Kapitel 25 - The Enchanted Greenhouse - Ein Schimmer der Hoffnung
By Sarah Beth Durst
Terlu brauchte beinahe eine Stunde, um Yarrow zu finden. Es gelang ihr per Ausschlussverfahren: Wo würde er überall nicht sein? Natürlich nicht bei den Verwandten, die die Cottages renovierten. Auch nicht bei den sprechenden Pflanzen, die in einem der zerstörten Gewächshäuser die Sprünge im Glas schlossen. Nicht bei den kleinen Drachen im Sonnenblumenlabyrinth. Sie sah seinen Vater bei den Rosen, seinen Onkel bei den Orchideen und seinen Cousin bei den Tomaten – dort brauchte sie also nicht weiterzusuchen. Und ganz bestimmt musste sie nicht in Laikens Werkstatt nachschauen, wo sich noch mehr Verwandte, Familienfreunde und der Geist des verstorbenen Zauberers herumdrückten.
Sie entdeckte ihn schließlich in einem Gewächshaus voller Miniaturbäume in Tonschalen. Er beugte sich über einen kleinen Wacholder, den er mit einer winzigen silbernen Schere beschnitt. Obwohl er ganz vertieft schien, erschrak er nicht, als sie an seiner Seite auftauchte.
Schnipp.
Schnipp.
Schnipp.
»Bist zu gekommen, um mir zu sagen, dass ich bei meiner Familie sein sollte?«
»Willst du das denn?«
Schnipp. »Nein.«
Terlu setzte sich mit untergeschlagenen Beinen neben ihn und schaute ihm zu. Er arbeitete mit Präzision. Bestimmt wusste er genau, was er da tat, auch wenn sie nicht jeden Handgriff verstand.
»Deine Schwester hat ihrer Frau und mir die Traumblumen gezeigt.«
»Aha. Und haben dir deine Träume gefallen?«
»Ich hab es nicht ausprobiert.«
Da schaute er auf. »Wieso nicht? Die Sache ist harmlos.«
Weil du nicht da warst, wollte sie sagen, verbiss es sich aber. Sie hatte keine Ahnung, wie er darauf reagiert hätte. Also zuckte sie nur mit den Schultern.
»Laiken hat sie für uns Kinder erschaffen. So waren wir beschäftigt, wenn die Erwachsenen arbeiten mussten.«
»Wie nett von ihm.«
Yarrow verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln. »Nett gemeint war das nicht. Seiner Ansicht nach waren Kinder eine Ablenkung für die Gärtner und eine Gefahr für die Pflanzen. Er wollte uns bloß aus dem Weg haben.«
»Vielleicht wollte er ja nett sein, wusste aber nicht wie.« Dendy hatte ihr doch erzählt, dass Laiken seine Tochter Ria verloren hatte. Ob das seinen Blick auf Kinder beeinflusst hatte? Natürlich war das keine Entschuldigung – aber es könnte eine Erklärung sein.
Yarrow schnaubte. Er ging weiter zu einer kleinen Kiefer, begutachtete sie und stutzte dann behutsam ihre winzigen Zweige. Was herabfiel, kehrte er sorgsam aus der Schale.
»Spukt Laikens Geist wirklich oben im Turm? Das sagt deine Schwester.«
Wieder unterbrach er seine Arbeit. »Hm. Das hatte ich fast vergessen. Ja, ich glaube schon. Aber das ist nur die Bitterkeit, nicht sein Bewusstsein. Nachdem die ersten Gewächshäuser versagt hatten, bin ich hingegangen und habe ihn angebrüllt. Aber er hat nur gestöhnt.«
»Wie konntest du einen Geist vergessen?« Terlus Ansicht nach war das eine Sache, die er unbedingt hätte erwähnen sollen – spätestens, als sie angefangen hatten, mehr Zeit in der Werkstatt zu verbringen. So etwas erzählte man gleich, wenn man die Leute das erste Mal herumführte! Oder machte zumindest eine Randbemerkung.
»Er hat bloß sein Bedauern zurückgelassen. Das ist zu nichts nütze, schadet aber auch nichts.« Er drehte die Schale mit der Kiefer darin und betrachtete sie aus einem anderen Winkel. »Aber ich hätte dir davon erzählen sollen. Und dir die Traumblumen zeigen.«
»Das ist schon in Ordnung. Du hast viel zu tun …«
Plötzlich erhob er sich, steckte die Schere ein und hielt ihr die Hand hin. »Dafür zeige ich dir … Ich meine, wenn du willst … Möchtest du ein weiteres Wunder der Gewächshäuser sehen?«
Sie ergriff seine Hand und ließ sich aufhelfen. Ihr Lächeln musste so hell strahlen wie die Sonne. »Ich möchte alles sehen, was du mir zeigen willst.«
»Hat schon mal jemand eine Karte aller Gewächshäuser angefertigt?«, fragte Terlu, als Yarrow sie durch ein Haus nach dem anderen führte. Sie kamen an Tulpen und Narzissen vorbei, an Weinstöcken, an Tümpeln mit Seerosen. Im Seerosenhaus hingen Blumen von den Dachsparren, die an Fische erinnerten. Zwischen ihnen tummelten sich silbrige Elritzen, als wäre hier alles unter Wasser. Ein ganzer Schwarm schoss im Zickzack dahin; die kleinen Fische wechselten die Richtung wie ein einziges Lebewesen.
»Wir haben nie eine gebraucht«, erwiderte Yarrow.
»Vielleicht sollte ich das übernehmen.« Sie fügte die Karte ihrer Aufgabenliste hinzu. Zuerst musste sie jedoch alle Zauber zusammenklauben, um die Gewächshäuser zu retten. Sie durchquerten ein Haus mit einem Baum, der einer Weide glich. Zwischen den hängenden Zweigen erspähte Terlu glühende Kugeln. Ein süßer, flüchtiger Duft hing in der Luft – wie ein lang vergangener Sommertag, dessen man sich kaum noch entsann. Sie atmete tief ein. Über ihnen kreiste ein Vogel, löste sich in Rauch auf und erschien erneut. War er eins von Laikens Experimenten? Oder einfach ein magischer Vogel, angelockt von den vielen Zaubern? Hätte sie doch die Zeit, die Geschöpfe hier genau zu studieren! »Eine Karte und eine Liste aller Arten, die hier leben! Das könnte auch unseren Neuankömmlingen zugutekommen.«
»Die bleiben nicht.«
»Ach nein? Haben sie dir das so gesagt?« Sie wusste genau, dass er noch nicht mit ihnen gesprochen hatte.
Er hielt ihr wieder eine Tür auf.
Sie betrat ein Haus, in dem Reihen hoher Gräser standen, die weiß blühten. Es roch nach … »Knoblauch?« Sie lächelte Yarrow an. Sie hatte sich gewünscht, ihn wachsen zu sehen, und er wusste es noch.
Das Haus war riesig. So viel Knoblauch!
»Was für ein angenehmer Geruch … Ich habe ihn mir überwältigend vorgestellt.« Terlu trat zwischen zwei Reihen. Jede Pflanze war sorgfältig gesetzt – liebevoll.
»Wenn man die Zwiebeln erhitzt, wird das Aroma schärfer.«
»Danke, dass du mir das zeigst.« Es war ja vielleicht nur Knoblauch – keine diamantenen Libellen, laubbewachsenen Mäuse, winzigen Drachen oder schillernden Schmetterlinge. Aber dieses Haus bedeutete ihm offenkundig viel. Und er wollte, dass sie es sah.
»Das war noch nicht alles.« Er bot ihr seine Hand an. Zusammen gingen sie zwischen den Knoblauchfeldern dahin. »Meine Verwandten müssen mir nicht sagen, dass sie wieder fortgehen werden. Ich kenne sie doch. Sie wollen nicht auf Belde leben.«
»Sie bleiben.«
Yarrow machte vor einer schwarzen Tür halt. »Schließ die Augen.«
Das tat sie. »Sie bleiben, weil sie nirgends sonst hinkönnen. Und deine Schwester scheint sich wirklich darüber zu freuen, wieder hier zu sein. Ich glaube, deine Familie hat die Insel vermisst. Und dich auch.«
Er schnaubte.
Sie lachte. »Weißt du, es ist keinesfalls unmöglich, dass dich mal jemand mag!« Kaum hatte sie es gesagt, wünschte sie, ihre Augen wären offen. Sie hätte gern seinen Gesichtsausdruck gesehen. Er sagte nichts, sondern zog sie nur weiter.
Im nächsten Gewächshaus war es kühler, aber nicht kalt. Sie atmete tief ein. Der schwere süße Duft vertrauter Blumen schwängerte die Luft. Flieder? Und Rosen? Und … Sie schnupperte und nahm noch andere Noten wahr, die sie aber nicht identifizieren konnte. »Darf ich jetzt gucken?«
»Ja.« Er stand so dicht bei ihr, dass sein Atem über ihr Ohr strich. Sie erzitterte. Beinahe spürte sie seine Körperwärme, und unwillkürlich lehnte sie sich zurück, seiner Stimme entgegen. Sein Hemd strich über ihren Rücken, so gering war der Abstand zwischen ihnen.
Dann schlug sie die Augen auf – und sah überall Sterne. Der Mund blieb ihr offen stehen.
Eine Galaxie breitete sich vor ihr aus.
»Es ist am spektakulärsten, wenn die Augen schon an die Dunkelheit gewöhnt sind«, erklärte er. »Deshalb wollte ich, dass du sie zumachst. Damit du gleich schon die Sterne zwischen den Sternen erkennst.«
»Sind das alles Blumen?« Sie streckte die Hand nach einem Sternbild aus.
»Biolumineszierende Blumen«, bestätigte er. Eine Blumensternschnuppe fiel über den Glashimmel. »Verzaubert natürlich, um die Leuchtkraft zu steigern.« Wieder nahm er ihre Hand, und sie spazierten durch das Gewächshaus. Der Weg schlängelte sich durch die Sterne, und wohin sie auch schaute, glitzerten und tanzten die Blumen. »Sie brauchen nicht viel Pflege, deshalb komme ich selten her. Aber manchmal brauche ich eine Erinnerung daran, wie groß das Universum ist.«
»Es ist wunderschön hier.«
Zwischen den Lichtern sah sie die Ranken der Blumen. Bildeten sie eine Karte des Sternenhimmels über der Insel nach, oder entsprang diese Galaxie Laikens Fantasie?
»Wieso hat er dieses Haus geschaffen?«, fragte sie. »War es für seine Tochter?«
»Er hat es erst nach ihrem Tod hinzugefügt.«
»Eine Ehrung? Ein Abschied? Eine Entschuldigung?«
»Spielt es eine Rolle? Jetzt gehört es uns.«
Uns. Oha, meinte er etwa … Nein, selbstverständlich nicht! Er spricht von sich und den Pflanzen mit Bewusstsein. Oder von sich und seiner Familie. Sein Vater. Seine Schwester. Seine Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen. Die Menschen, die auf der Insel geboren und aufgewachsen waren und immer schon in den Gewächshäusern gearbeitet hatten. Sie waren Laikens Erben. Natürlich schloss er nicht sie mit ein, eine Frau ohne Verbindung zu ihm oder Belde. Sie war ja nicht einmal Gärtnerin! Jetzt war es ihr peinlich, dass sie auch nur einen Moment lang geglaubt hatte, er meinte sie.
»Möchtest du vielleicht noch das Meereshaus sehen?«
»Es gibt ein Meereshaus?«
»Das gefällt dir bestimmt. Vielleicht sogar noch besser als der Knoblauch.«
»Es gibt kaum was Besseres als Knoblauch!«
Er lächelte und führte sie weiter.
Meerespflanzen hatte er schon erwähnt, fiel ihr ein. Sie hatte nicht weiter nachgeforscht, wo in den Gewächshäusern sie wuchsen und wie. Vielleicht in Tümpeln wie die Seerosen? Salzwassertümpel? Aber sie fragte auch jetzt nicht. Sollte er sie ruhig überraschen!
Noch immer umschloss seine Hand ihre. Das war ein wunderbares Gefühl, ein bisschen, als wäre sie in eine warme Decke gehüllt. Er hatte Schwielen von der harten Arbeit, aber die Berührung war ganz zart. Hielt er ihre Hand ebenso gern wie sie seine? Sie hatte nicht einmal das Bedürfnis zu reden. Sie schlenderten durch ein Gewächshaus, das durchscheinenden blühenden Pflanzen gewidmet war, dann durch eins, in dem die Blumen alle paar Augenblicke Blütenblätter in die Luft spien wie winzige Feuerwerke. Blütenblätter bedeckten den Boden, und es roch betäubend nach überreifen Pflaumen.
Als sie die nächste Tür erreichten, sah sie durch das Glas schimmerndes Blau. Konnte das Wasser sein? »Mit Meereshaus meintest du doch nicht etwa …«
Er öffnete die Tür.
Ein gläserner Tunnel führte ins tiefste Blau hinein.
»Oh! Große Güte. Also doch!«
Zusammen traten sie ein. Der gläserne Gang war von Meerwasser umgeben. Sie legte den Kopf in den Nacken und sah sanft wogenden Seetang mit endlos langen Wedeln, durch den Fische schwammen. Strahlend blau, silbrig und golden blitzten ihre Schuppen auf.
Der Boden war mit Sand bedeckt. Im Gang war er trocken, doch auf der anderen Seite des Glases strotzte er von Leben, Flora wie Fauna. Terlu bestaunte Gräser, Korallen und Anemonen. Eine hellblaue Krabbe flitzte über einen Stein und außer Sicht.
»Verstehst du jetzt, wieso ich Belde nicht verlassen konnte?« Yarrow sprach gedämpft, sogar andächtig. »Hinter jeder Tür offenbaren sich neue Wunder.«
»Ich wüsste nicht, wie irgendjemand das alles hinter sich zurücklassen könnte!« Ehrfurchsvoll schaute sie sich um. Es konnte nicht leicht gewesen sein, ein solches magisches Meisterwerk zu vollbringen. Laiken hatte ein Stückchen Ozean eingefangen! Wie hatte er das nur bewerkstelligt? Und wie lange würde die Sache noch gut gehen? Wenn in diesem Haus das Glas zersprang … So weit durfte es nicht kommen. Sie musste die Zauber vorher in den Griff kriegen. »Wir müssen die Gewächshäuser unbedingt retten!«
Er drückte ihre Hand.
Sie bewunderte den prächtigen Seetang. »Wie gärtnerst du da drin?«
»Komm mit, ich zeig es dir.« Sie durchquerten das Haus. In einer Glasröhre an der gegenüberliegenden Wand führte eine Leiter nach oben. Terlu glaubte, in der Höhe über dem Wasser einen Steg zu erkennen. Yarrow ließ ihre Hand los und stieg die Leiter hoch.
Sie kletterte ihm nach. Schau nicht runter, ermahnte sie sich. Die Metallsprossen machten einen robusten Eindruck, auch wenn sie Rostflecken hatten. Durch das dicke Glas der Wand war das angrenzende Gewächshaus zu erahnen: verwischte Grüntöne, in die sich hier und da strahlendes Rot mischte. Hinter sich hörte sie das Wasser gegen die Röhre schwappen. Als sie oben ankam, atmete sie schwer.
Yarrow half ihr auf den Steg.
»Die ist aber … lang«, brachte sie keuchend hervor.
»Schau.« Er deutete an ihr vorbei, und sie drehte sich um.
Sie waren ganz oben in der Kuppel. Das schneegesprenkelte Glas schwang sich über ihnen auf, und darüber spannte sich der blau-weiße Himmel. Vor ihnen lag die Wasseroberfläche. Seetang und andere Algen trieben darauf. Plötzlich streckte eine Meeresschildkröte den Kopf aus dem Wasser und schwamm auf den Steg zu.
Yarrow lächelte. »Schön, dich zu sehen, Kumpel!«
»Hier lebt eine Meeresschildkröte?«, hauchte Terlu.
Yarrow lächelte breiter. »Das hab ich dir erzählt, weißt du nicht mehr? Du hast gesagt, du magst Schildkröten. Er ist schon seit Jahrzehnten bei uns. Meine Schwester wollte ihn freilassen und hat’s auch geschafft – dreimal sogar. Aber er ist immer wieder zu den Gewächshäusern gekrochen gekommen. Hat sich mit den Flossen vorwärtsgezogen! Er hat wohl entschieden, dass wir seine Familie sind.«
Terlu tauchte eine Hand ins Wasser. Sie erwartete, dass es so kalt sein würde wie die winterliche See draußen, aber nein – es war sommerwarm! »Ich schwimme ein Stück mit ihm!« Sie war schon halb aus ihrer Tunika geschlüpft, da kam ihr der Gedanke, dass Yarrow damit nicht einverstanden sein könnte. Sie spähte über den Kragen, den sie noch nicht ganz über den Kopf gezogen hatte. »Darf ich?«
»Wenn du willst …« Er starrte zur Kuppeldecke hoch, und seine goldenen Wangen glühten förmlich.
Nach kurzem Zögern warf sie die Tunika auf den Steg. Ihre Hose landete daneben. In ihrer Unterwäsche ließ sie sich neben dem Schildkröterich ins Wasser gleiten.
Er schwamm um sie herum und stieß sie dabei sanft an.
»Komm doch mit rein!«, rief sie Yarrow zu. »Das Wasser ist herrlich!« Früher war sie oft zusammen mit den Meeresschildkröten vor Eano geschwommen. Eine Art war von den Menschen ganz besonders angetan gewesen – vielleicht weil bei den Eanoern öfter leckere Happen abfielen. Dieser Schildkröterich war von derselben Art. Fröhlich paddelte er um sie herum. Sie lachte.
»Mach du nur«, sagte er. »Ich bin eher eine Landkreatur.«
»Und es macht dir wirklich nichts aus?«
»Amüsier dich ruhig. Ich halte ein Handtuch für dich bereit.«
Daran hatte sie noch gar nicht gedacht – und auch nicht daran, dass sie später mit nasser Unterwäsche unter den Kleidern wieder in die Winterkälte hinausmusste. Hätte sie sich das mal lieber vorher überlegt. Der Schildkröterich stupste sie erneut mit dem Kopf an. Er schien sich über die Gesellschaft zu freuen. Wann war wohl das letzte Mal jemand mit ihm geschwommen? Seine Art war sehr gesellig.
Sie hielt sich an seinem Panzer fest und holte tief Atem.
Dann tauchte er mit ihr ab. Wie lange war es her, dass sie so geschwommen war? Eine unbändige kindliche Freude durchflutete sie; sie war wieder acht Jahre alt und glitt unbeschwert unter Wasser dahin. Fische flitzten an ihnen vorüber. Der Schildkröterich und sie zogen eine Spur aus silbrigen Bläschen hinter sich her. Vor ihnen tauchte der Seetangwald auf. Der Schildkröterich schlängelte sich hindurch und stieg dann wieder auf.
Terlu schnappte nach Luft. »Noch mal!«
Sie zogen Kreise durch das Gewächshaus und erzeugten dabei ihre eigene Meeresströmung. Immer wieder tauchten sie auf, damit Terlu atmen konnte. Schließlich ließ sie ihren Spielgefährten los und drehte sich auf den Rücken.
»Ich bin so froh, dass du mir das gezeigt hast!«, sagte sie zu Yarrow auf dem Steg.
»Es ist schön, dich so glücklich zu sehen.«
»Das bin ich wirklich. Es war so nett von dir, mich herumzuführen, und die Gewächshäuser sind … Die ganze Insel ist ein Traum.« Und du bist auch ein Traum, wollte sie sagen, traute sich aber nicht. Sie schwamm zum Steg. Er half ihr hoch und wickelte sie in ein Handtuch, das er herbeigezaubert zu haben schien. Nur zögerlich ließ er sie los und trat dann zurück.
»Ich bin so dankbar, am Leben zu sein … Und hier. Ohne dich wäre ich immer noch eine Statue. Ich hätte nicht mit einer Meeresschildkröte schwimmen können wie in meiner Kindheit, hätte die Sternblumen nie gesehen und … Nichts davon. Ich weiß nicht einmal, wie ich in Worte fassen soll, wie dankbar ich dir bin.«
»Ich will keine Dankbarkeit.«
Sie trocknete sich ab und wickelte ihre nassen Haare in das Handtuch. »Ich bin dir trotzdem dankbar. Du hast mich erlöst.«
»Aber nicht, weil ich dich erlösen wollte.«
»Ich weiß. Trotzdem …« Sie wusste nicht, wie sie ausdrücken sollte, was sie empfand. Er hatte sie nicht gekannt und sich bestimmt auch nicht groß darum geschert, wer sie war. Nicht sie hatte er retten wollen, sondern seine Gewächshäuser. Dennoch hatte er ihr das Leben zurückgegeben. Seinetwegen hatte sie ihre zweite Chance.
Er schaute sie an, und seine Augen weiteten sich. Ihr wurde klar, dass sie nur ihre nasse Unterwäsche trug. Irgendwas hatte er sagen wollen, aber es musste ihm entfallen sein.
Er begehrt mich!
Glaube ich zumindest …
»Zu der Insel, auf der ich aufgewachsen bin, kamen oft Meeresschildkröten«, erzählte sie leichthin, als wäre er ein Vogel, den sie nicht verscheuchen wollte. »Ich bin immer mit ihnen geschwommen. Aber dann, in Alyssium … In den Kanälen gab es keine Schildkröten, und man will um die Hauptstadtinsel herum auch wirklich nicht ins Wasser steigen. Es ist nicht sauber, dafür leben dort zu viele Menschen. Dieser Schildkröterich hat es bestimmt vermisst, mit jemandem zusammen zu schwimmen, meinst du nicht?« Was redete sie nur? Vielleicht wollte sie damit bloß die Frage zurückhalten, die ihr auf der Zunge lag: Willst du mich so sehr wie ich dich?
Yarrow schien nicht in der Lage, den Blick von ihr abzuwenden. »Warum bist du nicht bei meiner Schwester und den Traumblumen geblieben, sondern zu mir gekommen? Du konntest doch nicht wissen, dass ich dir das Meereshaus zeigen würde.«
»Warum hast du dir die Zeit dafür genommen?«, fragte sie zurück. »Du hättest auch einfach weiterarbeiten können.« Dafür hätte sie Verständnis gehabt. Sie war ganz ohne Erwartungen zu ihm gegangen.
»Ich dachte, die Meeresschildkröte gefällt dir bestimmt. Du hast gesagt, du magst Schildkröten.«
Terlu holte tief Atem. »Ich mag dich.«
Erschrocken sah er sie an. Sie hatte ihm keine Angst machen wollen. Rasch schlüpfte sie in ihre Tunika und knöpfte sie zu.
Dann bemühte sie sich, so zu tun, als wäre alles ganz normal, als sprächen bloß zwei Freunde miteinander. »Es wäre gut, wenn wir rekonstruieren könnten, wann welches Gewächshaus entstanden ist. Dann könnte ich die Sprüche aus den Tagebüchern leichter den verschiedenen Häusern zuordnen und hätte eine grobe Vorstellung davon, welche Zauber dieses Meer erschaffen haben, welche die Sternblumen und so weiter. Es wäre furchtbar, wenn diese Wunder verloren gehen würden.«
»Ich hab’s verpasst, oder?«
Sie blieb am Röhreneinstieg stehen, wieder vollständig bekleidet und mehr oder weniger trocken. »Was?«
»Dich zu küssen.«
Freude stieg in ihr auf. »Das kannst du gar nicht verpassen!« Mit zwei Schritten war sie bei ihm, stellte sich auf die Zehenspitzen und drückte ihre Lippen auf seine.
Er erwiderte den Kuss, sanft und zärtlich, während ganz in der Nähe die Meeresschildkröte planschte.