Kapitel 23 - The Enchanted Greenhouse - Ein Schimmer der Hoffnung
By Sarah Beth Durst
Terlu führte Yarrows Familie zum Turm des Zauberers. Eins der Fenster sah aus, als wäre es von innen zugewachsen: Die Pflanzen beobachteten sie. Sie winkte ihnen und hoffte, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte.
Sofort verschwand das viele Grün außer Sicht.
Einen Augenblick später flog die Tür auf, und die sprechenden Pflanzen quollen heraus.
Jetzt sah sie die Art von Wiedersehensfreude, die sie Yarrow und seiner Familie gewünscht hatte. Die Flora umschwärmte die Gärtner, Umarmungen wurden ausgetauscht, es wurde gelacht und gerufen. Dendy kletterte an Yarrows Vater hoch, und die beiden unterhielten sich angeregt. Calla Viria lachte laut mit Onkel Rorick. Der kleine Epu stupste Risa mit einem dicklichen Zeigefinger an, und sif wand sich um ihn wie eine Königsschlange. Epu gluckste. Terlu beobachtete das alles mit Erleichterung. Vielleicht hatte sie ja doch etwas richtig gemacht.
Schließlich drängten Menschen wie Pflanzen in die Werkstatt. Es war eng, aber wenigstens warm. Rasch wurde Platz geschaffen: Die jüngeren Familienmitglieder rückten den Arbeitstisch an die Wand und stellten den Älteren die Hocker und den Schreibtischstuhl bereit. Auch Laikens Gerätschaften wurden beiseitegeräumt. Zum Glück hatte Terlu die Aufzeichnungen, die sie am dringendsten brauchte, schon mit ins Cottage genommen. Die übrigen Tagebücher standen geordnet in den Regalen. Auf dem Tisch gab es nur noch zwei oder drei Stapel, für die sich Yarrows Verwandte hoffentlich nicht interessieren würden.
»Morgen werfen wir gleich mal einen Blick auf unsere Cottages«, sagte Harvena, die ältere Frau, die Terlu wegen ihrer kleinen schwarzen Äuglein und der langen Beine ein wenig an einen Emu erinnerte. Sie schaute stets etwas finster drein – ganz ähnlich wie Yarrow. Vielleicht war der Gesichtsausdruck vererbbar?
»Ich kann’s kaum erwarten, dir mein Cottage zu zeigen!«, sagte Yarrows Schwester zu ihrer Frau. Rowan und Ambrel, wiederholte Terlu im Geist. Und Yarrows und Rowans Vater hieß Birch. Dann gab es noch Vix, Rin, Finnel, Ubri … Stumm ging sie alle Namen durch.
»Wenn es noch steht«, fuhr Rowan fort. »Dafür gibt es leider keine Garantie.«
Eine kleine Abordnung trabte die Stiege hoch, um sich Laikens Schlafzimmer näher anzuschauen. Einige könnten oben schlafen und der Rest hier unten. Es wäre ziemlich eng, würde aber schon gehen, zumindest solange sich niemand an der unheimlichen Atmosphäre in Laikens Schlafzimmer störte. Und die würde sich vielleicht sogar verflüchtigen, jetzt, da so viel Leben auf der Insel Einzug hielt. Hoffentlich hielt der Abort dem Ansturm stand. Im Bad funktionierte alles, sie hatte es oft genug benutzt. Aber es gab nicht genug Handtücher oder Seife für …
»Wir kommen schon zurecht.« Birch stand auf seinen Stock gestützt neben ihr und schaute sich in der Werkstatt des verstorbenen Zauberers um. Merkte man ihr an, dass die Situation ihr Kopfzerbrechen bereitete? Es musste wohl so sein, wenn er es für nötig hielt, sie zu beruhigen. »Würden wir großen Wert auf Annehmlichkeiten legen, hätten wir uns vorher angekündigt«, fügte er hinzu.
»Weshalb habt ihr das eigentlich nicht gemacht?« Sie lächelte, damit er sich nicht angegriffen fühlte. »Versteh mich nicht falsch, es ist absolut in Ordnung so. Ihr seid willkommen. Aber wir hätten etwas zu essen vorbereiten können. Schlafplätze organisieren.« Sie war nicht ganz sicher, wie sie die Zeit dazu hätten finden sollen – immerhin hatten sie alle Hände voll damit zu tun gehabt, die sprechenden Pflanzen zu wecken und das sterbende Gewächshaus zu evakuieren. Aber sie hätten es wenigstens versuchen können.
»Ein paar von uns wollten Yarrow erst antworten, aber ich war dagegen. Ich wollte nicht riskieren, dass er seine Meinung ändert und die Einladung zurückzieht – und das hätte er getan, wenn er erfahren hätte, dass ich auch mitkomme.«
»Wieso hätte er das denn tun sollen? Du bist doch sein Vater, und er liebt dich!« Außerdem brauchte Yarrow Hilfe.
Birch seufzte und klang dabei genau wie Yarrow. Selbst ohne die große Ähnlichkeit hätte Terlu sie mühelos als Verwandte erkannt. Gut, Birchs buschiges Haar war grau, nicht schwarz-golden wie das seiner Kinder. Seine Brauen waren sogar noch buschiger als Yarrows – zwei haarige Raupen, die auf seiner Stirn ein Nickerchen hielten. Seine tiefgründigen Augen glichen Yarrows, allerdings zeigten sich bei ihm mehr Bernsteinflecken im Grün. Seine Haut war ebenso golden wie Yarrows. Waren die beiden Männer sich innerlich so ähnlich wie äußerlich? Wie viel war dann zwischen ihnen wohl ungesagt geblieben?
»Er war nicht einverstanden damit, dass ich gegangen bin«, sagte Birch.
»Aber du warst doch krank! Das hat er selbst gesagt. Du musstest Belde verlassen.«
»Die Umstände waren … nicht ideal. Ich wollte ihn zwingen, mich zu begleiten. Ich dachte, es sei nicht gut für ihn, ganz allein auf einer verlassenen Insel zu bleiben.«
Da gab Terlu ihm zwar recht, aber Zwang war keine Lösung. Stattdessen hätte Yarrows Vater zurückkommen sollen, sobald er hinreichend genesen war. Das sagte sie allerdings nicht. »Er musste sich um die Gewächshäuser kümmern.«
»Eben nicht! Er war nicht dazu verpflichtet.« Er gestikulierte mit dem Krückstock durch die Werkstatt. »Der Zauberer war bereits tot. Ich sah hier keine Zukunft.«
»Wäre er nicht geblieben, hätten die Gewächshäuser tatsächlich keine Zukunft gehabt.« Sie sprach schärfer als beabsichtigt. »Sie wären dem Untergang geweiht gewesen.«
»Genau dasselbe hat Yarrow damals auch gesagt!« Birch strahlte sie an, und sie erkannte Yarrows Lächeln wieder. »Ich verstehe, weshalb mein Sohn dich so mag.«
Gerade jetzt mochte er sie wahrscheinlich nicht besonders – immerhin hatte sie seine Verwandten hergeholt. Aber sie wollte nicht streiten, schon gar nicht mit einem Mann, der wie Yarrow lächelte. »Ohne ihn hätten die Pflanzen nicht überlebt. Seinetwegen geht es ihnen hervorragend! Er hat großartige Arbeit geleistet, vor allem wenn man bedenkt, wie es um die Gewächshäuser bestellt ist …«
»Eins nach dem anderen versagt.« Birch nickte. »Es war nur eine Frage der Zeit, bis auch das letzte keine Magie mehr haben würde. Deshalb wollte ich ja …« Wieder seufzte er. »Ich habe Yarrow gesagt, er soll sie sterben lassen.«
Er hatte die Stimme gesenkt. Trotzdem warf Terlu der nächsten Pflanze – Gänseblümchen Cyna – einen besorgten Blick zu. Sie schien jedoch nichts gehört zu haben, sondern plapperte fröhlich auf einen von Yarrows Cousins ein, während das Distel zufrieden nickte.
»Ich wusste ja nicht … Ich hatte nicht die geringste Ahnung, dass die sprechenden Pflanzen nur schlafen könnten. Ich dachte, sie seien gestorben, und wir lebten auf einem Friedhof. Ich sah keinen Sinn mehr darin, auf Belde zu bleiben. Aber Yarrow … war anderer Meinung. Wir haben uns nicht im Guten getrennt.«
»Und dann kam sein Brief.« Nun begriff sie. Yarrow hatte nur zugestimmt, dass sie seiner Familie schrieb, weil er die Gewächshäuser retten wollte. Er hatte nicht die Erwartung gehabt, seinen Vater wiederzusehen und sich mit ihm auszusöhnen, hatte es auch gar nicht gewollt. Bloß um die Pflanzen war es ihm gegangen. Doch Birch hatte mehr in den Brief hineingelesen. Sich mehr erhofft. »Das Problem mit den Gewächshäusern besteht weiterhin, aber wir hoffen, dass wir den Prozess aufhalten können.«
»Vielleicht habe ich zu schnell aufgegeben«, sagte Birch.
Ein Funke Einsicht? Terlu hatte Zweifel. Du bist wohl eher hier, weil du alles verloren hast, und das hier ist dein letzter Hoffnungsschimmer, dachte Terlu. Aber das behielt sie für sich. Sie kannte das Gefühl ja selbst. Am liebsten hätte sie alle Flüchtlinge umarmt. »Habt ihr schon was gegessen? Ich könnte mal schauen, was sich auftreiben lässt …«
Die Frau mit den Blumen-Tätowierungen auf den Wangen – Tante Rin – mischte sich ein. »Wir haben genug Proviant für ein paar Tage dabei. Aber mach dir keine Gedanken, meine Liebe: Wir sind harte Arbeit gewohnt. Die Gewächshäuser werden in kürzester Zeit wieder Gemüse abwerfen!«
Das Gemüse wuchs dank Yarrow hervorragend, dabei brauchte er keine Hilfe. Terlu war ein wenig unbehaglich zumute. Es würde ihm gar nicht gefallen, wenn seine Verwandten sich überall breitmachten. Andererseits konnte er es alleine nicht schaffen; der Verlust des tropischen Gewächshauses war der beste Beweis. Ach, es wird schon werden!
»Birch, kannst du mir mit dem Feuer helfen?«, rief Tante Harvena.
Er hinkte durch die Werkstatt zu ihr. Rowan hockte bereits vor dem Herd, die Hände voller Anmachholz. »Aber ich weiß doch, wie’s geht!«, protestierte sie.
»Kann ja sein, aber du bist ein wandelndes Desaster«, sagte Harvena. »Birch?«
Rowan schimpfte; ihre Frau Ambrel lachte und erzählte Harvena, wie Rowan einmal daran gescheitert war, Wasser für Tee zu kochen. Nun lachte auch Harvena herzhaft. Onkel Rorick packte prompt eine Geschichte über die kleine Rowan aus, die noch nicht gewusst hatte, dass man Muschelschalen und Schneckenhäuser nicht essen konnte …
»Ich komme wieder vorbei!«, versprach Terlu, aber weder die Menschen noch die Pflanzen hörten ihr noch zu. Geschäftig und gut gelaunt holten sie ihre Besitztümer in den Turm und schlugen ihr Nachtlager auf. Einige waren bereits losgezogen, um sich ein Bild vom Zustand der Cottages zu machen.
Sie hatte den Eindruck, dass sie kein großes Mitspracherecht hatte – genauso wenig wie Yarrow. Seine Verwandten waren bereits dabei, sich häuslich einzurichten.
Hoffentlich hatten sie keinen Fehler gemacht.
Als sie Yarrows Cottage erreichte, war die Tür verriegelt. Sie klopfte an.
»Wer ist da?«, rief er.
»Ich bin’s, Terlu.«
»Und wer noch?«
»Ich bin allein!«
Sie hörte, wie er seinen Stuhl zurückschob. Dann öffnete sich die Tür. Yarrow streckte den Kopf heraus, spähte die verschneite Straße entlang und trat dann beiseite. Sie schlüpfte an ihm vorbei und hängte ihren Mantel auf, während er die Tür wieder verriegelte.
»Es tut mir wirklich leid«, sagte sie. »Ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, dass die alle hier auftauchen!«
Sein Antwortschnauben vermittelte weniger »Ich glaube dir kein Wort«, sondern eher »Ich bin unglücklich mit der Situation«. Das ermutigte sie ein wenig. Vielleicht würde die Lage sich entspannen, wenn seine Verwandten richtig angekommen und in ihre Cottages gezogen waren? Hoffentlich brachten sie Laikens Papiere und Tagebücher nicht durcheinander. Die wichtigsten Sachen hatte Terlu zwar hier, aber vielleicht würde sie in den anderen Büchern noch etwas nachschlagen müssen.
Falls sie es überhaupt wagen konnte, weiterhin Magie zu wirken.
Jetzt waren deutlich mehr Blicke auf sie gerichtet. Konnte sie mit ihren Experimenten fortfahren, ohne Aufmerksamkeit zu erregen? Schlimm genug, dass die sprechenden Pflanzen wach waren und das Glas der Gewächshäuser magisch von Sprüngen befreiten. Vielleicht denken Yarrows Verwandte ja, Laiken habe den Pflanzen das Zaubern beigebracht. Oder es kümmerte sie nicht, dass Magie im Spiel war, solange die Gewächshäuser wieder in Ordnung kamen. Aber das waren alles Spekulationen.
»Sie können sonst nirgends hin«, sagte sie. Aus diesem Grund würden sie ihr Geheimnis hoffentlich bewahren, falls (wenn!) es ans Licht kam. Es wäre nicht in ihrem Interesse, kaiserliche Ermittler auf die Insel zu holen – sofern es überhaupt noch welche gab. Laut Marin und den Vertriebenen bestand das Kaiserreich nicht mehr. Was bedeutete das für die geltenden Gesetze und deren Vollstreckung? Wer hatte jetzt das Sagen, und was hielt derjenige von der unerlaubten Ausübung von Magie? Das musste sie bei Gelegenheit Yarrows Verwandte fragen, so beiläufig wie möglich. »Solange sie hier sind, weißt du wenigstens, dass es ihnen gut geht.«
»Sie tun so, als wären sie bloß nach Hause gekommen.« Yarrow ging zum Fenster und schaute misstrauisch nach draußen, als könnte jeden Moment einer seiner Verwandten hinter einem Baum hervorspringen. »Dabei sind sie alle abgehauen, ohne einen Blick zurückzuwerfen!«
Terlu hatte selbst einst Eano verlassen und war nie dorthin zurückgekehrt. Dennoch war die Insel ihre Heimat – zumindest die Heimat ihrer Kindheit – und würde immer einen Platz in ihrem Herzen haben, selbst wenn ihre Zukunft anderswo lag. Sie dachte an Ree, der auf Marins Schiff so glücklich war. »Du weißt nicht, wie ihnen damals zumute war oder wie sie sich jetzt fühlen. Sprich doch mal mit ihnen darüber.«
Er schnaubte wieder.
»Vergeben musst du ihnen ja nicht, aber wir könnten sie hier wirklich gut gebrauchen. Eine Familie aus lauter Gärtnern, die alle hier leben wollen, mehr als willens, mit Hand anzulegen? Das musst du ausnutzen!«
»Es ist bloß … Ich will nicht, dass sich irgendwas ändert.«
Sanft sagte sie: »Ich fürchte, dagegen können wir nicht viel tun.« So viele Leute waren von dem Segelschiff gestiegen, alle mit ihren eigenen Hoffnungen, Träumen und Plänen. Es gab kein Zurück. »Denk nur daran, dass wir keinen Kaiser mehr haben. Die ganze Welt hat sich verändert.« Die Frage war bloß, wie genau.
»Das kümmert mich nicht. Die anderen sollen machen, was sie wollen. Lass uns einfach weiter mit den Gewächshauszaubern experimentieren!« Er musste ihr die Bedenken angesehen haben, denn er fügte hinzu: »Es sei denn, du willst nicht … Du bist natürlich zu nichts verpflichtet …«
Sie versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Sie wollte ja gern weitermachen, aber konnte sie es wagen? Oder wäre es klüger, ein wenig abzuwarten? Doch wenn sie bloß Däumchen drehten, versagten womöglich weitere Gewächshäuser, und es war nicht abzusehen, wie viele. Was sie hier tat, war wichtig. Mehr noch: Es war das Richtige.
Aber würden die neuen Inselbewohner das genauso sehen?
»Wir sind nicht mehr allein mit den Pflanzen«, sagte sie.
»Wir könnten so tun, als ob«, erwiderte er. »Mit etwas Mühe können wir meiner Familie gänzlich aus dem Weg gehen, denke ich.«
Sie lachte.
Er lachte nicht mit.
»Warte mal … Du meinst es ernst! Das ist weder vernünftig noch praktisch durchführbar. Und selbst wenn wir das täten: Es könnten trotzdem kaiserliche Ermittler unterwegs sein, die nach Gesetzesbrechern im Allgemeinen fahnden und vielleicht sogar konkret nach mir. Wir wissen ja nicht, was die neue Regierung beschließt! Es muss sich nichts verbessert haben. Es könnte sogar alles noch schlimmer geworden sein.«
Er ergriff ihre Hände. »Ich würde nicht zulassen, dass sie dich mitnehmen.«
»Du könntest nichts dagegen tun.«
»Dann müssten sie einen extra breiten Sockel aufstellen.« Er trat dichter zu ihr, war nur noch eine Handbreit entfernt. »Ich lasse dich nämlich nicht los.«
Plötzlich fiel es ihr schwer zu schlucken. Heiße Tränen stiegen ihr in die Augen, und sie sah nur noch verschwommen. Diese Vorstellung war ja … Nun, schrecklich, aber auch poetisch, romantisch und seltsam tröstlich. Sie blinzelte heftig.
Yarrow schien etwas durchs Fenster gesehen zu haben, denn er ließ sie los, lief zur Tür und öffnete sie. Emeral kam hereinspaziert, den Schwanz hoch erhoben und die Flügel gefaltet.
Terlu fuhr sich mit der Hand über die Augen und riss sich zusammen. »Früher oder später musst du dich irgendwie mit ihnen verständigen«, sagte sie. Auf das Thema »Zauberei und Strafverfolgung« ging sie erst einmal nicht weiter ein. »Wenigstens um ihnen zu sagen, was in den Gewächshäusern getan werden muss.« Sonst würden sie sich selbst Aufgaben suchen, und das würde Yarrow vielleicht noch weniger gefallen. Besser, er sprach sich mit ihnen ab.
»Das wissen die schon selbst.« Yarrow goss Wasser für Emeral in ein Schälchen und bot ihm ein Stück Fisch an. Der Kater nahm die Gaben huldvoll an.
»Aber es sind deine Gewächshäuser!«
»Laikens Gewächshäuser.«
»Er ist gestorben, und seitdem kümmerst du dich um sie. Inzwischen müssten sie von Rechts wegen dir gehören.« Natürlich war es möglich, dass sich die Gesetzeslage mit dem Regierungswechsel geändert hatte, aber eigentlich müsste er Anspruch auf den Besitz haben. Er hatte so viel Blut, Schweiß und Tränen in die Gewächshäuser gesteckt.
»Ich rede später mit ihnen. Nicht jetzt. Mit einigen. Bei Bedarf.«
Sie betrachtete sein Gesicht: den angespannten Unterkiefer, die gerunzelte Stirn. Er fürchtet sich. »Dich irgendwie mit ihnen verständigen, habe ich gesagt. Du musst ja nicht unbedingt persönlich mit ihnen reden. Das kann ich übernehmen! Wenn du sie etwas wissen lassen willst, sei es über die Gewächshäuser, die Cottages oder die Insel – sag es einfach mir, und ich gebe es weiter.«
Er schaute sie mit großen Augen an. »Das würdest du tun?«
»Selbstverständlich!« Er würde sich mit mir zusammen in eine Statue verwandeln lassen. »Du musst dich nicht mit ihnen abgeben, wenn du das nicht möchtest.« Dachte er denn, sie würde darauf bestehen, dass er sich mit ihnen aussöhnte, obwohl er klargemacht hatte, dass er kein Interesse daran hatte? Es stimmte schon: Sie hatte darauf gedrängt, ihnen zu schreiben. Und nachdem nun der erste Schreck überstanden war, musste er wohl selbst zugeben, dass sie damit großen (wenn auch unerwartet komplizierten) Erfolg gehabt hatten. So viele Gärtner! Aber sie würde ihm nicht weiter zusetzen. Immerhin verstand sie nun ein kleines bisschen besser, wie er sich fühlte.
»Du überraschst mich immer wieder, Terlu Perna.«
Hoffentlich war das etwas Gutes. »Bestimmt kommt alles in Ordnung«, sagte sie und lächelte. Und warum auch nicht? Vielleicht hatten Yarrows Verwandte ja gar nichts dagegen, dass sie Magie beschwor. Und ihre Ängste hatten vielleicht auch nichts mit der Gegenwart zu tun, sondern wurzelten in ihrer Vergangenheit. Es war durchaus möglich, dass die alten Gesetze gegen Zauberei bereits nicht mehr galten. Dass nicht nur das Kaiserreich, sondern auch die Ermittlungsbehörde zerschlagen worden war. Vielleicht waren alle Verurteilten freigesprochen worden, und alles würde gut werden.
Yarrow ließ ein leises Beinahe-Lachen hören.
»Was ist?«
»Nichts trübt dein Licht. Man hat dich zu einem Schicksal schlimmer als der Tod verurteilt … Streite es nicht ab! So eine ungerechte Strafe! Du hast alles verloren, und nun hast du furchtbare Angst, dass dir das Gleiche wieder angetan wird. Und trotzdem öffnest du allen dein Herz! Wie machst du das?«
»Ähm …« Das hatte sie noch nie jemand gefragt. Sie hatte auch noch nie darüber nachgedacht. »Was wäre denn die Alternative?« Aber kaum waren die Worte heraus, wusste sie es schon: Das, was er getan hatte. Er war allein auf einer verlassenen Insel geblieben, um den Rest seines Lebens einer Aufgabe zu weihen, die alle anderen als verlorene Mühe betrachteten. »Na ja, ich … gehe wohl einfach lieber davon aus, dass sich alles zum Guten wendet. Auf das, was passiert, habe ich vielleicht keinen Einfluss. Auf meine Gefühle aber schon.«
»Darüber entscheidest du einfach selbst?«
Sie dachte darüber nach. »Ja.«
Er schüttelte den Kopf. »Da bin ich anders.«
»Das ist auch in Ordnung.«
»Hm.«
Sie wurden beide still. Er ging zur Anrichte und zerkleinerte zuerst einen Kürbis, dann Tomaten. Eine Weile lang sah sie zu, wie er akkurate, schmale Scheiben schnitt, dann kümmerte sie sich um das Feuer. Als es hell brannte, griff sie nach dem Besen.
»Du sagst ja gar nichts«, stellte Yarrow fest.
»Ich dachte, du brauchst vielleicht ein bisschen Ruhe.«
»Oh! Das … Ja.« Er klang so erleichtert, dass sie lächeln musste.
Und so schwiegen sie. Er kochte, und sie fegte aus. Dann aßen sie und machten sich bettfertig, alles ohne ein Wort. Ob seine Verwandten sich im Turm des Zauberers hatten arrangieren können? Konnten sie schlafen? Hoffentlich hatten sie keine Albträume … Immerhin war ihnen das Leben, das sie sich in Alyssium aufgebaut hatten, gewaltsam wieder entrissen worden.
Erst als die Lichter gelöscht waren, das Feuer niedrig brannte und Terlu in ihr Bett steigen wollte, sprach Yarrow wieder. »Zusammen ist es wärmer.«
»Das stimmt.«
Sie schlüpfte zu ihm ins Bett, und er deckte sie gut zu.
»Es soll nicht heißen, dass …«, begann er.
»Wir schlafen einfach«, sagte sie.
Kurz war er still. Dann sagte er: »Danke«, schlang den Arm um ihre Taille und zog sie an sich.
Draußen war es ebenfalls still. Nur eine Eule rief leise.