Kapitel 28 - The Enchanted Greenhouse - Ein Schimmer der Hoffnung
By Sarah Beth Durst
Die verzauberten Pflanzen sangen noch immer, während ringsum ihre Welt zusammenbrach. Einer von Yarrows Cousins zog einen Handkarren mit einem eingetopften Busch an Terlu vorbei, der in hohem Sopran eine wortlose Melodie trillerte. Terlu sah sich hektisch um und entdeckte Yarrow mitten im Haus. Er grub gemeinsam mit seinem Vater einen Tulpenbaum aus. Beide sagten kein Wort, waren ganz auf die Arbeit konzentriert. Der Tulpenbaum sang Bariton.
Lotti war in die Dachsparren geklettert und rief den Gärtnern sowie den sprechenden Pflanzen Anweisungen zu. In gemeinsamer Anstrengung holten sie die singenden Bäume aus der Erde und schafften die Topfpflanzen ins angrenzende Gewächshaus. Mindestens die Hälfte der Töpfe war schon fort, was wirklich beeindruckend war.
»Lotti!«, rief Terlu nach oben. »Kannst du sehen, wo es losgegangen ist?«
»Was?«
»Die Sprünge!« Nun schrie sie. »Wo sind die ersten Sprünge entstanden?« Eigentlich hätte sie mit anpacken müssen. Aber wenn sie die Ursache fände … Dieses Gewächshaus war verloren, aber vielleicht konnte sie vorhersagen, welches Haus als nächstes betroffen sein würde. Dann könnten sie die Pflanzen rechtzeitig in Sicherheit bringen. Das war ein paar kostbare Augenblicke wert.
»An der Ooostseite hat es angefangen!« Dendy kam auf seinen Blättern vorbeigesprungen. Mit einer Sprossachse zeigte er auf die Wand.
Sie rannte dorthin. Krachend breiteten sich die Sprünge immer weiter aus. Efeu, Orchidee und Feuerbusch huschten über das Glas und wirkten aber- und abermals den Zauber, um sie zu schließen.
Das wird nicht viel helfen, wenn die Temperatur auch hier anfängt, verrückt zu spielen.
Aber sie sollten es ruhig versuchen.
»Wieso versagen die Zauber in ihrer Gesamtheit?«, fragte Terlu sich laut. Dass es jedes Mal wieder zufällig so kam, war höchst unwahrscheinlich. Es musste sich um eine Kettenreaktion handeln. Terlu wusste genau, wie eng die verschiedenen Elemente des Zaubers miteinander verzahnt waren; immerhin hatte sie ihr Bestes getan, sie auseinanderzupflücken. Wenn es ihr also gelänge, zu verhindern, dass der erste Teilzauber erstarb …
Sie ging in die Hocke und folgte mit dem Blick den Sprüngen nach oben. Was war geschehen? Anfänglich hatte sie gedacht, das Alter der Zutaten könnte eine Rolle spielen. Aber dann müssten zuerst die älteren Gewächshäuser betroffen sein, und das war nicht der Fall. Dieses hier war eins der jüngeren. Das wusste sie, weil Laiken mit den singenden Pflanzen erst experimentiert hatte, nachdem er die Samen aller Pflanzen im Mondsichel-Inselreich gesammelt hatte. Die älteren Häuser reproduzierten bloß die klimatischen Bedingungen auf anderen Inseln. In den allerersten wuchs Gemüse, und die Mehrzahl dieser Häuser war immer noch stabil.
Weshalb also versagte dieses? Und wieso gerade jetzt?
War es Zufall, oder gab es einen Grund? Sie dachte an Laikens Geist. Kannte er die Antwort? Ich muss eine Möglichkeit finden, ihn zu fragen! So konnte es nicht weitergehen. Es war ganz ohne Belang, wie gut sie seinen Code verstand oder wie viele kleine Zauber sie enträtselte, wenn jederzeit eine Katastrophe eintreten und alles zunichtemachen konnte.
Ringsum herrschte Chaos: Die Menschen und Pflanzen schufteten und schrien. Terlu ignorierte alles um sich herum. Von wo gingen die Sprünge aus? Anscheinend stiegen sie aus dem Fundament auf und kletterten dann an den gläsernen Wänden hoch. Wieso? Was hat das zu bedeuten? Hing das Problem mit dem Erdboden zusammen? Laiken hatte die Zutaten nicht vergraben; auch das wusste sie aus seinen Aufzeichnungen. Er hatte entdeckt, dass der Einflussbereich des Zaubers nur dann groß genug war, wenn er sie an der Luft ließ. Weshalb also waren die Sprünge unten entstanden und nicht in der Kuppel, die Wind, Regen und Schnee ausgesetzt war? Wieso nicht in den Fugen zwischen den Fenstern, die Schwachstellen sein mussten?
Eine der sprechenden Pflanzen rief schrill nach Unterstützung.
Erst die singenden Blumen! Meine Fragen können warten.
Sie ließ das Rätsel Rätsel sein und lief zu den anderen zurück. Yarrow gab ihr eine Handschaufel, und sie machte sich daran, behutsam die Wurzeln eines blühenden Busches auszugraben. Die Blumen waren in Moll verfallen, und ihre Arpeggios klangen wie Klageschreie.
Aus den Dachsparren jaulte Lotti: »Es wird kalt!«
Terlu schaute auf und sah, wie auf dem rissigen Glas Eisblumen erblühten. An Säulen und Dachsparren bildete sich Raureif und wurde allmählich zu einer Eisschicht. Die Blätter des Busches vor ihr verschrumpelten zusehends, und die Blüten wurden braun. Ihr Gesang wurde immer schwächer und verklang schließlich ganz. Oh nein, es ist schon zu spät! Sie hatte gehofft, sie hätten mehr Zeit …
»Nehmt mit, was ihr tragen könnt!«, brüllte Yarrow. »Und dann nichts wie raus hier!«
Die sprechenden Pflanzen, die ja bereits wussten, was jetzt kam, stürzten auf die Tür zu. Die Menschen bewegten sich langsamer, aber Yarrow ließ seine Schaufel fallen und scheuchte sie alle nach draußen.
Sein Vater kämpfte noch immer darum, die Wurzeln des Tulpenbaums freizulegen.
»Komm«, drängte Terlu. »Die Temperatur fällt zu schnell. Du erfrierst auch.«
»Hilf mir!«, rief Birch.
Sie machte sich mit ihrer Handschaufel ans Werk, hackte nach den Wurzeln. Besser ein verwundeter Baum als ein toter! Der Gesang wurde lauter, verzweifelter, eine Art Wehklage. Auch seine Blüten wurden braun, und ihr zarter Duft verflüchtigte sich. Die eisige Luft roch nun beinahe steril.
Yarrow kam zurück, und zu dritt hievten sie den Baum aus der Erde und zerrten ihn an den Zweigen hinter sich her. Sobald sie es hinausgeschafft hatten, warf Yarrow die Tür hinter ihnen zu. Dann fuhr er zu seinem Vater herum. Der hatte seinen Stock nicht und sank gegen eine Säule.
»Was hast du dir dabei gedacht?«, fuhr Yarrow ihn an. »Ich hab doch gesagt: Alle raus!«
»Ich konnte den Baum nicht zurücklassen«, sagte Birch heiser. Einer der Cousins reichte ihm seinen Stock, und er umklammerte ihn. »Ich bin schon einmal fortgegangen. Und das werde ich nie wieder tun.«
»Dein Herz …«
»Mir geht’s gut.«
Jemand schrie auf. Vater und Sohn unterbrachen ihren Streit und schauten zur Tür. Frost breitete sich über das Glas – und schmolz sofort wieder. Terlu sank keuchend zu Boden.
»Was für ein garstiger Zauber«, knurrte Birch.
Terlu schaute auf. »Wie meinst du das?«
Er gestikulierte in Richtung Tür. »Das ist nicht natürlich.«
Selbstverständlich nicht. Keins der Gewächshäuser auf Belde war natürlich. »Ich glaube, hier ist eine Kettenreaktion am Werk, ausgelöst durch eine einzige Schwachstelle im …«
»Es gibt überhaupt keinen Beweis für Sabotage!«, sagte Yarrow zu seinem Vater. Er machte ein finsteres Gesicht und ballte die Hände zu Fäusten. »Ich war die ganze Zeit hier! Nachdem du fort warst, hat außer Terlu niemand einen Fuß auf Belde gesetzt.«
Terlu stand auf. »Moment mal, Sabotage? Wovon redet ihr?«
»Das gehört zu den Dingen, über die wir uneins sind.« Birch stützte sich schwer auf seine Krücke. Sie sah, dass er zitterte – er hatte sich überanstrengt. Gab es hier nicht irgendwo eine Bank, so dass er sich einen Moment setzen konnte? Allerdings wirkte es nicht, als wollte er sich vom Fleck rühren. Er starrte seinen Sohn an. »Ich glaube nicht, dass die Gewächshäuser einfach so die Hufe hochreißen. Von wegen! Da hat ein konkurrierender Zauberer die Finger im Spiel.«
»Blödsinn!«, raunzte Yarrow. »Wo sollte der denn herkommen? Laiken hat nie mit jemandem gesprochen, und auf der Insel lebt niemand außer uns. Die Kraft der alten Zauber lässt nach, das ist alles! Ein ganz natürlicher Vorgang. Wenn wir die Zauber wiederbeleben können …«
»Sterben die Gewächshäuser trotzdem weiter.« Nachdrücklich stieß Birch seinen Stock auf den Boden. »Ich sage dir, auf dieser Insel ist was faul! Nehmen wir mal an, du hast recht, und Laiken hatte keine Feinde. Das muss trotzdem nicht bedeuten, dass hier alles mit rechten Dingen zugeht. Vielleicht ist es ja Laikens Schuld! Vielleicht hat er nicht gewollt, dass die Gewächshäuser ihn überdauern – also hat er dafür gesorgt, dass ihnen nach seinem Tod der Saft ausgeht.«
Yarrow schüttelte den Kopf. »Du täuschst dich. Er wollte sie für die Ewigkeit bewahren. Das war sogar seine Hauptsorge.« Er schaute Terlu an. »Du hast die Zauber studiert. Sag meinem Vater, dass hier bloß die Zeit und der Verfall am Werk sind.«
Sie erstarrte. Bisher hatte sie noch keinem von Yarrows Verwandten erzählt, dass sie sich Laikens Zauber angeschaut hatte. Was, wenn Birch fragte, wieso sie sich dafür interessierte? Wenn er den Schluss zog, dass sie die sprechenden Pflanzen geweckt und ihnen dann beigebracht hatte, wie man die Sprünge im Glas mittels Magie schloss? Was würde er sagen, wenn ihm klarwurde, dass sie das Gesetz gebrochen hatte?
Aber Birch achtete gar nicht auf sie. Er wandte keinen Blick von Yarrow. Seine Brauen hingen so tief, dass sie beinahe seine Augen verschluckten.
Vielleicht ist ihm ja egal, dass ich Zauber gewirkt habe?
Oder er war gerade bloß zu abgelenkt und würde später darüber nachdenken.
»Die Insel ist verflucht!«, sagte Birch eindringlich. »Wir hätten nie zurückkehren sollen. Und du wärst damals lieber mit uns gegangen!«
»Es gibt keinen Fluch!«
Terlu betrachtete stirnrunzelnd die Tür zum angrenzenden Gewächshaus und ließ sich die Sache durch den Kopf gehen. Genau genommen würde das einiges erklären. Beispielsweise warum die Häuser so plötzlich und willkürlich versagen. Wenn ein Zauber dafür verantwortlich war … Dann konnten sie noch so viele Gewächshäuser wieder in Ordnung bringen, sie würden immer wieder zerstört werden.
»Und auch keinen Kontrahenten«, sagte Yarrow stur.
Terlu hatte keinen Hinweis darauf gefunden, dass auf der Insel Zauber wirkten, die Laiken nicht selbst gesprochen hatte. Trotzdem wurde sie den Gedanken nicht los. Sie konnte sich zwar nicht vorstellen, wieso jemand den Gewächshäusern absichtlich schaden sollte – aber undenkbar war es nicht. Und es gab einen Menschen hier, der es genauer wusste. Oder eher: es früher genauer gewusst hatte.
»Ich sage …«, fing Birch wieder an.
Terlu trat zwischen ihn und Yarrow. »Ich muss mit dem Geist sprechen.«
Überrascht blinzelte Yarrow sie an. »Was?«
»Und dafür brauche ich eure Hilfe. Mir ist klar, dass ihr beide nichts mit ihm zu tun haben wollt, aber es könnte sein, dass er mehr weiß. Mich kannte er nicht; es ist wahrscheinlicher, dass er einen seiner Gärtner anhört.«
Yarrow schüttelte den Kopf. »Er hatte nicht das geringste Interesse an seinen Gärtnern.«
Sein Vater nickte. »Mit Menschen konnte er nicht viel anfangen.«
Lotti stupste Terlus Fuß an. »Nimm mich mit! Wenn Laiken wirklich dort ist oder zumindest ein Überbleibsel … Dann will ich mit ihm reden. Auf mich wird er hören. Glaube ich zumindest.«
Da könnte sie recht haben. Lotti streckte die Blätter aus, und Terlu hob sie auf. Die Rose schloss ihre Blüte und machte sich klein.
»Begleitet ihr uns?«, bat Terlu Vater und Sohn.
Sie erwartete, dass die beiden es ihr abschlagen würden, aber Yarrow nickte stumm. Birch seufzte und schloss sich ihnen an.
Die übrigen Gärtner kümmerten sich gemeinsam mit den sprechenden Pflanzen um die singenden Blumen. Zum Glück hatten beinahe alle überlebt. Terlu machte sich zusammen mit der Auferstehungsrose, Yarrow und Birch auf den Weg zum Turm des Zauberers.
Auf der Stiege ging Terlu mit Lotti voran, und Yarrow und Birch folgten ihr. Die beiden Männer stritten nicht mehr, sondern schwiegen sich nun an. Das war nicht unbedingt eine Verbesserung – aber wenigstens waren sie mitgekommen.
Sie setzte Lotti auf den Nachttisch. »Nimmst du seine Gegenwart wahr?«
Lotti schwenkte ihre Blüte und Blätter durch die Luft. »Laiken? Bist du da? Papa?«
Hätte sie die kleine Rose lieber mit dem Geist allein lassen sollen? Aber sie hatte wichtige Fragen und musste wenigstens versuchen, sie zu stellen. Es war natürlich möglich, dass Geister gar nicht verstanden, was die Lebenden sagten. Vielleicht kam es darauf an, wie viel noch von ihnen übrig war?
Sie schauderte.
Verursachte Laiken die Kälte hier oben? War er der Schatten dort an der Wand?
»Bist du hier?«, fragte sie. »Es geht um deine Pflanzen!«
»Warum hast du … Nein, deswegen sind wir nicht gekommen.« Lotti faltete die Blätter, als wollte sie ein Bittgesuch an einen Richter stellen. »Wir brauchen deine Hilfe. Deine Kinder brauchen dich. Wir sind wieder wach, aber die Gewächshäuser gehen nach und nach alle kaputt. Kannst du uns helfen, sie zu retten?«
Die Fenster klapperten.
»Der Wind oder der Geist?«, flüsterte Terlu.
»Der Wind.« Birch hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Er schaute mürrisch drein und glich noch deutlich mehr einem Bären als Yarrow. »Es ist ihm wurscht.«
Nun strich der Wind durchs Zimmer und ließ das Laken des Bettes flattern.
»Stimmt’s, Laiken?«, sagte Birch lauter. »Dir ist alles egal. Die Gewächshäuser lagen dir nie am Herzen – du hast sie bloß erschaffen, weil du dich mächtig fühlen wolltest. Und über deine Tochter wolltest du bestimmen, sonst nichts.«
Er kannte sie!, dachte Terlu. Von Dendy wusste sie, dass Ria vor Yarrows Geburt gestorben war, aber Birch und die anderen älteren Gärtner mussten sie häufig getroffen haben. Die ganze Tragödie hatte sich vor ihren Augen abgespielt. Sie hatten mit ansehen müssen, wie Laikens Verfolgungswahn immer schlimmer geworden war. Wie er die sprechenden Pflanzen gegen ihren Willen mit magischem Schlaf belegt und dann nach und nach alle seine hingebungsvollen Gärtner gefeuert hatte.
»Sei still«, knurrte Yarrow. »Du verärgerst ihn nur.«
Birch schnaubte. »Na und? Er hat uns alle im Stich gelassen. Wir haben den Gewächshäusern unser Leben gewidmet! Seiner Vision! Haben ihm geglaubt, dass dies hier wichtiger sei als alles andere. Aber für ihn … Für ihn war es bloß ein Spielzeug. Und als es ihm langweilig wurde, hat er es weggeworfen.«
»Ich bin nicht bloß ein Spielzeug!«, protestierte Lotti.
»Nein, das bist du nicht!«, sagte Terlu mit Nachdruck. »Du bist Lotti, ganz gleich, was Laiken sich ursprünglich gedacht hat.« Könnte sie diese Worte doch ins Herz der kleinen Rose schreiben, damit sie daran glaubte! Sie verdiente so viel mehr als das, was Laiken ihr hatte geben können.
»Er hat mich aus Liebe erschaffen«, beharrte Lotti. »Und er hat mich geliebt. Uns alle. Er hatte bloß … solche Angst, uns zu verlieren, dass er zu weit gegangen ist.« Sie drehte sich einmal um sich selbst. »Aber wir sind am Leben! Wach! Dendy, Risa, Amina, Tirna, Nif, Zyndia. Es geht uns gut, und wir wollen, dass es so bleibt. Hilfst du uns?«
Wieder strich der Wind durchs Zimmer. Die Vorhänge raschelten.
Die Fenster waren alle geschlossen. Zug sollte es keinen geben.
»Ich glaube, das hieß ja«, sagte Lotti.
»Frag ihn, ob ein anderer Magier die Gewächshäuser sabotiert!«, verlangte Birch.
Yarrow schüttelte den Kopf, erhob aber keinen Einspruch.
Lotti wiederholte die Frage und hob die Blätter höher. »Nein«, verkündete sie dann.
»Siehst du?«, raunte Yarrow seinem Vater zu. »Ich hab’s dir doch gesagt!«
Wie konnte Lotti so sicher sein, dass sie Laikens Antworten richtig verstand? Terlu hätte gern gefragt, wollte aber ihre Konzentration nicht stören. »Versagen die Gewächshäuser, weil die Zauber alt sind?« Das war Yarrows und ihre ursprüngliche Theorie. Es war nur logisch, und wenn sie recht hatten, mussten sie die Zauber auffrischen – möglichst bevor noch weitere ihre Wirkmacht verloren.
Der Wind fuhr gegen den Uhrzeigersinn durchs Zimmer.
»Nein«, sagte Lotti.
Nein?
»Liegt es daran, dass die Zutaten zerfallen?«
»Nein.«
Wieder dachte Terlu an einen Saboteur, aber das hatte er ja schon verneint. »Verursacht ein Zauber das Versagen?«
»Ja.«
Sie machte große Augen. Aber welcher Zauber denn? Wer hatte ihn gesprochen? Und mit welchem Ziel? Wenn es kein böswilliger Konkurrent gewesen war, wer dann? Sie schüttelte den Kopf. Sie begriff gar nichts mehr. »Soll dieser Zauber denn die Gewächshäuser zerstören?«
Sie hielten alle den Atem an.
»Nein«, sagte Lotti.
Aha! Also ein Zauber, der nicht tat, was er sollte. Davon verstand sie etwas. »Aber was …« Nein, die Frage war zu kompliziert. »Stammt der Zauber aus deiner Feder?«
Stille.
»Ja«, sagte Lotti endlich.
»Ist es ein alter oder ein neuer?« Sie biss sich auf die Zunge. Darauf konnte er nicht antworten. »Ein alter?« Nein. Also keiner der Sprüche, mit denen er die Häuser erschaffen hat. »Ein neuer?« Ja. »Ist er erst nach deinem Tod gewirkt worden?« Nein. Natürlich nicht, tadelte sie sich selbst. Was für eine dumme Frage! »Du hast den Zauber selbst gesprochen?« Ja. »Ein neuer Zauber, mit dem du vor deinem Tod experimentiert hast?« Wieder ein Ja.
Da erinnerte sie sich an das Buch, das sie auf seinem Nachttisch gefunden hatte. »Hast du Aufzeichnungen über das Experiment gemacht? Vielleicht in dem Notizbuch neben deinem Bett?« Sie hatte noch keinen Blick hineingeworfen, da sie ja nach alten Zaubern gesucht hatte. Aber wenn er einen Spruch gewirkt hatte, der Schaden anrichtete, und gestorben war, bevor er die Sache wieder in Ordnung hatte bringen können …
»Ja«, sagte Lotti.
Terlu stieß den angehaltenen Atem aus. Nun wusste sie, in welches Buch sie schauen musste! »Danke, Lotti!«, rief sie inbrünstig. »Danke, Laiken!« Und schon rannte sie die Treppe hinunter. Im Zimmer hörte sie die Männer reden.
»Aber was nützt es uns, Bescheid zu wissen?«, fragte Birch gerade. »Dein Mädchen … Sie ist keine Zauberin, oder etwa doch?«
Terlu blieb auf den Stufen stehen und horchte auf Yarrows Antwort.
»Sie ist unglaublich«, sagte er.
»Ah«, machte Birch. Er fragte nicht weiter.
Die Hoffnung machte sie beinahe schwindelig. Sie lief durch die Werkstatt, griff nach ihrem Mantel und warf ihn sich über. Sie wusste genau, wo Laikens letztes Notizbuch war: Es lag auf Yarrows Schreibtisch im Cottage, zusammen mit dem Buch über Orchideen.
Yarrow holte sie ein. Er hatte seinen Mantel gar nicht ausgezogen.
»Was kann ich tun?«, fragte er.
Sie fand es so schön, wenn er das fragte! »Ich weiß es noch nicht.«
»Viel Glück!« Und dann küsste er sie – vor seinem Vater, vor Lotti und vielleicht sogar Laikens Geist. Als er sie losließ, war ihr zumute, als könnte sie Berge besteigen, Meere durchschwimmen und ganz gewiss auch die magischen Gewächshäuser auf Belde retten.