Kapitel 27 - The Enchanted Greenhouse - Ein Schimmer der Hoffnung
By Sarah Beth Durst
In der Morgendämmerung half Terlu, frische Honigkuchen zu backen. Als sie im Ofen waren, wuschen sie die Rührschüsseln und Löffel ab. Der Schnee vor dem Fenster leuchtete strahlend weiß in der Morgensonne. Auf einem Kiefernzweig hockte ein Kardinal, strahlend rot inmitten der grünen Nadeln. Hier drinnen waren nur das Plätschern des Wassers, das Knistern des Feuers und das Schnurren des geflügelten Katers zu hören. Wie friedlich es war … Noch nie hatte Terlu sich irgendwo mehr zu Hause gefühlt.
Sie stellte das Mehl weg. »Wenn ich die Kuchen abgebe, schaue ich auch in der Werkstatt vorbei. Falls gerade niemand da ist, durchforste ich schnell die Aufzeichnungen nach weiteren Erwähnungen des Schildzaubers.«
Er nickte. »Nimmst du Dendy mit?«
»Der ist bei den anderen Pflanzen und versiegelt Sprünge im Glas.« Sie hätte ihn gern gebeten, sie zu begleiten, aber dafür gab es keinen vernünftigen Grund. Sie hätte bloß gern seine Gesellschaft gehabt.
»Brauchst du mich?«
Ja! »Eigentlich nicht. Aber wenn du mitkommen willst …«
»Hm …«
»Du musst nicht. Es liegt wirklich ganz bei dir.«
Er lächelte sie an.
Wenn er mich dafür so anschaut, gehe ich liebend gern allein! Sein Blick war so warm … Ihre Knie wurden weich, und sie lehnte sich an die Anrichte.
»Sag Bescheid, wenn du für das nächste Experiment bereit bist«, bat er. »Ich bin beim Gemüse. Der Salat ist bald so weit, und ich muss die Karottenbeete jäten.« Er holte die Kuchen aus dem Ofen, drehte einen um und klopfte auf den goldenen Boden. Im Cottage duftete es nach Honig und Zimt. »Sie sind fertig.«
Terlu wickelte die frischen Kuchen in Stoffservietten und stapelte sie in einen Korb. »Emeral, was ist mit dir? Willst du mitkommen? Vielleicht hat ja jemand frischen Fisch für dich.«
Emeral streckte sich auf ihrem Bett, das nun ganz allein ihm gehörte. Er leckte sich die Pfoten, erhob sich gemächlich und kam dann zu ihr geflogen.
Sie lachte. »Ich glaube, er versteht das Wort ›Fisch‹!«
»Kluger Kater.«
Emeral ließ sich auf ihren Schultern nieder und legte die Flügel an.
»Glücklicher Kater«, murmelte Yarrow.
Sie erwiderte seinen Blick. Kurz rang sie mit sich. Brachte sie den Mut auf, ihn zum Abschied zu küssen? Aber sie hatte einen Kater wie einen Kragen um den Nacken liegen und einen Korb voll Honigkuchen am Arm hängen. Sie zauderte noch, da wandte Yarrow sich bereits ab, um die noch warmen Kuchenformen auszuwaschen. »Yarrow?«
»Hmm?« Er drehte sich zu ihr um.
Aber sie wusste gar nicht, was sie sagen wollte. »Ach, nichts.«
»Bis bald?«
»Ganz bald«, versprach sie.
Sie konnte es noch immer kaum glauben. Sie hatte einen Fehler begangen, der ihnen beinahe zum Verhängnis geworden wäre, und er hatte ihr, ohne zu zögern, vergeben. Einfach so. Das war sie nicht gewohnt. Wenn sie auf Eano etwas falsch gemacht hatte … Nun, alle ihre Verwandten waren mit einem Elefantengedächtnis gesegnet. Als sie zum ersten Mal für die Familie hatte kochen wollen, hatte sie vergessen, das Abzugsrohr zu öffnen. Das ganze Haus hatte voll Rauch gehangen, und ihre Eltern hatten ihr lange nicht erlaubt, es wieder zu versuchen. Immer wenn sie die Küche betreten hatte, hatten alle so getan, als würde sie jeden Augenblick eine Katastrophe auslösen. Jahrelang war sie mit der Geschichte aufgezogen worden – nie auf grausame Art und Weise, aber es hatte dennoch weh getan. Einmal hatte sie versucht, ihrer Schwester zu erklären, wie es sich anfühlte, wenn einem nichts zugetraut wurde. Da hatte Cerri bloß mit den Schultern gezuckt und erwidert, Terlu habe beinahe das Haus niedergebrannt – was erwarte sie?
Er hat mir keinen Vorwurf gemacht.
Eigentlich hatte er sogar das Gegenteil getan. Obwohl das Experiment so gründlich schiefgegangen war, hatte er das nicht ihr allein angelastet. Weder hatte er gesagt: Das warst du!, noch: Warum hast du auch nicht … Stattdessen hatte er »wir« gesagt. Dabei war sie wirklich für die Misere verantwortlich gewesen! Vielleicht gerade deshalb? Er hatte nicht gewollt, dass sie die Schuld allein trug und das Selbstvertrauen verlor.
Terlu knöpfte ihren Mantel zu und ging mit ihrem warmen Fellkragen und ihrem Korb voller duftender Honigkuchen in den kalten Wintermorgen hinaus. Was würde man in ihrer Familie wohl von Yarrow halten? Er war so viel stiller als alle ihre Verwandten. Unter denen zog stets der lauteste Schreihals alle Aufmerksamkeit auf sich, daher lernte man, selbst zu brüllen. Keiner ihrer Verwandten hatte geglaubt, dass sie sich für den Beruf der Bibliothekarin eignete – es wussten ja alle, wie gern sie redete. Sie hatte ihnen lang und breit erklärt, dass es auch gesprächige Bibliothekare geben musste: Sie wurden als Wissensvermittler gebraucht. Es hatte nichts genützt. In den Augen ihrer Verwandten waren Bibliothekare wortkarge Eremiten, die verachtungsvoll auf alle herabschauten, die nicht still dasaßen und lasen. Rijes Velk dagegen hatte Terlu verstanden, ebenso wie der Bibliothekar, der für den zweiten Stock verantwortlich gewesen war. Beide hatten ihr versprochen, dass sie mit Besuchern arbeiten würde. Niemand hatte ahnen können, dass die Gesetze sich ändern würden …
Welche Gesetze haben sich wohl jetzt geändert?
Wüsste sie doch, was in Alyssium vor sich ging! Was war aus der Bibliothek geworden? Aus Rijes Velk? Ging es ihr gut? War sie außer Gefahr? Und wie stand es um die Bücher? All das Wissen, die Geschichte, die Zeitzeugnisse …
Wenigstens waren Yarrows Familienmitglieder auf Belde in Sicherheit. Und er würde sich mit ihnen aussprechen. Irgendwann.
Und bis dahin sind die Honigkuchen seine Worte.
Als sie sich dem blauen Cottage näherte, sah sie, dass Yarrows Verwandte bereits große Fortschritte gemacht hatten. Cousin Percik flickte das Dach. Finnel war mit einem Fenster beschäftigt, während Tante Harvena und Onkel Ubri drinnen saubermachten. Terlu begrüßte alle und gab Honigkuchen aus. Es war deutlich weniger unangenehm als gestern, denn niemand erwartete, Yarrow zu sehen. Freundlich plauderten sie über den Kuchen, das Wetter und die Arbeit, und dann ging Terlu weiter.
Sie wanderte auf den Turm des Zauberers zu. Bald hörte sie die Wellen. Wolken zogen über den Himmel, aber dazwischen schaute die Sonne hervor. Vögel kreisten über dem Anleger. Einer der Cousins saß am Ende des Stegs und fischte. Vix? Sie musste ihn noch einmal nach seinem Namen fragen. Flügelschlagend sprang Emeral von ihren Schultern. Falls Vix Anglerglück hatte, würde Emeral bestimmt zu einem hervorragenden Frühstück kommen. Er konnte sehr charmant sein.
Terlu atmete tief die Meeresluft ein. Wie sie die salzige Frische liebte, in die sich Kiefernduft mischte! In der Ferne riefen die Seevögel, und die Wellen brandeten rhythmisch an die Felsküste.
Sie hatte nicht gewusst, dass man sich so schnell in einen Ort verlieben konnte.
Über die Stufen zum Turm waren in den letzten Tagen so viele Leute gelaufen, dass sie frei von Schnee waren. In der Werkstatt hörte Terlu Stimmen und zögerte kurz. Also konnte sie die Tagebücher nicht durchsehen. Sie war umsonst gekommen. Andererseits konnte sie wenigstens Honigkuchen überbringen.
Sie hatte kaum angeklopft, da riss Ambrel die Tür auf. »Oh, guten Morgen, Terlu! Mmh, hast du Honigkuchen dabei? Bitte sag Yarrow danke schön! Ich freue mich darauf, ihn kennenzulernen. Ich weiß, eigentlich haben wir uns schon getroffen, als wir angekommen sind … Aber da war so viel los, dass es nicht wirklich zählt!«
»Ich stell dich ihm noch richtig vor«, rief Rowan. »Und er wird nett und freundlich sein, darauf werde ich bestehen! Er kann uns nicht für immer aus dem Weg gehen.«
Wenn er wollte, könnte er schon. Er hatte sich zwar grundsätzlich bereit erklärt, mit seinen Verwandten zu sprechen, aber das bedeutete nicht, dass er bald auf sie zukommen würde. »Ich glaube nicht, dass sich das erzwingen lässt …«
Rowan tauchte hinter Ambrel auf und winkte Terlu herein. »Komm, frühstücke mit uns! Wir können über meinen ungeselligen Bruder klatschen.« Sie hatte noch ihr Nachthemd an, unter dem allerdings schon ihre Arbeitshose hervorschaute. Die schwarz-goldenen Zöpfe wanden sich ungebändigt um ihr Gesicht, wie Kletterpflanzen, die noch zu klein waren, sich an ihrem Spalier hochzuranken. Ambrel hingegen war bereits fertig. Sie trug einen weiten Rock mit vielen Taschen und darüber eine schwere Lederschürze. Das Haar hatte sie sich in ein Tuch gebunden, aber eine Locke hatte sich herausgestohlen. Rowan schob sie liebevoll zurück an ihren Platz. Dann fragte sie Terlu: »Schläfst du mit ihm? Siehst du deshalb so bereitwillig über seine Fehler hinweg?«
Terlus Wangen glühten. Sie würde sich ganz bestimmt nicht über ihre Beziehung mit Yarrow ausquetschen lassen!
Ambrel versetzte Rowan einen Klaps. »Nicht so frech! Das geht dich nun wirklich nichts an. Und Yarrow muss selbst wissen, ob er mit uns redet oder nicht; Terlu hat damit nichts zu schaffen.«
»Darf man sich nicht mal mehr unterhalten?«, maulte Rowan.
»Der Blumenladen fehlt ihr«, erklärte Ambrel. »Deshalb ist sie so schwierig.«
»Es tut mir leid, dass ihr ihn zurücklassen musstet«, sagte Terlu.
»Er ist niedergebrannt. Da gab’s also nichts zurückzulassen.« Rowan seufzte schwer. »Entschuldige. Du bist wirklich gastfreundlich. Und ich hätte nicht über Yarrow herziehen sollen.« Sie wedelte vage mit einer Hand herum. »Er ist, wie er ist.«
»Belde ist eure Heimat«, erwiderte Terlu. »Selbstverständlich seid ihr willkommen!« In Wahrheit war sie der Neuankömmling hier. Was hatte sie schon für ein Mitspracherecht?
Rowan schüttelte den Kopf. »Die Insel war unsere Heimat, und ich glaube, das könnte sie auch wieder werden. Aber du … Du gehörst auf jeden Fall hierher, das sehe ich. Du liebst Belde!«
Hatte Rowan sie etwa innehalten und über das Meer blicken sehen? Denn genau das hatte sie in dem Moment gedacht. Es ist wahr. Sogar diese Frau, die ich gerade erst kennengelernt hab, sieht es mir an! War genauso offensichtlich, was sie für Yarrow empfand? Es war ihr nie besonders gut gelungen, ihre Gefühle zu verbergen; sie standen ihr stets ins Gesicht geschrieben. Rasch ging sie zum Arbeitstisch und stellte den Korb mit den übrigen Honigkuchen darauf.
Die Werkstatt war wie verwandelt. Kreuz und quer waren Wäscheleinen gespannt, an denen Kleider trockneten. Auf dem Tisch türmte sich sauberes Geschirr, dazwischen lagen Salatköpfe. Yarrow fiel ihr ein, der nach dem Salat hatte schauen wollen. Seine Verwandten waren ihm offenbar zuvorgekommen. Wie würde er darüber denken? Neben der Spüle stand ein Korb voller Pilze. Und überall lagen Decken, Quilts und Kissen verstreut.
Rowan sah, wie sie sich umschaute. »Wir sind hier ganz schön eingefallen. Tut mir leid.«
»Wir ziehen bald in die Cottages um«, versicherte Ambrel. »Heute kümmere ich mich um die Kamine.«
»Ambrel hat in der Stadt in einer Schmiede gearbeitet«, erklärte Rowan. »Sie weiß eine Menge über Schornsteine und Schmiedeöfen. Alle Welt ist sich darüber einig, dass sie ungeheuer patent ist. Und klug. Und schön.« Sie rieb den Kopf an der Schulter ihrer Frau.
»In Alyssium habe ich vor allem Kunstschmiedearbeiten gemacht«, erzählte Ambrel, »aber ich kann auch Scharniere, Nägel und so was fertigen. Tatsächlich ist das oft die befriedigendere Arbeit. Ich will hier eine Schmiede aufbauen, aber zuallererst müssen die Kaminrohre in Ordnung gebracht werden.«
»Das klingt ja, als wolltest du hier richtig heimisch werden«, stellte Terlu fest.
»Ich wollte Alyssium schon verlassen, bevor die Unruhen ausgebrochen sind. Deshalb war der Abschied auch nicht schwer für mich. Ein paar der anderen werden das Stadtleben mehr vermissen, aber wir werden uns alle eingewöhnen. Und wenn es sich hier erst einmal gut leben lässt …«
Rowan winkte hastig ab. »Darüber denken wir später nach.«
»Worüber?« Terlu schob einen Stapel gefalteter Wäsche beiseite, um verstohlen die Rücken der Tagebücher zu studieren, die sie auf dem Tisch hatte liegen lassen. Wenn die beiden Frauen nicht irgendwann gingen, würde sie versuchen, in ihrem Korb ein paar hinauszuschmuggeln.
Ambrel warf ihrer Frau einen Blick zu. »Nicht nur wir haben unsere Häuser verloren. Wenn es hier gut läuft, würden wir gern ein paar Freunde einladen, sich hier etwas aufzubauen.«
»Nur unter der Bedingung, dass auch alle versorgt werden können«, warf Rowan ein. Sie sprach zu Terlu und Ambrel gleichermaßen. »Das ist nämlich gar nicht so sicher, wenn man den Zustand der Gewächshäuser bedenkt.« Sie streifte das Nachthemd ab und zog ein Hemd über. »Mein störrischer Bruder mag das Gegenteil glauben, aber Beldes Wohlergehen liegt uns sehr wohl am Herzen.«
Was würde Yarrow davon halten, wenn sich noch mehr Leute auf der Insel ansiedeln wollten? Eigentlich wäre es doch gut, wenn sich hier eine richtige Dorfgemeinschaft bildete, oder nicht? Es blieb jedoch das Problem ihrer illegalen Zauberei. Die Gewächshäuser wieder in Schuss zu bringen, würde noch viel Magie beanspruchen. Und je mehr Fremde auf der Insel waren, desto gefährlicher würde es für Terlu. Worauf sollte sie also hoffen? Sie wusste es nicht.
Leichthin sagte sie: »Wir müssen wohl einfach sehen, wie sich die Sache entwickelt.«
»Sollen Rowan und ich die übrigen Honigkuchen verteilen?«, fragte Ambrel.
»Das wäre toll. Vielen Dank!« Wieder wanderte ihr Blick zu den Tagebüchern. Vielleicht konnte sie ja doch noch in ein paar hineinsehen …
Rowan schlang ein Band um ihre Zöpfe. »Wenn du nach leichter Lektüre suchst, ist das nicht das Richtige.« Sie nickte zu den Tagebüchern hinüber.
»Ach nein, ich wollte nur … Yarrow hat mich gebeten, ihm ein paar Kleinigkeiten mitzubringen. Notizbücher. Seine Notizen, über die Pflanzen. Er … hat sie hier vergessen.« Wie wenig überzeugend sie klang! Terlu hätte sich am liebsten ganz klein gemacht. Sie war es nicht gewohnt, wegen Büchern zu lügen. Oder überhaupt.
Ambrel zog an Rowans Arm. »Lass Terlu mal. Sie hat zu tun, und dasselbe gilt für uns.«
Wissen sie Bescheid? Es war möglich, dass sie etwas vermuteten – schließlich hatten sie die sprechenden Pflanzen getroffen. Bisher hatte jedoch noch niemand etwas zu ihr gesagt.
»Komm doch zum Abendessen!«, schlug Ambrel vor. »Vix angelt, wir bringen also hoffentlich eine richtige Mahlzeit zustande, zu der wir dich einladen können.«
Sie hatte recht gehabt. Der Cousin auf dem Steg hieß tatsächlich Vix.
»Du könntest Yarrow mitbringen, wenn er will«, fuhr Ambrel fort.
»Auch wenn er nicht will«, ergänzte Rowan. »Er kann sich nicht ewig drücken. Oder vielleicht ja doch … Ist immerhin seine Spezialität.«
»Rowan!«, tadelte Ambrel.
»Tut mir leid, aber ich dachte, ich würde ihn wenigstens mal wiedersehen. Mit einer Entschuldigung rechne ich ja gar nicht.«
Terlu verspürte einen Anflug von Ärger. Er tat doch sein Bestes! Und Honigkuchen hatte er auch gebacken. Sie hatte ja selbst auf eine Versöhnung gehofft. Aber weder Rowan noch ich noch irgendwer sonst können entscheiden, wann er dazu bereit ist. »Er ist hier ganz allein zurückgeblieben«, gab sie zu bedenken.
»Weil er es so wollte!« Rowan hob die Hand. »Ich weiß schon: Er könnte jetzt sagen, dass ich nach Alyssium gegangen sei, weil ich das wollte. Schön und gut. Ich kann ihm verzeihen, wenn er mir verzeiht. Aber er muss mit uns reden!«
»Lass ihm Zeit«, bat Terlu.
»Hmpf«, machte Rowan.
Ambrel zog sie hinter sich her nach draußen. »Nun komm.«
Terlu folgte ihnen zur Tür. »Nur aus Neugier. Was hält eigentlich Laiken von der ganzen Sache? Dass ihr alle wieder hier seid und so?« Wie merkwürdig, so über einen Geist zu sprechen, noch dazu über den Geist eines mächtigen Zauberers – als wäre das etwas ganz Alltägliches!
Rowan wickelte sich ihren Schal fest um den Hals. »Keine Ahnung, und es ist mir auch egal. Der hat uns allen immer nur das Leben schwer gemacht. Jetzt hat er nichts mehr zu sagen.« Sie hakte Ambrel unter, winkte Terlu noch einmal und machte sich dann mit ihrer Frau und den übrigen Honigkuchen auf den Weg.
Emeral kam durch die Tür hereinspaziert. Er hatte einen Fisch im Maul. Vor dem Herd ließ er ihn fallen und machte sich schnurrend darüber her.
»Lass es dir schmecken«, sagte Terlu.
Sie war erleichtert, endlich allein zu sein – ein ganz ungewohntes Gefühl, wenn man bedachte, wie sehr sie stets unter der Einsamkeit gelitten hatte. Sie ging zu einem der Regale, nahm ein Tagebuch heraus und blätterte es durch. Was sie sich zu finden erhoffte, hätte sie nicht sagen können. Eine Abhandlung über genau das, was sie gerade wissen wollte? Wie man einen blasenförmigen Schutzschild erschuf, der Menschen und Luft durchließ, jedoch die Temperatur im Inneren bewahrte. Irgendwie musste es ihm gelungen sein – wie man ja an den funktionstüchtigen Gewächshäusern sah. Könnte sie ihn doch fragen …
Sie schaute zur Treppe hin. Konnte sie ihn fragen? Geister waren ihr ein Mysterium. Erinnerten sie sich wirklich nicht mehr daran, wer sie einst gewesen waren? Und konnten sie sich den Lebenden überhaupt mitteilen?
Wenn du’s wissen willst, solltest du vielleicht raufgehen, Terlu Perna.
Falls eine Verständigung möglich war und er sich willens zeigte, würde sie so viel schneller vorankommen. Vielleicht konnte er sogar maßgeblich zur Rettung der Gewächshäuser beitragen! Aber vielleicht hoffte sie auch bloß auf ein Wunder.
Sie ließ das Tagebuch offen auf dem Tisch liegen und ging die gewundene, schmale Stiege hinauf. Je höher sie kam, desto kälter wurde ihr. Lag es an Laikens geisterhafter Gegenwart oder daran, dass sie sich immer weiter vom Herdfeuer entfernte? Aber sollte Wärme nicht eigentlich aufsteigen? Dennoch war es im oberen Stockwerk düster, trostlos und klamm. Als residierte hier wirklich und wahrhaftig ein Geist. Sie zitterte, schlang die Arme um sich und schaute sich um.
Yarrows Verwandte hatten sich auch in Laikens ehemaligem Schlafgemach ausgebreitet. Auf dem Bett lagen Kleiderhaufen, auf der Kommode eine Haarbürste, und auf dem Nachttisch stand eine winzige Greifenfigur. Trotzdem wirkte das Zimmer grau und abweisend. Terlu fiel auf, dass offenbar niemand im Bett geschlafen hatte, was sie erstaunlich fand. Es war ja nicht so, als bräuchte Laiken es noch – und seit seinem Tod waren Jahre vergangen. Sie hätte gedacht, praktisches Denken würde über Unbehagen siegen.
Sie stellte sich neben das Bett. »Zauberer Laiken?«, fragte sie leise. »Bist du hier?«
Es kam keine Antwort, und sie spürte auch nichts, abgesehen von der Kälte.
»Ich heiße Terlu Perna, und ich versuche gerade, die Zauber zu verstehen, mit denen ich deine Gewächshäuser wieder hinbekommen kann. Die Magie schwindet, und deine Pflanzen gehen ein. Wenn du mir helfen würdest …«
Ein Seufzen wehte durchs Zimmer. Es klang wie das leise Rauschen der Bäume.
»Zauberer Laiken?« Sie wandte sich dem Fenster zu. Hatte sie tatsächlich den Geist gehört oder nur den Wind? »Zeig mir bloß, wo ich nachlesen muss! Wärst du so nett?«
Stille.
Sie kam sich albern vor. Entweder verstand er sie nicht, oder ihm war das alles egal. Oder er ist gar nicht da. Wann hätte man je gehört, dass ein Geist einem Lebenden bei seinen Studien zur Seite gestanden hätte? Aber wenn sie einen Weg fände, mit ihm Kontakt aufzunehmen …
Vielleicht, wenn sie ein paar seiner Tagebücher herbrächte …
»Warte kurz – ich bin gleich wieder da!« Vielleicht war es Zeitverschwendung, aber sie war überzeugt, dass in diesem Schlafgemach eine … Präsenz war. Und falls Laiken auch nur einen Teil seines Selbst bewahrt hatte, würde er die Gewächshäuser ganz bestimmt beschützen wollen.
Sie eilte nach unten. Wenn er ihr irgendwie zeigte, auf welches Buch sie sich konzentrieren sollte …
Doch sie hatte erst ein paar Bücher zusammengetragen, da flog die Tür zur Werkstatt auf. Dendy sprang herein; seine Blätter breiteten sich über den Boden. »Terluuu! Ist noooch jemand hier?«
Sie rannte zu ihm. »Nur Emeral und ich! Was ist los? Geht es dir gut?«
»Ein weiteres Gewächshaus versaaagt! Ich rufe alle zusammen!« Er packte den Türrahmen mit seinen Sprossachsen und schwang sich wieder nach draußen.
Hastig ließ Terlu die Tagebücher auf den Arbeitstisch fallen, griff sich ihren Mantel und lief ihm nach. »Welches Haus ist es?«, rief sie. »Wo muss ich hin?«
»Die siiingenden Blumen!«, rief er zurück und hastete auf den Anleger zu.