Kapitel 29 - The Enchanted Greenhouse - Ein Schimmer der Hoffnung
By Sarah Beth Durst
Mit Laikens Notizbuch, einem Stapel Papier und einem Holzkohlestift (fest in einen Lumpenstreifen eingewickelt, damit ihre Finger nicht schwarz wurden) ließ Terlu sich im Cottage auf dem Bett am Fenster nieder. Yarrow war ins Gewächshaus zurückgegangen und half, die singende Flora umzupflanzen. Laikens Code war im Lauf der Zeit immer komplizierter geworden. Zwar stützte er sich weiter auf sein Codebuch, schrieb aber außerdem alles rückwärts. Die Übersetzung würde Zeit und Geduld erfordern.
Sie stürzte sich in die Arbeit.
Vor dem Fenster färbte der Sonnenuntergang den Himmel über den Kiefern rosarot und bernsteingelb. Der Wind pfiff leise durch die Zweige und wirbelte Schneewolken auf. Im Kamin knisterte das Feuer. Schließlich hörte Terlu ein nachdrückliches Scharren. »Rrrrauuuu!«
Auf dem Weg zur Tür legte sie ihre Arbeit auf Yarrows Schreibtisch. Emeral saß auf der Schwelle. »Guten Abend, der Herr, willkommen daheim! Die Abenteuer des Tages haben dich sicher ermüdet.« Sie füllte ihm sein Wasserschälchen.
Er strich ihr um die Beine und verlangte sein Abendessen, obwohl er doch vorhin einen ganzen Fisch vertilgt hatte. Sie gab nach und holte gekochtes Rebhuhn für ihn aus dem Eiskasten. Während er fraß, kehrte sie zum Bett zurück und arbeitete weiter.
Schließlich kam Emeral zu ihr geflogen, pfötelte die Bettdecke und rollte sich neben ihr zusammen. Sie zeigte ihm die Seite, die sie gerade las. »Was bedeutet wohl ›isador‹ in diesem Zusammenhang, hm? Ist es ein Verb oder … Nein, Moment, es ist näher bestimmt … Siehst du das Wort da? Gewöhnlich bedeutet es Wachstum, aber es hat eine starke Konnotation, nämlich ›Endlichkeit‹.« Diese Wortverbindung hatte sie erst einmal gesehen: in einem Gedicht. Das lyrische Ich nahm darin von seiner verstorbenen Geliebten Abschied. Oft wurde die Stelle als Metapher fürs Altern gedeutet, die Trauer um den Verlust der eigenen Jugend. »Aber ich glaube, hier passt die wortgetreue Übersetzung besser, weil der Zauberer gestorben ist. Natürlich wusste er nicht, dass er dem Ende schon so nah war … Es war ja ein Unfall. Aber mir scheint, er war sich seiner eigenen Vergänglichkeit sehr bewusst.«
»Rrrau?«, machte Emeral.
»Er war sich bewusst, dass er sterben könnte. Wenn du mich fragst, hat er sich zu viel mit seinem Dahinscheiden befasst. Er war doch weder krank noch hinfällig …«
Wenn sie richtiglag, hatte er an einem Zauber gearbeitet, der nach seinem Tod in Kraft treten sollte. Tja, das ist auch geschehen. Welches Vermächtnis hatte er wirklich hinterlassen wollen?
Die Tür ging auf. Yarrow trat sich draußen den Schnee von den Stiefeln, dann kam er herein und hängte Mantel und Schal auf. »Wird eine kalte Nacht.«
»Hm.«
»Hast du was gegessen?«
»Hm …«
»Ich koch uns was.«
Terlu schaute auf. »Er hat an einem Zauber gearbeitet, der von seinem Tod ausgelöst werden sollte. Ist an seinem Sterbetag irgendetwas Ungewöhnliches auf der Insel oder in den Gewächshäusern vorgefallen?«
Yarrow legte Holz nach, und das Feuer knisterte dankbar. »Nicht dass ich wüsste. Tatsächlich erinnere ich mich vor allem daran, wie banal das alles war. Dieser bedeutende Mann, der so viele Wunder gewirkt, unser aller Leben beeinflusst, seine eigene Welt erschaffen hatte … Er ist einfach gestorben wie ein ganz normaler Mensch, durch einen dummen Unfall.«
»Und wann hat das erste Gewächshaus versagt? Wie bald nach seinem Tod?«
Er überlegte einen Augenblick. »Ein paar Monate?«
Nachdenklich blickte sie auf das Notizbuch hinab. Dann war sein letzter Zauber vielleicht doch nicht die Ursache für das Gewächshaussterben. Dann hatte er es wohl doch nicht geschafft, ihn zu vollenden und zu sprechen.
»Es könnte aber auch früher passiert sein«, sagte Yarrow. »Wir haben das zerstörte Gewächshaus nur erst nach ein paar Monaten entdeckt.«
»Hmmm.« Terlu arbeitete weiter. Zuerst schrieb sie auf die Blätter, wo sie nach Herzenslust durchstreichen und korrigieren konnte. Erst wenn sie sicher war, dass sie den Sinn einer Passage richtig erfasst hatte, übertrug sie die Übersetzung ins Notizbuch, an den Rand. Dabei achtete sie streng darauf, nicht in Laikens Text hineinzukritzeln – für den Fall, dass sie ihn später doch noch anders interpretierte.
Währenddessen kochte Yarrow. Er briet zwei Fischfilets in einer Pfanne über dem Feuer, würzte sie mit Kräutern, Salz und Pfeffer und fügte schließlich noch Moosbeeren hinzu. Es roch ganz wunderbar. Die Butter brutzelte, und Yarrow summte leise vor sich hin, was Terlu beruhigend fand.
Als der Fisch fertig war, brachte er ihr eins der Filets auf einem Teller.
»Oh nein, warte, ich komme an den Tisch!« Sie brachte das Notizbuch mit. Er stellte ihr den Teller hin und nahm mit seinem eigenen Filet ihr gegenüber Platz. Sie konnte sich nicht losreißen und vergaß darüber den Fisch. »Ich glaube, er hat mitten auf der Seite einen Absatz Unsinn eingefügt, um einen potentiellen Übersetzer zu verwirren. Vielleicht ist es auch ein anderer Code … Aber es kommt mir wirklich wie Kauderwelsch vor.«
»Klingt ganz nach ihm.«
»Wer hätte denn seine Arbeit stehlen sollen? Wen hatte er in Verdacht?«
»Alle«, erwiderte Yarrow. »Zum Schluss hat er niemandem mehr getraut. Mein Vater glaubt, dass er kurz davor war, uns beide auch noch wegzuschicken. Dann hätte es überhaupt keinen Gärtner mehr auf Belde gegeben. Wäre er nicht umgekommen …«
Terlu schaute von dem Notizbuch auf. »Hättest du deinen Vater dann begleitet?«
Er trank einen Schluck Wasser, bevor er antwortete. »Keine Ahnung, ob ich unter den Umständen die Wahl gehabt hätte. Es waren ja Laikens Gewächshäuser.«
»Jetzt sind es deine.« Ob er es wohl je so sehen konnte? Der Geist des Zauberers spukte nicht nur im Turm, metaphorisch gesprochen. Tatsächlich schien er seine ehemalige Wohnstatt ja nicht verlassen zu können, worüber sie auch froh war.
Yarrow zuckte mit den Schultern. »Kann sein. Soweit ich weiß, hat er niemandem etwas vererbt. Falls du nicht noch irgendwo ein Testament findest. Und es stimmt schon, ich war immer hier und habe mich um die Häuser gekümmert. Vor dem Gesetz dürfte ich also als Erbe gelten. Zusammen mit den sprechenden Pflanzen.« Er lächelte schwach. »Laiken wäre außer sich, wenn er wüsste, dass einer seiner Gärtner alles bekommen hat. In seinen Augen waren wir nichts anderes als Schaufeln oder Bienen … Mittel zum Zweck, Werkzeuge, um seine Häuser am Leben zu halten. Meine Schwester hat mich in einem ihrer Briefe gefragt, ob ich bloß geblieben bin, um ihn zu ärgern. Kann schon sein, dass das auch eine Rolle gespielt hat.«
Er hat recht. Laiken hatte nicht gewollt, dass überhaupt irgendjemand die Gewächshäuser übernahm. Er hatte beinahe alle Gärtner entlassen und die sprechenden Pflanzen in einen verzauberten Schlaf sinken lassen. Nach seinem Tod hatte Belde ganz und gar unbewohnt sein sollen. »Ich glaube, er wollte die Gewächshäuser vor aller Welt versiegeln.« Sie zeigte ihm einen Absatz auf der achten Seite des Notizbuchs. »Hier hat er mit Variationen des Wortes ›Schutz‹ experimentiert. Es findet sich auch in dem Schildzauber.«
»Iss erst mal deinen Fisch, sonst wird er noch kalt.«
Emeral kam zum Tisch spaziert und strich ihnen um die Beine.
»Oder der Kater klaut ihn dir.«
Sie legte das Notizbuch beiseite (weit genug von ihrem Teller entfernt) und nahm eine Gabel voll. Das Filet war so leicht und frisch, dass sie genussvoll die Augen schloss. Es schmeckte nicht unangenehm fischig, sondern salzig und ein wenig süß. Die Moosbeeren steuerten etwas Säuerlichkeit bei. Sie öffnete die Augen wieder und sah, dass sein Blick auf ihr ruhte. »Wunderbar!«, sagte sie.
Er lächelte.
Sie aßen zusammen.
Yarrow gab Emeral ein Stückchen unter dem Tisch. Sie betrachtete den Kater mit hochgezogenen Augenbrauen. »Wie kannst du immer noch Appetit haben?«
Selbstgefällig stolzierte Emeral zum Kaminfeuer, rollte sich davor zusammen und putzte sich.
Es war schön, so beisammenzusitzen. Sie waren beide mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, die sich allerdings um dasselbe Thema drehten. Zum ersten Mal zerbrach sich Terlu nicht den Kopf darüber, wie er wohl über sie dachte und was er von ihr wollte. Als sie fertig war, wollte sie ihren Teller abspülen, aber er nahm ihn ihr ab. »Lies du weiter«, sagte er. »Den Abwasch mache ich.«
»Danke!« Sie setzte sich wieder mit dem Notizbuch aufs Bett.
Nach einer Weile setzte er sich mit seinem Orchideenbuch zu ihr. Er hatte eine Laterne mitgebracht und so aufgestellt, dass ihr das Licht in den Schoß fiel. »Sag Bescheid, wenn ich dir irgendwie helfen kann.«
»Du hilfst mir doch schon«, sagte sie.
Lächelnd schlug er sein Buch auf.
Seite an Seite lasen sie, während die Nacht auf den Wald und die Gewächshäuser sank. In der Ferne waren Stimmen zu hören, die schließlich verstummten. Eine Eule rief.
Terlus Finger waren verkrampft; sie schüttelte die Hand aus.
Yarrow nahm sie und massierte die Handfläche, die Fingeransätze, den Handrücken und ihr Handgelenk. »Besser?«
»Ja.«
Sie arbeitete, bis ihr beim Blinzeln die Augen weh taten. Mühsam unterdrückte sie ein Gähnen. »Ich hab’s fast«, murmelte sie. »Ich sollte …«
»Schlaf ruhig ein bisschen. Niemand macht dir deswegen einen Vorwurf.«
»Aber wir wissen nicht, wann es das nächste Gewächshaus erwischt …«
»Heute ist es uns zum ersten Mal gelungen, beinahe alle Pflanzen rechtzeitig zu evakuieren. Wenn’s sein muss, schaffen wir das wieder. Du hast Zeit. Du kannst dich wirklich erst mal hinlegen.«
Vielleicht hatte er recht.
Sie brachte das Notizbuch und ihre Schmierpapiere zum Schreibtisch. Yarrow lag schon im Bett und hob einladend den Quilt an. Sie schlüpfte darunter und schmiegte sich an ihn. Er schlang den Arm um sie.
Emeral kam aufs Bett geflogen und rollte sich in der Kuhle zwischen ihnen zusammen. So schliefen sie ein, dicht aneinandergekuschelt.
Noch nie in ihrem Leben hatte Terlu so friedlich und tief geschlafen.
Sie erwachte im Morgengrauen. Und sprang sofort aus dem Bett. Emeral schoss jaulend in die Luft.
Yarrow setzte sich abrupt auf. »Alles in Ordnung?«, fragte er erschrocken.
Terlu stand schon am Schreibtisch und blätterte im Notizbuch nach hinten. Mit dem Zeigefinger tippte sie auf eine Zeile. »Er hat den unfertigen Zauber gewirkt. Ich bin mir ganz sicher. Er wollte ihn ausprobieren.« Genauso habe ich es auch gemacht: Experimentiert und aus den Resultaten gelernt. »Er wollte sich davon überzeugen, dass der Zauber auch nach seinem Tod fortdauern würde. Erst einmal ging es ihm nur darum, nicht um die eigentliche Wirkung – deshalb hat er ihn gesprochen, obwohl er noch nicht fertig war. Er wollte ihn wieder aufheben und später den fertigen Spruch wirken. Aber vorher ist er gestorben. Vielleicht hat er plötzlich begriffen, dass der Zauber gefährlich ist, hat sich zu sehr beeilt und ist deshalb auf der Stiege gestürzt. Oder es war einfach ein unglückseliger Zufall. Jedenfalls hat er den fehlerhaften Zauber nicht außer Kraft gesetzt. Und die Sache ist die: Es ist sozusagen eine Verzögerung eingebaut. Die Wirkung entfaltet sich erst nach einer Weile. Nach seinem Tod sollten die verbliebenen Inselbewohner genug Zeit haben, um Belde zu verlassen. Verstehst du? Laiken hat dafür gesorgt, dass dein Vater und du ihn beerdigen, in Ruhe eure Sachen packen und ein Schiff besteigen konntet.«
Yarrow stand jetzt bei ihr. »Aber ich bin geblieben.«
»Damit hatte er nicht gerechnet. Und der Zauber war ja noch nicht vollendet. Das mit der Verzögerung hat zwar geklappt – aber die Wirkung des Zaubers war nicht die, die Laiken beabsichtigt hatte.«
Stirnrunzelnd schaute Yarrow auf den verschlüsselten Zauber und ihre Notizen am Rand hinunter. »Was genau hatte er denn beabsichtigt?«
»Die Gewächshäuser vom Rest der Welt zu isolieren. Sie sollten sich gänzlich selbst versorgen. Er dachte, nur so ließen sich seine Schöpfungen beschützen: indem er sie von allem und jedem abschirmte.«
Yarrow schnaubte.
»Schön dumm, oder? Das Gegenteil dessen, was er eigentlich hätte tun sollen. Aber seine Angst hat die Vernunft verdrängt. Jedenfalls ist der Zauber unfertig und fehlerhaft: Statt die Gewächshäuser mit einem undurchdringlichen Schutzschild zu umgeben, hat er alle anderen Zauber destabilisiert!«
»Und somit dem Untergang geweiht, was er so unbedingt bewahren wollte«, stellte Yarrow fest.
»Ja, das ist schon ironisch. Jedenfalls glaube ich, dass der unfertige Zauber alle paar Wochen … aufflammt, wenn du so willst. Das ist die Verzögerungszeit, an die er gedacht hat. Und dann zerstört er jedes Mal ein Gewächshaus.«
Seine Augen weiteten sich. »Das … könnte tatsächlich sein!«
»Die Frage ist also: Wie heben wir den Zauber auf?« Sie war so aufgeregt, dass sie auf und ab gehen musste. Das war es! Sie hatte die Erklärung samt Lösung gefunden, rein zufällig, weil sie genauso gearbeitet hatten wie Laiken: mit Experimenten. »Und die Antwort kennen wir bereits. Wir wissen genau, was zu tun ist, haben es herausgefunden, als wir … äh, ja, als wir beinahe gestorben wären. Wenn es uns gelingt, die Zutaten zu vernichten, ist der Zauber Geschichte!«
Yarrow trat ihr in den Weg, nahm ihr Gesicht in beide Hände und küsste sie.
Der Geist zeigte sich nicht gerade hilfsbereit.
Terlu knabberte an einem übrig gebliebenen Stück Honigkuchen und blickte finster in den schmutzigen Spiegel im Schlafgemach des verstorbenen Zauberers. »Ich weiß genau, dass du uns hörst. Frag noch mal, Lotti!«
Die kleine Rose hockte wieder auf dem Nachttisch. »O bitte, hochgeschätzter Laiken, Magus Magnificus, wenn du uns eine Antwort auf unsere klitzekleine Frage geben könntest …«
Yarrow raunte Terlu ins Ohr: »Magus Magnificus?«
»Psst! Lass sie nur machen. Sie kannte ihn am besten!«
Lotti breitete mit dramatischer Geste ihre gefiederten Blätter aus. »Dir würde unser innigster Dank gebühren! Die größte Hochachtung hätten wir vor deiner Brillanz und Mildtätigkeit. ›Beldes Held‹ würden wir dich heißen, der du noch aus dem Jenseits deine wundersame Schöpfung gerettet hast! Du musst uns bloß sagen, wo wir die Zutaten finden. Sind sie hier in deiner Werkstatt?«
Sie warteten, aber nichts deutete darauf hin, dass der Geist ihnen zuhörte.
»In einem der Gewächshäuser?«
Keine Antwort.
»Irgendwo auf der Insel?«
Im Schlafgemach blieb es still. Kein Lufthauch regte sich. Es war nicht einmal kalt. Terlu fragte sich, ob sie den Geist bereits erlöst hatten. In Geschichten über Geister hieß es immer, sie verschwanden, sobald das Gefühl, das sie an die stoffliche Welt band, Befriedigung fand. Vielleicht hatte er ja nur so lange bleiben wollen, bis er alle gründlich verärgert hatte. »Frag ihn, ob er will, dass wir die Gewächshäuser retten.«
»Willst du, dass wir die Gewächshäuser retten?«, brüllte Lotti.
Ein Windstoß fuhr durch das Schlafgemach, bewegte Laken und Decken und warf Lotti um. Yarrow half ihr, sich wieder aufzurichten.
»Das war ein eindeutiges Ja«, piepste Lotti.
»Bist du sicher?«, fragte Yarrow. »Nachdrücklich war es … Aber eindeutig?«
»Ein Ja riecht nach Rosen, ein Nein nach Stinkkohl.«
»Wie …« Terlu bremste sich und schüttelte den Kopf. Sie war nicht hier, um mehr über Geister zu erfahren. »Vergiss es. Weiß er, wo die Zutaten sind? Frag ihn das!«
Eine schwache Brise zupfte traurig seufzend an den Vorhängen. Terlu stellte fest, dass sie tatsächlich schwach nach Stinkkohl roch.
Yarrow schnaubte. »Wie kann er das nicht wissen?«
»Das ist ja nicht wirklich er«, sagte Terlu. »Nicht ganz. Nur sein Bedauern.« Vielleicht auch seine Liebe. Die Gewächshäuser hatten ihm alles bedeutet, auch wenn später seine übersteigerte Furcht die Liebe beinahe bis zur Unkenntlichkeit entstellt hatte. »Sag ihm, dass wir unser Bestes tun werden.«
Das tat Lotti. Dann wandte sie Terlu die Blüte zu. »Ich würde gern hier bei ihm bleiben, wenn das in Ordnung ist.«
»Selbstverständlich!« Arme Lotti. Das alles musste furchtbar schwer für sie sein. Sie hatte die Blätter entrollt, wie um sie nach dem Mann auszustrecken, der sie erschaffen, geliebt und am Ende so bitter enttäuscht hatte. Terlu schluckte schwer. »Sollen wir uns auf die Suche machen?«, fragte sie Yarrow.
Er nickte. »Weißt du denn, wonach wir Ausschau halten müssen? Oder spielen wir erst noch eine Runde Ja-oder-Nein mit dem Luftzug?«
Wieder brauste der Wind durchs Zimmer, wirbelte die Vorhänge auf und zerzauste ihnen das Haar.
Zum Glück hatte ihre Übersetzungsarbeit die Antwort bereits hervorgebracht. Sie strich sich über die aufgebauschten Locken. »Schalen und Panzer aller Art: Nussschalen, Muschelschalen, Schneckenhäuser, Rotkehlcheneierschalen, die Panzer von Grillen und Dosenschildkröten … Und es muss eine große Menge sein. Ich schlage vor, dass wir im Turm anfangen.«
Gemeinsam sahen Yarrow und Terlu sich im Schlafgemach um. Das dauerte nicht lange, da Laiken hier oben kaum etwas hatte. Es gab nur die zwei Truhen mit den staubigen Kleidern und eine Nachttischschublade mit Salben, großenteils Arzneien. Die Werkstatt hatten sie ja bereits durchstöbert, aber sie gingen trotzdem noch einmal alles gründlich durch und schauten in jedes Gefäß und jeden Messbecher.
»Wahrscheinlich sind sie in den Gewächshäusern«, räumte Terlu schließlich ein.
Sie hatte gehofft, sie würden es leichter haben. Aber es war tatsächlich viel naheliegender, dass Laiken die Zutaten im Gewächshauskomplex platziert hatte, wo der Spruch ja auch wirken sollte. Doch wie in aller Inseln Namen sollten sie ihn jemals ganz durchkämmen? Bisher hatte sie ja nicht einmal alle Häuser gesehen!
Allein schaffen wir das nicht.
Aber den Gedanken sprach sie nicht aus. Was ihr vorschwebte, würde ihm nicht gefallen.
Sie zogen ihre Mäntel an.
Yarrow öffnete die Tür, blieb aber auf der Schwelle stehen. Draußen spazierte gerade seine Schwester mit ihrer Frau vom Anleger fort und auf die Cottages zu. Ambrel hatte eine Angel über der Schulter liegen, und Rowan trug einen Eimer, vermutlich mit Fischen darin.
Er seufzte schwer. »Wir wären schneller, wenn wir Hilfe hätten.«
Terlu schaute ihn an. »Das stimmt, aber … Du schlägst das vor?«
»Ich weiß, ich weiß.«
»Soll ich das Reden übernehmen?«
»Ja!«, sagte er erleichtert. »Aber … ich komme mit.«
Sie nahm seine Hand und zog ihn mit sich. Gemeinsam liefen sie Rowan und Ambrel hinterher. »Wartet!«, rief Terlu. »Ich … Wir brauchen eure Hilfe!«