Kapitel 2 - The Enchanted Greenhouse - Ein Schimmer der Hoffnung
By Sarah Beth Durst
Sanft fiel Schnee auf die Statue herab – ein bezauberndes, aber recht unerwartetes Ereignis. Flocken setzten sich auf ihre Nase und wehten ihr in die weit offenen, starren Augen. Warum stand sie nicht wie gewöhnlich in ihrer Nische im nördlichen Lesesaal?
Ich muss etwas wirklich Wichtiges verpasst haben.
Eigentlich hätte sie auf Bücherregale schauen müssen, die vom Boden bis zur gewölbten Decke reichten und mit zahllosen (staubigen!) Büchern und Schriftrollen von unschätzbarem Wert gefüllt waren. Stattdessen blickte sie auf einen tief verschneiten Kiefernwald. Sie schien mitten darin zu stehen.
Ihr Geist war oft vernebelt gewesen, vom Schlaf umfangen. Doch sie musste wirklich entrückt gewesen sein, wenn sie nicht mitbekommen hatte, dass man sie aus der großen Bibliothek fortgebracht hatte … Wohin? Das wusste sie nicht. Wie lange war ich nicht ganz bei mir?, fragte sie sich. Wie viel habe ich versäumt? Und wo bin ich hier? Zwischen zwei Kiefern sah sie Sonnenlicht flirren, als gleißte es auf einer spiegelnden Oberfläche, aber sie konnte nicht erkennen …
Plötzlich durchlief ein Zittern ihren hölzernen Leib.
Das sollte ganz unmöglich sein! Sie war ein Gegenstand, unbelebt und reglos. Warum also … Das Zittern wurde stärker, schüttelte sie beinahe, und sie hörte ein bedrohliches Knarren – wie wenn ein Baum sich neigt. Oh nein, kommt das aus mir?
Und dann: ein Knistern, ein Knacken. Von ihren Zehenspitzen schienen sprudelnde Bläschen aufzusteigen, höher und immer höher. Sie passierten die Knie, wanderten durch die Schenkel in ihren Rumpf und wirbelten ihr durch die Brust, schneller und schneller.
So lange war ihr ganzer Körper taub gewesen. Nun empfand sie alles auf einmal.
Sie verbrannte. Erfror. Es war eine Qual … So musste es sich anfühlen, zerrissen zu werden! Im nächsten Augenblick war ihr, als flöge sie durch die Wolken, während eintausend Farben vor ihren Augen tanzten. Eine Supernova war sie, barst unter unbeschreiblichen Schmerzen und voll weißglühender Freude.
Terlu Perna – einstmals Bibliothekarin des vierten Rangs im zweiten Stock des Ostflügels der großen Bibliothek von Alyssium (Juwel des Sichelmond-Inselreichs), zuletzt verurteilte Verbrecherin und Statue im nördlichen Lesesaal – schwankte und stürzte auf den verschneiten Waldboden.
Sie war wieder aus Fleisch und Blut!
Sie lag auf der linken Seite, und der nasse Schnee drang durch den dünnen Stoff ihres langen, ärmellosen Bibliothekarinnenblusenkleids. Die Kälte stach ihr wie mit Nadeln in Hüfte, Bein und Schulter, und der frostige Wind biss ihr in die bloßen Arme. Sie schnappte nach Luft; die war so eisig, dass sie ihr im Rachen brannte. Lachend stieß sie den Atem wieder aus.
Sie konnte wieder etwas spüren! Atmen! Sich bewegen! Sprechen! Aus vollem Halse sang sie: »La, la, la!« Ihre Stimme brach – nach der langen Zeit war ihre Kehle wie ausgedörrt. Erschrocken flog ein Vogel aus einer Kiefer auf. »Entschuldige!«, rief sie ihm nach. Seine roten Flügel hoben sich deutlich gegen den weißen Himmel ab.
Wieder schöpfte sie Atem, sog tief den Duft der Kiefern und die frische Schärfe des Winters ein. Die Lunge schmerzte ihr dabei. Tatsächlich tat ihr alles weh: Gelenke, Muskeln … So sehr, dass sie zitterte wie Espenlaub. Doch nicht einmal das konnte ihr Lächeln verscheuchen. Sie war wieder am Leben!
Kurz war sie ganz überwältigt. Beinahe hatte sie alle Hoffnung aufgegeben! Sie hatte ja auch wenig Grund gehabt, zu glauben, es könne sich alles noch zum Guten wenden …
Sie wollte aufstehen, kippte aber prompt wieder in den Schnee.
»Au …«
Jetzt war ihr Blusenkleid sehr nass. Abermals stemmte sie sich hoch und schaffte es endlich, sich in die Hocke zu setzen. »Ganz ruhig«, redete sie sich zu. »Du schaffst das, Terlu!« Ihre Stimme klang jetzt kräftiger, bebte kaum noch. Langsam und vorsichtig stand sie auf. Ihre Knie zitterten, und sie musste sich an einem Ast festhalten. Die Borke bohrte sich in ihre Handfläche, aber sie konnte sich aufrecht halten.
Sie fröstelte bis ins Mark. Wäre es nicht furchtbar, von ihrer Strafe erlöst zu sein, nur um auf der Stelle zu erfrieren? Grauenhaft! Mein Erwecker kann kaum gewollt haben, dass ich mir den Tod hole!
Ihr Erwecker …
Natürlich! Jemand musste den Zauber gesprochen haben, um sie zurückzuverwandeln. Wahrscheinlich war dem Magier bloß nicht klar gewesen, wie schnell die Wirkung eintreten würde! Bestimmt würde er gleich mit Decken, einem warmen Mantel und heißer Schokolade gelaufen kommen und ihr genau erklären, wo sie waren und weshalb er sie hergebracht hatte. Dann würde sie ihm von ganzem Herzen danken können.
»Hallo!«, rief sie. »Ich bin …« Was war das richtige Wort? Wach? Lebendig? Fleischlich? Aber dass sie fleischlich war, wollte sie nicht hinausschreien. »Ich bin hier! Hier drüben! Hallo?«
Vergebens wartete sie auf Antwort. Es war beinahe still: Der Schnee fiel lautlos, und der Wind strich leise säuselnd durch die Zweige. Es kam ihr vor, als wäre sie das einzige Lebewesen im Wald. Aber das konnte nicht sein! Jemand hatte den Bann von ihr genommen – also, wo war er?
»Du hast es geschafft!«, rief sie. »Du hast mich gerettet! Juhu! Kannst du rauskommen, damit ich mich bei dir bedanken kann? Wirklich, ich bin dir sehr verbunden! Und ich friere gewaltig …«
Doch nichts geschah. Niemand kam.
Sie schlang die Arme um sich, aber das half nicht viel. Zögerlich tat sie einen Schritt nach vorn. Ihre Beine waren so unsicher wie die eines Rehkitzes, aber sie schlug nicht wieder hin. Ein weiterer Schritt, dann noch einer. Sie ging auf das Schimmern zu, das sie vorhin schon zwischen den Stämmen bemerkt hatte, denn überall sonst sah sie bloß Bäume und Schnee.
Wer sprach denn einen Erweckungszauber und wartete dann nicht, bis das Werk vollendet war? Verantwortungsloser Umgang mit Magie war das! Wenigstens einen Notizzettel hätte der Zauberer ihr anheften können: »Muss nur schnell was essen, bin gleich wieder da!« Oder ein Schild aufstellen, damit sie wusste, in welche Richtung sie gehen musste. Er hätte auch einfach einen Pfeil aus Kiefernzapfen oder Steinen legen können: Hier lang geht’s ins Warme! Das war doch wohl kaum zu viel verlangt.
Wollte er womöglich nicht, dass sie Unterschlupf fand?
Gehörte das hier etwa zu ihrer Strafe? Hatte sie nur nicht mitbekommen, dass dieser eisige Kiefernwald auf sie wartete? Möglich war es. Das Urteil hatte sie tief erschüttert … Nein, nicht das Urteil selbst, damit hatte sie gerechnet. Ihre Schuld ließ sich nicht leugnen. Es war die Schwere der Strafe gewesen, die sie unvorbereitet getroffen hatte. Alle waren überrascht gewesen. Terlu dachte an Rijes Velk, die für Milde plädiert hatte – ohne Erfolg. Wie hatte der Richter gesagt? Sie hatte ein Exempel sein sollen. Daher hatte man sie verholzt. Konnte man das sagen? Oder war verfestigt das richtige Verb? Statuisiert vielleicht? Ihr fehlte das Wort für den Vorgang, und das störte sie ungemein. Wenn man jemandem etwas antun wollte, sollte es doch wenigstens ein Wort dafür geben, ein ordentliches Verb! Musste man erst weit ausholen, um die Sache zu beschreiben, dann ließ man es vielleicht lieber ganz.
Der Schnee wurde dichter und stob so sehr, dass sie schützend einen Arm vors Gesicht halten musste, damit ihr die Flocken nicht in die Augen flogen. Sie sank bis zu den Knöcheln ein, stapfte mühsam vorwärts. Die Kiefern standen dicht beisammen und zerkratzten ihr mit ihren nadeligen Zweigen die nackten Arme.
Als sie sich unter einem größeren Ast hindurchducken wollte, stieß sie ungeschickt mit dem Rücken dagegen, und ein Armvoll Schnee fiel ihr ins Genick. Sie quietschte und stolperte vorwärts, war jedoch noch nicht in der Verfassung, schnell auf irgendetwas zu reagieren. Sie stürzte auf die Knie. Vor Schmerz entfuhr ihr der Atem, und Tränen schossen ihr in die Augen.
»Hallo? Ist da irgendwer? Bitte! Ich brauche Hilfe!«
Der Schnee umwirbelte sie gleichmütig.
Mit zusammengebissenen Zähnen kämpfte sie sich hoch und taumelte weiter. Den nächsten schweren Zweig schob sie beiseite und passte diesmal gut auf, dass er seine Schneelast nicht auf sie entlud. Dahinter tat sich eine Lichtung auf.
Vor sich im Schneegestöber sah sie … ein Fenster. Viele Fenster! Eine ganze Fensterwand, die einzelnen Scheiben umrankt von kunstvoll geschmiedetem schwarzem Eisen. Sie hob den Blick. Das Gebäude war riesig! Weit oben glaubte sie, eine verschneite Kuppel auszumachen.
Sie wankte vorwärts, bis sie die Hände gegen das Glas drücken konnte. Kühl war es, aber nicht vereist. Es wirkte trüb, wie von innen beschlagen. Da drinnen ist es warm, begriff sie. Wunderbar warm! Durch das vernebelte Glas sah sie nur Schemen. Und … Grün? Das Gebäude schien voller Pflanzen zu sein.
Ein Gewächshaus … Mitten im Wald! Es musste jemandem gehören, auch wenn sie kein Licht sah. Wenn sie den Besitzer ausfindig machen könnte, würde sie dann zugleich ihrem Retter gegenüberstehen?
Nicht dass er groß zum Retter taugte! Schließlich hatte er sie einfach in der Kälte alleingelassen. Trotzdem würde sie ihm verzeihen – er musste ihr nur öffnen. Dann ist sofort alles vergeben und vergessen! Immerhin hatte er sie wieder zu einem Menschen gemacht. Sie klopfte ans Glas. »Hallo!«, rief sie. »Ich bin hier draußen! Bitte lass mich rein.«
Sie ging an der Wand entlang und klopfte dabei die ganze Zeit. Es musste doch eine Tür geben! Oder wenigstens ein Fenster, das sie aufdrücken konnte. Vielleicht könnte ich eins einschlagen … Aber dann würde auch die Winterkälte ins Gewächshaus gelangen. Und was würde der Besitzer davon halten?
Hätte er sie nicht sich selbst überlassen, müsste sie jetzt auch nicht zu verzweifelten Maßnahmen greifen!
Trotzdem würde sie lieber darauf verzichten. Es war ja wirklich keine Art! Und sie war nicht einmal sicher, ob sie Erfolg haben würde. Das Glas war dick, und sie fühlte sich so elend … Hatte sie überhaupt noch genug Kraft?
Das mache ich nur, wenn mir gar nichts anderes übrigbleibt.
Die Fensterwand wollte kein Ende nehmen. Weit konnte Terlu nicht sehen in dem Schneetreiben. Ihre Füße in den dünnen Bibliotheksschühchen schienen bei jedem Schritt tiefer einzusinken. Sie spürte ihre Zehen nicht mehr und ebenso wenig ihre Fingerspitzen. Hatte sie Erfrierungen? Noch nie zuvor war ihr so kalt gewesen. Auf ihrer Heimatinsel Eano war die Gefahr deutlich größer, sich einen Sonnenbrand zuzuziehen. Als Kind war sie immer barfuß durch den warmen Sand gelaufen, um ihre Cousins und Cousinen zu besuchen, und noch bei Sonnenuntergang hatte sie im Meer gebadet. Im Hochsommer konnte man auf Eano Muscheln backen, indem man sie auf Steine legte, und man musste viel trinken, sonst zog man den Zorn der Großväter auf sich, die an jeder Straßenecke Guaven- und wässrigen Honigbeerensaft verteilten. Jetzt schmeckte Terlu die Honigbeeren beinahe auf der Zunge. Ach! Das erinnerte sie an die Sommersonnenwende, wenn die Häuser mit Blumen geschmückt wurden und es auf der ganzen Insel nach Schokolade, Zimt und Zitrusfrüchten duftete! Alles wetteiferte darum, die köstlichsten Gebäckstücke für das Festessen zu backen …
Endlich bog sie um die Ecke des Gebäudes und sah – noch mehr Glas.
Ich muss da rein. Wenn ich noch länger hier draußen bleibe, verwandele ich mich wieder in eine Statue … Aber dieses Mal eine aus Eis. Wäre das eine ironische Wendung oder einfach bloß erbärmlich? Sie lachte, aber es klang ein wenig schrill.
Einen Stein würde sie brauchen! Oder einen kräftigen Ast … Suchend schaute sie sich um. Der Schnee hatte alles unter sich begraben, aber schließlich entdeckte sie einen abgebrochenen Kiefernzweig, der aus der weißen Decke hervorragte. Er war noch klebrig vom Harz. Sie schleppte ihn zur Fensterwand und begutachtete sie. In der Mitte waren die Scheiben sicher am zerbrechlichsten.
»Es tut mir leid«, sagte sie zu ihrem unbekannten Gastgeber. »Wirklich. Ich räume wieder auf, das verspreche ich!«
Dann schwang sie den Ast gegen das Glas.
Volltreffer! Sie spürte die Erschütterung in den Armen, aber die Scheibe zerbrach nicht. Kurz musste sie verschnaufen. Sie fühlte sich, als hätte sie ewig keinen Muskel gerührt – was ja auch der Fall war. Erneut wuchtete sie den Ast in die Höhe und versuchte es noch einmal.
Vergebens. Nichts blieb zurück – keine Delle, kein Kratzer.
Wieder und wieder hieb sie auf das Fenster ein, doch irgendwann hielt sie keuchend inne. Entweder war sie nicht stark genug, oder das Glas war kein echtes Glas, sondern in Wahrheit etwas anderes. Vielleicht war es auch verzaubert. Die Fenster des Kaiserpalastes in Alyssium waren es, das wusste Terlu. Und es hieß, wenn der Kaiser die ärmeren Viertel der Stadt besuchte, reiste er in einer Kutsche ganz aus unzerbrechlichem Glas. Vielleicht war das Gewächshaus mit einem solchen Spruch belegt worden. Das würde bedeuten … Ich brauche mich gar nicht weiter anzustrengen.
Sie ließ den Ast fallen und sackte gegen die Wand. Also blieb ihr nur, weiter nach einer Tür zu suchen. Sie musste weitergehen. Vielleicht nach einer klitzekleinen Pause …
Nein! Bleib in Bewegung.
Ihr war nicht mehr so kalt. Das mochte daran liegen, dass mittlerweile beinahe ihr ganzer Körper gefühllos war … Sie zwang sich, weiter durch den Schnee zu stapfen. Eine Hand zog sie über das Glas. Hätte sie das nicht getan, hätte sie nichts bemerkt.
In der Mitte der langen Fensterwand strichen ihre tauben Finger plötzlich über eine Klinke. Schwankend blieb sie stehen und starrte. Es dauerte eine Weile, bis sie vollends begriff, was sie sah.
Eine Tür!
Das war wirklich und wahrhaftig eine Tür!
»Geh auf, geh auf!«, flehte sie und drückte mühsam mit beiden Händen die Klinke nieder. Die Tür schwang nach innen, und Terlu stolperte hindurch. Sie sah nichts als sattes Grün. Ein Schwall Wärme schlug ihr entgegen. Sie drückte die Tür wieder zu und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. Nach einem Augenblick begannen ihre Finger und Zehen zu stechen. Sie sank an der Tür hinab, setzte sich auf den warmen Kies. Hinter ihr wirbelte der Winterwind Schneeflocken vorbei. Sie hauchte sich die Finger an und rieb sie, bis der Schmerz nachließ. Dabei staunte sie das Sommergrün vor sich an.
»Wahnsinn!«, flüsterte sie.
Im Gewächshaus roch es nach feuchter Erde und unzähligen Blumen. Es war der Duft einer vollkommenen Sommernacht, wenn die Zikaden den Tenor über den Bass der Ochsenfrösche singen und der Mond rund und groß eine reiche Ernte verspricht. Bloß war kein Mond zu sehen, es war still, und der Schnee fiel lautlos auf die gläserne Kuppel. Ihre Analogie mochte ein wenig hinken; sie fand aber dennoch, dass es im Gewächshaus wundervoll roch.
Sie rappelte sich auf. Kies hing an ihren durchweichten Kleidern und klebte ihr an der nassen Haut. Sie klopfte sich ab und nahm dann ihre Hände in Augenschein. Die lavendelblaue Haut war von der Kälte gerötet, aber weiße Stellen sah sie keine. Die Finger taten kaum noch weh. Versuchsweise wackelte sie mit den Zehen, und auch die fühlten sich deutlich besser an. Ich bin nicht erfroren! Hurra!
»Hallo?«, rief sie. »Ist jemand hier?«
Die dichte Vegetation verschluckte ihre Stimme.
Sie folgte einem Kiespfad zwischen den Pflanzen hindurch. Noch nie hatte sie eine solche Überfülle gesehen! Rankengewächse kletterten an Säulen empor, üppige Büsche mit elefantenohrgroßen Blättern säumten den Pfad, und Bäume mit spindeldürren Stämmchen und Kronen aus farnkrautähnlichen Blättern ragten hoch auf. Inmitten des Grüns erspähte sie Blumen: glänzende rote Kelche mit leuchtenden gelben Staubgefäßen, weiße Blütentrauben und gelb-orange gestreifte Lilien. Bald hatte sie die Fensterwände vollkommen aus den Augen verloren. Nur wenn sie den Kopf in den Nacken legte, sah sie durch die Glaskuppel noch die Außenwelt. Zumindest sah sie weiß. Aber ob das nun der Schnee oder die Farbe des Himmels war, konnte sie nicht sagen.
Nur das Knirschen ihrer Schritte im Kies und das Quatschen ihrer durchweichten Schuhe war zu hören. Immer wenn der nasse Stoff ihres Kleids ihre Haut berührte, schauderte sie. Allerdings war die Temperatur hier drinnen viel höher; ihre Sachen würden sicher schnell trocknen.
Es wurde wärmer, je näher sie dem Herzen des Gewächshauses kam. Der Grund dafür war ein weißer Porzellanofen in Form eines Schneckenhauses, über dem die Luft waberte. Ringsum lief eine blau gekachelte Bank. Terlu fegte ein paar welke Blätter hinunter und setzte sich. Mit einem glücklichen Seufzen rückte sie näher an das Schneckenhaus.
Weder konnte sie eine Klappe entdecken, durch die man Holz hätte nachlegen können, noch roch sie Rauch. Ein magischer Ofen! Ungewöhnlich, aber unmöglich wohl nicht. Ha, eindeutig nicht unmöglich, denn er stand ja vor ihr!
Sie könnte sich auf der Bank zusammenrollen und schlafen. Zugegeben, ein paar Kissen wären schön … Und die Bank müsste mal richtig sauber gemacht werden. Sie war ziemlich staubig, und es lag noch mehr gefallenes Laub darauf und daneben. Anscheinend hatte hier lange niemand mehr gesessen. Ihr Blick wanderte über die wuchernden Pflanzen. Wann war das letzte Mal jemand vorbeigekommen?
Ihr wurde unwohl zumute.
Dieses riesige Gebäude konnte doch nicht völlig menschenleer sein, oder?
Terlu war keine Gärtnerin, aber sogar sie erkannte, dass die Büsche, Bäume und Kletterpflanzen verwildert waren. Die Vegetation war nahezu undurchdringlich, ein Flechtwerk voller Knoten, das allen verfügbaren Platz ausfüllte.
Was, wenn niemand hier ist? Wenn ich ganz allein bin?
Die Angst würgte sie. Ihr Herz jagte, und sie schnappte nach Luft. So lange hatte sie kein Gespräch mehr geführt, hatte nicht einmal Hallo zu jemandem sagen können … Niemanden berühren. Nie berührt werden. Und nun sollte sie ganz verlassen sein? Das kann nicht sein! Das Gewächshaus hatten sie vielleicht aufgegeben, aber jemand musste sie doch aufgeweckt …
»Rrrrau?«
Ein geflügelter Kater kam über die blau gekachelte Bank auf sie zugeschritten. Er musste hinter dem Ofen gelegen haben. Die leuchtend smaragdgrünen Schwingen hatte er auf dem Rücken gefaltet. Sein Fell war grau, und er hatte bernsteingelbe Augen. Bei ihr blieb er stehen und betrachtete sie.
»Guten Tag«, brachte sie hervor. »Was bist du für ein Schöner!«
Mit dieser Begrüßung schien der Kater einverstanden zu sein. Ohne Umstände stieg er auf ihren Schoß, knetete mit den Vorderpfoten ihre Oberschenkel, drehte sich einmal um sich selbst und ließ sich dann nieder. Kurz plusterten sich seine smaragdgrünen Federn auf, als er die Schultermuskeln entspannte.
»Oh, ah … Mach es dir nur bequem!«, sagte Terlu, bezaubert von seiner unerwarteten Huld. Sanft kraulte sie ihn zwischen den Ohren. Die schreckliche lähmende Furcht wich. Langsam beruhigte sich ihr Herz, und sie konnte wieder freier atmen. Sie fühlte sich nicht mehr, als könnte sie jeden Augenblick in tausend Stücke zerspringen. Das Fell des Katers war wie Seide. Sie lächelte, als er den Kopf schräg legte, damit sie besser an Wange und Hals herankam. »Sehr erfreut! Ich dachte schon, ich wäre ganz allein hier …«
Er schnurrte.