzen Menschen!«, rief das Gänseblümchen. Es hüpfte im Kreis und ließ die weißen Blütenblätter flattern.
Der Feuerbusch gnickerte so heftig, dass er beinahe vornüberfiel.
»Nein, das sieht eher so aus …« Die Distel schritt auf den Wurzeln voran und schwenkte ihre violette Blüte vor und zurück, als wippte sie im Rhythmus eines Trommelschlags mit dem Kopf.
Lotti lachte und klatschte in die Blätter. »Ja, genau!«
»Vielleicht auch so?«, schlug der Efeu vor. Er richtete sich hoch auf, wiegte sich und schlängelte sich dann um die jubelnden Pflanzen herum.
»Sieht ganz so aus, als hätten sie die Nacht gut überstanden.« Die Hände in die Hüften gestemmt, betrachtete Terlu die schwofenden Pflanzen. Nicht nur das … Es geht ihnen prima!
»Terlu!«, quietschte Lotti. »Yarrow!« Sie kam auf sie zugehüpft, und die anderen Pflanzen eilten ihr nach. Aufgeregt drängten sie sich um die beiden Menschen.
Der geflügelte Kater fauchte das schnatternde und kichernde Grünzeug indigniert an und flog dann zu den Dachsparren auf, wo er sich das Gefieder putzte und ab und an missbilligende Blicke auf die wandelnde Flora warf.
Lotti sprang um Terlu herum. »Ihr habt Virias Geschichte verpasst: Einmal hätte Laiken beinahe eine Wilde Möhre mit Wasserschierling verwechselt!«
Wer war wohl Viria? Abgesehen von Lotti und Dendy kannte sie keinen einzigen Namen. Sie musste nachfragen!
»Beide haben doppeldoldige weiße Blütenstände«, erklärte Yarrow, »aber der Stängel der Wilden Möhre ist borstig behaart, der des Schierlings glatt und gerillt. Außerdem ist der Schierling giftig.«
»Die Geschichte ist nur deshalb luuustig, weil niiiemandem etwas passiiiert ist«, warf Dendy ein.
»Ach was!«, entgegnete Lotti. »Sie ist objektiv saukomisch!«
»Der Ausdruck auf seinem Gesicht!« Die Calla-Lilie (vermutlich Viria) warf die weiße Blüte zurück und lachte. Ihr gelber Kolben bebte. »Danach hat er darauf bestanden, dass seine Gärtner alle Pflanzen mit Schildern versehen. Hunderttausende waren es, sorgfältig beschriftet. In jedem einzelnen Topf steckte eins!«
»Später hat er sie aaalle wieder entfernt«, sagte Dendy mit seiner tiefen, behäbigen Stimme.
Das Gelächter erstarb.
»Ich mochte mein Schild«, piepste die Opuntie. »Einer der Gärtner hatte ein Bild von mir draufgemalt … Es war sehr hübsch!«
Hastig versicherten die Pflanzen ringsum, sie sähe auch selbst ausgesprochen hübsch aus, woraufhin sie rief, alle anderen seien ebenfalls allerliebst. Bald schwirrten Komplimente durch den Pavillon, und einer überbot den anderen, bis endlich geklärt war, dass sie allesamt so schön wie der Frühlingssonnenschein waren. Der Efeu und die Venusfliegenfalle gerieten umgehend in eine Diskussion darüber, wann die Sonne am herrlichsten sei: zur Sprießzeit im Frühling oder im Sommer, wenn sie richtig glühte.
Terlu unterbrach sie. »Da ihr ja nun keine Schilder mehr habt, könntet ihr uns vielleicht sagen, wie ihr heißt und wie wir uns auf euch beziehen sollen – mit er, sie oder einem anderen Pronomen? Wir würden euch gern alle besser kennenlernen!«
Hinter ihr raunte Yarrow verschreckt: »Alle?«
Als Terlu sich in den Kies setzte, scharten sich die Pflanzen um sie und riefen ihr ihre Namen zu. Philodendron Dendy kannte sie ja schon (er bevorzugte »er«). Nun stellten sich auch Efeu Risa vor (sif), Orchidee Amina (sie), Calla Viria (sie), Distel Tirna (es), Feuerbusch Nif (er), Wachsmyrte Ree (er), Opuntie Hosha (le), Venusfliegenfalle Sut (er), Winde Zyndia (sie) … Terlu prägte sich so viele Namen ein, wie sie nur konnte. »Wie geht es euch denn? Fühlt ihr euch wohl?«
Yarrow fügte hinzu: »Und können wir irgendwas für euch tun?«
Wachsmyrte Ree stimmte ein Seemannslied an: »Den Wind im Rücken brauch’ ich sehr, und vor dem Aug’ das blaue Meeeeeeeeer!« Beim Singen schüttelte er die Blätter.
»Still«, tadelte Lotti, »Yarrow meint es ernst! Er ist wirklich nett, und er will uns helfen.«
Augenblicklich krakeelte alles durcheinander. Großartig gehe es ihnen! Vielleicht ein wenig trocken … Eine Pflanze bat um einen neuen Topf; eine andere merkte an, dass ihre Erde besser schmecken könnte; wieder eine andere wünschte sich eine höhere Luftfeuchtigkeit. Eine beschwerte sich, Efeu Risa schnarche, eine sagte, Calla Viria lache immer so schallend. Die Chrysantheme erkundigte sich, wann ihr liebster Gärtner zurückkommen würde, und Farn Mirr spekulierte laut darüber, wieso sie während ihres langen Schlafs wohl nicht unter die gewöhnlichen Pflanzen geraten waren. Alle wollten wissen, was sie verpasst hatten. Sie umzingelten Yarrow und bestürmten ihn mit Fragen nach Gärtnern. Ein Name jagte den anderen, bis Terlu überzeugt war, dass Yarrow jeden Augenblick aus der Tür stürzen und bis zum Schiffsanleger weiterrennen würde. Er wich hinter sie zurück, als die Pflanzen immer näher kamen.
Lotti scheuchte sie zurück. »Lasst ihm mal ein bisschen Platz! Ich hab’s euch doch erklärt: Er ist der einzige Gärtner hier. Auf der ganzen Insel gibt es bloß zwei Menschen, und zwar ihn und Terlu. Dazu kommt das Getier, das Laiken erschaffen hat. Und das Katzenvieh, Emeral, aber der ist ein furchtbares Ungeheuer!«
»Nicht doch«, protestierte Terlu.
»Aber das kann nicht stimmen«, sagte Efeu Risa zu Lotti. »Hier gibt es Hunderte Gewächshäuser, und alle müssen versorgt werden. Man braucht einen ganzen Trupp Gärtner, der Tag und Nacht arbeitet. Denk bloß an all die Beete! Ein einziger Gärtner kann doch nicht überall jäten und dazu noch Schädlinge bekämpfen und die Pflanzen beschneiden und gießen und ordentlich pflegen …«
Terlu packte die Gelegenheit beim Schopfe. »Deshalb könnten wir gut eure Unterstützung gebrauchen!«
Nun konnte Yarrow endlich fragen, ob sie ihm bei der Gartenarbeit zur Hand gehen würden. Aber stattdessen sagte er: »Nach Laikens Tod sind viele Gewächshäuser zerstört worden. Es scheint, als hätte die Kraft der Zauber nachgelassen. Das ganze Glas ist gesprungen, und es gab enorme Temperaturschwankungen …«
Einige Pflanzen stießen erschrockene Laute aus.
»Terlu übersetzt Laikens Tagebücher. So hat sie den Zauber entdeckt, mit dem sie euch geweckt hat. Findet sie den richtigen Zauber, dann kann sie auch die verödeten Häuser wieder in Stand setzen und Belde retten!«
Ach ja?
Das waren große Erwartungen. Sie hatte nie gesagt, dass sie Belde retten konnte! Was, wenn sie dazu nicht in der Lage war? Ich will doch niemanden enttäuschen … »Ich gebe mir alle Mühe«, sagte sie schnell. »Aber ich bin keine Zauberin! Deshalb kann ich nichts versprechen.«
»Sie versteht die Sprache der Zauberer und hat Laikens Geheimcode entschlüsselt.«
Es kam ihr vor, als starrten die Pflanzen sie allesamt augenlos an. Am liebsten wäre sie hinter eine Säule gehuscht und hätte sich dort still und leise in Luft aufgelöst. Noch nie hatte sich jemand so auf sie verlassen! Gewöhnlich waren die Leute vage enttäuscht von ihr. Nett und freundlich, aber nicht gerade eindrucksvoll – so kennt man mich. »Das schon, aber es ist ein großer Unterschied, ob man eine Sprache lesen kann oder fachgerecht Magie betreibt …«
Yarrow schaute sie mit hoffnungsvollem Hundewelpenblick an. »Aber du versuchst es doch trotzdem, oder?«
»Ja, selbstverständlich! Es ist nur …« Sie seufzte. Natürlich würde sie es versuchen! Sie wollte bloß kein Wunder versprechen, wenn die Gefahr bestand, dass sie keins vollbringen konnte. Sie wandte sich den Pflanzen zu, die eifrig die Blätter aufgestellt hatten. »Sollte jemand von euch sich daran erinnern, mit welchen Zaubern Laiken die Gewächshäuser belegt hat, wäre das außerordentlich hilfreich.«
»Er war sehr verschwiegen«, sagte Orchidee Amina.
»Sprich es ruhig aus: Eigenbrötlerisch war er«, warf Efeu Risa ein. »Wahnhaft gar!« Sif schlängelte sich um die Orchidee. »Selbst früher schon. Aber Dendy war manchmal dabei, wenn er gezaubert hat. Er erkennt womöglich den einen oder anderen Spruch.«
»Versuuuchen kann ich es«, sagte Dendy. »Mehr kann ich nicht verspreeechen.«
»Dasselbe gilt für mich!«, sagte Terlu inbrünstig.
Yarrows Blick hing an Terlu. »Um mehr bitte ich nicht.«
*
Schlotternd robbte Dendy über die Schneedecke vor dem Gewächshaus und hinterließ dabei eine Spur wie eine Schlange. Seinen Wurzelknoten hielt er in der Luft, gestützt von einem Nest aus länglichen Laubblättern.
»Ist dir kalt?«, fragte Terlu. »Wenn du willst, trage ich dich in meinem Mantel.«
Er hob die Ranken und sah beinahe aus wie ein Kleinkind, das hochgenommen werden will. »Ja, bitte! Pflanzen mööögen keine großen Temperatuuurunterschiede. Außerdem fehlen mir Füße.«
Sie fasste ihn am Wurzelknoten, und er schlang unterm Mantel die Ranken um ihre Taille.
»Daaanke«, sagte er. »Laiken hat uns früher iiimmer in einer Schubkarre herumgefaaahren. Bis er unserer Gesellschaft müde geworden waaar.«
»Eine Schubkarre könnte ich bestimmt auftreiben.«
»Wenn es dich nicht stört, ist es gut, wie es iiist.«
»Du bist leicht zu tragen: Wiegst nicht viel und zappelst nicht herum.« Er war in etwa so groß wie ihr erster Pflanzenfreund. Caz hatte es allerdings nicht leiden können, auf den Arm genommen zu werden – lieber hatte er sich an seinen Ranken zwischen den Bücherregalen der Bibliothek hindurchgeschwungen. Was musste es für ein Gefühl sein, wenn man als Pflanze plötzlich nicht mehr an einen Blumentopf oder ein Beet gebunden war, sondern sich frei bewegen konnte? »Hast du den Gewächshauskomplex oft verlassen? Früher, meine ich?«
»Am Anfang war ich wie Lotti üüüberall mit Laiken. Aber später … Es hat ihm niiicht gefallen, dass ich nicht immer seiner Meinung waaar. Es ist schon laaange her, dass ich das letzte Maaal in seiner Werkstatt war. Er hat viele Zauuuber ohne mich gewirkt. Ich weiß nicht, ob ich eine groooße Hilfe sein kann, aaaber ich gebe mir Müüühe.«
Sie erreichten den Turm. Terlu öffnete die Tür und trug Dendy ins Innere. Er sprang zu Boden und zog unter Zuhilfenahme seiner blättrigen Sprossachsen seinen Wurzelknoten vorwärts.
»Du kannst dir nicht vorstellen, wie staubig es hier war«, sagte Terlu.
Seit sie in der Werkstatt arbeitete, hatte Yarrow überall geputzt, und Lotti und Terlu hatten die vielen losen Papiere sowie die Folianten, Notiz- und Tagebücher in den Regalen geordnet. Trotzdem wirkte das Heim des verstorbenen Zauberers verlassen. Es liegt an der Luft hier drinnen, dachte sie. Trotz aller Bemühungen hing hier noch immer der muffige Geruch nach verrotteten Pflanzen und staubigen Büchern. Der Rauch des Herdfeuers vermochte ihn nicht zu vertreiben. Man merkt, dass hier niemand lebt. Hier war schon ewig keine Suppe mehr gekocht oder Brot gebacken worden. Das einzig Frische war der scharfe Zitronenduft der Seife, die Yarrow zum Abwaschen verwendet hatte.
Vielleicht ließe sich Abhilfe schaffen. Sie könnte in Bechergläsern ein paar Blumensträuße aufstellen und Kräuter zum Trocknen an den Dachsparren aufhängen. In manchen Cottages hatte es Vorhänge gegeben. Wenn sie ohnehin weiter den Großteil ihrer Zeit hier verbrachte … Aber eigentlich wollte sie nicht einziehen. Ich will lieber in Yarrows Cottage bleiben. Sie dachte an das Zimmer oben, in dem sie Laikens letztes Tagebuch gefunden hatte. Unvorstellbar, dort zu schlafen! Sie war nie wieder hochgegangen. Im besten Fall war es dort oben unheimlich. Im schlimmsten … Ich hatte das Gefühl, dass es spukt. Sie wäre nicht überrascht, sollte sich das als wahr erweisen. Die zurückgebliebene Verzweiflung war beinahe greifbar. Die Wände schienen Traurigkeit auszustrahlen, als erinnerten sie sich an den einsamen, wahnhaften Mann, der im Turm gelebt und sich schließlich auf der Stiege das Genick gebrochen hatte. Nein, es stand außer Frage: Im ersten Stock würde sie niemals freiwillig Zeit verbringen.
Wenigstens herrschte hier unten in der Werkstatt nicht dieselbe triste Atmosphäre.
Und dank Yarrow war es auch nicht mehr staubig.
Dendy kletterte auf den Arbeitstisch und ließ sich auf seinem Wurzelball nieder wie auf einem Schemel. »Wiiie kann ich dir helfen?«
Terlu deutete auf die Papiere und Tagebücher, die sich überall stapelten. »Wir haben Laikens Codebuch aus dem Irrgarten mit den kleinen Drachen geholt, also kann ich jetzt seine Schriften dechiffrieren. Allerdings gibt es über hundert Tagebücher sowie zahllose Papiere. Ich bräuchte den Rest meines Lebens, um alles durchzugehen, zumal ich ja nicht einmal genau weiß, wonach ich eigentlich suche. Ich hoffe, du kannst mir helfen, eine Vorauswahl zu treffen.«
»Ich schauuue mich gern einmal uuum. Vielleicht erkenne ich etwas wiiieder.«
»Wunderbar!« Terlu holte einen Stapel Tagebücher herbei. »Du bist nach Lotti die älteste Pflanze mit Bewusstsein, stimmt’s?«
»Woooher weißt du das? Welke ich etwaaa?« Er drehte und wendete seine Blätter, als wollte er sie von allen Seiten begutachten. Sie musste lachen.
Sie hatte einfach so ein Gefühl gehabt. Er war so viel gelassener als die anderen. Ihn hatte Lotti zuerst wecken wollen. Außerdem sprach er über Laiken, als hätte er ihn jahrzehntelang gekannt. »Wie war es früher auf Belde, bevor Laiken alle fortgeschickt hat? Kanntest du Yarrow, als er noch jünger war?«
»Uuund ich dachte, du würdest dich nach dem Zauuuberer erkundigen, nicht nach dem Gääärtner.«
Sie zuckte mit den Schultern, genau wie Yarrow es immer tat. In ihren Augen war die Frage nicht besonders verwunderlich. »Den Zauberer werde ich nicht mehr kennenlernen, aber Yarrow ist hier.« Und mir scheint, dass Laiken einem Vergleich mit ihm auch nicht standhalten könnte.
»Sooosooo.«
»Was denn?« War es nicht nur natürlich, Interesse am einzigen anderen Menschen auf der Insel zu zeigen? Deswegen musste sie nun wirklich nicht verlegen sein. Sie wollte ja keinen Klatsch hören, bloß seine Meinung! Und vielleicht ein paar aufschlussreiche Anekdoten … Am liebsten solche, in denen ein bezaubernder Junge vorkam, der gerade erst die Gärtnerei erlernte! Beinahe sah sie ihn vor sich, den kleinen Yarrow, der kaum seine Gießkanne heben konnte, sich aber bereits hingebungsvoll um die Pflanzen kümmerte.
»Es ist nicht das erste Maaal, dass ich einen deraaart wissbegierigen Menschen sehe.« Dendy kam zu ihr gewatschelt und ließ sich neben dem Bücherstapel nieder. »Gewöhnlich folgt auf sooolche Fragen eine Heirat.«
Na schön, jetzt wurden Terlus Wangen doch noch heiß. »Er ist gar nicht so, wie ich zuerst dachte.«
Dendy verwendete seine Blätter wie Hände. Er nahm ein Tagebuch vom Stapel, drehte und wendete es, schaute hinein und legte es beiseite. »Und du daaachtest, er sei wie?«
»Unfreundlich.«
»Und nuuun?«
»Nun glaube ich, dass er ein großes Herz hat. Es fällt ihm bloß schwer, das zu zeigen … Zumindest allen ohne Chlorophyll. Ich glaube, ihm fehlt einfach die Übung. Oder vielleicht ist er bloß vorsichtig?«
»Kannst du es ihm verüüübeln? Er war bis zum Schluss mit Laiken hier und hat leeernen müssen, sich zu schützen.« Er hielt ihr ein verblasstes grünes Buch mit abgegriffenem Rücken hin. »Schau mal in dieses hineiiin. Wenn ich mich nicht täusche, hat Laiken oft darüber gebrüüütet.«
Terlu setzte sich an den Tisch und begann zu lesen. Sie hatte das Codebuch griffbereit neben sich liegen, brauchte es jedoch nur noch selten. Laikens Verschlüsselungsverfahren war ihr mittlerweile vertraut. Die Hälfte seiner Notizen war in der Standardsprache des Inselreichs abgefasst. Nur die Zauber selbst waren mehrfach chiffriert. »Weißt du, wieso Laiken sich von allen abgewandt hat?«
»Ah ja. Ich erinnere mich, wie es anfiiing.« Er zog ein zweites Buch aus dem Stapel, ein dickes rotes, aus dem ein Leseband hervorlugte. »Mit dem habe ich ihn öfter geseeehen … Aber ich meine, es ist voller Vorratslisten.«
Terlu blätterte es durch. Dendy hatte recht: Es war mit unverschlüsselten Tabellen gefüllt. Nur ganz am Ende stieß sie auf eine halbe codierte Seite. »Das sieht aus wie ein Zauber … Aber es scheint nur ein Fragment zu sein. Hat er mit Sprüchen experimentiert?«
»Immerzu. Ständig hat er eigene formuliiiert und aaandere seinen Vorstellungen aaangepasst.«
Ach, da hätten sich die Bibliothekare Alyssiums aber die Finger geleckt! Nur wenige Zauberer erarbeiteten eigene Sprüche. Das hier war eine reiche Fundgrube! Allerdings würde sie herausfinden müssen, welche Zauber tatsächlich wirkten, denn bestimmt waren auch gescheiterte Experimente darunter. Zuallererst war festzustellen, welchen Zweck jeder einzelne Spruch erfüllen sollte.
Die Aufgabe kam ihr gewaltig vor – wie ein schwerer Felsbrocken, der drohte auf sie herabzustürzen. Es war ein langwieriges Unterfangen, so viel stand fest. Eine ganze Reihe von Gelehrten hätten ihr Leben dieser Arbeit widmen können. Terlu atmete tief durch und bemühte sich, nicht weiter auf das nervöse Flattern in ihrem Magen zu achten. Yarrow hatte sie so hoffnungsvoll angeschaut! Ich habe bloß versprochen, es zu versuchen. Vielleicht würde die Sache weniger aussichtlos erscheinen, wenn sie den Zauberer besser verstünde. »Weshalb hat Laiken die Gewächshäuser erschaffen?«
»Das war vooor meiner Zeit.«
Das hätte sie sich denken können. Es war kompliziert, in Pflanzen ein Bewusstsein zu erwecken. Gewiss hatte Laiken sein Werk auf Belde nicht mit einem solchen Zauber begonnen! Womit er mehr Verstand bewiesen hätte als ich, die sämtliche Grundlagen einfach übersprungen hat.
»Aaaber die Antwort kenne ich dennoch. Er hatte eine Tochter: Riiia. Ein entzückendes Mädchen. Bluuumen hatte sie gern; sie wurde immer traurig, wenn sie verwelkten. Man hat mir erzääählt, das erste Gewächshaus habe er für siiie erschaffen. Als ich das Licht der Welt erblickte, muss sie wohl sechzehn Jahre alt gewesen sein. Doch vorher schon litt sie an Fernweeeh. Sie sehnte sich nach Aaabenteuern, wollte jeeede einzelne Blume auf den Inseln sehen. Auch deshalb hat Laiken uuuns erschaffen: Wir sollten ihr Gesellschaft leisten. Sie ablenken, wenn man genauuu sein will.«
»Er wollte wohl nicht, dass sie fortging?«
»Aus guuutem Grund: Sie war nämlich krank.«
»Oh.« Terlu sah es deutlich vor sich: ein rastloses Mädchen mit großen Träumen und einen besorgten Vater. War man jung, so kam einem die Welt wunderbar weit vor und das eigene Leben unendlich. Die eigenen Einschränkungen sah man nicht, und man ahnte auch nichts von den Steinen, die einem in den Weg gelegt werden könnten. Terlu erinnerte sich noch gut daran, wie sie zum Horizont geblickt und sich das Leben »da draußen« ausgemalt hatte. So viele Möglichkeiten! Damals hatte sie nicht begriffen, dass man nicht alles haben konnte: Durchschritt man eine Tür, blieben andere auf ewig verschlossen. Alles hinter sich zu lassen, hatte seinen Preis. Sie hatte es trotzdem getan, unbedarft und ohne zu wissen, was sie erwartete. Seinen Platz in der Welt zu finden, das war doch bestimmt ganz leicht.
»Das erste Gewächshaus war für siiie«, fuhr Dendy fort. »Zuerst sollte es nur eins sein, aber dann sammelte er Saaamen und Setzlinge aus dem gaaanzen Inselreich, und so kamen immer neue Häuser hinzuuu. Schiffe braaachten, was er bestellt hatte, und Riiia wirkte glücklich. Laiken wusste nur eiiines nicht: Sie hatte mit den Seeleuten gesprochen und auuusgehandelt, dass sie sie mitnehmen würden, sobald sie so weit war.«
Bisher hatte sie noch in keinem Tagebuch von einer Tochter gelesen – aber Laiken schrieb nie über Menschen. Immer ging es nur um seine Pflanzen und den Gebäudekomplex. Terlu fragte sich, ob Ria die Gewächshäuser gemocht hatte. Hatte sie vorgehabt, irgendwann zurückzukommen, oder hatte sie frei sein wollen? Wie ich, als ich von zu Hause fortgegangen bin.
»Dann kam der Taaag, an dem sie verschwand. Damals gab Laiken Lotti zum eeersten Mal kein Wasser: Er warf ihr vor, ihm die Pläne seiner Tochter verschwiiiegen zu haben. Den Gääärtnern warf er vor, sie nicht auuufgehalten, und den Seeleuten, sie mitgenommen zu haben.«
»Lass mich raten: Sich selbst hat er natürlich nie Vorwürfe gemacht, weil er sie nicht hatte gehen lassen.« Solche Leute hatte sie schon getroffen, die immer anderen die Schuld zuschoben – nie lag es an ihnen selbst.
»Immer weiter baute er an seinen Gewächshäusern. Er schien zu glauuuben, wenn sie nur groß und prächtig genuuug würden, würde Riiia zurückkommen. Doch dann brachte ein Handelsschiff die Kunde, dass sie gestooorben war. Hernach war er ein gebrochener Mann.«
»Wie traurig!«
»Am traurigsten war, dass er weiterhin dachte, sie komme iiirgendwann zurück und er müsse dafür sooorgen, dass die Insel ein sicherer Haaafen für sie sei. Er bekam Angst, jeeemand könnte die Gewächshäuser zerstööören. Er begriff nicht, dass aaandere sie ebenfalls liebten. Und dass sie Riiia geliiiebt hatten.«
»Sie fehlt dir.«
»Aaallezeit.«
»Und Yarrow? Fehlt sie ihm auch?«
»Sie starb vooor seiner Geburt. Es ist schon laaange her. Laiken hat nie vergeeeben und vergessen. Wir Pflanzen erinnern uns auch, aber wir vergeeeben.«
Danach schwiegen sie. Terlu las weiter in den Tagebüchern, die Dendy ihr herausgesucht hatte. Ein braunes beschäftigte sich mit Kulturpflanzen: Es enthielt Zauber, um Kartoffeln gesünder zu machen, Schädlinge von Pfirsichbäumen fernzuhalten und Kürbiskernen einen pikanten Geschmack zu verleihen. Das rote mit den Listen war (mit Ausnahme des Zauberfragments) weniger interessant. Aber das abgewetzte grüne schien sich mehr mit der Instandhaltung der Gewächshäuser selbst zu befassen. Offenbar hatte er verschiedene Methoden ausprobiert, die richtige Luftfeuchtigkeit und Temperatur in den Häusern aufrechtzuerhalten …
Während sie übersetzte und sich akribisch Notizen machte, fing Dendy an zu singen. Seine Stimme klang ganz weich und warm, und er wiegte die Blätter zur Melodie. Es war ein altes Volkslied, weithin bekannt auf den Inseln: Eine Meerfrau und ein Meermann freundeten sich mit einem Menschenkind an. Sie hörte mit halbem Ohr zu.
Schön war es. Friedlich. Es gab doch nichts Besseres, als in Gesellschaft zu lesen. Sie musste sich gar nicht die ganze Zeit unterhalten, aber das Zusammensein, danach verlangte es sie.
Plötzlich flog die Tür des Turms auf. Yarrow stürzte herein und schüttelte sich den Schnee aus den Haaren.
Terlu sprang auf. »Ist alles in Ordnung?« Ging es Lotti gut? Waren die anderen Pflanzen …
»Kann ich ein bisschen bei euch bleiben?«
»Selbstverständlich. Aber was …«
»Sie reden so viel!« Er legte den Mantel ab und sank auf Laikens Schreibtischstuhl. »Ununterbrochen! Ich brauche bloß einen kleinen Moment Stille …« Er vergrub das Gesicht in den Händen.
Sie musste sich das Lächeln verkneifen. Vor den geschwätzigen Pflanzen war er also geflohen. Aber nicht etwa in sein leeres Cottage: Er war in die Werkstatt gekommen, um zusammen mit ihr allein zu sein! Er tat immer so, als wäre er ein Einzelgänger, aber das stimmte gar nicht. Er war bloß schüchtern.
Das war eine erfreuliche Entdeckung.
Die Zeit verstrich.
Dendy ging die Tagebücher in den Regalen durch und zog hier und da eins heraus. Terlu war wieder in ihre Recherche vertieft. Yarrow wirtschaftete um sie herum: Er holte Brennholz von draußen herein und kümmerte sich um das Feuer. Dann zauberte er zwei Kartoffeln aus der Tasche und legte sie auf den Herd, um sie zu backen.
Draußen war anschwellendes Stimmengewirr zu hören, und gleich darauf schlug etwas dumpf gegen die Tür – einmal, noch einmal. Yarrow beeilte sich zu öffnen. Terlu folgte ihm.
Er seufzte schwer. »Ihr habt mich gefunden.«
Terlu spähte an ihm vorbei und sah im Schnee die sprechenden Pflanzen. »Was ist denn?«
Alle schnatterten gleichzeitig los, eine vielstimmige Kakophonie. Terlu verstand kein Wort. Da drängte sich Lotti nach vorne und brüllte über die anderen hinweg: »Ihr müsst mitkommen! Eins der Gewächshäuser stirbt!«