Kapitel 3 - The Enchanted Greenhouse - Ein Schimmer der Hoffnung
By Sarah Beth Durst
»Wie heißt du denn?«, fragte Terlu den geflügelten Kater.
Wenig überraschend antwortete er ihr nicht. Sie hatte noch nie von einer geflügelten Katze gehört, die sprechen konnte. In einem Reisebericht hatte sie einmal von einer fernen Insel gelesen, auf der es eine sprechende Eidechsenart geben sollte. Der Autor, ein Forscher, hatte die Behauptung aufgestellt, diese Eidechsen seien Propheten. Da er aber außerdem ein ganzes Kapitel der Lobpreisung eines halluzinogenen Pilzes gewidmet hatte, wurden seine übrigen Thesen recht kritisch gesehen.
»Füttert dich jemand?«, fragte sie weiter. »Wie ein Streuner wirkst du nicht.«
Der Kater räkelte sich, damit sie ihn auch unter den Flügeln streicheln konnte. Ihrer Erfahrung nach waren verwilderte Katzen nicht besonders zutraulich. Aber vielleicht war er von Menschen aufgezogen und dann zurückgelassen worden? Das würde erklären, wieso er so ausgehungert nach Zuwendung war.
»Ich kann dich gut verstehen. Mir geht’s da ganz genau wie dir …«
Nur deshalb hatte sie den Zauber gewirkt, der ihr Leben zerstört hatte: Sie war einsam gewesen. Das war schon der ganze Grund. Der ganze jämmerliche Grund. Sie hatte bestimmte Erwartungen an die Arbeit in der Bibliothek gehabt: Sie würde Gelehrten und Zauberern helfen, obskure Wissensbrocken aufzuspüren, neugierigen Besuchern Fragen beantworten und mit wesensverwandten Kollegen über ihre liebsten Bücher diskutieren. Sie hatte sich explizit und ausschließlich für eine Position mit Publikumsverkehr beworben. Doch die Gesetzeslage war noch verschärft worden, und bis sie ihr Studium abgeschlossen hatte, durfte kaum noch jemand die Werke in der großen Bibliothek von Alyssium einsehen. Nur wenige handverlesene Zauberer bildeten die Ausnahme, und diesen Großmeistern wurde selbstverständlich kein Frischling wie Terlu zur Seite gestellt. Der überarbeitete Bibliothekar, der für den zweiten Stock verantwortlich war, hatte sich entschuldigt und sie dem Magazin zugeteilt. Dort hatte sie schon froh sein können, wenn sie einmal in der Woche wenigstens kurz einen anderen Menschen zu Gesicht bekam. Die Bibliothek, so viel stand fest, zog keine geselligen Wesen an.
Terlu konnte vieles gut: Sie hatte in all ihren Seminaren geglänzt und bewiesen, dass sie eine akribische und effiziente Rechercheurin war. Als sie ihre Professoren um Referenzen gebeten hatte, hatten die sie einmütig für eine Position in der Bibliothek empfohlen. Sie beherrschte neun lebende Sprachen und konnte sechs tote lesen, einschließlich der komplizierten und nuancenreichen ersten Sprache. Darüber hinaus sprach sie fließend etliche Dialekte der Seefahrer-Clans, die ihr Leben auf dem offenen Meer verbrachten. Sie konnte eine ganz hervorragende Blaubeertorte backen (dank eines Kochbuchs, das sie in der Bibliothek gefunden hatte), eine Gitarre mit acht Saiten spielen (zumindest ein paar Akkorde) und eine einigermaßen treffende Skizze von allem anfertigen, was sie vor Augen hatte.
Eines konnte sie jedoch gar nicht gut: alleine sein.
Sie erzählte gern und hörte ebenso gern zu, aber sich selbst beim Erzählen zuzuhören, daran hatte sie nicht das geringste Interesse. Betrat sie ein Geschäft, ging sie nicht einfach mit einem Stück Butter und sechs Eiern wieder – sie kannte außerdem die Lebensgeschichten der anderen Kunden sowie der Angestellten bis hin zu der ihrer Cousins und Cousinen zweiten Grades. Doch was nützte eine solche Begabung in einem stillen, leeren Bibliotheksmagazin oder in einem verlassenen Gewächshaus?
Ich bin nicht allein! Der Kater ist schließlich auch noch da.
»Wie wär’s, wollen wir uns ein bisschen umschauen?«, fragte sie ihn. »Vielleicht finden wir jemanden. Oder zumindest was zu essen.«
Ihre Kleider waren schon fast trocken, und sie fror nicht mehr. Nun merkte sie plötzlich, dass sie hungrig war. Tatsächlich war »hungrig« gar kein Ausdruck! Ihr Magen ballte sich zusammen, als wollte er auf die anderen Organe einschlagen. Sie nahm den Kater auf den Arm und stand auf.
Prompt entwand er sich ihr, das Gefieder gesträubt, und sprang ihr auf die Schulter. Erschrocken machte sie einen Buckel. Was tat er da? Konnte er sich da oben halten? Offenbar! Er machte es sich sogar bequem: Im Nu lag er wie ein Fellkragen um ihren Nacken. Die Vorderbeine hingen über ihre linke Schulter herab, die Hinterbeine über die rechte.
Sie lachte und richtete sich wieder auf. Wie warm und weich er war! »Sind Katzen nicht eigentlich unnahbar?« Was für ein Glück, dass ihn solche Binsenweisheiten nicht zu kümmern schienen.
Er gähnte ihr ins Ohr.
»Was meinst du, wo geht’s lang?« Verschiedene Wege führten fort von dem weißen Schneckenhausofen mit der warmen blauen Bank und verschwanden in der dichten Vegetation. Über den dort war sie gekommen; er führte zu der Tür zurück. Am Ende jedes anderen Wegs mochte Hilfe warten und – hoffentlich – eine Erklärung. Vielleicht gehörte das Gewächshaus ja zu einem Anwesen. Oder sogar zu einem Dorf! Wenn sie der Sache nicht nachging, würde sie es vermutlich nie erfahren. Herumsitzen und Däumchen drehen wollte sie nicht. Schon im Wald war niemand aufgetaucht, um nach ihr zu sehen, und da wäre sie beinahe erfroren! »Sollen wir den linken probieren?«
Der Kater schlug ihr mit dem Schwanz ins Gesicht, und sie nahm das als Ja.
Der Kiespfad schlängelte sich zwischen großen buschartigen Pflanzen mit breiten Laubblättern hindurch. Hier und da waren sie mit orangeroten und blauen Blüten besetzt, die Vogelschwingen glichen. Hohe Gewächse mit dicken Stängeln überschatteten sie. Wieder machte der Pfad eine Biegung und endete dann überraschend in einer Sackgasse. Dort beschrieb er einen Kreis um einen großen Vogelbauer, dessen Tür weit offen stand. Der Käfig war nicht nur verschnörkelt, sondern noch dazu mit Juwelen besetzt. Ein Pfau hätte darin Platz gehabt. »Hast du den ehemaligen Bewohner etwa verdrückt?«, fragte sie den Kater.
Aber da hörte sie es über sich flattern. Auf einem Dachsparren hockte ein Vogel. Terlu staunte nicht schlecht: Ihm wuchsen Blumen aus dem Gefieder! Rosen schmückten die langen, schleppenartigen Schwanzfedern, eine Fliederblüte spross ihm aus dem Kopf, und Glockenblumen bedeckten seine Schwingen.
»Wer brächte es über sich, ein solches Wundertier zu essen? Da müssen wir wohl weitersuchen.«
Der Blumenvogel tirilierte, als sänge er eine Sopranarie. Mit seinem Lied wehte ein zarter Duft wie von einer frisch aufgeblühten Blume heran.
»Bezaubernd«, hauchte Terlu.
Der geflügelte Kater peitschte ihre Wange mit dem Schwanz, als wäre er empört, dass sie einem anderen Wesen ihre Aufmerksamkeit schenkte. Sie lachte und kraulte ihn unterm Kinn.
Dann ging sie zum Schneckenhausofen zurück und nahm den nächsten Pfad. Er wand sich länger durch das dichte Grün, aber schließlich gelangte sie an eine Glastür, die in filigranes Schmiedeeisen eingefasst war. »Siehst du? Ich wusste doch, dass wir irgendwo ankommen würden!«
Sie trat hindurch – und fand sich in einem weiteren Gewächshaus wieder, das ebenso groß war.
Hier drinnen war die Luftfeuchtigkeit so hoch, dass sich Kondenswasser an den Scheiben gebildet hatte. Schweiß sammelte sich in ihren Armbeugen. Jetzt war sie dankbar, dass ihr Blusenkleid so dünn war. Die Hitze war drückend, und das Atmen fiel ihr schwer.
Unter der Glaskuppel dieses Gewächshauses hing eine leuchtende Kugel, die aussah, als bestünde sie aus geschmolzenem Gold. Eine nachgemachte Sonne! Terlu glaubte, jeden bekannten Gelbton darin zu erkennen, eine Palette von zarter Zitrone bis hin zu dunklem Bernstein. Libellen mit schimmernden, diamantenen Leibern und goldenen Flügeln umschwirrten die Kugel. Paarweise und in Trios tanzten sie einen stummen Reigen.
Die Pflanzen unter der falschen Sonne rochen wie Kohlsuppe, die schon zu lange vor sich hin köchelte. Terlu krauste die Nase, und der Kater nieste. Er setzte sich auf und kitzelte sie dabei mit seinen Federn im Nacken.
»Du hast recht: Es stinkt.«
Die Blumen waren allerdings ganz und gar außergewöhnlich: Da gab es riesenhafte scharlachrote Trompeten, Kaskaden herzförmiger gelber Blümchen und dunkelviolette Blüten mit Dornen so lang wie Terlus Arm. Die meisten wuchsen in Beeten, aber manche fluteten auch aus großen Töpfen. Zwischen ihnen flitzten die funkelnden Libellen umher, denen die feuchte Hitze nichts auszumachen schien. Wie schön sie waren!
Den Ärmel vor die Nase gedrückt, eilte Terlu durch das sumpfige Gewächshaus. Moos und Schlingpflanzen wucherten überall, und ringsum hörte sie Wasser tropfen. Der Kies schwamm; immer wieder musste sie über Pfützen springen. Aber der Weg war gerade, und bald erreichte sie mit dem Kater die Tür auf der anderen Seite, flankiert von zwei der orangeroten Trompetenblumen. Terlu riss die Tür auf und stürzte hindurch.
Das angrenzende Gewächshaus stand voller Farne. Es duftete wie ein Sommerwald und war viel kühler. Hier hing keine kleine Sonne in der Kuppel; dafür waren an den Dachsparren Ventilatoren angebracht. Ein leichter Wind ging. Auch die Farben waren gedämpfter und wirkten beruhigend. Wohin Terlu auch blickte, war sattes, dunkles Grün. »Viel besser!«, seufzte sie. Der geflügelte Kater schien ihrer Meinung zu sein: Er drapierte sich wieder über ihre Schultern.
Sie folgte einem Weg aus Schieferplatten in den unterschiedlichsten Grau- und Blauschattierungen. Wie in den anderen beiden Häusern verzweigte er sich bald, und die einzelnen Pfade verschwanden rasch außer Sicht, verschluckt von der dichten Vegetation. Nie hätte Terlu gedacht, dass es auf der Welt so viele Arten von Farnkräutern gab! Sie sah gefiederte Wedel, breite, zungenförmige Blätter, hier und da zwischen den Grüntönen ein wenig gedämpftes Rot, außerdem gelb gefleckte Exemplare und … Gute Güte, es war wirklich überwältigend!
Wieder rief sie, nur für alle Fälle: »Hallo? Ist hier irgendwer?«
Sie erwartete keine Antwort und bekam auch keine.
Die Stille lastete schwer auf ihr, und sie musste nach Atem ringen. Reg dich nicht auf, redete sie sich zu. Du wirst schon Menschen finden. Sie streichelte den Kater. Zumindest um ihn zu füttern, musste ja ab und an jemand vorbeikommen.
Sie blieb auf dem breitesten Weg, in der Hoffnung, er werde sie zum nächsten Ausgang führen. Die Ventilatoren summten schwach und übertönten das Flüstern des Schnees auf der Kuppel. Tatsächlich stand sie bald wieder vor einer gläsernen Tür, die wie die anderen auch von kunstfertig geschmiedetem schwarzem Eisen umrahmt war. »Wie viele Gewächshäuser gibt es hier denn noch?«, fragte sie. Sie war stolz, dass ihre Stimme kaum noch zitterte, wenn sie auch zu leise war, um das gewaltige Farnhaus zu füllen. Sie sprach lauter. »Und sind es nun mehrere Gewächshäuser? Oder ist das alles ein Gewächshaus mit vielen Zimmern? Und wenn das so ist … Heißen die dann Gewächszimmer? Nein, das hört sich falsch an. Es sind Gewächshäuser innerhalb eines größeren Gewächshauses. Vielleicht ein Gewächshauskomplex.« Sie hatte sich eingehend mit Linguistik beschäftigt, aber kein Text, den sie je gelesen hatte, hatte diese spezielle Frage behandelt. Sprachen waren voller Ungereimtheiten und Kuriositäten. Auch aus diesem Grund liebte sie das Fach.
Das nächste Gewächshaus war viel kleiner und niedriger. Links und rechts zogen sich an den Glaswänden Holzregale entlang, in denen Terrakottatöpfe standen. Die Temperatur war hier genau richtig. Sie erinnerte Terlu an die ersten Frühlingstage in Alyssium, wenn die Leute ihre Blumenkästen aus dem Winterschlaf weckten und ihre frisch gewaschenen Laken auf die Balkone hängten. Der geflügelte Kater schnurrte. Die meisten Töpfe waren leer, aber hier und da brach ein Spross aus der Erde wie eine kleine Faust, siegreich in die Luft gereckt. Neben einem solchen Topf lag eine Pflanzenschaufel.
Terlu blieb stehen und starrte sie an. Ihre Knie wurden weich. Sie musste lächeln. »Es ist jemand hier!«
Ein Gärtner.
Er hatte die Töpfe bepflanzt, mit Samen, Blumenzwiebeln oder wer weiß was. Die Gewächse hier waren nicht vernachlässigt oder gar überwuchert. Sie waren wohlbehütet.
»Hallo? Hallo!« Sie lief durch den breiten Gang zwischen den Regalen ins nächste Gewächshaus – und blieb überrascht stehen. Noch nie hatte sie so etwas Entzückendes gesehen.
Überall wuchsen Rosen!
Wohin sie auch schaute, kletterten sie aus ihren Töpfen, über Bögen, an Rankgittern und den Fensterwänden selbst empor bis in die gläserne Kuppel. Alle erdenklichen Farbtöne waren versammelt: weiß, champagner, himmelblau, violett, mauve, pink, rosa, gelb, apricot, orange, hellrot, dunkelrot und ein Rot so tief, dass es beinahe wie Schwarz aussah. Und dieser Duft … Berauschend! Terlu atmete ihn gierig ein, und beinahe war ihr, als triebe sie bei Sonnenuntergang auf Wolken dahin …
Der Kater nieste.
»Nun sei nicht so«, tadelte sie sanft. »Es ist doch wirklich schön hier!«
Er schwang sich in die Lüfte und flog zu den rosenumrankten Dachsparren auf. Sofort fehlte ihr seine Wärme, und sie wünschte sich sehnlich, er käme zurück. Er aber segelte mit weit aufgespannten smaragdgrünen Schwingen durch das Gewächshaus. Sie folgte ihm, den Kopf zurückgelegt, und war dabei so darauf bedacht, den Kater im Auge zu behalten, dass sie den Mann beinahe übersehen hätte.
Neben einem Rosenbusch mit zartrosa Knospen hockte er und schnitt tote Triebe zurück. Er kehrte ihr den Rücken zu. Neben ihm standen ein Korb voll dürrer Zweiglein und eine offene Tasche mit Gartengeräten darin: verschiedene Scheren, eine Pflanzenschaufel und noch einiges mehr.
»Oh!«, rief Terlu. »Hallo, hallo!«
Vor Schreck ließ er die Rosenschere fallen, die klappernd auf dem Schiefer landete. Er schnellte hoch und fuhr zu ihr herum.
Terlu dachte nicht lange nach, ob es angebracht war oder ihm überhaupt recht sein würde. Sie warf sich ihm an die Brust, schlang die Arme um ihn und drückte ihn ganz fest, die Wange an seinem Hemd. So lange hatte sie keinen Körperkontakt mehr gehabt! Sie klammerte sich an ihn und hatte erst jetzt wirklich das Gefühl, heil und lebendig zu sein. »Ich bin wach, und du bist kein Traum!«
Dann wurde ihr bewusst, dass sie gerade einen Fremden umarmte – und möglicherweise gegen seinen Willen! Bestürzt ließ sie ihn los und machte einen Satz zurück. Der Eindruck der Verbundenheit schwand. »Ach je, Entschuldigung! Das hätte ich nicht tun sollen … Es tut mir schrecklich leid. Es wird nicht wieder vorkommen!«
Er wirkte so benommen, als hätte sie einen Eimer kaltes Wasser über ihm ausgeleert.
Gut sah er aus! Es klebte ein wenig Erde an seiner goldenen Wange, die sie nur allzu gern abgewischt hätte … Aber sie widerstand der Versuchung. Er starrte sie ohnehin schon verwirrt und alarmiert an, und sie wollte ihn nicht in die Flucht schlagen.
Natürlich wusste sie, was er sah: eine dralle kleine Frau, pastellfarben und auf harmlose Weise hübsch – ein bisschen wie ein niedliches Tier. Ein Kaninchen, dachte sie und dann, mit einem stummen Seufzer: Nein, ein Backenhörnchen. Es war nicht zu leugnen. Schuld daran waren ihre vollen Wangen. Dazu die großen violetten Augen. Und als wäre das noch nicht genug, hatte sie Locken, braun wie das Fell eines Backenhörnchens, die ihr fröhlich ums Gesicht sprangen. Sie wirkte ganz entschieden nicht wie eine Frau, die uneingeladen bei jemandem hereinplatzte oder sich sonst wie unerwartet benahm. Deshalb waren die Leute auch immer besonders erschüttert, wenn sie aus der Rolle fiel.
»Es tut mir ehrlich leid«, sagte sie noch einmal. »Ich war nur … Ich hatte Angst, die Gewächshäuser seien verlassen, vielleicht die ganze Gegend oder sogar die Insel! Und ich könnte ewig suchen und würde trotzdem nie jemanden finden. Was hätte ich dann anfangen sollen? Wenn ich hier ganz alleine gewesen wäre, meine ich … Mal abgesehen von dem Kater. Der sehr nett ist! Und ausgesprochen flauschig …« Herrje, wie sie plapperte! Schnell schloss sie den Mund und bemühte sich, ihn freundlich anzulächeln.
»Wer bist du denn?«, fragte er.
Ich hätte ihn wirklich nicht einfach umarmen sollen. Das war nicht in Ordnung. Sollte sie sich noch einmal entschuldigen? Am liebsten hätte sie ihn wieder angefasst, um sich zu vergewissern, dass sie nicht fantasierte. »Ich heiße Terlu Perna. Ich bin Bibliothekarin vierten Ranges im zweiten …« Ehemalige Bibliothekarin vierten Ranges …
»Wo kommst du her?«
Sie deutete den Pfad hinunter. »Von draußen. Ich hatte großes Glück, dass ich eine Tür gefunden habe! Es ist nämlich furchtbar kalt, und darauf war ich ganz schlecht vorbereitet …«
Unversehens hellte sich seine Miene auf. »Ach, du bist es! Dann hat es geklappt!«
Verwirrt sah sie ihn an. Du bist es? Terlu hatte ihn noch nie zuvor gesehen! Sie hatte keine Ahnung, wer er war oder woher er sie kennen sollte. »Wie bitte?«
Er strahlte sie an, und sie konnte es kaum begreifen. Wann hatte das letzte Mal jemand so auf sie reagiert? Vor und während ihrer Gerichtsverhandlung hatte es Anklagen gehagelt, und die anwesenden Zauberer waren ihr nicht gerade mit Wohlwollen begegnet. Von der Galerie im Gerichtssaal hatten sie finster auf sie herabgeblickt. Doch dieser Zauberer schien sich ehrlich zu freuen, sie zu sehen! Und er gefiel ihr wirklich – umso mehr, je länger sie ihn anschaute. Er hatte rabenschwarzes Haar, durchzogen von goldenen Strähnen, die mit dem Goldton seiner Haut harmonierten. Seine Augen waren so grün wie die Schwingen des Katers. Offenbar hatte er sich vor ein paar Tagen das letzte Mal rasiert, und sein goldgefleckter Beinahe-Bart sah streichelweich aus.
»Kennen wir uns?«, fragte sie.
Er lächelte noch immer. »Du bist die Statue!« Er deutete auf sie. Seine Fingernägel waren kurz geschnitten und hatten einen Erdrand. Einen Zauberer mit Dreck unter den Nägeln hatte sie bisher noch nicht gesehen. Aber wenn er sie zurückverwandelt hatte, musste er einer sein … Oder war er das gar nicht gewesen? Aber sonst war sie keiner Menschenseele begegnet!
»Du bist tatsächlich aufgewacht«, sagte er.
»Ja.« Hätte sie das nicht sollen? Vielleicht war ein Fehler passiert, und deshalb war sie allein in Schnee und Kälte zu sich gekommen.
Er bestaunte sie. »Ich dachte nicht, dass es wirklich klappen würde.«
Sie spürte, wie ihr das Blut in die lavendelblauen Wangen schoss. Wenn das passierte, färbten sie sich immer magentarot … Nur daran zu denken, verschlimmerte die Sache. Ihr ganzes Gesicht schien zu glühen. Noch nie zuvor hatte jemand sie auf diese Weise angeschaut – als wäre sie ein wahrgewordener Wunsch. Seine Augen erinnerten sie an das unergründliche Meer.
»Also hast du den Bann von mir genommen? Ich danke dir von ganzem Herzen! Wirklich, ich … Ich bin dir sehr verbunden.« Nur durch eins ließe sich ihre Dankbarkeit noch steigern: indem er ihr einen Happen zu essen anbot. Oder sogar ein richtiges Mahl. Ein großes, mit einem halben Laib Brot dazu! Wäre es unhöflich, ihn darum zu bitten? Immerhin hatte er sie gerade erst wieder zum Leben erweckt … Sie war sich im Unklaren, wie man sich in einer solchen Situation zu verhalten hatte. Bekanntlich konnten Zauberer in Fragen der Etikette recht kleinlich sein. »Ich dachte, es sei für immer. Dass ich je wieder ein Mensch sein würde, habe ich nicht zu hoffen gewagt. Atmen zu können, riechen, sprechen! Du hast ja keine Ahnung, wie wundervoll es ist, nach so langer Zeit tief Luft zu schöpfen!« Sie unterbrach sich, ehe sie noch richtig loslegte und eine Lobeshymne auf ihre Nase, ihre Lunge und ihr Herz sang. Allein schon ihre Haut zurückzuhaben, war unbeschreiblich.
Er ging einmal um sie herum, als wollte er nachsehen, ob irgendetwas an ihr noch aus Holz war.
»Ähm …« Terlu schluckte schwer. Wie viel Zeit war vergangen? Welches Datum hatten sie? Das musste sie herausfinden, aber sie brachte die Frage nicht über die Lippen. Sie ahnte, dass ihr die Antwort nicht gefallen würde. »Wieso hast du mich erlöst?«, erkundigte sie sich stattdessen.
»Weil du eine Zauberin bist.«
»Ich doch nicht. Du bist ein Zauberer!«
Sein Lächeln verblasste. »Bin ich nicht.«
»Aber du hast mich zurückverwandelt! Nur ein Zauberer hätte das gekonnt.« Dem gemeinen Volk war die Ausübung von Magie strengstens untersagt. Das hatte ihre harte Strafe zweifelsfrei bewiesen! Den Kaiser kümmerte weder, was der Übeltäter bezweckt, noch, was er erreicht hatte. Zaubern durfte nur, wer eigens dazu ausgebildet war.
»Man hat mir den Spruch zukommen lassen, zusammen mit der Statue. Dir, meine ich! Du warst doch die Statue? Oder willst du mich etwa reinlegen?« Seine Miene hatte sich verdüstert. Er hatte die Stirn in Falten gelegt und die Brauen zusammengezogen. Doch seine grünen Augen waren trotz ihres stechenden Blicks schön. Streng rief sie sich zur Ordnung. Er beschuldigte sie gerade der Betrügerei!
Wie sie das hätte anstellen sollen, war ihr schleierhaft. Aber es war auch einerlei! Es gab so viel, was sie wissen wollte. »Ja, ich war die Statue! Aber wer hat mich hergeschickt? Wer bist du, und wo sind wir? Nicht in Alyssium – ich wüsste es, wenn es in der Hauptstadt lauter riesige Gewächshäuser gäbe! Wie heißt diese Insel, und warum bin ich hier?« Jetzt sah er sie nicht mehr an, als wäre sie ihm Sonne und Mond zugleich. Sie war ein bisschen enttäuscht. Tatsächlich glich er einem wilden Bären, wenn er so grimmig dreinschaute. Einem hübschen goldenen Bären, der gar nicht zufrieden war. Sie räusperte sich. »Wenn ich fragen darf.«
»Du müsstest eigentlich wirklich Zauberin sein«, sagte der Gärtner.
»Es tut mir leid, aber das bin ich nicht.«
»Was bist du dann?«
»Bibliothekarin.«
»Oh.«
Sie starrten einander an. Gewöhnlich kann ich so was doch besser, dachte Terlu. Sie hatte es ganz falsch angepackt. Wäre ich ihm doch nicht gleich um den Hals gefallen! Sie atmete tief durch und versuchte, sich zu konzentrieren. Sie würde noch einmal von vorn anfangen, sich richtig vorstellen und dann höflich eine Frage nach der anderen stellen …
Der schöne, wilde Gärtner hob knurrend den Korb und die Tasche mit den Gartengeräten auf. »Ganz gleich, wer du bist und wieso es dich hierher verschlagen hat, du hast viel durchgemacht. Ruh dich erst mal aus und iss was.«
Das klang ziemlich gut. Und es stimmte, sie hatte viel durchgemacht, aber …
»Mein Cottage steht ganz in der Nähe. Da kannst du bleiben, bis du, ähm … wieder aufbrichst.« Als wäre damit alles gesagt, wandte er sich ab und ging davon.
»Augenblick mal«, protestierte Terlu. »Wo willst du denn hin?« Aufbrechen soll ich? Wohin denn aufbrechen? Wollte er sie sich selbst überlassen?
»Ich, ähm … Ich muss erst mal nachdenken.« Er legte noch einen Zahn zu. »Es ist so … Ich muss los. Auf mich wartet Arbeit.«
Terlu wirkte ungeheuer harmlos, das wusste sie genau. Sie musste der am wenigsten bedrohliche Mensch im ganzen Mondsichel-Inselreich sein. Trotzdem hätte man glauben können, der Gärtner liefe vor ihr davon. Aber das kann nicht sein. Nein, er wollte sich bestimmt bloß nicht mit ihr befassen! Sie war keine Zauberin, und daher hatte er kein Interesse an ihr. Wieder war sie an einem Ort gestrandet, wo sie nicht gebraucht wurde. Sie gehörte nicht hierher. Es war dasselbe wie auf ihrer Heimatinsel, dasselbe wie in der Bibliothek. Nur noch schlimmer, weil sie nicht einmal wusste, wie sie in diese Lage geraten war.
»Bitte warte doch!«, rief sie ihm nach. »Ich verstehe immer noch nicht, was eigentlich passiert ist! Was mache ich hier? Wer hat mich hergebracht? Und wo bin ich überhaupt? Ich begreife das alles nicht …«
»Ich auch nicht!«, rief er zurück. Dann bog er um eine Kurve. Sie blieb allein zurück und starrte hilflos die Rosen an.